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Braune Szene Hacker knackten „Blood and Honour“-Netzwerk

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Blood and Honour offline; Foto: H. Kulick

Der sogenannten Daten-Antifa ist am Freitag, dem 29. August, ein großer Schlag gegen die Neonazi-Szene gelungen. Nach eigenen Angaben konnten die Hacker „in einer aufwendig vorbereiteten Nacht-und-Nebel-Aktion“ insgesamt die Daten von über 30.000 Neonazis kopieren. Darunter sollen sich auch etwa 500 deutsche Mitglieder befinden, die das Netzwerk trotz des Verbotes weiterhin genutzt haben. Die Daten enthalten zum Teil versteckte Forenbeiträge, gespeicherte IP-Adressen und sogar eine komplette Datenbank zur Abfrage privater Nachrichten, Fotos und E-Mail-Adressen der einzelnen Nutzer. Der Server des B&H-Netzwerks war bislang immer streng abgeschirmt gewesen und nur die Mitglieder von B&H hatten Zugang über ein Passwort. Durch die Veröffentlichung im Internet kann nun jeder die Daten einsehen. Der Einblick in die Strukturen eines weltweit agierenden Neonazi-Netzwerks kann vor allem auch für Ermittler und Verfassungsschützer sehr wertvoll sein.

Die Vereinigung „Blood and Honour“ wurde ursprünglich in den 80er Jahren in Großbritannien gegründet, operiert aber heute weltweit. Auch deutsche Neonazis waren entscheidend am Aufbau beteiligt und besetzten wichtige Positionen. Über das Netzwerk werden Konzerte von rechtsextremen Bands organisiert. Es dient aber vor allem der Verbreitung nationalsozialistischen Gedankenguts. Vor allem über Musik und Zeitschriften sollen Jugendliche für die rechte Szene gewonnen werden. Schon allein der Name spricht dabei Bände über die Gesinnung der Vereinigung: „Blut und Ehre“ war der Leitspruch der Hitlerjugend. Die Mitglieder von B&H haben zudem den Ruf, dass sie zu den „Härtesten“ der rechten Szene gehören. In Deutschland wurde Blood and Honour im September 2000 als verfassungsfeindliche Organisation eingestuft und ist deshalb verboten. Dass hinderte aber die deutschen Neonazis offensichtlich nicht daran, weiter bei B&H aktiv zu sein. Wie aus den gefundenen Daten hervorgeht, gründeten sie den Nachfolger „Division 28“. Die 28 steht dabei für den zweiten beziehungsweise achten Buchstaben des Alphabets, also für B und H.

„Absoluter Schlag gegen die organisierte rechte Szene“

Günther Hoffmann. damals Zentrum Demokratische Kultur, sagte zur „Frankfurter Rundschau“, dass aufgrund des Verbots von „Blood and Honour“ in Deutschland „einige Leute im rechtsextremen Umfeld, darunter sicher auch Aktivisten der NPD, sehr nervös werden“. Die Tragweite dieses Schlags sei aber überhaupt noch nicht abzusehen. Einige NPD-Funktionäre dürften trotzdem schon weiche Knie haben. Denn die NPD bemüht sich stets darum, Kontakte zu B&H geheim zu halten, um die Legalität der Partei nicht zu gefährden. Dass diese Kontakte dennoch bestehen, ist unumstritten. Selbst der Parteichef Udo Voigt hielt Reden vor ungarischen B&H-Anhängern. Laut Hoffman hätte es zudem bis heute kaum Möglichkeiten gegeben, zu beweisen, dass B&H weiterhin aus Deutschland operiere. Deshalb seien vor allem die Datensätze aus Deutschland von besonderem Interesse und der erfolgreiche Datenklau beinahe sensationell: „Es wäre natürlich ein absoluter Schlag gegen die organisierte rechte Szene, wenn jetzt die Weiter-Existenz der deutschen Blood and Honour-Division nachgewiesen würde.“ Die Auswertung der Daten könne für die Mitglieder erhebliche strafrechtliche Folgen haben. Außerdem könnten eventuell ganze rechtsextremistische Strukturen offengelegt werden.

Katharina König vom Jenaer Aktionsbündnis gegen Rechts erwähnte der „Frankfurter Rundschau“ gegenüber, dass es nun wohl Beweise gebe, dass B&H-Konzerte immer noch in Deutschland stattfinden. Außerdem würden sich auch deutsche Neonazis an der Organisation solcher Konzerte im Ausland beteiligen. Viel erschreckender aber sind die sogenannten „Red-Watch-Listen“, die sichergestellt wurden. Neonazis sammeln gezielt Informationen über ihre politischen Gegner und stellen diese ins Netz. Teilweise kann man komplette Namen und Adressen auf diesen Seiten finden. Katharina König glaubt, dass die Polizei „ihre Schlüsse daraus ziehen“ werde, auch wenn die Daten illegal beschafft wurden. Außerdem hoffe sie, dass es nun endgültig Beweise dafür gebe, dass eine B&H-Division aus Deutschland geführt wird.

Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums erklärte am Samstag, dass die Sicherheitsbehörden wie gewöhnlich den Hinweisen auf extremistische und verfassungsfeindliche Aktivitäten nachgingen. Gerd Lang, Sprecher des Thüringer Verfassungsschutzes, sagte, dass seine Behörde sich für die Ergebnisse der Aktion interessiere, weil damit wohl feststünde, dass B&H trotz des Verbots in Deutschland weiterhin aktiv sei. Lang sagte dazu: „Sollten sich die Einschätzungen bewahrheiten, wären die Daten von großem Interesse, um Strukturen aufzuhellen.“ Das Problem dabei ist, dass es zwar strafrechtlich verfolgt werden kann, wenn eine Person in einer verbotenen Gruppe aktiv ist, aber die Daten nicht als Beweise gewertet werden können, da sie illegal beschafft worden sind.

Morddrohung aufgefunden

Auf den gehackten Seiten des Netzwerkes „Blood and Honour“ gibt es offenbar auch gezielte Angriffe gegen zahlreiche Mitglieder der linken Szene. Wie die sächsische Landtagsabgeordnete Julia Bonk (Linke) der Nachrichtenagentur ddp am Montag in Dresden sagte, wurde sie darüber informiert, dass in dem Netzwerk sowohl ihre Privatadresse als auch ihre Telefonnummer veröffentlicht wurde.
Weiter hätten Benutzer geschrieben, dass sie sich nicht wundern solle, wenn es Unfälle oder Vorfälle um sie gebe, sagte Bonk, die sich schon seit mehreren Jahren intensiv gegen Rechtsextremisten engagiert.

Sarah Köneke

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf dem Portal „Mut gegen rechte Gewalt“ erschienen (2002-2022).

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