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Berlin-Spandau Brandanschläge und Bombendrohung gegen selbstverwaltetes Wohnprojekt

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Feuer in der Jagowstraße 15, der zweite Brandanschlag in genauso vielen Wochen.
Feuer in der Jagowstraße 15, der zweite Brandanschlag in genauso vielen Wochen. (Quelle: Jagow15)

Schon wieder brennt es in der „Jagow15“, zum zweiten Mal in zwei Wochen: Im selbstverwalteten Wohnprojekt in der Jagowstraße 15 im Berliner Stadtteil Spandau wird in der Nacht vom 18. zum 19. April 2021 Feuer gelegt. Kurz nach 22 Uhr bemerkt ein Hausbewohner eine Rauchentwicklung von der am Seitenflügel anliegenden Garage und schlägt Alarm. Wenige Minuten zuvor waren andere Bewohner*innen noch im Innenhof. Die knappe Zeitlücke reicht aber offenbar für die Täter*innen aus: Die Garage und zwei Autos stehen in Flammen, die fast bis zum zweiten Stock reichen. Erst nach zwei Stunden kann die Feuerwehr den Brand vollständig löschen. Es ist Glück im Unglück, dass niemand verletzt wird.

Anders als in der Nacht vom 8. zum 9. April: Dieses Mal brennt es im Hausdurchgang, zwei Sofas und ein Tisch werden angezündet. Die Rauchwolken ziehen über das Treppenhaus bis in die Wohnungen des gesamten Vorderhauses. Ein Bewohner will sein Kind und seine Frau in Sicherheit bringen: Mit einer Leiter versucht er, aus dem Fenster des ersten Stockes herunterzuklettern, stürzt jedoch dabei und verletzt sich. Die Familie muss mit einer Rauchvergiftung ins Krankenhaus, auch andere Bewohner*innen erleiden eine Rauchvergiftung. Mit Feuerlöschern und Gartenschläuchen können Bewohner*innen das Feuer schnell löschen. In beiden Fällen gehen sie von einem rechtsextremen Tatmotiv aus.

Seit 2014 gibt es die „Jagow15“ in der jetzigen Form: Das Altbauhaus mit 24 Wohnungen wurde durch eine eigene Haus-GmbH gekauft und ist Teil des „Mietshäuser Syndikat“, eine kooperativ und nicht-kommerziell organisierte Beteiligungsgesellschaft, zu der bundesweit 163 selbstorganisierte Wohnprojekte angehören. Die „Jagow15“ ist selbstverwaltet: Die renovierungsbedürftigen Wohnungen werden gemeinsam instandgesetzt, die Gemeinschaftsflächen wie der große Innenhof zusammen gestaltet. Alle Entscheidungen werden über den Hausverein getroffen, den „Verein zur Förderung alternativer Publizistik und alternativer Lebensformen e.V.“ Ein Haus zum Mitmachen.

Rund 30 Menschen aus 18 verschiedenen Nationen wohnen aktuell unter dem Dach der „Jagow15“. „Wir sind sehr international: hier werden acht verschiedene Sprachen gesprochen“, erklärt Marlena, eine Bewohnerin des Hauses, im Gespräch mit Belltower.News. „Über die Jahre haben wir viele Menschen aufgenommen, die keine Wohnung hatten“, sagt sie. „Angesichts der angespannten Wohnsituation in Berlin ist das Haus zu einem sehr wichtigen Ort geworden“.

Das Haus ist das erste selbstverwaltetes Wohnprojekt im Randbezirk Spandau, die Adresse war aber im Stadtteil bereits einigen bekannt: Früher traf sich dort die „Alternative Liste“, die in die Partei die Grünen aufgegangen ist. Im Vergleich zu anderen bekannten Hausprojekten der linken Szene hat die „Jagow15“ die Öffentlichkeit aber bislang eher gemieden – abgesehen von dem einen oder anderen Plakat für „Fridays for Future“ oder die Kampagne „Deutsche Wohnen enteignen“ an der Tür. „Wir wollten nicht unbedingt nach Außen wirken. Wir sind eher ein Wohnprojekt“, so Marlena.

