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Media Empowerment for German Asians Empowerment-Räume für Jugendliche aus asiatisch-deutschen Communities

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Der Verein "korientation e.V." bestärkt Asiatische Deutsche - auch auf Instagram. (Quelle: Screenshot)

Zu Beginn der Ausbreitung des Corona-Virus war immer wieder davon zu lesen, dass asiatisch gelesene Menschen öffentlich angepöbelt, angespuckt und physisch angegriffen werden (vgl. Belltower.News). Diese rassistische Gewalt diesen Menschen gegenüber ist nichts Neuartiges, sondern hat auch in Deutschland eine sehr lange Geschichte (vgl. Belltower.News). Im Interview mit Kimiko Suda sprechen wir über die Kontinuität von Rassismus gegenüber asiatisch gelesenen Menschen in Deutschland, und sie erzählt von einem neuen Projekt namens „MEGA“, das von dem selbstorganisierten Verein „korientation e.V.“ ins Leben gerufen wurde. Der Verein wurde vor mehr als 10 Jahren in Berlin von koreanischen Deutschen gegründet, um vor allem Projekte im Kulturbereich durchzuführen und die Sichtbarkeit asiatischer Communities in Deutschland zu fördern. Kimiko Suda erzählt, wie mit der Zeit der Verein sich öffnete und Deutsche mit „mixed ethnic backgrounds“ Teil des Teams wurden und bereits mehrmals das Asian Film Festival in Berlin veranstalteten. Mit dem Projekt „MEGA“ hat „korientation e.V.“ nun ein Projekt auf die Beine gestellt, das erstmals nicht allein auf ehrenamtlichen Strukturen basiert, sondern von Bundesprogramm „Demokratie leben!“ gefördert wird.

Ein Medienprojekt als Empowerment

Wofür steht MEGA, und was bedeutet das?

MEGA ist die Abkürzung für Media Empowerment for German Asians. Im Projekt geht es darum, Jugendliche zu empowern, indem gemeinsam gelernt wird, wie mediale Räume gestaltet werden können. Weder in Schulen noch in Universitäten gibt es Wissen zu antiasiatischem Rassismus oder asiatischen Migrationsgeschichten. Wir verstehen das Projekt als Raum für die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und als Möglichkeit, die eigenen gesellschaftlichen Positionen zu reflektieren. Durch das Erlernen von professionellen medialen Formaten sollen Jugendliche erlernen, wie sie sich selbst repräsentieren können. Dabei wollen wir in Workshops in einer Mischung aus der Vermittlung von technischen Skills und inhaltlichem Know-how arbeiten und gemeinsam fragen: Wie werden Kurzfilme gedreht? Wie kann ein Podcast aufgenommen werden? Oder worauf kommt es beim Texteschreiben an? Wir denken, dass diese Form der politischen Bildungsarbeit Jugendlichen ermöglicht, sich weiterhin mit ihren Lebensrealitäten kritisch auseinanderzusetzen.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, dem Projekt eine so starke mediale Ausrichtung zu geben?

Wir haben festgestellt, dass es einfach eine ganz große Lücke gibt, was die Repräsentationen asiatisch gelesener Menschen betrifft. Auch in Broschüren, Büchern oder Projekten aus dem Feld der rassismuskritischen Bildungsarbeit werden zwar unterschiedliche Rassismen oder Diskriminierungsformen beschrieben und definiert, jedoch wird der Rassismus gegenüber asiatisch gelesenen Menschen einfach oft nicht benannt. Natürlich wissen wir, dass wir diese Lücke alleine nicht füllen können, und daher dachten wir, dass Jugendliche ihre eigene Geschichte erzählen können. Das ist ja auch ein klassischer Ansatz einer Selbstrepräsentationen von unten. Das heißt, nicht wir sprechen für die Jugendlichen, sondern sie selbst füllen die Lücke gemeinsam mit uns aus. Es gibt auch die Idee, eine Art digitales Archiv zu erstellen, in Form einer Website, auf der all diese verschiedenen Geschichten zur asiatischen Diaspora in Deutschland für alle zugänglich und sichtbar gemacht werden. Gleichzeitig geht es im Projekt darum, gemeinsam Spaß zu haben, sich gegenseitig kennenzulernen und sich zu vernetzen. Wir haben über Berlin hinaus Partner*innen in Hamburg, Dresden und anderen Städten. Außerdem haben wir europaweite und transnationale Austauschräume durch das Asian Film Festival geschaffen. Das Kennenlernen asiatischer Diaspora in anderen Ländern, die teilweise schon mehr als 30 Jahre eine Art soziale Bewegung bilden, motiviert uns und macht uns Hoffnung, auch hier in Deutschland Strukturen und Räume dafür zu etablieren.

