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Rechtspopulismus Was hilft, wenn Argumente scheitern

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Aktuell haben rechtspopulistische Diskussionen im Alltag wieder einmal Hochsaison: Dank Thilo Sarrazin sind Medien und Talkshows so voll mit rassistischen, islamfeindlichen und sozialdarwinistischen Thesen, dass es quasi unausweichlich ist, sich darüber in der Öffentlichkeit der Kantinen, Diskussionsrunden oder U-Bahn-Gespräche mit mehr oder weniger bekannten Menschen zu unterhalten.

Dabei machen Menschen die Erfahrung: Wenn es um das Kontern rechtspopulistischer oder rassistischer Thesen geht, reichen die passenden Sachinformationen kein bisschen, um einem demagogischen Störer oder einer Störerin befriedigend begegnen. Die wischen die gut belegten Zahlen unter Anzweifelung der Quelle mit Nonchalance vom Tisch, ziehen die Absichten des Gesprächspartners als „Gutmensch“ ins Lächerliche und bezweifeln gleich einmal das Demokratieverständnis oder die gesamte Intelligenz Ihres Gegenübers – das auf eine solche Ignoranz nicht vorbereitet war.

Schon etwas längere Erfahrung mit solchen Begegnungen haben – dank der Wahlerfolge der rechtspopulistischen FPÖ – engagierte Betriebsräte in Österreich. Für sie haben die Autoren Willi Mernyi und Michael Niedermair das spannende Buch „Demogogen entzaubern“ geschrieben. Es wendet sich nicht an Menschen, die Argumente gegen Rechtspopulismus suchen – sondern an diejenigen, die die Argumente schon haben, aber trotzdem das Gefühl nicht loswerden, das sie ihre Meinung nicht gut an Mann und Frau bringen.

Michael Niedermair ist u.a. Politikwissenschaftler, Betriebsrat und Coach, Willi Mernyi u.a. Leiter der Referats Kampagnen beim ÖGB und NLP-Trainer („Neurolinguistisches Programmieren). Sie haben einen erweiterten Ansatz anzubieten, wenn es um Gespräch mit rechspopulistischen Inhalten geht. In „Demagogen entzaubern“ geht es vor allem um die Psychologie von Gesprächen, um Körpersprache und Wertschätzung, um Killerphrasen und deren Konter.

Das ist zunächst für die von den Inhalten her kommende Leserin ungewohnt (ebenso wie der gewöhnungsbedürftige Duz-Ton des Buches), dann aber zunehmend interessant. Denn Niedermair und Mernyi arbeiten anschaulich und eindringlich heraus: Die besten Argumente sind für die Katz, wenn sie nicht so vorgetragen werden, dass sie entweder beim Gegenüber oder wenigstens bei den weiteren Zuhörerinnen und Zuhörern ankommen. Welche Argumentationsweisen wirken sympathisch, welche oberlehrerhaft? Wie kann ich einen Demagogen im Angriff so stoppen, dass ich überhaupt dazu komme, Argumente anbringen zu können?

Interessant dabei ist auch die Differenzierung der Strategien zwischen partnerschaftlich-konstruktiven Gesprächen und demagogischen Angriffen. In ersten geht es den Autoren darum, Tipps zu geben, wie mit dem Gesprächspartner oder der Gesprächspartnerin echter Meinungsaustausch möglich ist – hilfreich, wenn es etwa um Gespräche am Mittagstisch im Kollegenkreis geht, man also mit dem sich populistisch äußernden Menschen auch weiterhin tagtäglich zusammentrifft und eine gute Basis eines konstruktiven Streits finden muss und oft ja auch möchte. Hier geht es um echte Überzeugungsarbeit, Enttarnung von Vorurteilen und Generalisierungen, aber wertschätzend und verständnisvoll statt konfrontierend.

Ganz anders dagegen sind die Tipps beim Umgang mit rechtspopulistischen Demagogen, die etwa gezielt in Veranstaltungen kommen, um zu stören und den Sprecher oder die Sprecherin vorzuführen. In „Demagogen entzaubern“ gibt es zahlreiche Beispiele, wie diese gestoppt und das Publikum gewonnen werden kann.

Insgesamt ist „Demagogen entzaubern“ ein hilfreiches Handbuch für Menschen, die des öfteren beruflich oder privat in rechtspopulistische Diskussionen geraten. Wer nur ab und zu in ein solches Gespräch verwickelt wird, findet auch Tipps – allerdings sind dann die Kommunikationsstrategien und Körpersprache-Tipps vielleicht ein bisschen zu ausführlich.

Willi Mernyi, Michael Niedermair:
Demagogen entzaubern. Hetzer stoppen. Propaganda entlarven. Vorurteile entkräften. Im Betrieb, am Stammtisch, bei öffentlichen Veranstaltungen.
OGB Verlag, Wien, 207 Seiten.

Mehr im Internet:

Die Autoren machen auch Workshops zum Buch:
www.demagogenentzaubern.at

| Video der Buchpräsentation

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