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Von Neonazis totgeschlagen

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Von Heike Kleffner

Großflächige SS-Runen auf der Skaterbahn, Angriffe auf Punks, Afrodeutsche und nächtliche „Sieg Heil?-Rufe auf der Straße: Die 18 000 Einwohner-Stadt Templin im Nordosten Brandenburgs knapp 80 Kilometer von Berlin entfernt gilt nicht erst seit dem gewaltsamen Tod von Bernd K. als schwieriges Pflaster für alle, die nicht ins extrem rechte Weltbild passen.

„Er war einer am Rand?, sagen die Leute in Templin über den dreifachen Vater Bernd K.. Am Mittwoch früh wurde die Leiche des 55-Jährigen in einer ehemaligen Fassbinderei in Templin gefunden. Der Tote hatte massive Kopfverletzungen erlitten.

Die Staatsanwaltschaft Neuruppin spricht von einer „äußert brutalen? Tat. Noch am gleichen Tag verhängte der Haftrichter gegen den 18-jährigen Sven P. und den 21-jährigen Christian W. aus der extrem rechten Szene Templins Haftbefehl wegen gemeinschaftlichen Totschlags. In Templin heißt es, das Opfer habe mit den beiden getrunken, dann sei die Situation eskaliert und außer Kontrolle geraten.

Polizeibekannte rechtsextreme Gewalttäter

Die beiden mutmaßlichen Täter sind bei Polizei und Justiz als gewalttätige Aktivisten der rechtsextremen Szene in Templin bekannt: Erst im vergangenen Monat wurde Sven P. wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer sechsmonatigen Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt. Der 18-Jährige hatte laut Staatsanwaltschaft Neuruppin im Juni 2007 bei einer Auseinandersetzung seinen Gegner als „Juden? beschimpft und dann geschlagen. Auch der 21-jährige Christian W. steht unter Bewährung. Er ist unter anderem wegen schwerer Körperverletzung und schwerer Brandstiftung vorbestraft.

Rechte Straftaten steigen

Schon Anfang Juni diesen Jahres hatte Harald Löschke, der Leiter der Templiner Polizeiwache, in einer Rede beim SPD-Ortsverband darauf hingewiesen, dass sich die Zahl politisch rechts motivierter Straftaten in Templin im ersten Halbjahr 2008 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum fast verdoppelt haben. 28 rechtsextreme Delikte hatten die Strafverfolger registriert, darunter drei Körperverletzungen.

Verantwortlich dafür sei eine „Truppe von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die rechtsorientiertes Gedankengut haben,? wird der Polizeibeamte in einem Bericht der Templiner Zeitung zitiert. So wurde am 21. April 2008 ein 19-jähriger Punk von zwei Rechten im Templiner Park attackiert. Der junge Mann hatte Glück: Zwei Polizeibeamte in Zivil hatten den Angriff beobachtet und griffen ein. Einen knappen Monat vorher wurde ein Jugendlicher an einem Garagenkomplex von mehreren rechtsextremen jungen Erwachsenen angegriffen.

In der Uckermark üben militante rechtsextreme Kameradschaften aus dem Umfeld der ?Autonomen Nationalisten? wie beispielsweise der „Schutzverein Prenzlau? oder der aufgelöste Märkische Heimatschutz (MHS) schon lange großen Einfluss auf rechtsextreme Cliquen in kleineren Städten und Dörfern aus.

„Sieg Heil? grölende Gruppen

Pfarrer Ralf-Günther Schein von der evangelischen Magdalenen-Gemeinde sagt, „ab und zu? gäbe es nachts Gruppen von ?betrunkenen rechtsorientierten Jugendlichen?, die „Sieg Heil? grölend durch die Straßen der Stadt laufen. Auch der 18-Jährige Sven P., der jetzt von der Staatsanwaltschaft des gemeinschaftlichen Mordes an Bernd F. angeklagt ist und seit der Tat in Untersuchungshaft sitzt, wurde deshalb schon festgenommen und verurteilt.

Die Staatsanwaltschaft Neuruppin wirft ihm zudem das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen durch das öffentliche Rufen der Parole ?Sieg Heil? vor.

Ende Oktober 2007 war er bereits mit drei weiteren jungen Männern in Templin aufgefallen, weil er „Sieg Heil? sowie „Deutschland den Deutschen, Ausländer Raus? gerufen und sich dann seiner Festnahme widersetzt hatte. Damals sei Sven P. in einem Schnellverfahren zu mehreren Wochen Jugendarrest verurteilt worden, sagt Lolita Lodenkämper, Pressesprecherin der Staatsanwaltschaft Neuruppin.

