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Demonstration Gedenken an Stanislav Tomáš in Berlin thematisiert Antiziganismus in Europa

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Mal Élevé rappt beim Gedenken an Stanislav Tomáš in Berlin: „Qui, qui nous protège de la police?” (Quelle: R. Fava)

Qui, qui nous protège de la police?” rappt Mal Élevé auf Französisch und Deutsch vor der Tschechischen Botschaft in Berlin letzten Freitag: Wer schützt uns vor der Polizei? Schon am Vormittag hatten Organisationen von Roma:Romnja und Sinti:Sintizze zu einer Mahnwache aufgerufen, um an den Tod von Stanislav Tomáš zu erinnern. Stanislav Tomáš war am 19. Juni 2021 in Teplice gestorben, nachdem ein Polizist mehrere Minuten auf ihm gekniet hatte. Am Nachmittag versammelten sich auf den Aufruf eines hauptsächlich von Selbstorganisationen getragenen politischen Bündnisses etwa 100 Personen, um zu gedenken, von den tschechischen Behörden Aufklärung und von der deutschen Gesellschaft Anteilnahme und aktiven Einsatz einzufordern. Die Sprache, in der Schutz vor der Polizei – als Organ, das zum Schutz geschaffen ist – eingefordert wird, spielte keine Rolle, Missachtung und Misshandlung durch die Polizei kennen Roma:Romnja in allen Ländern. „#Act4RomaLives! Gemeinsam gegen Polizeigewalt“ war das Motto.

Die Allgegenwart von Gewalt gegen Roma:Romja

Mal Élevé wird vom Sprecher der Kundgebung als Manouche vorgestellt, als Angehöriger der vor allem in Frankreich und der Schweiz lebenden Roma:Romnja. [Manche kennen ihn vielleicht als einen der Sänger der Band Irie Révoltés und politischen Aktivisten.] Wie Mal Élevé („schlecht erzogen“) in seinem Song thematisierten alle Redner:innen aus unterschiedlichen Communities der Roma:Romnja die Allgegenwärtigkeit von Polizeigewalt oder auch den fehlenden Schutz durch die Polizei. Der Schauspieler Murat Dikenci, unter anderem aus dem Maxim Gorki Theater und dem Ballhaus Naunynstraße bekannt, berichtete von seinem eigenen Erlebnis mit der tschechischen Polizei vor vielen Jahren: Nachdem er von Faschisten überfallen worden war, verweigerten Polizisten die Aufnahme einer Anzeige. Ihre rechtsextremen Tattoos versteckten sie dabei nicht (vgl. sein Post auf Facebook).

Andere Sprecher:innen waren Isidora Randjelović und Svetlana Kostić von der feministischen Initiative PomaniPhen. Wie andere Roma:Romnja waren sie eigentlich als Teilnehmer:innen gekommen und wurden wie weitere Aktivist:innen aus anderen Städten und auch England zum Sprechen aufgefordert. Auf Deutsch und Tschechisch wurde das Grußwort von Aktivist:innen aus Tschechien vorgelesen und auf Englisch der Beitrag einer Romni aus Spanien vorgespielt.

Trauer und Wut standen im Mittelpunkt der Beiträge, und alle Redner:innen spannten einen großen Bogen von Alltagsdiskriminierung bis zum Genozid an den Roma:Romnja und Sinti:Sintizze sowie seine unzureichende Aufarbeitung. Als explizite Geste der Solidarität wurde daher der Redebeitrag von Ruben Gerczikow gesprochen und aufgenommen, jüdischer Aktivist gegen Antisemitismus und Rassismus, der den nationalsozialistischen Mord an geschätzt 500.000 Roma:Romnja und Sinti:Sintizze in ganz Europa thematisierte. Der Künstler, Roma- und Queer-Aktivist Gianni Jovanović, dessen Familie aus dem ehemaligen Jugoslawien eingewandert ist, reiste eigens aus Köln an und berichtete von den massiven Gewalterfahrungen, die in allen Generationen seiner Familien präsent sind. Er selbst erlebte als kleines Kind einen Brandanschlag auf das Wohnhaus seiner Familie. Für ihre Kinder wünschten sich alle Teilnehmer:innen, dass diese ohne Gewalt und Diskriminierung aufwachsen könnten. Die Sprecher:innen einer Jugendgruppe fragten rhetorisch, wann die Fußballwelt anfangen werde, die Flagge der Roma:Romnja in den Stadien zu hissen.