Persönliche Geschichten als Ausgangpunkt dafür, asiatische Communities sichtbar zu machen

 Welche Methoden und Strategien sind eurer Meinung nach wichtig für das Empowermentmit Jugendlichen?

Eine zentrale Methode ist der autobiografische Zugang. Dabei ist es uns wichtig, dass die Aushandlungen mit der eigenen Biografie jenseits von medialen Diskursen erfolgen kann, oder zumindest die Jugendlichen sich nicht daran abarbeiten müssen. Denn wir sehen deutlich, welche große Rolle Medien auf Kinder und Jugendliche und deren Selbstverortung in der Gesellschaft haben. Wir hoffen vielmehr auf den Austausch mit der Elterngeneration und auf eine Auseinandersetzung mit der Migrationsgeschichte der eigenen Familie vor dem Hintergrund der Frage „Wo kommen wir her?“ Wir glauben, dass es gegenwärtig ein passender Augenblick ist, sich dieser Frage anzunehmen. Viele Kinder der ehemaligen vietnamesischen Vertragsarbeiter*innen etwa stellen sich diese Frage aktuell. Dabei macht sich bemerkbar, wie lange die Elterngeneration oftmals zu bestimmten Themen geschwiegen hat. Wie auch in anderen migrantisierten Communities bestand vor allem der Anspruch, hart zur arbeiten und durchzuhalten, um den eigenen Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Der Dialog mit den älteren Generationen oder den Eltern kann Geschichten und Themen hervorbringen, die eben noch nicht erzählt worden sind.

In eurem Projekt ist der intergenerationale Austausch demnach ein Schwerpunkt der Empowermentarbeit mit den Jugendlichen?

Ja, und dazu fällt mir auch eine Geschichte ein. Ein*e vietnamesisch-deutsche Filmemacher*in, die im Osten Deutschlands aufwuchs, drehte mit ihrer Schwester einen Film an einem Ort, an dem viele der vietnamesischen Vertragsarbeiter*innen früher in einer Textilfabrik gearbeitet hatten. Obwohl das Gebäude der Textilfabrik immer noch existiert, wussten viele nicht, was es früher damit auf sich hatte. Die*der Filmemacher*in hatte ein Kulturevent geplant und war dadurch auf dieses Gebäude gestoßen. Am Tag der Veranstaltung hatte sie*er auch die Eltern, Familienangehörigen und Tanten eingeladen. Als sie*er dann gemeinsam im Gebäude standen, fingen sie an, ihre Erinnerungen als Textilarbeiter*innen in diesen Räumen zu erzählen. Für die*den Filmemacher*in war es eine Art Schlüsselereignis, welches ihr*ihm zeigte, dass sie es sei, die auf ihre* Mutter und ihre* Tanten zugehen muss, um Türen zu öffnen, damit auch sie ihre Geschichten erzählen können. Durch diese Erinnerungen und Erzählungen ist ein „symbolic ownership“ für diesen Ort entstanden, wo sonst eher das Gefühl herrschte „Wir sind hier die Ausländer“ und „Wir sind immer noch nicht Teil des Ortes“. Aber durch diese Momente des Erzählens der Vergangenheit und ihrer Erlebnisse wurde deutlich, dass ihre*seine Familienangehörigen dort gearbeitet haben, dass sie an diesem Ort leben und somit auch ein Teil des Ortes und seiner Geschichte sind.

