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FIFA-WM, Woche 3 Reichsflaggenjubel, Twitter-Rassismus und der Hakenkreuz-Cannabis-Papst

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Was hat sich die Redaktion von "Bravo Sport" nur beim Titeln dieses Türschildes gedacht? (Quelle: Twitter #schlandunverkrampft, 03.07.2014)

+++Warnung: Dieser Artikel dokumentiert rassistische und diskriminierende Entgleisungen während der Fußball-WM. Deshalb enthält er an einigen Stellen rassistische und gewaltvolle Sprache+++

Übergriff in Brandenburg

Auf dem Gelände der Fachhochschule Brandenburg wurde am Montagabend das Achtelfinalspiel zwischen Deutschland und Algerien öffentlich übertragen. Der knappe Erfolg der deutschen Nationalmannschaft scheint die nationalen Glücksgefühle einiger Anwesender so sehr hervorgerufen haben, dass sie in ihrem Freudentaumel Nazi-Parolen von sich gaben. Ein 26-jähriger störte sich hieran und forderte die Unbekannten auf diese Rufe zu unterlassen. Darauf schlugen diese ihn zu Boden und traten weiter auf ihr schutzloses Opfer ein. Erst als Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes einschritten, ließen sie von dem Mann ab und liefen davon.

Autokorso mit Reichsflagge

In nationale Ekstase versetzte der deutsche Sieg auch einige ihrer Anhänger in Aschaffenburg. Die Insassen eines Fahrzeugs beim Autokorso in der Innenstadt waren in ihrem Stolz derart bestärkt, dass die simple schwarz-rot-goldene Beflaggung nicht mehr ausreichte. Stattdessen hielten sie während der Fahrt eine überdimensionierte schwarz-weiß-rote Fahne aus dem Fenster. Fast noch erstaunlicher als dieser Vorfall ist die Tatsache, dass dieses Foto unter www.main-netz.de noch mehrere Tage nach dem Spiel ganz unkritisch als Teil einer Sammlung an Party-Fotos zu finden war.

Das „Bravo Sports“-Türschild in ganzer „Schönheit“.

Rassistische Ausfälle auf Twitter

Doch nicht nur die Freude nach dem Spiel, sondern auch der Frust über den aus deutscher Sicht zähen Spielverlauf kann durchaus rassistische Ausfälle zur Folge haben. Auf Twitter echauffierte sich Lilly unter #GERALG über die Leistung der Nationalmannschaft mit Verweis auf den Gegner. Man spiele nicht gegen eine führende Fußballnation wie Frankreich oder Brasilien, sondern nur gegen die „Kameltreiber“ aus Algerien.  Und dies war noch einer der harmloseren Ausfälle, wie die Sammlung der schlimmsten rassistischen Tweets aus den Partien Deutschland gegen die USA und Deutschland gegen Algerien des Blogs Lichterkarrussell zeigt – nur für starke Nerven.

Wie ein finnischer Kommentator die deutsche Mannschaftsleistung umschreibt…

Einen schwerwiegenden Aussetzer leistete sich hingegen Mika Lehkosuo, Trainer des finnischen Rekordmeisters HJK Helsinki, bei seiner Tätigkeit als Fernsehexperte. Nach dem knappen Sieg der deutschen Mannschaft gegen die USA wurde er nach seiner Meinung zum Spiel gefragt. In einem misslungenen Versuch seine Deutschkenntnisse auf humoristische Art und Weise darzubieten antwortete er zunächst mit den Worten „Arbeit macht frei“. Auch keiner der Anwesenden im Studio protestierte angesichts dieser Wiedergabe eines KZ-Leitmotivs. Stattdessen ist auf dem Videomitschnitt sogar das Gelächter des Moderators der Sendung zu vernehmen.

USA: Fernsehsender aktiv gegen Homophobie mexikanischer Fans

Doch gibt es aus dem Ausland auch Positives zu vermelden. Wie bereits berichtet fielen die mexikanischen Fans in den vergangenen Wochen vermehrt durch homophobe Äußerungen, insbesondere bei Abstößen der gegnerischen Torhüter auf, die als „puto“ (dt. „Stricher“) betitelt wurden. Der spanischsprachige Sender, der für die Übertragung der WM-Spiele in den USA zuständig ist, wandte sich in einem offenen Brief an seine Zuschauer und distanzierte sich deutlich von den Sprechchören der mexikanischen Fans. Der Sport solle allen Zuschauern Freude bereiten – unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung.

Intention völlig unklar: Der Hakenkreuz-Cannabis-Papst von Kolumbien

Bereits in der vergangenen Woche war beim Spiel Kolumbien gegen Japan der bisher skurrilste Fan der WM zu Gast, den wir noch nachtragen müssen: Ein Hakenkreuz-Cannabis-Papst stand im kolumbianischen Gästeblog, wie FootballFanCast berichtete. Über seine Intention ist nichts bekannt, doch man kann es mit dem Kommentar des amerikanischen Portals „Sportgrid.com“ halten: „Und übrigens, einen extra päpstlichen Segen für die brasilianische Security, die diesen Mann ins Stadion gelassen hat. Großartiger Job! Viel Mühe gegeben!“ Wir sind gespannt, ob der heute noch einmal zum Spiel kommt.

Und so geht es weiter…

Heute abend spielt auch die deutsche Mannschaft wieder – diesmal gegen Frankreich. Auch hier gibt es bereits die ersten rassistischen Ausfälle zu vermelden:

Schreibt übrigens ein junges Mädchen, dass sich ansonsten vorgeblich beim Punk verortet.

Die Themen werden also leider nicht ausgehen…

Updates vom Wochenende

Auch das gewonnene Viertelfinalspiel Deutschlands gegen Frankreich bot am Wochenende wieder Anlass zu nationalistischen Ausfällen quer durch die Republik. In Aschaffenburg wurde nach dem knappen Erfolg das Weiterkommen von einem Anwesenden mit dem Hitlergruß gefeiert, mehrere Personen fielen außerdem durch „Sieg Heil“-Rufe negativ auf. In Saarbrücken wurde zum Autokorso direkt mal ein Militärfahrzeug beflaggt, anders kann man den Sieg gegen diesen historischen Gegner wohl auch nicht angemessen feiern.

Noch eine ganz andere Dimension hatte es allerdings, was sich am selben Abend in der Aachener Innenstadt abspielte. Gegen halb neun versammelten sich 70 Personen vor der rechten Hooligankneipe „Fiasko“ um ihre Verbundenheit mit einem Hooligan und Neonazi zu zeigen, der nach einem Unfall schwerverletzt im Krankenhaus liegt. Dabei zeigten mehrere Personen den Hitlergruß, zudem wurde eine Reichskriegsflagge geschwenkt. Als ein Antifaschist die anwesende Polizei auf diesen Sachverhalt hinweisen wollte wurde dieser aus der Gruppe heraus angegriffen. Nachdem er sich in die gegenüberliegende Kneipe „Promenadeneck“ zurückziehen konnte, attackierten die versammelten Rechten kurzentschlossen die Kneipe. Hierbei wurden mehrere Kneipenbesucher leicht verletzt und eine Scheibe ging zu Bruch. Als sich nach 15 Minuten die Polizei entschloss einzuschreiten, konnten sich die Angreifer unbehelligt ins „Fiasko“ zurückziehen.

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