Leugnung der Polizeigewalt und Instrumentalisierungsvorwurf in der taz

Zwei der prominenten weiteren Themen waren einerseits der gut 800-seitige Bericht der Antiziganismus-Kommission (abzurufen als PDF unter bundestag.de), der gerade im Bundestag vorgestellt worden ist, und ein Artikel in der taz zum Mord an Stanislav Tomáš. Während der Bericht zum Anlass genommen wurde, die unverzügliche Umsetzung der dort formulierten Empfehlungen zu fordern, kritisierten der Mitorganisator der Kundgebung, Hamza Bytiçi, und andere den taz-Beitrag „Tschechiens George Floyd?“ als rassistisch. Gerade weil er selbst in der taz geschrieben habe, so Bytiçi, erschrecke es ihn besonders, dass ein sich liberal oder links verstehenden Blatt den Roma:Romnja die Instrumentalisierung der Erinnerung an George Floyd vorwerfe.

Der Artikel der taz-Auslandskorrespondentin für die Tschechische Republik, Alexandra Mostyn, thematisiert zwar die Allgegenwärtigkeit des Rassismus gegen Roma:Romnja, sieht aber keinen Zusammenhang zum Tod Stanislav Tomáš‘ und der Gewalt beim Polizeieinsatz. Der Polizist habe auf dem Nacken, nicht auf dem Hals gekniet, und Tomáš sei laut Autopsie „eindeutig an einer Überdosis“ Drogen gestorben. Beides bedeutet jedoch nicht, wie die Autorin folgert, eine „Kausalität zwischen Polizeieinsatz und Hautfarbe schein[e] in diesem Fall etwas zu konstruiert, da der Einsatz eindeutig auf das Verhalten und nicht die Herkunft des Mannes zurückzuführen“ sei. Es ist gerade das Merkmal rassistischer polizeilicher Handlungen, bei Angehörigen rassistisch diskriminierter Gruppen sehr viel rabiater vorzugehen als bei den meisten anderen Einsätzen und die körperliche Unversehrtheit der Betroffenen noch weniger zu achten. Dies ist eingebettet in allgemein verbreitete rassistische Fantasien über eine besondere Gefährlichkeit, Rohheit und Stumpfheit der rassifizierten Menschen, die besondere Härte erforderlich machten. Zudem ist nicht klar, warum die Autorin meint, das Gewicht eines Menschen auf dem Nacken könne keine tödlichen Folgen haben bzw. eine Wirkung entfalten, die mit anderen Stressfaktoren zusammen zum Tod führt.

Die vollständige Aufklärung des Falls ist gerade die Hauptforderung der Aktivist:innen. „Auch wenn […] keine Beweise oder Indizien aufgetaucht sind, die die offizielle Version anzweifeln, halten Roma-Aktivisten daran fest, ihren „George Floyd“ gefunden zu haben. Sie versuchen, den Tod des jungen Mannes zu instrumentalisieren, um auf die Probleme der Roma in Tschechien aufmerksam zu machen,“ urteilt Mostyn hingegen, ohne eine Untersuchung abzuwarten, die sogar vom Europarat gefordert wird. Obwohl sie im Folgenden ausführlich die Tiefe des Antiziganismus beschreibt, zieht sie das Fazit: „Es ist der alltägliche Rassismus, der den Roma in Tschechien den Atem nimmt und sie nach unten drückt.“

