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Einige Anmerkungen zu #metwo

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Einige Anmerkungen zu #metwo von Anetta Kahane (Quelle: KA)

Was bedeutet eigentlich das two in #metwo? Gewiss, es ist eine Analogie zu #metoo, bei dem Frauen über sexuelle Übergriffe berichtet haben, was zu einer breiten Debatte in den USA und anderen Ländern geführt hat. Doch das #metwo spielt nur mit dem Klang. Two bedeutet zwei und damit soll angedeutet werden, dass Menschen mit „Migrationshintergrund“ zwei Identitäten haben können. Zwei Identitäten? Was ist mit denen, die einfach nur Opfer von Rassismus sind? Schwarze Deutsche, Sinti und Roma, Juden – Menschen, die deutsch sind aber markiert durch ihre Hautfarbe – egal wie viele Jahrhunderte eine vermeintliche Migrationsgeschichte her ist? Rassismus ist das Thema und nicht Migration. Es geht darum und nicht um vermeintliche Herkünfte oder gar Staatsangehörigkeiten. Heute ist die Gesellschaft eben bunter. Kinder in der globalen Welt, auch wenn sie in Deutschland leben, kommen sehr oft aus hybriden Familien. Und sie wachsen wie selbstverständlich mit einer kosmopolitischen Identität auf. Geboren in Deutschland, in den Ferien bei der Familie in Ghana, in den Niederlanden zur Schule gegangen, zu Besuch in Japan bei der Tante, Studium in Honkong, um später in Berlin bei der Großmutter zu wohnen und in einem Projekt zu arbeiten. Was daran ist TWO? Wenn in Deutschland dann ein solches Menschenkind angespuckt wird, dann ist das nicht normal, sondern emotionales Mittelalter. Rassismus nennt man das. Primitiv und gefährlich, ausgeübt von Menschen, die sich aus vollkommen irrationalen Gründen für etwas Besseres halten.

 

Retraumatisierung vs. Voyerismus

Was bedeutet es, wenn Menschen, die rassistisch beleidigt, gedemütigt und verletzt werden, dies öffentlich kundtun? Sie tun es, weil sie darauf hoffen, dass es ihnen hilft. Sie tun es, weil sie hoffen, dass die anderen, die davon nicht betroffen sind, aufmerksamer werden, dass sie dann protestieren, dass sie bereit sein werden zu beschützen. Sie tun es jedenfalls nicht, um ihre Situation noch zu verschlimmern. Rassistisch diskriminierte Menschen haben genug zu kämpfen, sie brauchen keine zusätzliche Aufmerksamkeit, die ihnen das Leben erschwert. Wenn sie also ihre Erlebnisse öffentlich posten, wollen sie eines ganz bestimmt nicht: nämlich, dass weiße Deutsche von Fall zu Fall beurteilen, ob der geschildete Vorfall krass genug ist, um als Rassismus „durchzugehen“. Oder schlimmer, dass dies zur Vorlage für weitere Beschimpfungen wird. Jeder, der zu erlebtem Rassismus postet kennt das Risiko.

Deshalb ist es mutig und zugleich ambivalent, sich zu outen. Denn es bringt die Schreibenden in Konflikte. Oder besser gesagt: die Konflikte von Menschen, die mit Rassismus aufgewachsen sind, sind schmerzhaft und anstrengend und lebensbestimmend – voller Kompromisse, Verdrängungen und natürlich Wut. Solche Konflikte einfach nicht zu haben, weil man eben weiss ist und nicht und nie von Rassismus betroffen ist, macht einen riesigen Unterschied. Eine tonnenschwere Last im eigenen Leben tragen oder eben nicht tragen zu müssen, ist die Frage. Wer also von Rassismus spricht, zeigt von dieser Last ein kleines Stück. Und wer sich in diesen Schilderungen wiedererkennt, weil es die eigenen Erfahrungen spiegelt, wie fühlt sich das an? Es ist wie eine Retraumatisierung. Für Menschen mit Rassismuserfahrungen sind die Berichte von Leidensgenossen oft unerträglich. Sie rühren an eigenen Verletzungen, sie erzeugen ein kaum stillbares Mitgefühl mit den anderen Betroffenen. Sie machen einfach nur traurig und oft auch hoffnungslos.

 

Das Ding mit der Fremdheit oder wer ist eigentlich fremd?!

Was bedeutet es, wenn bei Rassismus immer gleichzeitig von Fremdheit gesprochen wird? Was heißt das eigentlich? Welches Koordinatensystem liegt dem zugrunde? Wer ist fremd oder entfremdet und wovon? Humanität, Menschlichkeit, Universalismus, Gleichwertigkeit und Solidarität– das ist die große Leistung der Menschheit. Zumindest der lange Kampf dafür. Nicht das Gegenteil davon kann Kriterium für die Norm menschlichen Verhaltens sein. Unmenschlichkeit, Ungleichwertigkeitsideologien – also Rassismus, Partikularismus und Hass als Maßstab des Handelns? Es gab und gibt Regime, die das für sich ungeniert in Anspruch nehmen, vermeintlich zum Wohl von irgendwem, dem „eigenen Volk“ beispielsweise. Und damit bringen sie Tod und Unheil auf die Welt. Deutschland im Nationalsozialismus hat wie kein anderes Land mit der Zivilisation gebrochen, als es Millionen Menschen industriell tötete und durch Kriege Europa und andere Teile der Welt verwüstete. Die Zahl der Toten, bis zu 60 Millionen, ist kaum rational zu erfassen. Emotional vermag sich niemand wirklich vorstellen, was das an Leid und Grauen bedeutete.

Auf diesem Erbe entstand das Nachkriegsdeutschland. Sich aus dem Blut herauszuschälen und ein neues Kapitel zu beginnen, das hat Deutschland nur mithilfe der Alliierten geschafft. Vor 70 Jahren entstand als Koordinatensystem der neuen Werte das Grundgesetz. Es stellte das Recht und die Humanität in den Mittelpunkt. Es stellte die Grundlage her, die Wertebasis, das Betriebssystem für die Chance, den barbarischen Zivilisationsbruch, das Grauen, die klaffende Lücke durch Millionen Tote langsam zu überwinden. Und derjenigen zu gedenken, die ermordet wurden. Und diejenigen zu ehren, die gegen die Barbarei Widerstand geleistet haben. Was sonst! Das sollte die Norm werden. daran misst sich Humanität. Wer also ist heute fremd? Diejenigen, die sich am Menschlichen orientieren? Oder diejenigen, die sie leugnen und verachten? Die Antwort kann nur sein: Fremd ist, wer anknüpft an das Repertoire des Unmenschen, wer Vielfalt hasst, wer Gewalt säht, wer andere demütigt, wer sich unmenschlich verhält. Und wer das alles unkommentiert geschehen lässt. Der ist fremd. Wer das tut, begibt sich in die Sphäre außerhalb des Akzeptablen, des Humanen und des Richtigen. Und nicht diejenigen, denen dies Leid widerfährt! Nicht die schwarzen Kinder sind fremd, denen Unfassbares zugemutet wird, nicht die Menschen, deren Namen nicht deutsch genug klingen, nicht Sinti und Roma, nicht die Juden, nicht all diejenigen, die markiert und bewertet werden sind fremd. Sie mögen eine Minderheit sein. Aber fremd im Sinne des Humanen sind diejenigen, die das Ende der Barbarei noch nicht verstanden haben. So rum ist es richtig und nur so.

 

Anetta Kahane, Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung (Quelle: AAS)

 

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