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Dresden 2009 Schaulaufen der rechtsextremen Szene

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Der Wiener Platz vor dem Dresdener Hauptbahnhof ist länglich und unübersichtlich. An Samstag, den 14.02.2009, strömen Tausende von Rechtsextremen aus allen Richtungen auf den Treffpunkt ihrer Demonstration zu, die sie „Trauermarsch“ nennen, organisiert von der „Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland“. Aber eigentlich ist es ein Schaulaufen der NPD, die ihren Wahlkampf mit diesem Fanal startet.

Rechtsextreme vieler Stile

Die insgesamt rund 6.000 Rechtsextremen, die hier eintreffen, kommen aus ganz Deutschland, einige aus Österreich und Tschechien, es sind Menschen jeden Alters und jeder subkulturellen Couleur. Sie kommen aus Kameradschafts- oder Partei-Zusammenhängen. Viele tragen die schwarze Montur „Autonomer Nationalisten“ mit schwarzem Käppi mit Buttons, Kapuzenpulli, Palästinensertuch, die Mädchen dazu wasserstoffperoxidblondierte Nazi-Girlies mit zahlreichen Piercings, daneben Altnazi-Omis im Pelz, Staubmantel- und Scheitelträger stehen neben „völkischer Jugend“, die Männer in Zimmermannshosen und die Frauen mit Flechtzöpfen, Filzjacke, Trachtenrock und Wanderstiefeln. Auch stiernackige Rechtsextreme in klischeehaftem Skinhead-Outfit sind längst noch nicht ausgestorben, allerdings ist leicht zu erkennen, dass moderne Szenemarken wie „Thor Steinar“, „Eric & Sons“ oder „Pit Bull“ an den Demonstrationsteilnehmern und -teilnehmerinnen inzwischen weit mehr Geld verdienen als etwa die ehemalige Kultmarke Lonsdale. Sehr viele der Versammelten allerdings sehen auch aus wie jedermann, zeigen äußerlich durch nichts ihre menschenverachtende Lebenshaltung, verwirrend für Gegner und Polizei und inzwischen beliebte Taktik, um sich Akzeptanz zu erschleichen, bevor richtig agitiert wird. Sie haben Kinder dabei, Hunde, alle dürfen mit.

Viele ungerührte Passanten

Während die vielen Neonazis sich am Hauptbahnhof sammeln, geht der Bahnverkehr weiter. So schieben sich immer wieder Passanten durch die rechtsextreme Menge, viele gucken überraschend ungerührt, die wenigsten empört – ein Vorgeschmack auf die kommenden Stunden. Nur wenige linke Gegendemonstranten haben es bis zum Aufmarschort geschafft, sie schwenken Israel-Fahnen, eine Gruppe „Autonomer Nationalisten“ stellt sich mit einer Palästina-Flagge gegenüber, ein absurdes Bild.

NPD: Geschlossenheit wenigstens demonstrieren

Die rechtsextremen Funktionäre nutzen die Gelegenheit, um eine Geschlossenheit zu demonstrieren, die es längst nicht mehr gibt, weil derzeit diverse Grabenkämpfe in der Szene brodeln. Hinter der Kundgebungsbühne lassen sich Fraktionen betrachten, NPD-Bundesvorsitzender Udo Voigt steht mit Sachsens NPD-Fraktionschef Holger Apfel zusammen, während wenige Schritte weiter Voigts Herausforderer Andreas Molau sich angeregt mit dem neuen DVU-Chef Matthias Faust und NPD-Mulitifunktionär Peter Marx unterhält. Später werden sie alle gemeinsam ein Transparent tragen, was natürlich noch geschlossener aussieht. Zum Auftakt darf Holger Apfel ein paar Worte sagen, in denen er es spielend schafft, die angebliche „Trauer“ der Rechtsextremen über die Toten Dresdens mit zwei Lieblingsthemen der Neonazis zu verbinden, dem Antisemitismus und dem Antiamerikanismus. Dann kann es losgehen, wohlgeordnet, in Blöcken und Reihen, mit schwarzen Fahnen, wegen der „Trauer“ und um darauf stolz die Orte zu präsentieren, aus denen die aufgelaufenen Neonazis stammen. Die Rechtsextremen wollen bürgerlich und anschlussfähig erscheinen, was schwer fällt, wenn etliche Demonstrationsteilnehmer gewaltbereit und stiernackig aussehen und zahlreiche mehr oder weniger frische Blessuren vergangener Kämpfe tragen. Allerdings reihen sich ab und zu doch ältere Passanten-Ehepaare in den grausigen Zug mit ein, und das passiert öfter, als das jemand mal etwas gegen die Rechtsextremen sagt.

Dresden funktioniert als Bühne

Denn Dresden ist an diesem Samstag eine gute Bühne für die Neonazi. Ihre Demonstration wird mitten durch die Innenstadt geführt, durch eine Fußgängerzone, die mit fleißigen Einkäuferinnen und Einkäufern gut gefüllt ist. Die bleiben am Neonazi-Marsch stehen, lesen die Plakate, die vom „Bombenholocaust“ schwadronieren, Phantasieopferzahlen verkünden, Großvätern danken und auch die „deutschen Mütter“ nicht vergessen wollen. Dazu sagen sie nichts. Sie gucken nicht mal groß betroffen oder unangenehm berührt. Wenn die Ampel auf grün springt, hält die Demo an und die Passanten laufen hindurch. Es ist ein absurdes Schauspiel.

