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Die Idealbesetzung. Thorsten Heise verbindet höchst erfolgreich rechtsextreme Politik- und Kulturarbeit.

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Heise, 1969 geboren, wuchs in Göttingen auf und schloss sich dort Mitte der achtziger Jahre den Skinheads an. Noch heute schwärmt er von seiner Jugend, wie er mit Freunden auf dem Marktplatz herumlungerte und soff. Heise war einer jener Skins, bei denen damals die Ideologisierungs- und Werbungsversuche der Neonazis auf fruchtbaren Boden fielen. Der FAP-Kader Karl Polacek wurde sein Mentor, von ihm übernahm er später den niedersächsischen Landesvorsitz der Partei. Damals war Heise auch noch selbst gewalttätig. 1988 wurde er wegen des Überfalls auf einen türkischen Jugendlichen verurteilt. 1990 hatte er wieder ein Ermittlungsverfahren am Hals, weil er versucht hatte, einen libanesischen Asylbewerber zu überfahren. Heise ging in die DDR, ließ sich nacheinander an verschiedenen Orten nieder, baute dort Zellen der FAP auf. „Die NPD war damals noch auf dem Trip, nur Postfächer zu gründen“, sagt er im Rückblick. Kein Wunder also, dass die FAP-Aktivisten bei der Jugend besser ankamen. Nach knapp einem Jahr wurde er von Zielfahndern in Ostberlin gestellt.

Im Februar 1995 war es mit seiner Partei vorbei, mit Heise nicht. „Wir haben nach dem Verbot der FAP nach neuen Organisationsformen gesucht“, sagt er ganz offen. Heise baute die Kameradschaft Northeim auf, die zur mitgliederstärksten in Niedersachsen wurde. Er wurde Kontaktmann für das Skinhead-Netzwerk Blood&Honour in Deutschland und organisierte weiter Rechtsrock-Konzerte. Im Oktober 1995 etwa gelang es ihm, in seiner Heimatstadt mehr als tausend Skinheads zu einem Konzert zu versammeln. Mit der Polizei lieferte man sich zu jener Zeit gern „Schnitzeljagden“, über versteckte Hinweise und SMS-Botschaften wurde das Publikum zu geheimen Versammlungsorten gelotst. Auf dem dänischen Plattenlabel eines Blood&Honour-Aktivisten erschien 1997 unter dem Titel „Northeim Live Vol. 2“ ein später indizierter Konzertmitschnitt. Der erste Song auf dem Album war ein Klassiker aus dem Liederbuch der SA: „Blut muss fließen“.

1998 gründete Heise einen „Großhandel für Bild- und Tonträger, Geschenkartikel, Militärbekleidung und -schuhe, Campingartikel“. Sein WB-Versand (Werbeslogan: „Der Versand aus unserer Mitte“) hat heute eine große Bandbreite rechter Musik im Angebot. Nein, gibt sich Heise bescheiden, viel Geld verdiene er damit nicht. „Wir sind ein kleiner Betrieb.“ Jedenfalls nagt er nicht am Hungertuch, vor ein paar Jahren hat er im thüringischen Fretterode ein altes Herrenhaus gekauft.

Im Herbst 2000 wurde das Blood&Honour-Netzwerk verboten, Heises Geschäfte liefen weiter. Ja, sagt er, er vermittle auch weiterhin Bands für Konzerte, aber das seien bloß Freundschaftsdienste. 2003 wurde am Frankfurter Flughafen eine Lieferung von 5.000 CDs mit volksverhetzendem Inhalt abgefangen, deren Besteller nach Angaben der Staatsanwaltschaft Heise war. 2004 war er beteiligt an der „Aktion Schulhof“, bei der Neonazis 50.000 CDs kostenlos verteilen wollten. Zur NPD, sagt Heise, habe er immer gute Beziehungen gepflegt. Schon seit Jahren hat er auf ihren Demonstrationen gesprochen. Heute ist er im Bundesvorstand der Kontaktmann zu den Freien Kameradschaften ? und damit eine Idealbesetzung.

An der Parteibasis, vor allem bei den in die Jahre gekommenen Mitgliedern in Westdeutschland, sind Leute wie Heise immer noch umstritten. Die NPD-Spitze weiß um das Problem. Voigt wirbt in fast allen seinen Reden um Verständnis für die (Ex-)Skinheads. In der Deutschen Stimme erschien, als die Partei sich öffnete, ein ausführlicher Artikel, der den Alten die Musik der Jungen erklärte. Schon die Überschrift „Wir hören keinen Punk“ macht klar, welche Vorbehalte da abgebaut werden sollten. Im Fettdruck wird ein Lied der Band Triebtäter zitiert, die sich bei Erscheinen des Artikels längst aufgelöst hatte, deren Text aber viele Altnazis angesprochen haben dürfte: „Für die Fahne mit den alten Farben, unter denen schon die Väter starben, für das Schwarz, das Weiß und das Rot, gehen auch wir bis in den Tod.“

Der Artikel räumt ein, es gebe „auch rechte Skinheads, die sich asozial verhalten und gewalttätig werden“, doch sei dies nur Reaktion auf staatliche Verfolgung, und „die Masse“ entspreche „nicht den über sie verbreiteten Lügen“. Die NPD müsse, so der Autor, diese Jugendlichen auffangen und resozialisieren. Er gesteht das instrumentelle Interesse der Partei: „Nationale Musiker schaffen zunehmend das, was der nationalen Politik und Publizistik niemals wirklich gelang: nämlich die kulturelle Hegemonie der Linken wenigstens im Ansatz zu brechen.“ Sein Appell lautet: „Trotz aller Kritik braucht die nationale Opposition ? die rechte Gegenkultur!“

Auszug aus dem Buch Moderne Nazis. Die neue Rechte und der Aufstieg der NPD (Köln 2005)
Nachdruck mit freundlicher Genehmigung von Kiepenheuer&Witsch

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