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Wer ist die „Neue Rechte“?

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Den jungen rechtsextremen Akademikern galt die nationalistische „Alte Rechte“ im Nachkriegseuropa ebenso wie der Nationalsozialismus als überholt. In Anlehnung an Theorien, die der italienische Kommunist Antonio Gramsci (1891 – 1937) entwickelt hatte, setzt die Neue Rechte auf die sog. „kulturelle Hegemonie“, wonach sich staatlicher Machtwechsel in fortgeschrittenen kapitalistischen Gesellschaften nicht zuerst auf revolutionärem Wege vollziehe, sondern durch langwierige ideologische Überzeugungsarbeit in der „Zivilgesellschaft“ – der Begriff „Hegemonie“ stammt aus dem Griechischen und meint etwa soviel wie „Vorherrschaft“, „Überlegenheit“.

In seinem Buch „Kulturrevolution von rechts“ (1985) beschrieb de Benoist das Ziel und wie es zu erreichen sei. Außerhalb der eigentlichen Sphäre von Politik müsse langfristig eine „Transformation der allgemeinen Vorstellungen“ einsetzen, die schließlich zur Aufweichung des demokratischen Konsens‘ führe und einen Systemwechsel ermögliche. Ein solcher „Kulturkampf“ müsse außerhalb des tagesaktuellen Geschehens von Intellektuellen um Grundsätzliches geführt werden. Dabei komme es auf „Behutsamkeit“ und „weitreichende Ziele“ an. So könne sich ein „suggestiver“ Zug entwickeln, der schwer zu erkennen sei „und folglich nicht auf dieselben rationalen und bewussten Widerstände stößt wie eine Botschaft mit einem direkt politischen Charakter“. Es sind die „liberalen westlichen Regime“ und die „pluralistische politische Ordnung“, gegen die in einem solchen Versteckspiel allmählich eine „ideologische Mehrheit“ gewonnen werden soll – der Gegner ist damit klar benannt: die auf Pluralismus, d. h. auf Interessensausgleich zwischen den verschiedensten gesellschaftlichen Gruppen bauenden westlichen Demokratien, wie die Bundesrepublik eine ist.

Festzuhalten ist, dass die „Neue Rechte“ in ihrem Kern eine zutiefst antidemokratische Denkschule darstellt, die auf bewusste Verschleierung setzt. In ihrer Grundhaltung gleicht sie der Konservativen Revolution, die zu ihren wichtigsten Stichwortgebern gehört. So nannte sich in der Weimarer Republik eine Gruppe Intellektueller um Arthur Moeller van der Bruck (1876 – 1925), die sich dem Kampf gegen Liberalismus, Parlamentarismus und Demokratie verschrieben hatte. Moeller van der Bruck, der Hitler wegen seiner „proletarischen Primitivität“ verachtete, veröffentlichte 1923 sein Buch „Das Dritte Reich“ und avancierte damit zu einem Stichwortgeber des von ihm belächelten Nationalsozialismus.
Wie das historische Milieu um die Konservative Revolution setzt die Neue Rechte auf Ideen der sogenannten „Querfront“, d. h. auf inhaltliche Überschneidungen und Gemeinsamkeiten quer durch die einzelnen weltanschaulichen Lager. Immer wiederkehrende Themen sind Antiamerikanismus, Antisemitismus, Antiliberalismus und Rassismus. Ganz im Sinne de Benoists Bestimmung vom „suggestiven Charakter“, der „als solcher nicht klar erkannt wird“, verurteilt die Neue Rechte zwar einerseits offene Xenophobie, andererseits behauptet sie aber die Existenz „menschlicher Ethnien“, die sich durch „Anpassung an die natürlichen Milieus“, d. h. an Klimazonen, Geographie usw. gebildet hätten. In solch biologischen Zusammenhängen von „Landschaft und Persönlichkeit“ meint „Ethnie“ nichts anderes als die gebräuchlichere Bezeichnung „Rasse“. Folgerichtig haben so gebildete menschliche Gemeinschaften in neurechter Argumentation Eigenschaften, wie sie sonst nur bei Individuen vorkommen: sie haben „Geist“, „Sinn für Maß und Nuancen“, Völkern kann die „Seele“ geraubt werden, so dass sie zu „Selbstmordkandidaten“ werden (siehe: Ethnopluralismus):

Konsequent tritt die Neue Rechte gegen „Rassenvermischung“ an, die sie als Gefahr für die verschiedenen „Menschen- und Kulturtypen“ begreift, sowie gegen „Einwanderung“, deren „Schwierigkeiten allen betroffenen Gemeinschaften tiefgreifenden Schaden zufügen“. Dem Einzelnen kommt in dieser Sicht kein eigener Wert zu, d. h. in seiner Eigenschaft als Mensch, sondern nur sofern er Mitglied einer Ethnie oder Volksgemeinschaft ist:

Im anderen Fall ist die Menschheit nur die Gesamtheit der Kulturen und Volksgemeinschaften: das Individuum ist lediglich bestimmt durch seine organische Zugehörigkeit zu ihr. […] Der Einzelmensch besteht nach unserer Auffassung nur in Verbindung mit den Gemeinschaften, in die er eingeschlossen ist […]. Jede individuelle Tätigkeit stellt einen Akt der Teilnahme am Leben eines Volkes dar. Dem Interesse des Einzelnen kommt, [sic!] „an sich“ keine Wertschätzung zu.
(A. de Benoist: Kulturrevolution von rechts. Gramsci und die Nouvelle Droite. Krefeld 1985, S. 133)

Solche Welt- und Menschenbilder widersprechen grundsätzlich demokratischen Auffassungen vom Menschen, nach denen jeder Mensch als Mensch wertzuschätzen ist, unangesehen seines Geschlechts, seiner Religion und seiner Herkunft: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, sagt Artikel Eins des Grundgesetz und formuliert damit die Gegenposition zu Meinungen, die „Würde“ und „Wert“ des Menschen an den Gesellschaften messen, denen der Einzelne entstammt.

Strukturell darf man sich die Neue Rechte nicht als fest gefügte Gruppe vorstellen, die gut zu beschreiben wäre. Vielmehr trifft es das Bild eines losen Netzwerkes aus Publizisten, Akademikern usw. auf ähnlicher weltanschaulicher Basis. Sie versucht, ihren Einfluss weit in konservativen Kreisen zu verankern. Nicht immer jedoch gelingt diese Maskerade. Anlässlich des Ausbruchs des zweiten Irakkriegs im März 2003 veröffentlichte de Benoist einen Aufruf, in dem es hieß:

„Ab diesem Donnerstag, 20. März 2003, 2.32 morgens, ist jeder Akt von Vergeltungsmaßnahmen, gerichtet gegen amerikanische Interessen und auch amerikanische Personen, militärisch, politisch, diplomatisch und administrativ, an welchem Ort, wie weit und breit, mit welchen Mitteln, unter welchen Umständen auch immer, von nun an zugleich legitim und notwendig.“

Als sich diese Botschaft wie ein Lauffeuer auf neonazistischen Homepages im Internet verbreitete, sah er sich gezwungen zurückzurudern. Es käme für ihn nicht in Frage, „terroristische Aktionen zu befürworten“.

Dieser Text wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt von der Brandenburgischen Landeszentrale für Politische Bildung

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