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Eine kleine Kulturgeschichte Von Schwarzen und Bananen

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Die semantische Brücke Banane-Affe-schwarzer Mensch ist ein Relikt einer Animalisierung und Kategorisierung. (Quelle: flickr.com / Chez Pitch / CC BY-NC-ND 2.0)

 

 

Eine meiner ersten bewussten rassistischen Konfrontationen mit einer Gruppe fand an einem Bahnhof statt. Am Süd-Ausgang, zwischen Bahnhofsmission und Polizei, standen fünf oder sechs typische 90er-Jahre-Nazis unseres Alters. Springerstiefel, olivgrüne Bomberjacken und Lonsdale-Pullover, die sie ihr letztes Konfirmationsgeld gekostet haben muss. Sie riefen im Chor „husch, husch, husch, N* in den Busch“, als mein Freund und ich an ihnen vorbeimussten. Einer hielt eine Banane in der Hand. Er streckte sie uns entgegen und machte Affenlaute dazu. Wir passierten sie wortlos, die Augen geradeaus gerichtet. Aus hinreichend sicherem Abstand, den Fluchtweg im Blick, riefen wir ihnen unfreundliche  Mutmaßungen über die Berufe ihrer Mütter zu und rannten, was das Zeug hielt.

Noch lange nach diesem Erlebnis hielt ich rassistische Beleidigungen, die nahelegen, ich sei ein Affe, für nichts Besonderes. Dabei ist es eben diese Entmenschlichung schwarzer Menschen und PoC´s, die koloniale Machtbestrebungen plausibilisieren sollten und dies bis heute tun. Die Absicht war und ist es, eine ethisch-moralische Rechtfertigung für die Entrechtung, Unterwerfung, Ausbeutung und Ermordung ganzer Völker zu konstruieren. Man spricht Menschen davon frei, im Sinne einer christlichen oder humanitären Idee handeln zu müssen, weil es sich bei Schwarzen nicht um Menschen handle, sondern um Tiere. Ein zentrales Symbol dieser Animalisierung ist das, was uns damals am Bahnhof entgegengehalten wurde. Es ist das, was heute schwarzen Fußballspielern wie Dani Alves oder Mario Balotelli bei der Arbeit entgegenfliegt. Es ist das, woraus Josephine Bakers Rock 1926 in „La Revue Nègre“ gemacht war: Bananen!

So wenig wie die Kartoffel mitteleuropäischen Ursprunges ist, so wenig ist die Banane afrikanischen Ursprungs. Es war Alexander der Große, der mit seinem Heer durch Asien zog, Kriege führte und nebenbei auch auf den Geschmack der Frucht kam. Ab dem dritten Jahrhundert vor Christus findet sie auch in Europa Abnehmer und wird in altgriechischen und römischen Schriften erwähnt. Erst mit der Ausbreitung des Islam im siebten Jahrhundert nach Christus findet die Banane über Madagaskar den Weg auf das afrikanische Festland. Hier in Europa war sie lange Zeit der Inbegriff der Exotik und unterstrich in Medien, Literatur und bildender Kunst das Ferne, Fremde schlechthin. Bürgern der DDR wurde eine Sehnsucht nach der Frucht angedichtet, in welcher sich ihre Unfreiheit versinnbildlichte.

Mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert wurde auch das christliche Dogma der monogenetischen Entstehungsgeschichte der Menschheit in Frage gestellt. Leider war das Ergebnis neuer Erklärungsansätze eine Polygenese, die eine Art Menschen-Ranking nahelegte. Menschen verschiedenen Aussehens haben demnach unterschiedliche Ursprünge und entsprächen unterschiedlichen Arten. Ganz unten auf den letzten Plätzen des Rankings fanden sich unter anderem schwarze Menschen. Ihnen wurde die Begabung zur Vernunft gänzlich abgesprochen. Mit „wissenschaftlichen Mitteln“ versuchte man anhand äußerlicher Merkmale die Positionen der Menschen in dem Klassifizierungsmuster der weißen Europäer und Nordamerikaner (Rechtfertigung der Sklaverei) zu festigen.

