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Bräuche jenseits des „Judä-Christentums“

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In der Nacht auf den 21. Dezember richtete die rechtsextreme Szene in Niedersachsen gleich zwei Sonnwendfeiern aus, um, wie sie sagen, mit dem vermeintlich „arteigenen Brauchtum“ den „arteigenen Glauben“ wieder zu erfahren ? jenseits des „Judä-Christentums“.

Die Heidegaststätte „Eickhof“ in Niederhaverbeck ist keine schlechte Adresse. Idyllisch gelegen ist sie auch, inmitten von Eichen und Buchen. Genau in dieser Idylle richtete die „Artgemeinschaft – Germanische Glaubensgemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung“ ihre Vorweihnachtsfeier aus. Den Ort hatte die Gemeinschaft, der Rieger seit Jahren vorsteht, auf der Einladung nicht namentlich genannt. Wie im vergangenen Jahr hieß es nur: Eintritt für Kinder bis 12 Jahren frei. Am Nachmittag trafen denn auch im „Eickhof“ etliche Familien ein. Überaltert wirkte der Verein, dem angeblich 500 Mitglieder angehören, nicht. Für 70 Personen war die Veranstaltung ausgerichtet, erzählt der Wirt hinterher und sagt: „Die waren schon oft hier“. Kuchen stellte der Wirt, Gebäck mit vermeintlich heidnischer Symbolkraft brachten die Anhänger der „Artgemeinschaft“ mit. Gegenüber des „Eickhof“ war schon am Nachmittag das Holz für das Feuer aufgeschichtet worden. Später im Feuerschein machte der Met die Runde.

Auch in Eschede, keine Autostunde vom „Eickhof“ entfernt, kamen NPD und „Freie Kameradschaften“ zur Wintersonnenwendfeier zusammen. Hier feierten sie mal wieder am Ortsrand auf dem Bauerhof des NPD-Freundes Joachim Nahtz. Dessen Adresse ist eine der langjährigen Anlaufstellen für die Szene. Mit Kaffee und Kuchen begannen auch bei Nahtz die Feiern, unter anderen ausgerichtet von der „Kameradschaft Celle 73“, den „Snevern Jungs“ und den „Düütsche Deerns“. Über 220 Kameraden und Kameradinnen reisten an ? teilweise mit Kindern. Im beheizten Festzelt lauschten sie einem Liedermacher, später stellten sie sich in Zweierreihen auf und entzündeten Fackeln. Unter Trommelklang marschierten sie so durch ein Spalier von schwarzen Fahnen und umkreisten das aufgeschichtete Holz.

Met und Bratwurst im Feuerschein

„Wie bereits unsrer Ahnen vor tausenden von Jahren feierte man die Wiedergeburt des Lichts“, heiß es später auf einer Szenewebsite. Gedichte und Verse wurden vorgetragen wie „Flamme, speise unser Leben! Flamme, glühe uns im Blut“. Met und Bratwurst soll bis zum nächsten Tag gereicht haben. Im Schein des Feuers versprachen sie sich, dass man sich im Kampf um Deutschlands Zukunft ganz auf die „Männer und Frauen neben sich im Kreis“ verlassen könne.

In jenen Nächten der Sonnenwendfeiern am 21. Juni und 21. Dezember verwebt die Szene Politik und Religion zu einem Event, das Identität stiften und Ideologie festigen soll. So berichtet ein „Kamerad“ von einer früheren Sonnenwendfeier in Halle (Sachsen-Anhalt): „In der Eröffnungsrede wurde deutlich auf die Naturgesetze hingewiesen und von unserer Rolle als völkische Deutsche in der Zukunft gesprochen“. Mit Methorn wurde dann auf „Götter, Ahnen und unsere Gemeinschaft“ angestoßen.

Die Bedeutung der Brauchtumspflege betont Rieger immer wieder, denn durch die Bräuche und Riten würde die ureigene Religion erlebbar und das „Brauchtum“ sei schließlich die „Wurzel unserer Kultur“, des „Germanentums“. Mit den germanischen „Sonnenwendfeiern, Wettkämpfen und Sportwettkämpfen“ gelänge, die „Anbindung an die Natur“ und Verwurzelung mit „unserem Grund“.