Beobachter sind nicht überrascht, dass die beiden in der rechtsextremen Szene verankerten mutmaßlichen Täter mit äußerster Brutalität gegen ihr Opfer vorgingen. Denn zu denjenigen, der großes Ansehen in der rechtsextremen Szene vor Ort genießt und als Vorbild wahrgenommen wird, gehört auch Sebastian F. Der heute 22-jährige ist einer von drei Rechten, die am 12. Juli 2002 in Potzlow in der Uckermark den 16-jährigen Marinus Schöberl über Stunden quälten, misshandelten und als „Juden? beschimpften. Marinus Schöberl starb, weil ihn die Gruppe schließlich zwang, seinen Kopf auf einen Bordstein zu legen und der Haupttäter ihm dann auf den Kopf und Nacken sprang. Das Verbrechen wurde erst nach Monaten bekannt und aufgeklärt.

Gegen politische Gegner und Minderheiten

In der rechtsextremen Szene in der Uckermark ist Sebastian F. seitdem bekannt und gefürchtet. In zweiter Instanz hatte das Landgericht Neuruppin ihn im Dezember 2004 zu einer Jugendstrafe von drei Jahren unter anderem wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt. Eine abschreckende Wirkung scheint dieses Urteil für Sebastian F. nicht gehabt zu haben. In der vergangenen Woche begann vor dem Amtsgericht Prenzlau ein Prozess gegen den 22-jährigen, in dem ihm die Anklage unter anderem zwei Körperverletzungsdelikte vorwirft.

Im November 2007 soll F. zu einer Gruppe von mehr als 20 Neonazis gehört haben, die ein Friedens-Konzert in der Templiner Magdalenen-Kirche lautstark mit „Sieg Heil?-Rufen störten. Polizeibeamte fanden bei der Festnahme bei Sebastian F. einen Schlagring. Die Staatsanwaltschaft geht zudem davon aus, dass F. wenige Wochen zuvor bei einem Rockkonzert einen „Hitlergruß? gezeigt und anschließend einen offensichtlich zur linken Szene gehörenden jungen Mann zu Boden geworfen und getreten hat. Ebenfalls angeklagt ist der unter Bewährung stehende F., weil er Anfang Januar 2008 an einer Aral-Tankstelle in Templin einen Mann durch das geöffnete Autofenster geschlagen haben soll. Der Prozess wird am 5. August fortgesetzt; F. wird dazu aus der JVA Neuruppin vorgefahren, wo er seit Ende März 2008 wieder einsitzt.

Doch F. ist nicht der einzige, der in Templin mit Gewalt gegen vermeintliche politische Gegner, „Fremde? und Angehörige von Minderheiten vorgeht. Da gibt es einen 31-jährigen Rechtsextremisten, der seit 1995 insgesamt zehn Mal wegen Körperverletzungsdelikten und „Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen? verurteilt wurde und zuletzt im Juni diesen Jahres erst „Sieg Heil? grölend durch die Straßen von Templin gelaufen war und dann einen jungen Mann, der sich darüber beschwerte, mit Sprüchen wie „Ich stech? dich ab? bedrohte.

Andacht gegen Gewalt

Bei den Sicherheitsbehörden wird der Tod von Bernd K. laut Informationen des Tagesspiegels schon mit dem Mord an Marinus Schöberl in Potzlow verglichen ? „vom möglichen Motiv und auch von der Brutalität her“. Wie in Potzlow sei offenbar auch in Templin gezielt nach einem vermeintlich schwachen, am Rande der Gesellschaft lebenden Opfer gesucht worden, zitiert der Tagesspiegel aus Ermittlerkreisen.

Judith Porath vom Verein Opferperspektive e.V. aus Potsdam, die Opfer rechter Gewalt in Brandenburg unterstützt, sagt, „in der Stadt werde viel zu wenig thematisiert, wie sehr beispielsweise alternative Jugendliche, gerade aus der Punkszene, in der Stadt von der rechten Szene bedroht und angegriffen werden.? Dass diese Bedrohung überhaupt öffentlich nachvollziehbar ist, liegt wesentlich an dem neuen Internetportal gegen Rechtsextremismus in der Uckermark, das sich „gegenrede.info“ nennt.

Pfarrer Schein sagt, in dem Totschlag an Bernd K. sei „ein Gewaltpotenzial zu Tage gekommen, vor dem man nur Angst haben könne.?

Weblinks:

| Obdachloser erschlagen, Neonazis verhaftet

| gegenrede.info – Infoportal Rechtsextremismus in der Uckermark

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