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Antisemitismus Hass auf Soros als gemeinsamer Nenner der internationalen Rechten

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Soros ist ein großzügiger Sponsor von Flüchtlings-Hilfsorganisationen und unterstützt auch den Plan der EU, syrische Flüchtlinge im gesamten Verbund neu anzusiedeln. (Quelle: picture alliance / AP Photo)

 

In vielen Bereichen sind sich die rechtsextreme Szene, die sogenannte „neue“ Rechte, Alt Right, Verschwörungsideolog*innen und Querfrontler*innen uneins. In einem Punkt herrscht allerdings szeneübergreifend Einigkeit: Schuld an allem Übel in der Welt ist George Soros.

Alleine seit 2017 soll Soros in Syrien einen chemischen Angriff vorgetäuscht, Protestmärsche in Washington organisiert und finanziert, in Mazedonien einen Regierungswechsel erzwungen, wichtige Berater*innen aus dem Weißen Haus geworfen und einen Bürgerkrieg in Frankreich angezettelt haben. Und ganz wichtige: Seit Jahren soll der 87-Jährige an dem geheimen Plan der „Umvolkung“ arbeiten. All das sind natürlich Verschwörungstheorien. Doch wie konnte es soweit kommen, dass Soros für all das verantwortlich gemacht wird? Und warum ist es ausgerechnet George Soros, dem diese übermächtige Rolle zugewiesen wird?

Nicht unwesentlich ist dafür die jüdische Herkunft des Philanthropen. Sie dient Verschwörungstheoretiker*innen international ihn und seine demokratiefördernde Arbeit in antisemitischer Weise zu diskreditieren.

 

Soros‘ philanthropische Motivation

Soros wurde 1930 in Budapest in eine gebildete jüdische Familie geboren. Während des Holocausts gelang es ihnen, den Deportationen und der Vernichtung der Nazis zu entkommen. 1947 wanderte der 17-jährige Soros nach England aus, wo er an der prestigeträchtigen „London School of Economics and Political Science“ Philosophie studierte. Dort promovierte er beim berühmten Wiener Philosophen Karl Popper. Dessen Ideen über eine offene Gesellschaft hat die Gedankenwelt des jungen Akademikers tief geprägt und lieferte die ideelle Grundlage für seinen späteren politischen Aktivismus. 1956 ließ sich Soros in New York nieder und arbeitete an der Wall Street als Finanzinvestor. Seine Karriere erreichte ihren Höhepunkt in den 90er-Jahren, als er erfolgreich gegen das britische Pfund spekulierte.

Soros setzt sich bis heute für Transparenz, Demokratisierung und Liberalisierung ein sowie gegen jede Form von Autoritarismus und Nationalismus. Das ist für viele Regierungschefs in den ehemaligen Ostblockstaaten offenbar nicht genehm. Und so findet die Hetze gegen den Verfechter einer offenen Gesellschaft nicht nur in abgeschotteten rechten und querfrontlerischen Blasen statt, sondern auch auf der internationalen Bühne. Wobei man natürlich anmerken muss, dass Kritik an Soros‘ Handlungen und denen seiner Organisationen nicht per se antisemitisch ist. Sie „wird dann zu Antisemitismus, wenn offen oder codiert judenfeindliche Stereotype genutzt werden. Gegenüber Soros wird zumeist der antisemitische Mythos der ‚jüdischen Weltverschwörung‘ kolportiert. Es wird behauptet, er ziehe im Hintergrund die Fäden und sei auf diese Weise für alles Übel in der Welt verantwortlich“, so Jan Rathje, Experte zum Thema Verschwörungsideologien bei der Amadeu Antonio Stiftung.

 

Rechte Politiker bedienen antisemitische Verschwörungen

Soros – ein gebürtiger Ungar – sei ein „Feind des Volkes“, erklärte der ungarische Premierminister Viktor Orbán beispielsweise einmal. Während des Wahlkampfes im Frühling 2018 erkor Orbán den Milliardär zu seinem wichtigsten politischen Gegner – anstelle der heimischen Opposition. Die Hetz-Kampagne gegen Soros und sein Engagement führte schließlich so weit, dass das Büro der Soros-Stiftung von Budapest nach Berlin verlegt wurde. Immer wieder wird der Vorwurf erhoben, der Investor würde durch seine finanzielle Unterstützung von zivilgesellschaftlichen Organisationen die einzelnen Länder absichtlich ins Chaos stürzen wollen.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs begann Soros Institutionen in den Ländern des ehemaligen Ostblocks zu gründen. Sie sollten helfen, den jungen Demokratien öffentliche Strukturen zu verschaffen. Was anfangs bescheiden mit Büchern, Filmförderung, Kopiergeräten und Stipendien begann – einer der Stipendiaten war ausgerechnet Viktor Orbán –, wurde zu einer der größten politischen Hilfsaktionen aus privater Hand. Bis schließlich die „Open Society Foundation“ gegründet wurde.

