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Von Antifa bis CSU

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Die Mischung macht?s – wie ein Dorf sich gegen die Nazis wehrte

Seit zwölf Stunden ist Michael Stumpf auf den Beinen, doch eine Ruhepause ist nicht in Sicht. Hinter der Kirche wummert Nazi-Rockmusik, Polizisten stehen an jeder Ecke, draußen im Dorf wird jede Hand zum Aufbau von Bühne und Bierzelten gebraucht. Eine Unwetterwarnung hat die Einwohner des Ortes und ihre auswärtigen Gäste zeitweilig in die Kirche vertrieben, doch jetzt geht es wieder im Freien weiter. Michael Stumpf hat geholfen, in weniger als einer Woche ein ganzes Dorf zum Protest gegen eine Sommerparty der rechtsextremen Szene zu mobilisieren. Von Antifa bis zur CSU protestiert der ganze Ort friedlich gegen die Neonazis.

Am südlichen Rand Oberfrankens sind die Orte klein und liegen dicht beieinander. Fachwerk-Fassaden wechseln sich mit den überall gleichen Kastenbauten der Lebensmittel-Discounter an der Bundesstraße ab. Weißenohe ist so ein Ort: 1100 Einwohner in zwei Ortsteilen, im Ortskern die sehenswerte Kirche und die Klosterbrauerei. Hier kennt man sich untereinander, auch wenn es bis zur Großstadt Nürnberg nur 25 Kilometer sind. Ruhiges Landleben in der Metropolregion.

Anfang Juni war es mit der Ruhe vorbei. Einen „Frankentag“ hatte man den Weißenohern mitten in den Ort gesetzt. Wer hinter dem unverfänglich klingenden Veranstalter „Bund Frankenland e.V.“ steckte, war sofort klar: Neonazis aus der regionalen NPD und „Freien Nationalisten“. Als Redner war der seit Jahrzehnten einschlägig bekannte Neonazi-Anwalt Jürgen Rieger angekündigt, seit kurzem Vize-Parteichef der NPD, dazu Rechtsrock-Bands aus umliegenden Regionen und aus Kanada.

Direkt hinter der Kirche zwischen Friedhof und Kindergarten wollten die Braunen feiern. Dreihundert Neonazis sollten auflaufen, hieß es ? so viele Weißenoher leben im Ortskern. Schnell war klar, dass es keine rechtliche Möglichkeit gab, die Versammlung zu verhindern. Für gerade 300 Euro hatten die Neonazis für drei Tage die Wiese hinter dem ehemaligen Kloster gemietet ? eine Feier auf Privatgelände.

Kein Wasseranschluss und keine Toiletten für die Neonazis

Doch die folgende Woche lief ab „wie im Zeitraffer“, sagt Michael Helmbrecht. Tatsächlich passierte in fünf Tagen das, wozu andere Orte vielleicht fünf Jahre gebraucht hätten. Am Montag Abend trafen sich die Einwohner zu einer Info-Veranstaltung. Auf den Tisch kamen die Fakten: Vermietet hatte das Gelände eine Firma mit der Bezeichnung Brentana Wohnbau KG Fonds Drei, die bei näherem Hinschauen einen dubiosen Eindruck erweckte. Vor etwa zehn Jahren hatte sie das ehemalige Kloster samt Außengelände erworben, das unmittelbar an die Pfarrkirche anschließt. Das Gebäude wurde saniert und sollte für Schulungen, Konferenzen, Seminare genutzt werden, doch viel Betrieb war dort nie. Seit fünf Jahren soll der Bau zum Verkauf stehen. In den letzten Jahren wurde er überhaupt nicht mehr genutzt; mittlerweile ist er durch Frostschäden und geplatzte Leitungen schon wieder baufällig.

Wenig Phantasie war für eine Antwort auf die Frage nötig, was die Braunen ausgerechnet nach Weißenohe zog. Nachbargemeinde des Ortes ist Gräfenberg, das mittlerweile seit Jahren von den regionalen Neonazis mit regelmäßigen Aufmärschen herausgefordert wird. In Gräfenberg hatte sich ein Bürgerforum gebildet, das sich mit Hartnäckigkeit und ideenreichen Aktionen gegen die braune Belagerung zur Wehr setzt und mittlerweile bundesweit als Beispiel für zivilgesellschaftlichen Widerstand angeführt wird. Einer der Sprecher des Forums ist Michael Helmbrecht. Er wohnt wie eine weitere maßgebliche Forums-Aktivistin in Weißenohe. Direkt hinter ihren Grundstücksgrenzen sollte die Nazi-Party steigen.

