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Denkmal für ermordete Sinti und Roma Eine Mahnung für die Zukunft

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Blumen bei der Eröffnung des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma (Quelle: Alice Lanzke)

Ein ruhiger Kreis aus Wasser, aus dem auf einer dreieckigen Stele einsam eine Blume empor steigt, dazu gebrochene Geigenklänge – das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas hat etwas Eigenwilliges. 67 Jahre nach dem Völkermord an den Sinti und Roma wurde es am Mittwoch in Berlin von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Rahmen eines Festakts der Öffentlichkeit übergeben. Merkel nannte die Wasserfläche „einen See stummer Tränen“. Vor der Eröffnung des Mahnmals war zwei Jahrzehnte lang über Kosten und Gestaltung gestritten worden. Angesichts der Tatsache, dass Sinti und Roma auch heute noch ausgegrenzt und verfolgt werden, ist dieser Streit umso ärgerlicher.

Kaum ein Redner verzichtete denn auch bei dem Festakt zur Eröffnung des Mahnmals darauf, auf den langen Entstehungsprozess hinzuweisen. So erklärte etwa Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU): „Die Errichtung des Denkmals war ein langer und schwieriger Weg. Nun ist aber ein Erinnerungszeichen von besonderer Bedeutung entstanden.“ Für Berlin Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) schließt sich mit dem Mahnmal eine „der letzten Lücken in der Erinnerungskultur für die Opfer der Naziverbrechen“. Wowereit plädierte dafür, das Denkmal als Mahnung zu verstehen, keinen Rassismus gegenüber Sinti und Roma zuzulassen.

„Die Gesellschaft hat nichts gelernt“

Genau diesen aktuellen Rassismus sprach Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, in seiner Rede an: „Jener Rassismus wendet sich nur vordergründig gegen Sinti und Roma. Tatsächlich aber richtet er sich gegen unsere Demokratie.“ Das Denkmal sei Ausdruck der Verpflichtung, Antiziganismus genauso zu ächten wie Antisemitismus. Rose erinnerte daran, dass es in Deutschland keine einzige Familie unter den Sinti und Roma gebe, die nicht einen direkten Angehörigen durch den Völkermord der Nazis verloren habe.

Soni Weisz, einer der letzten 100 Überlebenden, schilderte eindrücklich und erschütternd, wie er seine Mutter, seinen Vater und seine Geschwister verlor: Sie wurden nach Auschwitz gebracht, während er wie durch ein Wunder mit seiner Tante überlebte. Nie werde er den Ausdruck seines Vaters bei ihrer letzten Begegnung vergessen – er habe schon im Zug nach Auschwitz gesessen. Solche Bilder und Schilderungen gehören zu den Schicksalen der nationalsozialistischen Verbrechen, die lange vergessen waren. „Wenig weiß die Welt über den Völkermord an den Sinti und Roma“, rief denn auch Weisz aus. Noch beschämender aber sei, dass die Gesellschaft nichts daraus gelernt habe: „Sonst würde man jetzt auf andere Art und Weise mit uns umgehen!“

Die Diskriminierung heute

Dazu passt, dass „Pro Asyl“ anlässlich der Eröffnung dazu aufrief, das Denkmal als Anstoß zu nutzen, um über die heutige rassistische Diskriminierung von Roma in Europa nachzudenken. „Das Denkmal darf nicht zum Symbol für ein gedankenloses Gedenken verkommen“, sagte Günter Burkhardt, Geschäftsführer von „Pro Asyl“. Die Organisation kritisierte den anhaltenden Druck der Europäischen Union auf Serbien und Mazedonien, Asylgesuche ihrer Staatsbürger zu verhindern. Erst vor kurzem hatte Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) mit dem Vorstoß Schlagzeilen gemacht, Asylbewerberinnen und Asylbewerber aus Serbien und Mazedonien abzuschrecken und dazu ihre Zahlungen zu kürzen. Laut „Pro Asyl“ sind unter ihnen vor allem Roma.

Auch die Amadeu Antonio Stiftung stellt fest, dass die Berichterstattung und öffentliche Meinung über Sinti und Roma überwiegend fremdbestimmt sei. Dabei herrschten oft Schlagwörter wie „nicht integrierbar“, „bildungsfern“ oder „unprofessionell“ vor. Die Stiftung stellt aus diesem Anlass zwei Initiativen vor, die dieser fremdbestimmten Meinungspolitik entgegen treten wollen: das 2011 gegründete Rroma Informations Centrum e.V. und die seit 2009 bestehende Initiative Rromnja. Mehr über beide Initiativen gibt es hier.

Doch nicht nur in Deutschland werden Sinti und Roma diskriminiert. Auch aus Ländern wie Ungarn und Frankreich häufen sich Berichte über Proteste und Gewalt gegen sie. Umso aktueller wird auch die Bedeutung des nun eröffneten Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas: nicht nur im Gedenken an die Vergangenheit, sondern auch als Mahnung für Gegenwart und Zukunft.

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