Beim zweiten Feuer brannte ein Schuppen mit zwei Autos im Innenhof des Wohnprojektes ab. (Quelle: Jagow15)

Doch die „Jagow15“ ist nun offenbar ins Visier der rechtsextremen Szene geraten. Seit Januar vermehren sich die Vorfälle im Kiez: Naziparolen wie „Arbeit macht frei“ oder Hakenkreuze werden an der Fassade und Hofdurchfahrt des Projektes geschmiert, Plakate gegen Rassismus werden von der Haustür abgerissen, immer mehr rechtsextreme Aufkleber tauchen im Viertel auf. Einige Bewohner*innen berichten, dass sie im Kiez bedroht und körperlich angegriffen worden sind. Und dann brennt es in der „Jagow15“ – zweimal. Das Wohnprojekt fühlt sich terrorisiert.

Wie ernst es die mutmaßlich rechtsextremen Täter*innen meinen, wird wenige Tage nach dem jüngsten Brandanschlag deutlich. In der Nacht vom 20. zum 21. April bemerken Bewohner*innen eine große Polizeipräsenz vor ihrer Tür: Behelmte und bewaffnete Beamt*innen sind im Einsatz. Die Bewohner*innen suchen das Gespräch mit den Polizist*innen, doch die Antworten bleiben zunächst sehr unkonkret. Erst auf wiederholte Nachfrage erfahren die Bewohner*innen, dass ein anonymer Anruf bei der Polizei eingegangen ist: Es Sprengstoffangriff soll auf das Haus stattfinden. Die Polizei findet nichts, nicht dieses Mal zumindest.

Inzwischen ermittelt der Staatsschutz, wie eine Sprecherin der Berliner Polizei Belltower.News bestätigte. Eine Anfrage an die Staatsanwaltschaft zu der Bombendrohung, den Hintergründen der Brandanschläge und möglichen Verbindungen zu ähnlichen rechtsextremen Anschlägen blieb bislang unbeantwortet. Doch einige Hausbewohner*innen haben bereits einen Verdacht, wer für die Brandanschläge verantwortlich sein könnte. „Ich denke schon, dass es einen Zusammenhang mit dem ‚III. Weg‘ gibt“, sagt Marlena. In den Wochen vor und nach den Brandanschlägen werden immer wieder Sticker der rechtsextremen Kleinstpartei rund um das Wohnprojekt geklebt. „Es muss eine sehr organisierte rechtsextreme Gruppe sein, dass sie eine solche Aktionsbereitschaft haben. Und in Spandau haben wir Leute von dieser Partei, die in der Nähe wohnen.“

Personen wie die Spandauer Neonazi Lilith E., die im „III. Weg“ aktiv ist und eine führende Position innerhalb der Partei haben soll. E. kennt schon eine Bewohnerin der „Jagow15“, Sieglinde, wegen ihres Engagements gegen Rechtsextremismus. Sieglinde ist beim „Spandauer Bündnis gegen Rechts“ aktiv, das unter anderem Gegendemonstrationen gegen den jährlichen „Rudolf-Heß-Gedenkmarsch“ organisiert. Im Gespräch mit Belltower.News berichtet Sieglinde, dass Lilith E. ihr gegenüber bereits öfter aggressiv und provozierend aufgetreten ist. „Sie ist unberechenbar und ist in der Vergangenheit schon handgreiflich geworden“, so Sieglinde.

Marlena und Sieglinde sehen auch eine Verbindung zur rechtsextremen Anschlagsserie im Berliner Stadtteil Neukölln, zu der seit 2016 mindestens 73 Straftaten und 23 Brandanschläge zählen. Anwohner*innen dort sprechen von einer regelrechten Terrorserie. Einer der Hauptverdächtigen, der Neonazi Sebastian T., ist inzwischen Mitglied des „III. Weg“. Fotos von Dezember 2020 zeigen T. zusammen mit Lilith E., wie sie gemeinsam Flyer der Partei in Südneukölln verteilen.

In der Zwischenzeit lebt das Wohnprojekt in Angst. „Die Situation nimmt uns alle sehr mit“, sagt Marlena. „Es ist sehr kräftezehrend. Und natürlich haben wir Sorgen, dass schon wieder etwas passiert“. Früher war das Haus ein offener Ort, Besucher*innen gingen ein und aus. Heute müssen Bewohner*innen ein robustes Sicherheitskonzept entwickeln und koordinieren: Personen aus anderen Gruppen, Hausprojekten und dem Mietshäusersyndikat übernehmen Nachtschichten, um das Gebäude rund um die Uhr zu bewachen. „Wir erleben viel Unterstützung, das ist wirklich super“, so Marlena. Das Wohnprojekt sammelt auch Spenden für brandschutzgerechte Schlösser und Türen sowie weitere Rauchmelder und eine Bewegungsmelderanlage für den Hof. Und die Bewohner*innen hoffen, dass es nicht zu einem dritten Brand kommt.

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