Jede Unterstützung für den „Frankentag“ sollte ausgeschlossen werden, darüber war man sich unter den Anwohner einig. Kein Wasser- und Stromanschluss, keine Toiletten, keine Ausschankgenehmigung. Das Nazi-Event sollte mit einem Fest der Demokratie im Dorf gekontert werden. Drei Gottesdienste im Zwei-Stunden-Abstand sollten von „massivem Glockengeläut“ begleitet werden.

„Die Einbeziehung von Antifa-Aktivisten hat sich bewährt“

Bündnispartner von außen ins Boot holen, rieten die Bürgerforums-Leute. Doch da gab es Knatsch: Nicht mit der Antifa, sagte der CSU-Ortsvorsitzende Dieter Körzendörfer. Weder Rechts- noch Linksextreme wolle man im Ort haben, ließ er noch in einer Presseerklärung im Namen seines Ortsvereins wissen und distanzierte sich vom Gräfenberger Bürgerforum. Antifa-Gruppen aus Nürnberg, Fürth und Erlangen seien seit langem bei den Gräfenberger Protesten dabei, ohne Probleme zu verursachen, hielt das Bürgerforum dagegen: „Wir haben das bei 25 Veranstaltungen in Gräfenberg so gemacht und alle liefen friedlich ab“, unterstrich Sprecherin Karin Bernhart.

Auch in der eigenen Partei stieß der Alleingang des CSU-Ortschefs auf Widerspruch. Seine Stellvertreterin Carmen Stumpf trat von ihrem Amt zurück. In einem Brief, der von 13 weiteren CSU-Mitglieder unterstützt wurde, schrieb sie:
„Die Einbeziehung der Antifa-Aktivisten in die Überlegungen des Bürgerforums Gräfenberg hat sich in vielen Veranstaltungen als kalkulierbar bewährt.“ Ihr Ehemann ist einer der Protest-Organisatoren des Ortes.

Am Samstag sind schließlich doch alle dabei. Die Besucher werden von massiver Polizeipräsenz empfangen, doch die schwarz gekleideten Männer und Frauen des „Unterstützungskommandos“ (USK) haben heute auf ihre sonst bei Demonstrationen üblichen Helme und schwere Schutzbekleidung verzichtet. Schwarz gekleidet sind auch die Antifa-Aktivisten, die der Einschätzung der zurückgetretenen CSU-Ortsvize alle Ehre machen. Keine Spur von Gewalt und Randale. Seit dem Donnerstag hatten zahlreiche Einwohner, Freiwillige Feuerwehr, Sport- und Gesangsvereine Hand angelegt. Die Dorfmitte wird durch eine „bunte Wand“ aus einem mit farbigen Textil-Fahnen behangenen Baugerüst vom Nazi-Trubel abgeschirmt, die Häuser der Bürgerforums-Sprecher werden durch meterhohe aufgespannte Planen vor braunen Bedrohungen geschützt.

Die Neonazis sind zum Teil schon am Donnerstag und Freitag angereist. Sie werden über die ganze Dauer ihres „Frankentags“ auf Groß-Transparente blicken müssen, die von den Weißenohern an der Kirchen-Außenwand direkt hinter dem als Bühne hergerichteten Lastwagen aufgehängt wurden. Die Transparente kommen aus Nürnberg, wo sie seit zwei Jahren von der Stadt bei den Mai-Demonstrationen der NPD am Ort der Abschlusskundgebung montiert werden. Sie zeigen Bilder von Leichenbergen der nationalsozialistischen Konzentrationslager und die Aufschrift: „Nie wieder!“

Mit dem Erzbischof und „Shalom Alejchem“ gegen Nazi-Rock

Die massiven Kirchenmauern lassen den dröhnenden Nazirock nicht durch. Außen wird Hass gepredigt, innen wird Martin Luther Kings „Ich habe einen Traum“ rezitiert und „Shalom Alejchem“ gesungen. Wenn Menschen da sind, die den Frieden stören, sagt der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick, müssen wir Flagge zeigen und Widerstand leisten.

