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Wenn die Fremde zur Heimat wird Die Studie „Am Anfang war es schwer“

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Cover der Studie "Am Anfang war es schwer" (Quelle: Südwind Institut)

Ende September veröffentlichte Südwind eine neue Studie, die Dr. Sabine Ferenschild durchführte. Südwind ist eine NGO, die für wirtschaftliche, soziale und ökologische Gerechtigkeit weltweit eintritt und für gerechte Wirtschaftsbeziehungen forscht und handelt. Die Studie ist betitelt mit dem Statement „Am Anfang war es schwer“ und behandelt das Thema Migration von Frauen aus verschiedenen internationalen Ländern. Somit knüpft die Studie an eine vorhergegangene an, die sich mit westafrikanischen Migrantinnen beschäftigte.

Was will die Studie erreichen?

Mit einer kurzen Einleitung führt die Autorin auf das Thema hin und macht deutlich, warum es wichtig ist, den Blick einmal ausschließlich auf Frauen zu richten. Oftmals wird von „den Migranten“ gesprochen und individuelle – auch geschlechtsspezifische – Gründe der Migration so vernachlässigt.

Insgesamt wurden 20 Frauen zu ihrer Biografie befragt; woher sie kommen, welche Beweggründe sie hatten, nach Deutschland zu kommen und welche Erfahrungen sie vor, während und nach der Migration gemacht haben. Die Herkunftsländer der Interviewten sind verschieden, es sind Länder aus Südamerika, Afrika, Europa und Asien, oft so genannte Schwellen- oder Entwicklungsländer.

Zu Anfang der Studie zeigt Ferenschild unter anderem Statistiken zu Herkunftsregionen ausländischer Bevölkerungsgruppen in Deutschland und zu Top-Zielländern von Migrantinnen und Migranten aus verschiedenen Ländern, damit Lesende sich in die Thematik „einfühlen“ können.

Des Weiteren wird aufgezeigt, wie viele Migrantinnen Geld aus Deutschland zu ihren Familien in die Heimat schicken, um beispielsweise Ausbildungen, Medizin oder schlicht Nahrung zu finanzieren – ein erster nachvollziehbarer Grund für Migration.

Außerdem wird ein Diagramm vorgestellt, welches die Ausbildung der interviewten Frauen zeigt, anschließend kommt die Autorin schon auf ein Hauptproblem: Viele Frauen können ihren gelernten Beruf in Deutschland gar nicht ausüben, weil ihr Abschluss nicht anerkannt wird. Dabei haben viele der befragten Frauen eine gute Bildung, haben beispielsweise langjährige Ausbildungen abgeschlossen oder Universitäten besucht.

Ferenschild möchte auch darauf aufmerksam machen, wie wichtig es den interviewten Frauen war, ihre Geschichte zu erzählen, und wie froh sie waren, dass sich jemand für sie interessiert. Der Fokus liegt indirekt auf den Gründen der Frauen, zu migrieren, und inwieweit diese geschlechtsspezifisch geprägt sind.

Biografien und geschlechtsspezifische Probleme im Aufnahmeland

Im zweiten und größten Teil der Studie werden die Portraits der Frauen vorgestellt. Jede einzelne Geschichte ist komprimiert zusammengefasst und in Ich-Form geschrieben, so dass Lesende sich gut in die individuellen Lebenswege hineinversetzen können.

Anfangs erzählen die Frauen immer von ihrer „Heimat“, wo und in welchen Familienverhältnissen sie aufwuchsen, welchen Bildungsweg sie einschlugen und wie ihr Alltag aussah. Oft wird in diesen ersten Erzählungen schon klar, welche Gründe die Frau hatte, ihre Heimat zu verlassen. Viele der Frauen stammen aus großen Familien. Sehr deutlich wird in jedem Fall, dass der Familienzusammenhalt sehr stark ist und oftmals die Rollen der Familienmitglieder klar verteilt sind. Die Frauen haben meistens einen Weg eingeschlagen, den die Eltern (besonders der Vater) für richtig hielten, alle waren zunächst in Schulen, es ist keine ohne jegliche Bildung nach Deutschland gekommen. Viele wurden in ihren Rechten unterdrückt, einfach weil sie Frauen sind.

In jedem Portrait gibt es mehrere Themen, unter anderem auch „Warum ich ging“: Die Frauen erklären genau, welche Beweggründe  sie für die Migration hatten. Hier erkennt man, dass es in keinem Fall eine spontane Entscheidung „aus der Laune heraus“ war, sondern dass es immer dringende Gründe gab. Oft haben die Frauen nicht den gewünschten Platz in der Gesellschaft gefunden, haben trotz abgeschlossener Ausbildung keine oder nur unbezahlte Arbeit bekommen oder haben sich dazu verpflichtet gefühlt, ihren Familien finanziell zu helfen, was mit dem Lohn in ihrem Heimatland unmöglich war. Viele wurden in ihrer Rolle als Frau unterdrückt (Beispiel Togo) und in bestimmte kulturell bedingte „Normen“ gezwungen – eine der Interviewten erzählt, dass Frauenrechte in ihrem Heimatland oftmals nur auf dem Papier existieren.

