Screenshot von der Facebook-Seite der "Deutschen Burschenschaft", edited by btn

Burschenschafter in der AfD und anderen rechten bis rechtsextremen Organisationen

Im deutschsprachigen Raum gibt es rund 300 Burschenschaften. Sie nehmen fast ausschließlich deutsche Männer auf. Dazu zählen ihrer Auffassung nach auch Österreicher - Deutsche mit Migrationshintergrund allerdings nicht. Viele Burschenschaften geraten immer wieder mit rassistischen oder rechtsextremen Vorfällen in die Schlagzeilen. Einige stehen sogar unter Beobachtung durch den Verfassungsschutz.

 

Von Fiona Katharina Flieder

 

Ein Merkmal von Burschenschaften sind die Aufstiegschancen, die den Studenten von der Mitgliedschaft versprochen werden. Durch die Kontakte der “Alten Herren”, also Mitgliedern, die das Studium beendet haben, werden immer wieder Burschenschafter, die ihr Studium beendet haben, in höhere Positionen geschleust. Viele zieht es heute aufgrund der inhaltlichen Nähe in die AfD. Was das für die angebliche Abgrenzung der AfD von rechtsextremen Gruppierungen bedeutet und wohin Burschenschaften sonst noch Verbindungen haben, zeigen die folgenden Beispiele, die das Ausmaß der Vernetzung deutlich machen:

Jürgen Gansel ist seit seinem Studium in Gießen Mitglied der “Burschenschaft Dresdensia-Rugia”. Heute ist er “Alter Herr” in der Burschenschaft und Politiker der NPD, bis 2014 war er sogar Abgeordneter im sächsischen Landtag. In die Schlagzeilen geriet Gansel im Jahr 2005 durch eine Rede über den angeblichen "Bomben-Holocaust von Dresden".

Ein sehr bekanntes Beispiel aus Österreich ist Martin Sellner, einer der führenden Köpfe der österreichischen “Identitären Bewegung” und Mitglied der “Akademischen Burschenschaft Olympia”. Die “Wiener Olympia” gehört der “Deutschen Burschenschaft” und der “Burschenschaftlichen Gemeinschaft” an. Sellner ist mit seinen erfolgreichen Social Media Auftritten “einer der erfolgreichsten Influencer des neuen europäischen Rechtsradikalismus”.

Besonders interessant ist auch Alexander Salomon. Er war im Laufe seines Lebens Mitglied in der NPD, AfD, JA und der “Burschenschaft Markomannia Wien zu Deggendorf”, die zudem enge Verbindungen zur “Identitären Bewegung” hat.
Seine politische Karriere startete Salomon bei der brandenburgischen NPD. Trotz Alexander Gaulands Aussage “Wer früher in der NPD oder DVU war, darf bei uns nicht Mitglied werden” war Salomon von 2013 bis 2014 Mitglied in der AfD. Er wohnte 2013 sogar der Gründung des AfD-Landesverbands Brandenburg bei und wurde als Beisitzer in den Landesvorstand gewählt. Statt in der AfD ist er nun seit August 2015 Beisitzer im Landesvorstand der brandenburgischen Jungen Alternative. Schlagzeilen machte Salomon mit gleich mehreren Anstellungen bei AfD-Abgeordneten, für die er aus Steuergeldern bezahlt wurde. 2014 begann er schließlich sein Jura-Studium an der Universität Passau (Niederbayern). Dort ist er mit der “Burschenschaft Markomannia Wien zu Deggendorf” in Berührung gekommen. Ab Juli 2014 findet man auf der offiziellen Facebook-Seite der “Markomannia” regelmäßig Fotos, die Salomon mit Schärpe und Kappe zeigen.

