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Fassungslose Eltern Wenn Kinder Neonazis werden, braucht ihr Umfeld Hilfe

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Die ganze Zeit hat die Frau im grauen Pulli mit der Pferdeschwanz-Frisur ruhig am Tisch gesessen, die Diskussion aufmerksam verfolgt, und auch sehr ruhig, oder besser: beherrscht, von der Geschichte ihres Sohnes erzählt. Doch dann bricht es aus ihr heraus: „Können Sie sich vorstellen, wie das ist, wenn wieder einmal das Telefon klingelt und das Krankenhaus dran ist? Und dann fährt man wieder hin, und da liegt er auf der Bahre, in voller Montur mit Bomberjacke und Springerstiefeln, sturzbetrunken, lädiert nach der letzten Schlägerei – eine Katastrophe!“ Sie schweigt. Sie schaut runter, auf den Tisch. Und murmelt: „Aber es ist doch mein Sohn.“

Hardy Krüger schaut die Mutter aus der Pfalz betroffen und mitfühlend an. Der deutsche Hollywoodstar ist nach Berlin gereist, um sich mit Eltern zu treffen, die von der EXIT-Elterninitative betreut werden. Die Initiative für die Eltern und das Umfeld rechtsextremer Jugendlicher gibt es seit einem Jahr. Sie ist aus dem Aussteiger-Projekt EXIT entstanden, als die EXIT-Betreuer immer öfter Anfragen erreichten: Wie sollen wir unserem Kind jetzt begegnen? Und wie rechtsextrem ist es eigentlich?

Hardy Krüger sucht das Gespräch mit den Eltern

Der heute 73-jährige Hardy Krüger ist zur Zeit des Nationalsozialismus aufgewachsen, seine Eltern waren selbst in der Partei. „Sie waren überzeugt, dass es Deutschland unter Hitler besser geht. Aber sie wollten niemandem wehtun“, sagt Hardy Krüger, „doch das haben sie.“ Die Eltern schickten ihn auf eine Nazi-Eliteschule, die Ordensburg in Sonthofen. Mit 15 Jahren wurde Hardy Krüger von Regisseur Alfred Weidenmann zur UFA nach Berlin geholt wurde: „Da hörte ich das erste Mal kritische Stimmen.“ Ein Wendepunkt für seine politische Überzeugung. Es erschüttert Krüger, so sagt er, dass Neonazismus und Rechtsextremismus heute noch ein Themen sind. Er fragt sich und die anwesenden Mütter: Was sind die Ursachen dafür?

Eine Frage, die sich die am Tisch versammelten Frauen jeden Tag stellen. Sie alle haben Söhne oder Töchter, die rechtsextrem sind. Sie alle mussten lernen, dass dieses Unglück überraschend über die Familie brechen kann – auch wenn das Umfeld stimmt, alles ganz „normal“ scheint. Jede sagt irgendwann im Gespräch etwas wie „Rechtsextremismus – das war für mich ganz weit weg. Ein Problem, das meine Familie nie haben kann.“ Wie es jeder denkt.

Wenn Kinder rechtsextrem werden

Und dann lernt die 14-jährige Tochter einen 52-jährigen Neonaziführer am örtlichen Imbiss kennen. Die Tochter begeistert sich für seine neuheidnischen Ideologien, berauscht sich an der Macht, die sie als Braut des Anführers hat. Das vermutet die Familie zumindest, denn die Tochter redet über ihren politischen Wandel nicht.

Die Mutter, eine zierliche Frau mit Silberohrringen im Tweed-Kleid, sackt optisch in sich zusammen, als sie erzählt: „Erst denkt man, es ist eine Phase. Dann sucht man Hilfe, und es gibt keine.“ Im Jugendamt schickte man sie weg, die Polizei sagte, sie könnten erst bei einer Straftat Umgangsverbot erteilen. Aber einen Detektiv zu engagieren, der eine sexuelle Beziehung nachweisen könnte, brachte die Mutter nicht übers Herz. „Es wäre wohl richtig gewesen, meine Tochter gleich am Anfang weit wegzubringen“, sagt die sie heute, „aber da dachte ich noch, es geht vorbei“.

EXIT-Elterninitiative: Beratung, Austausch, Information

Die Tochter blockiert seit drei Jahren jedes Gespräch über ihre politische Überzeugung. Da wird der Wunsch nach Informationen für die Eltern zur Spurensuche. „Dabei ist die EXIT-Elterninitiative so wichtig für mich. Endlich kann ich mit jemandem reden, Informationen erhalten, mich austauschen.“ Die MitarbeiterInnen der Initiative betreuen die Eltern telefonisch und persönlich, organisieren, wo möglich, Selbsthilfegruppen vor Ort und vermitteln Informationen über rechtsextremistische Ausdrucksformen in Seminaren und bald in einer Broschüre. Auch Argumentationstrainings sind für das nächste Jahr geplant.