Andere Frauen sind, um sie in einen „Migrationstyp“ zu zwingen, Heiratsmigrantinnen, die ihren deutschen Partner kennengelernt haben oder ihrem Mann nachgereist sind. Das muss nicht, kann aber zu gewissen Zwängen und sogar zu häuslicher Gewalt führen.

Um einen Eindruck von ihrem Leben in Deutschland gewinnen zu können, wurde nach dem „Wie ich in Deutschland lebe“ und dem „Was ich hier bin“ gefragt. Alle Frauen verdeutlichen wie sehr die fremde Sprache eine Hürde darstellte und wie schwer es war, Deutsch zu lernen. Viele besuchten Deutschkurse, die vom Jobcenter bezahlt wurden. Einige kamen aber auch selbst für die Kurse auf, was nicht günstig ist, wenn man Sozialleistungen beziehen muss, da man keine Arbeit findet – auf Grund der mangelnden Sprache.

Wie schon erwähnt, ist das zweite große Problem der meisten Frauen, dass ihre absolvierten Ausbildungen (auch Universitätsabschlüsse) in Deutschland nicht anerkannt wurden, und sie somit auf dem Arbeitsmarkt wieder bei null anfangen mussten. Etliche der Interviewten haben den stereotypischen Putzjob ausgeübt, die meisten von ihnen ungern, weil sie sich geistig unterfordert fühlten und das Bedürfnis hatten, anderweitig einem Beruf nachzugehen, der der deutschen Gesellschaft durchaus nützen würde. So wollten mehrere beispielsweise im Pflegebereich und im pädagogischen Bereich arbeiten, weil das an ihre Ausbildung und Interessen anschließen würde.

Abschließend wurde in den Interviews nach der Beziehung zu dem jeweiligen Herkunftsland, beziehungsweise zu den Familien, gefragt. Es zeigte sich, dass alle Frauen regelmäßigen Kontakt halten, sei es über das Internet, Telefon oder per Post. Frauen, die die Möglichkeit dazu haben, fliegen ab und zu in ihre Heimat oder laden Freunde und Verwandte nach Deutschland zu Besuch ein. Der Kontakt zur Heimat scheint eine wichtige Konstante im Leben der Migrantinnen zu sein, so dass Deutschland oft nur als ihre zweite Heimat angesehen wird – das „richtige“ Zuhause ist immer noch da, wo die Frauen geboren und aufgewachsen sind.

Wenn die Frauen über ihre Perspektiven sprechen, merkt man schnell, dass sich viele gar nicht sicher sind, ob sie für immer in Deutschland bleiben werden. Viele möchten Geld verdienen und dann wieder zurückkehren. Einige aber, vor allem Frauen, die Kinder in Deutschland haben, ziehen es durchaus in Betracht in Deutschland alt zu werden, da sie und ihre Kinder tiefe Wurzeln geschlagen haben. Manche wollen auch unter keinen Umständen zurück, weil sie Angst vor politischer Verfolgung haben (Beispiel Iran). Man kann interpretieren, dass einige Deutschland nicht verlassen wollen, weil Frauenrechte in ihrem Land missachtet werden und sie sich hier sicherer fühlen.

Der letzte Teil der Studie bildet einen Serviceteil, in dem Organisationen für Frauen und Migrantinnen und Migranten, sowie allgemeine Beratungsstellen vorgestellt werden.

Fazit

Anschließend an die 20 Geschichten der Frauen resümiert die Autorin ihre Studie. Sie unterstreicht das politische und wirtschaftliche Problem Deutschlands, dass die Potentiale der Migrantinnen nicht ausgeschöpft werden. Viele machen Fortbildung nach Fortbildung, ohne danach einen Beruf zu finden – es werden also dem Sozialstaat und den Individuen Steine in den Weg gelegt, die nicht sein müssten, so Ferenschild. Sie kritisiert außerdem die Regelungen zur Aufenthaltsgenehmigung, denn einige Frauen „lösen“ das Problem geschlechtsspezifisch – durch Heirat oder Schwangerschaft. Sie fordert dazu auf, die Situation der Migrantinnen mehr in den Blickpunkt von frauenpolitischen Maßnahmen zu rücken.

Die Studie wurde zeitnah zu dem Unglück vor der Insel Lampedusa veröffentlicht. Fast 300 afrikanische Flüchtlinge ertranken in der Nacht auf den 3. Oktober 2013 auf ihrem Weg nach Europa, weil das Boot kenterte und keine Hilfe kam. Die meisten von ihnen waren Frauen und Kinder. Bei solchen Katastrophen richtet sich der mediale Blick auf das Schicksal der Menschen, die ihre Heimat verlassen, um woanders ein besseres Leben führen zu können.

Eine Studie wie die hier vorliegende hilft Lesenden, den Gesichtern aus den Nachrichten eine Hintergrundgeschichte zu geben. Es sind nur 20 Geschichten, verschwindend wenig, betrachtet man die Zahlen der Migrantinnen und Migranten, die nach Deutschland kamen und kommen. Jedoch kann man sich beispielhaft in Situationen versetzen – lässt man sich darauf ein – die vielleicht ein leises Gefühl dafür entwickeln lassen, warum und wie Migrantinnen ihre Heimat verlassen um in Deutschland ein anderes, vielleicht besseres Leben führen zu können.

Service

Die Studie kann über info(at)suedwind-institut.de bestellt werden.

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