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Wie weit rechtsaußen sind Mitglieder der „Deutsche Burschenschaft“?

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Foto vom Treffen von 250 Burschenschaftlern der "Deutschen Burschenschaft" im Juni in Eisenach. Der Stiftungsrat der Wartburg hatte einstimmig beschlossen, den Burghof nicht an die Deutsche Burschenschaft zu vermieten. Der Festakt mit anschließendem Fackelzug und Totengedenken findet daher am Burschenschaftsdenkmal statt. (Quelle: picture alliance / Geisler-Fotopress)

Von Marc Latsch

Die Deutschen Burschenschaften wurden 1881 als „Allgemeiner Deputierten-Convent“ gegründet. 1920 fiel die DB, bereits unter ihrem heutigen Namen agierend, erstmals negativ auf, als auf dem Burschentag dezidiert antisemitische Beschlüsse verabschiedet wurden. Doch auch in jüngerer Vergangenheit wurden rechtsextreme Tendenzen innerhalb der DB wiederholt thematisiert. 1998 lehnten die alten Herren der Kösener und Weinheimer Korps ihre offizielle Teilnahme an einem Festakt in der Frankfurter Paulskirche ab und verwiesen hierbei auf die politische Ausrichtung der „Deutschen Burschenschaft“. 2001 versteckte die „Münchener Burschenschaft Danubia“ einen rechtsextremen Gewalttäter. Als dann 2011 die „Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn“ einen Ausschlussantrag gegen die „Burschenschaft Hansea Mannheim“ wegen der Mitgliedschaft eines chinesischstämmigen Mannes stellte, entstanden erbitterte Flügelkämpfe innerhalb der Vereinigung. Es folgte ein massenhafter Austritt politisch gemäßigter Burschenschaften, von 123 Mitgliedsbünden sind nach derzeitigem Stand nur noch 66 in der DB verblieben.

Plattform für die Nationale Opposition

Die Erklärungen einiger ehemaliger DB-Miglieder zeichnen ein deutliches Bild über das politische Klima innerhalb der „Deutschen Burschenschaft“. So nennt beispielsweise die „Kieler Burschenschaft der Krusentrotter“ das fehlende Abgrenzen von „nationalistisch-revisionistischen“ und „rassistischen Tendenzen“ als Hauptgrund für den Austritt. Die „Burschenschaft Hilaritas Stuttgart“ berichtet von „extremistischen Äußerungen und Verhaltensweisen, die aus unserer Sicht mit den burschenschaftlichen Grundwerten nicht vereinbar sind“. Die Problematik ist dabei nicht wirklich neu, doch erst in den letzten Jahren wurde die bürgerliche Öffentlichkeit für diese Tendenzen innerhalb der Burschenschaften sensibilisiert. Neonazis nutzen die Burschenschaften um eine bessere Plattform für ihre gesellschaftlichen Anliegen zu erhalten und treffen dort häufig auf fruchtbaren Nährboden. So wandeln sich politisch gemäßigte Vereinigungen langsam zu Sprachrohren der Neuen Rechten. So geschehen ist das beispielsweise bei den Raczeks in Bonn.

Weidner, Gansel und Brandt

Zentrale Figur des Rechtsrucks bei der Bonner Burschenschaft ist Norbert Weidner.  Als er 1999 Mitglied der Raczeks wurde hatte er bereits eine beachtliche rechtsextreme Karriere hinter sich. Als Schüler wurden Weidner Mitglied der Wiking-Jugend und schloss sich der neonazistischen Skinheadszene an. Er gab bereitwillig Interviews im Rahmen der Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen, war Mitinitiator der Anti-Antifa-Bewegung und Landesvorsitzender der 1995 verbotenen Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP). In seiner Mitgliedszeit bei den Raczeks zieht er zunehmend Gleichgesinnte an, bei Treffen fallen die Mitglieder mit Thor Steinar-Kleidung und fremdenfeindlichen Sprüchen auf. 2011 veröffentlichte Weidner als Schriftleiter der „Burschenschaftlichen Blätter“ einen Text, in dem er den NS-Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer als Landesverräter bezeichnete. Doch Weidner ist kein Einzelfall. Die sächsischen NPD-Landtagsabgeordneten Jürgen Gansel und Arne Schimmer sind Mitglieder der „Dresdensia Rugia Gießen“ und sollen in ständigem Kontakt mit ihren Verbindungsbrüdern stehen. Da mag es nicht weiter überraschen, dass auch die Gießener Burschenschaft als Rückzugsraum für intellektuelle Neonazis gilt. Auch Tino Brandt, dem Kopf des „Thüringer Heimatschutzes“, der dem NSU im Untergrund geholfen haben soll, bewegte sich im Umfeld einer Burschenschaft.