Verharmlosung des eliminatorischen Hasses gegen Roma:Romnja

Auffällig ist, dass die Autorin nicht formuliert „den Atem nimmt und sie erstickt“, sondern lediglich vom Druck nach unten schreibt. Sie verallgemeinert außerdem vom konkreten Fall Tomáš auf „die Roma“ als eine lediglich ins gesellschaftliche Unten gedrückte Gruppe. Der Gedanke an Mord soll nicht aufkommen, scheint es. Den Alltagsrassismus gegen Roma:Romnja bezieht Mostyn lediglich allgemein auf „die Tschechen“ und „die Mehrheitsgesellschaft“, von den Institutionen und der Polizei schreibt sie nicht. Dies geht weiter mit einer befremdlichen Erzählung ihrerseits einher: „Die Roma wurden nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Slowakei nach Tschechien geholt. Sie sollten unter anderem den Bevölkerungsverlust ausgleichen, der durch die Vertreibung von 3 Millionen Deutschen entstanden war.“ Dies ist, bei aller Verkürzung, richtig, unverständlich ist aber, dass die Autorin den Zweiten Weltkrieg selbst gar nicht thematisiert. Damit vermeidet Mostyn erneut, von Mord zu sprechen, von der Vernichtung der tschechischen Roma:Romnja, die von den Deutschen initiiert und durchgeführt wurde, in der konkreten Umsetzung aber wie überall in Zusammenarbeit mit den kollaborierenden Polizei- und anderen Kräften vor Ort erfolgte:

[„Nach dem Befehl zur “Bekämpfung des Zigeunerunwesens” registrierten Protektoratsgendarmerie und -Polizei in Zusammenarbeit mit den Bezirks- und Gemeindebehörden vom 1. bis 3. August 1942 auf Anweisung der deutschen Kriminalpolizei alle “Zigeuner, Zigeuner-Mischlinge und nach Zigeunerart Lebenden”. Sie erstellten umfangreiche Dokumentationen, füllten Fragebögen in tschechischer und deutscher Sprache aus, machten Fotos und nahmen Fingerabdrücke. Insbesondere sollten die Gendarmen und Polizeibeamte besondere Sorgfalt in Bezug auf Daten zum familiären Hintergrund, die drei Generationen zurückreichen mussten, walten lassen.“ (vgl. holocaust.cz) Als „Protektorat Böhmen und Mähren“ wurden diejenigen Teile Tschechiens bezeichnet, die Deutschland 1939 de facto annektiert und mit beschränkter Selbstverwaltung versehen hatte; bereits 1938 waren die deutsch besiedelten Teile des Landes auch de jure annektiert worden. Grundlage für die Kollaboration der tschechischen Organe bei der Vernichtung war der lange vor der deutschen Besatzung bestehende Antiziganismus. Dieser lebte auch in der sozialistischen Tschechoslowakei fort und endete keinesfalls mit der Gründung der Tschechischen Republik 1993.

Die Kritik am taz-Artikel haben Isidora Randjelović und Jane Weiß nun auch im Migazin veröffentlicht und sie ist mehr als berechtigt: Weder scheint die Autorin ein echtes Verständnis von institutionellem und speziell polizeilichem Rassismus zu haben, noch zeigen sich in der Veröffentlichung Empathie und ein Bewusstsein und die Marginalität der Roma:Romnja-Communities. Warum bleibt es nicht einfach bei dem Hinweis, dass womöglich vorschnell von Mord gesprochen wird? Warum nimmt der Artikel den Opfern von Rassismus ein Instrument, aus dem sie Stärke und Aufmerksamkeit beziehen? Wie verbreitet ist eine enge Bezugnahme auf George Floyd in der Roma:Romnja-Community überhaupt? Die Kritik an der angeblichen Instrumentalisierung George Floyds speist sich bei der Autorin nicht aus der Sorge darum, Schwarze Opfer zu relativieren bzw. Spezifika des ubiquitären Rassismus gegen Schwarze zu nivellieren oder sich gewissermaßen etwas anzueignen, das ihnen nicht zukomme. Eine solche Kritik ist in Teilen der Schwarzen Communities zu hören, die sich dagegen aussprechen, einen Slogan wie „Roma Lives Matter“ zu verwenden. So bleibt die Motivation unklar, warum die taz einen Artikel publiziert, der sich dagegen verwahrt, dass es sich um einen Mord oder zumindest Totschlag gehandelt haben wird und dass dabei Rassismus ausschlaggebend war.