„Sie ahnen gar nicht, wie wichtig so etwas für uns Eltern ist. Man fühlt sich so hilflos!“, sagt eine Mutter in sanftem Hessisch. Sie hat schnell gemerkt, was das für neue Freunde sind, die ihr 16-jähriger Sohn vor einem Dreivierteljahr mit nach Hause brachte. „Plötzlich fing er an, nach NS-Größen wie Hitler und Himmler zu fragen, und erwiderte auch gerne mal: ‚So wie du das erzählst, stimmt das nicht, Mutti. Hitler war doch ein guter Führer, der hat doch für Arbeit gesorgt.’“

Zuerst kommt die Hilflosigkeit

Die Mutter besorgt sich Bücher zum Thema, merkt aber, dass sie mit Vernunftargumenten nicht weiterkommt: „Da wird man doch verrückt, wenn der Sohn einem erwidert: Ach, für die Juden war das doch gar nicht grausam im Konzentrationslager, die dachten doch, sie gehen zum Duschen.“ Die Frau wirkt patent, praktisch, zupackend. Jetzt sitzt sie da, schüttelt den Kopf und sagt: „Ich habe seinen Freund eingeladen, der im Ort der Anführer ist. Mit dem wollte ich diskutieren. Er hatte auf alles, was ich infrage gestellt habe, eine Antwort. Es war beeindruckend. Es war erschreckend. Es hat mir solche Angst gemacht.“

In ihrem Dorf fühlt sie sich mit diesen Problemen völlig isoliert. „Die Leute wollen die Rechtsorientierung der Kinder nicht sehen, obwohl viele der Jungen inzwischen in voller Kostümierung durch den Ort laufen. Lehrer ignorieren rechte Sprüche und ermutigen die Jungen so noch.“

„Tun Sie nix aufrühren, dann kriegen wir ja Arbeit“

Diese Erfahrung hat auch die Mutter gemacht, deren Sohn seit sechs Jahren in der Szene ist und derzeit wegen Körperverletzung im Gefängnis sitzt. „Beim Jugendamt hieß es: ‚Wenn sie jetzt fünfzig Elternpaare wären, könnten wir vielleicht was tun, aber so?‘ Bei der Polizei sagten sie: ‚Tun Sie nix aufrühren, dann kriegen wir ja Arbeit.’“ Ihre Hände kneten beständig auf ihrem Schoß, aber ihre Stimme ist fest, als sie sagt: „Deshalb gehe ich auch in die Öffentlichkeit, gebe etwa Interviews – um die EXIT-Elterninitiative bekannt zu machen, damit möglichst viele betroffene Eltern nicht so lange alleine mit ihren Problemen bleiben müssen wie ich.“

Im Gespräch schaut sie immer wieder die hessische Mutter an, nickt wissend, sagt immer mal warnend, sie solle manche Phänomene nicht zu leicht nehmen. Auch ihr Sohn hat sich irgendwann noch verbieten lassen, sich eine Glatze zu schneiden. Oder die Springerstiefel weiß zu schnüren. Später war das fast noch das Harmloseste. Er hat sich „Hass“ auf die Handknöchel tätowiert, sich ständig geschlagen, die eigene Mutter bedroht, wenn er volltrunken nach Hause kam. „Jetzt sitzt er im Knast und sagt, dass er aus der Szene heraus will“, sagt sie leise, „ich möchte ihm das gerne glauben. Aber er hat mich so oft angelogen, es geht nicht mehr.“

Von der Gesellschaft stigmatisiert

Wenn die Mütter miteinander reden, gibt es einen Einblick, wie es in den von der EXIT-Elterninitiative organisierten Selbsthilfegruppen ist. „Ganz wichtig ist, dass man dort Menschen trifft, denen man nichts erklären muss“, sagt die Mutter aus Hessen, „denn natürlich fühlt man sich stigmatisiert. Früher dachte man ja selbst, es muss an den Familien liegen, wenn mit Kindern so etwas passiert. Jetzt martert man sich das Hirn, was man falsch gemacht haben könnte.“

Neben solch grundlegenden Problemstellungen gibt es den Alltag zu bewältigen. Dabei helfen die Einzelgespräche mit den EXIT-Elterninitiativen-Betreuerinnen. Weil es bei jeder Familie eine andere Ausgangsposition gibt, ist so eine individuelle Beratung sehr notwendig. Besteht noch Kommunikation zwischen Eltern oder Geschwistern und dem Kind? Wann ist es sinnvoll, dem Kind weiterzuhelfen, wann nützt eher das Stolpern lassen?

In Deutschland ist die EXIT-Elterninitiative ein Pilotprojekt – es gibt sonst bisher keine Anlaufstellen für das Umfeld rechtsextremer Jugendlicher. Im Moment betreut die Initiative rund fünfzig Elternpaare. Hardy Krüger wiegt den Kopf und sagt: „Sollten das nicht mehr sein?“ Es gibt natürlich auch Eltern, die den Rechtsextremismus ihrer Kinder ignorieren oder verdrängen, denen er gleichgültig ist oder die ihn sogar unterstützen. Bei den anderen verhindert oft die Scham, dass sie sich Hilfe suchen. „Dann ist es doch wichtig, Eltern über die Angebote der EXIT-Elterninitiative in Kenntnis zu setzen“, schlussfolgert Hardy Krüger. Die Mütter nicken. Der Schauspieler nickt auch – er wird sich Wege überlegen, die Elterninitiative zu unterstützen. Gedankenversunken geht er aus dem Raum.

Mehr im Internet:
www.exit-deutschland.de

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anettamut

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