Alles bleibt still

Später führt der Weg durch ein Wohngebiet. Die Polizei hat alle Straßen gründlich abgeriegelt, so kommt kein Protest zu den Nazis durch. Allerdings ist der auch sowieso an anderem Ort, die Gegenveranstaltung GEH DENKEN ist in einem anderen Teil der Altstadt, die Antifa-Demo ist längst von der Polizei eingekesselt. So können die Rechtsextremen die Straßen für sich behaupten und sich an der Macht ihres Marsches freuen. Anwohner schauen aus den Fenster. Auf die Idee, ein Plakat aus dem Fenster zu hängen oder einfach nur mal „Nazis raus“ zu rufen, kommt keiner.

Ausschweifende Selbstfeier in der Menschenleere

Ein ähnliche Bild herrschte bereits am Abend zuvor, als das „Aktionsbündnis gegen das Vergessen“ zum „Trauermarsch“ lud. Die Veranstaltung der „Freien Kräfte“ und Kameradschaften konnte rund 1000 Neonazis mobilisieren und setzte noch mehr auf mystische Primboriumssymbolik. Nazi-Mädchen trugen einen Trauerkranz, dahinter „Kameraden“ in Skelett-Kostümen mit Kreuzen in den Händen. Nur die Fackeln sahen etwas dürftig aus, dreißig durften die Rechtsextremen auf tausend Teilnehmende mitnehmen, Thomas „Steiner“ Wulff verteilt sie eifrig, Christian Worch läuft mit einer am Ende der Kundgebung. In den menschenleeren Straßen konnten die Rechtsextremen völlig unkommentiert Kreisaufstellungen vornehmen, kreischend agitieren und zur Schweigeminute auffordern – hier war die Straße wirklich ihr Gebiet.

Die Demokraten mussten draußen bleiben

Da mutet es ironisch, fast sogar bitter an, dass beim Eintreffen auf der Gegenkundgebung des GEH DENKENs gerade DGB-Chef Michael Sommer kernig auf der Bühne ruft: „Wir geben keinen Fußbreit der Straße den Neonazis!“ Allerdings sind auf dem Theaterplatz vor der Semperoper wenigstens 10.000 Menschen, die das rechtsextreme Gedankengut klar verurteilen wollen. Ihre Fahnen und Ballons sind bunt. Franz Müntefering (SPD), Claudia Roth (Grüne) und Gregor Gysi (Linke) wettern gegen Neonazis und ihre Ideologie, dann tanzen die Demokraten zur „Banda Communale“ und Rolf Stahlhofen. Allerdings wollen dann auch alle nach Hause, es ist bitterkalt und von überall kommen geflüsterte Gerüchte, wo überall noch Neonazigrüppchen in der Stadt gesichtet worden sind, die jetzt wirklich keiner mehr treffen will.

Nachtrag 1

Während die Neonazis während der Veranstaltung striktes Gebot ihrer Führung hatten, keine Gewalt auszuüben, um ihre „Anschlussfähigkeit“ unter Beweis zu stellen, zeigten rechtsextreme Demonstrationsteilnehmer hinterher auf dem Autobahnrastplatz Teufelsstuhl bei Jena in Thüringen wieder ihr nicht nur menschenverachtendes, sondern auch konkret gewalttätiges Gesicht: Sie überfielen zwei Busse des Deutschen Gewerkschaftsbundes, die von der Gegenveranstaltung GEH DENKEN kam und auf dem Weg nach Hessen und Nordrhein-Westfalen waren.
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| Presseschau

Nachtrag 2

Auf Indymedia gibt es den Bericht einer Dresdner Anwohnerin, die von ihrer Angst zu protestieren schreibt, weil der Neonaziaufmarsch streckenweise kaum von Polizei begleitet wurde. Tatsächlich hat die Polizei sich auf das weiträumige Absperren des Demonstrationsgebietes beschränkt und begleitete nur ausgewählte Teile des Zuges, etwa einen rund 100 Personen umfassenden „schwarzen Block“ „Autonomer Nationalisten“, der offenbar polizeibekannt war, weil er sich optisch nicht stark von großen Teilen der Demonstration unterschied. Dass durch eine solche Polizeitaktik die Zivilcourage der Anwohner geschwächt wird, weil sie fürchten, selbst Opfer rechtsextremer Gewalt zu werden, ist verständlich und zeigt zugleich, dass hier neue Strategien und Ideen gefragt sind, damit es möglich bleibt, trotzdem die Ablehnung rechtsextremen Gedankenguts zum Ausdruck zu bringen.

Zum Thema:


| Bildergalerie – Der Neonaziaufmarsch in Dresden am Samstag, den 14. Februar 2009


| Bildergalerie – Der erste „Trauermarsch“ der Kameradschaften am Freitag

| Kommentar: Dresden 2009 – Signal der Hilflosigkeit

Weblinks:

| Videos von den „Trauermärschen“ am Freitag und Samstag auf Spiegel Online

Zweifelhaftes Gedenken auf dem Heidefriedhof

Auf der offiziellen Gedenkveranstaltung der Stadt Dresden auf dem Heidefriedhof am Freitag, den 13.02.2009, legten Stadt und Rechtsextreme Seite an Seite Kränze nieder, berichtet npd-blog.info
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