 

Facebook-Screenshot (20.10.2017): Alexander Salomon und Sebastian Kerler

 

Die “Akademische Burschenschaft Markomannia Wien zu Deggendorf” gehört wie die “Wiener Olympia” sowohl der “Deutschen Burschenschaft” als auch der “Burschenschaftlichen Gemeinschaft” an. Neben der Vernetzung mit anderen Burschenschaften pflegt die “Markomannia” auch enge Verbindungen zur AfD wie an der personellen Überschneidung der Burschenschaft und der niederbayerischen AfD unschwer zu erkennen ist. So postete die AfD Deggendorf im Dezember 2016 ein Foto des Vorstands des Kreisverbands:

 

Facebook-Screenshot (20.10.2017): v.l.n.r.: Sebastian Kerler - neuer Schriftführer im Vorstand des AfD-Kreisverbands Deggendorf und Markomanne, Katrin Ebner-Steiner - Vorsitzende des Kreisverbands Deggendorf, Paul Kelnhofer - stellvertretender Schatzmeister des Bezirksverbands Niederbayern und Markomanne, Fabio Sicker - stellvertretender Vorsitzender

 

Neben Kerler, Kelnhofer und Salomon gibt es dann noch Michael Gallermann - ebenfalls Mitglied in der “Burschenschaft Markomannia Wien zu Deggendorf”. Gallermann ist außerdem Aktivist der “Identitären Bewegung”. Auf dem Facebook-Foto zur Gründung zweier Ortsgruppen unter dem Schlagwort “Niederbayerische Reconquista” ist er deutlich zu erkennen. Das Treffen soll sogar im Markomannen-Haus stattgefunden haben, in dem auch schon von der “Jungen Alternative” veranstaltete Vorträge gehalten wurden.

 

 

Facebook-Screenshot (20.10.2017): Gründungstreffen der Passauer und Deggendorfer Ortsgruppen der “Identitären Bewegung” , mutmaßlich im Markomannen-Haus (5. v.r.: Michael Gallerman)

 

Benjamin Nolte war 2009 in einen rassistischen Vorfall um eine Festveranstaltung der “Deutschen Burschenschaft” involviert - er soll Mitgliedern einer Verbindung, die es gewagt hatte, ein schwarzes Mitglied in ihre Reihen aufzunehmen, eine Banane überreicht haben. Damals war “Bananen-Nolte” Mitglied der “Brünner Burschenschaft Libertas zu Aachen” und DB-Obmann für Politik und Kultur. 2014 geriet er in die Schlagzeilen als er trotz seiner Vergangenheit zum stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Jungen Alternative gewählt wurde. Besonders lang behielt er das Amt jedoch nicht. Grund dafür war die Mitgliedschaft Noltes im Altherrenverein der “Münchner Danubia”, deren Aktivitas, also die studierenden Mitglieder, vom Verfassungsschutz als rechtsextreme Organisation eingestuft werden. In diesem Jahr tauchte er dann plötzlich wieder auf - und zwar auf der Landesliste Bayern als AfD-Kandidat für den Bundestag. Mit Listenplatz 19 schaffte verpasste er jedoch den Einzug.

Ein weiterer Burschenschafter, der Verbindungen zur AfD hat, ist Torben Braga. Er ist Mitglied in der “Marburger Burschenschaft Germania” in Hessen, 2015 war er Sprecher der “Deutschen Burschenschaft”. Nachdem er als Praktikant in der AfD-Fraktion in Thüringen aufgrund seiner Gesinnung aus mehreren Landtagsausschüssen flog, ist er nun Beisitzer im Landesvorstand der AfD Thüringen und Assistent des Fraktionsvorsitzenden Björn Höcke.

 

Facebook-Screenshot (18.10.2017): Treffen von Torben Braga und Ann-Katrin Magnitz mit der Gruppe "Wir lieben Meiningen"

 

Die “Germania Marburg” scheint ohnehin als Kaderschmiede für die AfD zu fungieren. “Mehrere Mitglieder der Studentenverbindung, die bis heute nur Männer deutscher Abstammung aufnimmt, haben in den letzten Jahren Karriere in der Partei gemacht.”, berichtet die Frankfurter Rundschau. Doch auch schon bei anderen rechten Kräften sei die Burschenschaft beteiligt gewesen, wie etwa bei der Gründung des Marburger Ortsverbands der „Republikaner“ Ende der 1980er Jahre. Abgesehen von rechten Parteien, habe die “Marburger Burschenschaft Germania” aber auch Verbindungen zur Neonazi-Szene.