Allerdings wird nicht nur in den Balkanstaaten gegen Soros gehetzt. Auch in Österreich verbreiten hochrangige FPÖ-Politiker antisemitische Verschwörungstheorien über den US-Amerikaner. Und auch in Deutschlands rechter Ecke muss man nicht lange suchen: Pegida, Querfrontler*innen, Neonazis, die sogenannte „neue“ Rechte und Teile der AfD, sie alle werfen Soros vor, für den Zuzug von Migrant*innen in Deutschland verantwortlich zu sein. Sie alle eint der irre Wahn, dass die europäische Stammbevölkerung durch (islamische) Migrant*innen ausgetauscht werden solle. Demnach migrieren Menschen beinahe ausschließlich aufgrund einer geheimen Mission – die von Soros gesteuert sei.

 

Auch die AfD teil Verschwörungstheorien zu Soros Quelle: Screenshot Miro Dittrich

 

 

Soros lautstarke Kritik an George W. Bush und dessen Einmarsch im Irak machte ihn schließlich auch bei den Republikaner*innen in seiner Wahlheimat zur Persona non grata. Inzwischen ist er auch in den USA zur Zielscheibe geworden. Jan Rathje meint: „George Soros wurde der Familie Rothschild beim antisemitischen Mythos an die Seite gestellt. Es mag sein, dass sein gesellschaftliches Engagement gut zum Feindbild des ‚Gutmenschen‘ passt.“ Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass Soros vor allem von Trump-Anhänger*innen, der Alt Right und konservativen bis rechtsextremen Medien als Feindbild auserkoren wurde.

Glenn Beck beispielsweise, ehemaliger Star beim konservativen US-TV-Sender Fox News, bezeichnete Soros in einer Drei-Stunden-Special-Sendung, ausgerechnet am 9. November 2010 als perfiden „Puppenspieler“. Mit seinem Geld manipuliere er Gewerkschaften, Demokrat*innen, den Präsidenten, ja, ganze Staaten, mit dem Ziel eine geheime Weltregierung zu installieren, „obszöne Profite“ zu machen und „Amerika in die Knie zu zwingen“. Weiter behauptet der TV-Hetzer, Soros’ Mutter habe sich geschämt, Jüdin zu sein. Ihr Sohn habe, als christlicher Junge getarnt, im faschistischen Ungarn geholfen, Juden zu töten. Es ist eine gängige antisemitische Erzählung, dass Juden und Jüdinnen selbst schuld am Holocaust seien.

 

Der manipulative „Puppenspieler“, der im Hintergrund die Fäden zieht, ist ein uraltes antisemitisches Klischee. Quelle: Screenshot Youtube

 

Was genau wird Soros vorgeworfen?

International werfen Nationalist*innen Soros vor, er würde weltweit Chaos verbreiten und Staaten und Regionen destabilisieren, um daraus dann finanzielle Gewinne zu schlagen. „Fast immer wo Soros Investitionen und seine Stiftungen kommen, folgen bald Probleme. Im Grunde ist Soros eine Einmann-Illuminaten-Maschine,“ so der extrem rechte YouTuber Hagen Grell in der Übersetzung des Videos „Der MERKEL Plan ist George SOROS Plan für Europa“ auf seinem Kanal.

 

Hagen Grell unter seinem Video Quelle Screenshot Youtube

 

Soros gilt für viele rechte wie linke Verschwörungsideolog*innen als Symbol einer gierigen Finanzelite, die ohne Rücksicht auf Verluste nur auf ihren eigenen Gewinn bedacht ist. Zudem gilt er als Kopf der „Neuen Weltordnung“ (New World Order, NWO), der angeblichen Verschwörung zur Unterwerfung der Menschheit durch eine totalitäre Weltregierung, die durch eine globale Elite kontrolliert wird. Die NWO ist für Verschwörungsideolog*innen der böse Masterplan, der hinter allen Verschwörungs-Erzählungen steht.

Einer der harmloseren Kommentare unter dem Grell-Video Quelle: Screenshot Youtube

 

Der „Soros Plan“?