Vor dem Hintergrund dieser allgemein anerkannten Klassifizierungsmuster der Menschheit schien es nicht unlogisch, dass der Affe – der Fast-Mensch, dessen Lieblingsspeise die Banane angeblich ist – im Europa des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert am selben Ort wohnte, an dem auch afrikanische Menschen ausgestellt wurden: in Zoologischen Gärten, auf Volksfesten und in Varieté-Theatern. Sie waren Anschauungsmaterial, tierähnliche Wesen und Zivilisierungsprojekte, mit denen der fortschrittliche Mensch sich seiner Macht über die Natur versichern konnte. Körperliche Eigenschaften konnten nun vom Volk besichtigt werden, was zur Untermauerung der rassistischen Klassifizierungsmuster hervorragend geeignet schien und das Selbstbild des Europäers als hoch- und das des Afrikaners als minderentwickelt festigte.

Die semantische Brücke Banane-Affe-schwarzer Mensch ist ein Relikt dieser Animalisierung und Kategorisierung. Sie wurde in unzähligen Filmen, Cartoons, Büchern und Witzen reproduziert. Und sie sitzt tief. Kaum ein weißer Mensch hat sich beim Essen einer Banane in Gedanken schon einmal mit der Sichtweise seiner Mitmenschen auf ihn befasst. Ich schon! Ich setzte das mir aufgezwungene rassistische Denkmuster fort, indem ich mich beim Essen einer Banane in der Öffentlichkeit frage, ob ich gerade rassistische Denkmuster reproduziere. Ich bin wahrlich nicht stolz auf mich, aber das Beispiel zeigt auch, dass der Rassismus um mich Spuren in mir hinterlässt. Spuren, die ich am liebsten verleugnen würde.

Leider zeigt die Realität, dass mein Gefühl mich nicht gänzlich täuscht. Denn offenbar fühlen sich manche Menschen noch genötigt, den Unterschied zwischen Affen und schwarzen Menschen zu unterstreichen, damit auch ja keine Missverständnisse aufkommen. Auf einer Internetplattform namens mamacommunity.de klagt eine Frau ratlos: „Wenn Leon einen dunkelhäutigen Mensch sieht, sagt er automatisch Affe zu ihm … also bis jetz is mir des nur immer aufgefallen wenn der fernseh läuft! (…) Wir haben hier im Haus selber nur Türken, italiener usw.“

Der Ratschlag einer Mutter lautet: „…zeige ihm doch mal 2 bilder. einmal von nem affen und nem dukelhäutigem. dann soll er dir sagen was der unterscheid zwischen den beiden ist….das heißt Fell bzw haare. hände usw.“

Und eine andere empfiehlt: „Beschreibe ihm doch dass Menschen die dunkelhäutig sind auch reden können usw.“

Wie Leon zu Bananen steht, ist nicht überliefert!

Der Autor und Moderator Sami Omar schreibt und arbeitet zu den Themen Migration, Integration, Rassismus und Diskriminierung für Print und Online-Medien. Er tritt als Referent zu diesen Themen auf und moderiert Veranstaltungen aus Politik und Kultur. Sami Omar ist Kampagnenreferent und Mitarbeiter eines Fachdienstes für Integration und Migration bei einem deutschen Wohlfahrtsverband. 2016 erschien sein zweites literarisches Werk „Geht schon, danke“. Seine Kurzgeschichten erscheinen in Literaturzeitschriften, Anthologien und sind Teil seines abendfüllenden Bühnenprogramms, mit dem er deutschlandweit auftritt. Sami Omar wurde 1978 als Sohn eritreischer Eltern im Sudan geboren und wuchs als Kind deutscher Eltern im schwäbischen Ulm auf. sami-omar.de

 

Titelbild: flickr.com / Chez Pitch / CC BY-NC-ND 2.0

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