Draußen sind Bühne und Bierzelte nach der Unwetterwarnung wieder aufgebaut. Grußworte und Solidaritätserklärungen wechseln sich ab. Gekommen sind Bürgermeister und Gemeinderäte der umliegenden Orte. Ein Schwergewicht stiefelt in Motorradkluft auf die Bühne: Karl-Willi Beck, der Bürgermeister von Wunsiedel, ist mit seinem Motorrad gekommen. Beim Kampf gegen die Rechtsextremen gibt es für Beck kein Sankt-Florians-Prinzip nach dem Motto: „Verschon mein Haus, zünd? andere an“. „Wir stehen ganz fest an eurer Seite“, ruft er in die Menge. Bekannt geworden ist Beck durch eine sitzende Aktion: Mit 200 Wunsiedlern hatte er sich vor vier Jahren einem braunen Aufzug zu Ehren des Hitler-Stellvertreters Rudolf Hess in den Weg gesetzt. Der Sitzblockierer spricht von „zivilgesellschaftlichem Widerstand“ und fordert vehement ein Verbot der NPD. Wenn das an V-Leuten in der Partei scheitern sollte, sagt der CSU-Mann, dann müsse man eben die V-Leute zurückziehen.

Dominik und Niklas von der Antifa werden in einer kleinen Talk-Runde befragt und erzählen über Strukturen und Figuren der Neonazis in der Region. Hip-Hop und Peter-Maffay-Pop-Melodien wechseln sich ab; „Good Night White Pride“ singt eine Punkband, der Männerchor intoniert „Wahre Freundschaft darf nicht wanken“. Noch einmal spricht der Erzbischof zu Gläubigen und Ungläubigen, sein evangelisches Pendant, Landesbischof Johannes Friedrich, erzählt von einem Artikel, den er 1966 in der Schülerzeitung geschrieben hatte. Sein Thema war eine kritische Auseinandersetzung mit dem Parteiprogramm der NPD.

Noch ist es ein Gerücht, dass die Nazis das Kloster nun sogar kaufen wollen. Der in solchen Aktionen von zumeist vorgetäuschten Immobilienkäufen erfahrene NPD-Funktionär Uwe Meenen aus Würzburg soll einem Fernsehteam gesagt haben, sie seien interessiert. Solche Ankündigungen hat er allerdings schon so häufig gemacht, dass man es ihm auf Anhieb nicht abnehmen mag. Doch jeder Fall ist ein Fall für sich, und die Gräfenberger und Weißenoher wollen wachsam bleiben. Der Brentana-Immobilienfonds sei schon ziemlich fragwürdig, meint Michael Helmbrecht, der mehrfach mit der Firma telefoniert hat: ?Man hat da kein Interesse bemerkt, dass die nicht mit den Nazis zusammenarbeiten wollen.?

Massiver Widerstand verdirbt den Neonazis die Lust an ihren Demos

Wenn es ein Geheimnis des Weißenoher Widerstands gibt, der innerhalb von fünf Tagen das ganze Dorf erfasst hat, dann liegt es in den Vorarbeiten von Wunsiedel und Gräfenberg und in der Zusammenarbeit aller Gutwilligen. Manche Einsicht brauchte Jahre, manches Einverständnis musste mit der Zeit wachsen. So gesehen, hat Weißenohe einen
„Standortvorteil“ mit einem Gräfenberger Bürgerforum direkt vor der Haustür, einem Motorrad-fahrenden Beck im Ein-Stunden-Radius und der bunten Metropolregion als Hinterland. Entscheidend ist aber wohl die Bereitschaft, nicht etwa den Kopf in den Sand zu stecken und darauf zu hoffen, dass der Spuk von alleine vergeht. Dass Demokraten den längeren Atem haben können als die neonazistischen Dauer-Demonstrierer, zeichnet sich im Nachbarort Gräfenberg ab. Selbst bei den Neonazis wird zunehmend kritisch nach Sinn und Zweck der ständigen Gräfenberg-Aufläufe gefragt, eine Ego-Show des Fürther NPD-Kaders Matthias Fischer sei das geworden, grummelt es in den braunen Reihen.

Zum Ende des ökumenischen Gottesdienstes geben die Teilnehmer ihren Nachbarn die Hand und wünschen sich gegenseitig Frieden. Draußen im Dorf sieht man offene und fröhliche Gesichter. Dann fährt am nahe gelegenen Bahnhof ein Kleinbus aus Deggendorf vor, der einen Trupp Nazi-Skinheads zum Regionalzug bringt. Verkniffene Mienen blicken durch die Scheiben, die jede Bereitschaft zur kleinen Alltagsfreundlichkeit im Keim ersticken. Die Glatzköpfe rennen zum Zug, sie müssen zurück in die ihnen so verhasste Multikulti-Metropole.

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