Ende 2017 ließ die Partei Viktor Orbans eine Volksbefragung durchführen, wie die Bevölkerung zum „Soros Pan“ stehe. Die Ungar*innen wurden unter anderem gefragt, ob Migrant*innen für kriminelle Vergehen milder bestraft werden sollten und ob europäische Sprachen und Kulturen verwässert werden sollten, damit die Integration illegaler Migrant*innen erleichtert werde.

Doch so einen Plan gibt es nicht. Der Wahrheit entspricht, dass Soros ein großzügiger Sponsor von Flüchtlings-Hilfsorganisationen ist und auch den Plan der EU unterstützt, syrische Geflüchtete im gesamten Verbund, Ungarn eingeschlossen, neu anzusiedeln. Belege für den „Soros Plan“ meinen Verschwörungsideolog*innen dennoch in Aussagen des Milliardärs über die europäische Migrationsbewegung selbst zu finden. Und auch die Regierung Orbáns bezieht sich auf aus dem Zusammenhang gerissene Zitate aus einer Reihe von Artikeln Soros’ aus unterschiedlichen Zeiten.

Und in der Tat kritisiert Soros die europäische Flüchtlingspolitik als chaotisch. Im Herbst 2015, zu Hochzeiten der europäischen Migrationsbewegung, schlug Soros die Aufnahme von jährlich einer Million Geflüchteten vor. Im Folgejahr, als die Zahlen deutlich rückläufig waren, plädierte er auf der Webseite „Project Syndicate“ für eine feste Quote von 300.000 Geflüchteten, die die EU-Staaten jährlich aufnehmen sollen. Bei einer ausreichenden Quote würden echte Asylsuchende genügend Chancen haben, auch aufgenommen zu werden, so Soros. Sie würden deshalb nicht versuchen, illegal einzuwandern. In jenem Text erklärt der Milliardär, dass die Flüchtlings-Zahlen in den kommenden Jahren nicht geringer werden. Als Ursachen nennt er unter anderem die Bevölkerungsabnahme in Europa und eine starke Bevölkerungszunahme in Afrika sowie den Klimawandel. Verschwörungstheoretiker*innen sehen darin einen Beleg dafür, dass Soros den bösen Plan zur Schaffung einer neuen Weltordnung verfolge.

Denn zur Umsetzung der NWO, so die Verschwörungstheoretiker*innen, ist Soros momentan dabei Europa zu destabilisieren indem er die Migrationsbewegung in die EU maßgeblich begünstigt und unterstützt. Damit solle das Christentum aus Europa und mit ihm die „weiße, christliche Rasse“ ausgelöscht oder zumindest unterdrückt werden. Nicht verwunderlich also, dass Soros in vielen Kommentarspalten, in Memes und in Videos als das personifizierte Böse dargestellt wird. Einige meinen gar, er sei einen Pakt mit dem Teufel eingegangen. Für andere ist er selbst der Teufel selbst.

 

Oftmals wird Soros auch als „Reptiloid“ dargestellt. Quelle: Screenshot

 

Alte antisemitische Klischees werden auf Soros übertragen

Bereits im frühen Christentum wurden „die Juden“ als Vertreter*innen des Bösen und Verbündete des „Antichristen“ bezeichnet. In dieser Funktion wurden Jüdinnen und Juden für alle möglichen Verbrechen und Schlechtigkeiten auf der Welt verantwortlich gemacht. Man warf ihnen vor, im Geheimen gegen das Christentum zu arbeiten. Sie wurden als Inbegriff des Bösen angesehen.

Verschwörungsideologien bauen heute immer auf dualistischen Weltbildern auf: Die Guten kämpfen gegen die Bösen (dazwischen befinden sich die Unwissenden). Wenn nun das Böse beschrieben werden soll, das im Geheimen wirkt, so kommen in Gesellschaften mit latentem Antisemitismus diejenigen Eigenschaften zum Vorschein, die in der Vergangenheit Jüdinnen und Juden als „Agent*innen des Bösen“ zugeschrieben worden sind. Teile dieser Eigenschaften sind durch das geschichtlich gewachsene Judenbild gleichzeitig Eigenschaften des Bösen. Wenn also das Bild der bösen Weltverschwörer*innen gezeichnet wird, dann handelt es sich dabei um eines, das durch wenige Pinselstriche zum „Juden“ konkretisiert werden kann – Bei Soros geht das ja ziemlich einfach, da er Jude ist.

 

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