„Europas alte Götter“ neu entdeckt

Nach 1945 war heidnisch-germanisches Brauchtum wenig in der rechtsextremen Szene zu finden. Erst in den 1980er Jahren entdeckten extrem rechte Publizisten „Europas alte Götter? wieder. Die Intention benannte der neu-rechte Theoretiker Karlheinz Weißmann: „Eine Politik ohne mythische Letztendbegründung ist gar nicht möglich.“ Der Tenor des Studienrat aus Northeim impliziert aber keine Instrumentalisierung von den Mythen. In der völkischen Ideologie verschmelzten rechtsextreme Politik und heidnische Glaube, um gegen die Entfremdung des „germanischen Menschen“ von seinem vermeintlichen Wesen und Glauben durch das „Juda-Christentum“ anzutreten. Bereits1834 ahnte Heinrich Heine welche Spannung im „Odin versus Juda“ liegt: „Wenn einst der zähmende Talisman, das Kreuz, zerbricht, dann rasselt wieder (?) die unsinnige Berserkerwut und (?) Thor mit dem (?) Riesenhammer zerschlägt die gotischen Dome. Wenn Ihr dann das Gepolter und Geklirre hört, hütet Euch“. Völkische Politiker wie Paul Förster brachten 1871 die „arteigenen Götter? offen gegen die fremden Götzen des „Juden-Christentums“ und der Aufklärung in Stellung, die die Entfremdung des „Deutschen? von Ahnen, Volk, Brauchtum, Glaube und Natur vorangetrieben hätten. Zur Wintersonnenwende 1900 warnte er vor dem „Juden-Christentum“ durch das der „moderne Mensch“ entstanden wäre und die Idee das alle Menschen die gleichen Rechte hätten. Ihre Parole: „Ohne Juda, ohne Rom, bauen wir Germaniens Dom“.

Heute sind in der Szene – dank der Popularisierung der Mythen von neu-rechten Theoretikern – jene Götter wieder präsenter im Kampf für das „Deutschtum“ und gegen die „Christianisierung“. Längst ist es besonders bei jüngeren NPD und Kameradschaften en vogue Tätowierungen von Odin auf der Haut, oder die Triskele als Schmuck um den Hals zu tragen. Im Juni 2008 debattieren in der NPD-Monatszeitung „Deutschen Stimme“ auch Leser übers Heidentum. „Ich halte es für beachtenswert“, so Enrico Günther, „wenn sich Jugendliche wieder zu unseren heidnischen Religionen hingezogen fühlen. Es ist unsere Religion, unser Glauben. Er streckt in unserem Blut, unserem Boden und in der Natur“. Und er betont „Christus ließ die Odineichen fällen, doch unserer Jugend wird sie wieder pflanzen“. Die verbotene Rechtsrockband „Landser“ grölte schon früh: „Wir wollen euren Jesus nicht, das alte Judenschwein. (?) Walvater Wotan wird Germanien befrei?n“.

Proteste in Eschede

Diese politische Aufladung des Heidentums ist der „Artgemeinschaft“ seit ihrer Gründung 1951 eigen. Die heidnisch-völkische Glaubensgemeinschaft, die nicht offensiv Mitglieder außerhalb der Szene wirbt, betont selbst: „Die Artgemeinschaft ist kein ‚Schönwetterverein‘, der friedlich bei Kaffee und Kuchen ein wenig von der Vergangenheit schwärmt.“ Sie seien „ein Kampfverbund“. Beim Eintritt muss man die „Volkszugehörigkeit“ angeben. Nicht ohne Grund: In ihrem „Sittengesetz“ verpflichten sie sich: „Das Sittengesetz in uns gebietet gleichgeartete Gattenwahl, die Gewähr für gleichgeartete Kinder“. Rieger, der etliche Schriften zur „Artgläubigkeit“ verfasste, betont zudem: „Andere Religionen mögen „Züge“ haben, „die wir gutheissen“ können, aber es würde „immer (?) Abweichungen zu unseren Auffassungen geben, die nur mit Gewalt (…) mit unseren Gedanken in Einklang gebracht werden könnten“. Der Grund für ihn: „Ganz einfach, weil sie von andersrassigen Menschen geschaffen wurden“.

Glauben Rechtsextreme an die germanischen Götter? Die Aussagen von Kameraden sind in der Studie „Religiosität bei rechtsextrem orientierten Jugendlichen“ von Stefan von Hoyningen-Huene unterschiedlich. Uta Döring betont in der Untersuchung „Angstzonen ? Rechtsdominierte Orte aus medialer und lokaler Perspektive“ besonders, dass in der Szene die Sonnenwende als große emotionale Events angenommen werden. So weist sie auf einen Bericht hin, in dem es heißt: Die Männer fällten einen Baum, die Frauen sammelten mit den Kindern Feldblumen für Kränz, dann eröffnete der „Gemeinschaftsführer“ die Sonnenwendfeier mit Trinksprüchen: „Auf die Götter! Auf die Ahnen! Auf die Gemeinschaft!“. Selbst die jüngsten unter den Kindern schwiegen vor Andacht, heißt es und „Viele brachten eigene und zitierte Sinnsprüche vor“.

In Eschede löste die Feier mehrere Proteste aus. Den Abend beeinflussten sie nicht. Im Juni 2009 wollen die Rechtsextremen dort wieder ihr Feuer zünden.

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