Der Harte Kern

Nachdem die Verbindungen zwischen der „Deutschen Burschenschaft“ und der rechtsextremen Szene jahrzehntelang im Schatten der Öffentlichkeit wachsen konnten, hat sich die Wahrnehmung spätestens seit dem Eklat bei Deutschen Burschentag 2012 gewandelt. Seitdem die Liberalen und Konservativen im Machtkampf ihren rechtsoffenen Verbandsbrüdern unterlagen und aus der DB austraten, sind die Zeiten für den verbliebenen harten Kern rauer geworden. Mehr als früher müssen sich die Burschenschaften für ihre rechtsextremen Tendenzen öffentlich verantworten und Indizien hierfür existieren weiterhin zur Genüge. Alleine die Liste der Gastredner einzelner Burschenschaften repräsentiert sämtliche Ausprägungen der Neuen Rechten. Die „Hamburger Burschenschaft Germania“ lauschte in den letzten Jahren u.a. den Ausführungen des völkisch-nationalistischen Autoren Bernd Rabehl, des nach einem antisemitischen Schreiben vorzeitig in den Ruhestand versetzten Brigadegenerals a.D.  Reinhard Günzel und des rechtsextremen Publizisten Jürgen Schwab. Zudem lassen es sich die Hamburger nicht nehmen ihrem ehemaligen Mitglied Karl Mauss zu gedenken, einem mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichneten Wehrmachtsgeneral. Eine Gesellschaft in der sich scheinbar auch der Autor Akif Pirincci wohlfühlt. Er trat unlängst bei deren Partnerbund im „Schwarz-Weiß-Roten Kartell“, der „Erlanger Burschenschaft Frankonia“ zur Lesung auf.

Distanz des bürgerlichen Spektrums

Die Bundesregierung geht in der Antwort auf eine kleine Anfrage weiterhin davon aus, dass der überwiegende Teil der DB-Mitgliedsburschenschaften keine Kontakte zu Rechtsextremisten besitzen. Einzelne Vereinigungen hingegen werden mittlerweile auch vom Verfassungsschutz beobachtet. Zahlreiche NPD-Aktivisten, darunter der ehemalige JN-Vorsitzende Michael Schäfer sind burschenschaftlich aktiv, ein bayrischer Burschenschaftler organisierte sogar Demos für die „Nationaldemokraten“. Angesichts der Enthüllungen der letzten Jahre wenden sich auch zahlreiche Akteure aus dem bürgerlichen Spektrum von der „Deutschen Burschenschaft“ ab. Der traditionelle „Marburger Marktfrühschoppen“, auf dem sich die Burschenschaftler immer wieder in Szene setzten, schloss die DB in diesem Jahr erstmals von der Veranstaltung aus. Die Vereinigung ist auf der Wartburg in Eisenach nicht mehr willkommen und selbst vom Dresdener Akademikerball sind die Mitglieder der DB-Untergruppierung „Burschenschaftliche Gemeinschaft“ ausgeschlossen worden. Die DB ist somit zunehmend an den Rand der Gesellschaft gerückt und muss nun für sich die Entscheidung treffen ob sie dort verbleiben will, oder doch als konservative Kraft auf dem Boden der freiheitlichen demokratischen Grundordnung der BRD agieren möchte.

 

Richtigstellung:

Anders als in diesem Text bis zum 07.10.2014 beschrieben, wurde Norbert Weidner nicht im September 2012 aus der Burschenschaft Raczeks ausgeschlossen. Er gehört ihr nach eigenen Angaben bis heute an.

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