Gegendemonstrant_innen verteilten Alufolie um sich Aluhüte zu basteln.
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Verhärtete Fronten an der antisemitischen Querfront und die Linke mittendrin

Am Donnerstag sollte Ken Jebsen in Berlin durch einen in Teilen antisemitischen Querfront-Blog mit einem Preis ausgezeichnet werden. Dazu kam es nicht, denn offenbar war ihm ein anderer geladener Gast zu antisemitisch, Jebsen sagte seine Teilnahme ab. Einige Linken-Politiker hatten hingegen nicht so große Hemmungen und teilten sich mit eben jenem Hardcore-Antisemiten die Bühne.

 

Von Kira Ayyadi

 

Die Geschichte der Verleihung des Kölner Karlspreises an den Verschwörungsideologen und Moderator Ken Jebsen ist eine Geschichte voller Wendungen. Alles fing damit an, dass die „Neue Rheinische Zeitung“, die eigentlich ein Blog ist, ihren mit 200 Euro dotierten “Kölner Karlspreis” an den ehemaligen RBB-Moderator Jebsen verleihen wollte.

Der geschichtsträchtige Name der Publikation, in der auch Karl Marx publizierte, sollte jedoch nicht täuschen, denn wenn es eine Publikation gibt, welche die rechten und linken Strömungen der Querfront eint, könnte es die „Neue Rheinische Zeitung“ sein.

 

Jebsen-Fan auf dem Rosa-Luxemburg-Platz (Quelle: BTN)

 

Am Donnerstag, dem 14. Dezember, sollte Jebsen im staatlich geförderten Berliner Kino „Babylon“ geehrt werden - als Auszeichnung für seinen „aufklärerischen, unabhängigen, facettenreichen, urdemokratischen Journalismus“. Allerdings gilt sowohl der Blog als auch der KenFM-Moderator vielen als antisemitisch und als Verbreiter von Verschwörungsideologien.

 

Die Causa Ken Jebsen

Ken Jebsen moderierte beim RBB und hatte eine eigene Sendung im Radio. Hier fiel er bereits hin und wieder durch umstrittene Auftritte auf. So widerspricht er unter anderem den offiziellen Darstellungen von 9/11 und spricht von einem „Inside Job“. Laut einem Bericht des Tagesspiegels schrieb Jebsen einem Hörer im November 2011 in einer E-Mail unter anderem, er wisse, wer den Holocaust als PR erfunden und wie Goebbels die entsprechenden Kampagnen umgesetzt habe. Jebsen verlor seinen Job beim RBB und konzentrierte sich seither auf sein Internetportal KenFM.

Da Ken Jebsen für viele ein Antisemit ist, hatte der Berliner Kultursenator, Klaus Lederer, die Verleihung des “Kölner Karlspreises” im Kino Babylon zu unterbinden versucht. Daraufhin wurde für Donnerstag eine Demonstration „Für Meinungsfreiheit und Demokratie“ am Rosa-Luxemburg-Platz angekündigt. Offenbar gab es aber auch ein Angebot des Komikers Dieter Hallervorden, die Preisverleihung auf die Kabarett-Bühne der „Wühlmäusen“ zu verlegen. Dazu kam es allerdings nicht, denn der Fall landete vor der Zivilkammer des Amtsgerichts Mitte, wo entschieden wurde, dass die Preisverleihung doch im Babylon stattfinden dürfe.  

 

Linken Politiker auf der Bühne von Verschwörungstheoretikern

Mehrere Linken-Politiker wie der frühere Vize-Fraktionschef Wolfgang Gehrcke und der Bundestagsabgeordnete Diether Dehm hatten dem linken Kultursenator „Zensur“ vorgeworfen. Auch Ex-Parteichef und Ehemann der Fraktionsvorsitzenden Sahra Wagenknecht, Oskar Lafontaine, hatte sich in den Streit eingeschaltet und via Facebook gegen Lederer gewettert und behauptete „Begriffe wie ‘Verschwörungstheoretiker’ oder auch ‘Querfront’ stammen aus dem Arsenal der Geheimdienste.“  Gehrcke erneuerte seine Zensur-Vorwürfe am Donnerstagnachmittag auf der Protestkundgebung auf dem Rosa-Luxemburg-Platz, auf der er als Redner teilnahm.