Verweigerung der Aufarbeitung

Die Aberkennung von Rassismus als Motiv für einen brutalen Polizeieinsatz und das Schweigen über den nationalsozialistischen Mord an den Roma:Romnja erinnern an die Jahrzehnte, in denen Roma:Romnja-Aktivist:innen „Opferkonkurrenz“ und eine Instrumentalisierung der Erinnerung an den Mord an den Juden:Jüdinnen vorgeworfen wurde. In einer Gesellschaft, die den Genozid an den Roma:Romnja ignorierte und sogar als Maßnahme zur Bekämpfung von Kriminalität verkehrte und die Auseinandersetzung mit dem Genozid an den Juden:Jüdinnen in möglichst kleinem Rahmen halten wollte, mussten Roma:Romnja es selbst leisten, an ihre Verfolgung und Vernichtung zu erinnern. Unterstützung erhielten sie am ehesten von Juden:Jüdinnen, die die Leidensgenoss:innen in den Konzentrationslagern nicht vergessen hatten. Selbst nach der offiziellen Anerkennung des Völkermord 1982 passierte nicht viel.

Während die Autorin über den Genozid an den Roma:Romnja nichts zu sagen weiß, kann sie aber an die „Vertreibung von 3 Millionen Deutschen“ aus Tschechien erinnern, die von Vertriebenenfunktionären immer wieder als Völkermord bezeichnet wurden. Diese Opfer haben, mit den geflüchteten und vertriebenen Deutschen aus den Nachbarstaaten, gerade ein eigenes „Dokumentationszentrum Flucht Vertreibung Versöhnung“ erhalten. Ob die Mitwirkung der oft so genannten Volksdeutschen an den nationalsozialistischen Verbrechen thematisiert wird oder der im Konzept genannte „Kontext der nationalsozialistischen Expansions-, Vernichtungs- und Lebensraumpolitik“ und die vorgesehene Thematisierung der „Vernichtung der Juden sowie der Sinti und Roma“ abstrakt bleiben, kann die Verfasserin noch nicht einschätzen. Welchen Anteil hatten die Vertriebenen daran, dass von den etwa 6500 Roma:Romnja Tschechiens nach dem Krieg nur noch 600 am Leben waren – vor allem diejenigen, die in den Widerstand gegangen waren?

Die Proteste weiten sich aus

Etwas zu salopp schreibt die taz-Autorin „Der „tschechische George Floyd“ verfüge offensichtlich über eine weitaus niedrigere Methamphetamin-Toleranz als das amerikanische Vorbild, das Roma und Menschenrechtsaktivisten seit dem Zwischenfall beschwören“, als habe Tomáš selbst Schuld und sich ein falsches Vorbild genommen. Denn der Begriff „Vorbild“ trägt hier nicht und verschiebt erneut die Schuld, höchstens nahm sich der Polizist in Teplice den Polizisten in Minneapolis zum Vorbild. Die Kundgebung Freitag endete mit einer Schweigeminute für Stanislav Tomáš, aber die Proteste fangen erst an, und in Stuttgart forderte ein breites Bündnis am Samstag Gerechtigkeit für Stanislav Tomáš. (vgl. Facebook-Ankündigung)

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