Und auch zur “Identitären Bewegung” gibt es hier Verbindungen. Nils Grunemann, Burschenschafter der “Marburger Germania” und Gründungsmitglied der JA-Ortsgruppe Marburg-Biedenkopf, war Ende 2012 an der Gründung der “Identitären Bewegung” in Berlin beteiligt. Ab 2013 trat er als Obmann und Sprecher der “Identitären Bewegung” in Deutschland auf. Die “Marburger Burschenschaft Germania” ist ebenso wie die “Burschenschaft Markomannia Wien zu Deggendorf” ein Paradebeispiel für die Verstrickungen von Burschenschaften und der “Neuen Rechten”.

Ebenso das erst jüngst Angriffen ausgesetzte Hausprojekt der identitären “Kontrakultur” in Halle. In ihrem Haus finden sich die “Halle-Leobener Burschenschaft Germania” und der regionale Ableger der “Identitären Bewegung” zusammen - wobei die Besetzungen der beiden Gruppierungen sich ohnehin extrem stark überschneiden. Zudem befindet sich das Abgeordnetenbüro des AfD-Landtagsabgeordneten Hans-Thomas Tillschneider in dem Hausprojekt, das im Juni 2017 von der Kampagne “Ein Prozent für unser Land” und der Zeitschrift “Sezession” angekündigt wurde.

Verbindungen gibt es zu Felix Menzel und Tim Ballschuh. Menzel ist unter anderem Gründungsmitglied der “Pennalen Burschenschaft Germania zu Staßfurt” sowie Gründer, Herausgeber und Chefredakteur der neurechten Jugendzeitschrift “Blaue Narzisse”. Sein “Verein Journalismus und Jugendkultur Chemnitz e.V.“ ist zudem Veranstalter des sogenannten  “Zwischentags”, eine Büchermesse für rechte bis rechtsextreme Verlage und Initiativen. Ballschuh war Mitglied in der “Pennalen Burschenschaft Germania zu Staßfurt”. Ab 2008 war er dann bei der vom Verfassungsschutz beobachteten “Burschenschaft Frankonia Erlangen”. Seit dem Frühjahr 2017 ist Ballschuh als Wahlkreismitarbeiter des AfD-Landtagsabgeordneten Hagen Kohl angestellt, beim zweiten Listenparteitag der AfD Sachsen-Anhalt wurde er auf Platz 13 der Landesliste für die Bundestagswahl aufgestellt.

 

Facebook-Screenshot (14.11.2017): Tim Ballschuh (links) auf dem Landesparteitag der Berliner AfD

 

Personelle Überschneidungen von Burschenschaften und der AfD bzw. ihrer Jugendorganisation können mittlerweile kaum noch überraschen. Eine Verbindung zum NSU sorgt dann schon für mehr Aufsehen. Wie aus einer Kleinen Anfrage des SPD-Abgeordneten Dr. Christoph Rabenstein hervorgeht, war Mario Brehme, Mitglied der “Burschenschaft Thessalia zu Prag in Bayreuth“, bereits 1995 gemeinsam mit Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe aktiv. 1998 flog er mit André K. nach Südafrika, um einen Unterschlupf für das NSU-Trio zu suchen.

Die “Thessalia” bestätigte, dass Brehme Mitglied der Burschenschaft war und auch in ihrem Haus lebte. Dennoch distanzierte sie sich in einer Stellungnahme von jeglicher politisch motivierter Gewalt und Terrorismus, worunter sie auch die Taten des NSU zählt.
Ob die Verbindungen zum NSU Anlass für das Ende Brehmes Mitgliedschaft waren und ob die Burschenschaft über seine Tätigkeiten Bescheid wussten, gab die “Thessalia” jedoch nicht an.

 

Zum Thema

| Burschenschaften - Allgemeine Informationen und Kritik

| "Ehre, Freiheit, Vaterland!" - Burschenschaften als Refugium für intellektuelle Rechtsextremisten

| Ursprung, Entwicklung und Werte von Burschenschaften

| Radikalisierungsgrade von Burschenschaften

| Struktur, Geschichte und Hintergründe von Studentenverbindungen

 

| Glossar zu Burschenschaften und Studentenverbindungen

 

Weitere Artikel:

Die AfD und ihre Burschenschafts-Connection (Mitteldeutsche Zeitung)

Verbindungen hofieren Rechte (Spiegel)

Was junge Männer in rechte Verbindungen zieht (Süddeutsche Zeitung)

 

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