Wolfgang Gehrcke auf der Verschwörungstheoretiker-Bühne (Quelle: BTN)

 

Anneliese Fikentscher, gemeinsam mit Andreas Neumann Herausgeberin der NRhZ-Online, sagte auf der Demo im Vorfeld der Preisverleihung, dass sie die ganze Aufregung um „einen der wenigen alternativen Kultur- und Literaturpreise“ nicht verstehen könne. Wenn das so weitergehe, dass ihr Online-Medium nun überall als neue rechte Zeitung bezeichnet wird, müsse sie ihre Zeitung in Zukunft umbenennen – wobei das kaum das Problem dieser verschwörungstheoretischen und antisemitischen Seite lösen wird. Kurz darauf verlas Fikentscher ein Grußwort der Kabarettistin Lisa Fitz, die Ken Jebsen zu seinem Preis gratulierte, denn wesentlich brisanter als jede Verschwörungstheorie, sei die Verschwörungspraxis, so Fitz.

Anneliese Fikentscher (Quelle: BTN)

 

Gilad Atzmo: Ein radikaler antisemitischer Israeli

Die ganze Veranstaltung fand nun allerdings ohne die Hauptperson, Ken Jebsen, statt. Fikentscher erklärte zu Beginn der Preisverleihung Jebsen habe einen Hörsturz wegen der ganzen Aufregung im Vorfeld.

Der Jebsen nahestehende Blog „Rubikon“ vermeldete hingegen am Mittwochabend, dass die Veranstalter die „Interessen der Hauptperson des Festes weitestgehend unbeachtet lassen“ und Jebsen daher nicht an der Preisverleihung teilnehmen werde. Grund für die Absage war offenbar die Verpflichtung des Jazz-Musikers Gilad Atzmon für die Veranstaltung. Der in Jerusalem geborene britische Israeli Atzmon bedient ganz klar antisemitische Ressentiments und ist für diese Szene quasi ein willkommenes Alibi für den vorgeworfenen Antisemitismus.

Auf dem Watch-Blog zu Verschwörungsideologie „Kentrail Verschwörung“ heißt es, der Israeli sei so radikal, dass sich selbst ausgemachte Israel-Gegner_innen von ihm distanzieren. So behaupte Atzmon etwa, Israelis würden Organhandel mit den Körpern getöteter Palästinenser betreiben. „Dabei verzichtet Atzmon sogar auf szeneübliche Codes wie ‘Zionisten’ und unterstellt den Juden insgesamt eine Weltverschwörung. In einem Buch bezeichnet er das Judentum ganz direkt als ‘schädlich’“. In seiner antisemitischen Weltsicht sei die Schoah nur ein Mythos, der als Vorwand diene, Kriegsverbrechen zu begehen.

Atzmon (l) kurz vor seiner Rede auf der Demo-Bühne. Neben ihm steht  Andreas Neumann(Quelle:BTN)

 

Atzmon stand trotz Hausverbot auf der Babylon-Bühne

Meinungsfreiheit hin oder her, diesen krassen Antisemiten wollte auch Babylon-Chef Timothy Grossman nicht dulden und erteilte Atzmon kurzfristig Hausverbot. Gleich zu Beginn der Preisverleihung trat Grossmann ans Mikrofon und erklärte unter johlenden Buh-Rufen der Verschwörungstheoretiker_innen in seinem Kino, dass Jebsen und Atzmo in seinen Augen Rassisten seien.  

Doch obwohl Grossmans dem Holocaust-Relativierer Atzmon Hausverbot erteilt hatte, stand dieser nach der Übergabe des Hauptpreises (an die „Community“) auf der Bühne und sprach sich gegen ein Verbot der Holocaustleugnung aus.

Babylon-Chef Timothy Grossman nannte Ken Jebsen und Gilad Atzmo in Babylon Kino Rassisten (Quelle: BTN)

 

Internet in der Höhle der Verschwörungstheoretiker

In der Laudatio für den Preis zog ein Redner eine vermeintlichen Parallele zu Platons Höhlengleichnis. „Die Deutungshoheit, wer alleine über die Schattenspiele entscheidet ist gebrochen: Platons Höhle hat jetzt Internet.“ Die Jebsen-Fans finden das klasse, sie lachen und klatschen. Dass aber der Wahrheitsgehalt der ganzen Inhalte im Internet einer ordentlichen Prüfung und Verifizierung bedürfen, scheint hier niemandem aufzufallen. Statt renommierten Journalisten zu vertrauen, glauben die hier Anwesenden lieber Menschen die einfache schwarz-weiß-Erklärungen anbieten, in denen der Böse klar zu erkennen ist, nämlich die NATO, die USA und die Juden. 

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