Das ist ein sehr berührendes Beispiel dafür, wie sehr Geschichten in den Raum eingeschrieben sind und dass viele dieser Geschichten in Vergessenheit geraten, wenn sie nicht erzählt werden.

Gleichzeitig berichtete die*der Filmemacher*in auch, dass sie*er ihre*seine Schulabschlussparty in einem kleinen Imbiss ihrer*seiner Eltern veranstaltetet hatte. Es seien plötzlich 30 Rechte aufgetaucht und hätten gegen die Fensterscheiben getrommelt. Die Polizei sei nicht gekommen. Uns haben auch nochmal solche konkreten Geschichten aus dem Osten Deutschlands sehr gerührt, wo klar geworden ist, dass z.B. antiasiatischer Rassismus auch oft mit konkreter physischer Gewaltandrohung zusammenhängt.

Antiasiatischer Rassismus: Historisch gewachsen und in der Corona-Pandemie verstärkt

Könntest du erklären, was den Rassismus gegen asiatisch gelesene Menschen ausmacht? Welche historischen Diskurse und Ereignissen prägen diese Form des Rassismus?

Es gibt auf jeden Fall postkoloniale Einflüsse. Zum Beispiel ist die Involvierung Deutschlands in die Niederschlagung des sogenannten „Boxeraufstands“ in China ein Ergebnis, welches auch medial immer wieder Erwähnung findet. In den „Hunnenreden“ von Kaiser Wilhelm II. wird in diesem Zusammenhang gesagt, kein Chinese solle je wieder einen Deutschen „scheel“ anschauen können. Eine weitere Assoziation ist das Bild des Arbeiters, der auf Schiffen und in Wäschereien schuftete oder das der sogenannten „Kulis“, bei denen es sich größtenteils um transnationale chinesische Tagelöhner handelte. Geschlechterspezifische rassistische Narrative äußern sich über das Bild der überexotisierten und fetischisierten Frau als sexuelles sowie passives Objekt, wohingegen der asiatische Mann als entmächtigt und desexuilisiert dargestellt wird. Solche Bilder werden aktuell immer noch regelmäßig auch in der Medienlandschaft reproduziert. Gleichzeitig gibt es keinerlei Wissen über Intellektuelle aus asiatischen Ländern, die beispielsweise in den 1920er Jahren in Deutschland studierten. Unterdessen wird das Image des „Model Minority“ rezipiert, in dem asiatische Communities als die „Angepassten“ dargestellt und als Positivbeispiele für Integration instrumentalisiert werden. Zuletzt ist noch zu erwähnen, dass geopolitisch der zunehmende ökonomische Aufstieg Chinas und Indiens als Gefahr für Europa stilisiert wird, die es abzuwehren gilt. So bilden spezifische historische Ereignisse und Entwicklungen sowie die Reproduktion bestimmter Narrative eine Kontinuität von antiasiatischem Rassismus in Deutschland, der nun auch angesichts der Verbreitung des Corona-Virus sichtbarer wird in Form von mikroaggressiven Erlebnissen im Alltag bis hin zu direkten rassistischen Angriffen.

Welche Aspekte findet ihr in Zeiten der Verbreitung des Corona-Virus und des damit einhergehenden Rassismus gegenüber asiatisch gelesenen Menschen wichtig?

Wir finden es wichtig, auch die verschiedenen Ebenen von strukturellem Rassismus zu thematisieren und zu schauen, in welchen Kontexten welche Formen der Hilfestellung sinnvoll sein könnten. Seitdem es vermehrt zu einer rassistischen Berichterstattung über die Verbreitung des Virus gekommen ist, haben wir das 10fache an Anfragen erhalten. Das können wir natürlich nicht alleine leisten. Zudem liegt der Schwerpunkt unserer Arbeit auf der politischen Bildungsarbeit und im Bereich der Kulturarbeit. Deshalb verstehen wir uns auch als eine Art Knotenpunkt, von dem aus wir Anfragen jeweils an weitere Initiativen und Projekte weiterleiten können. Wir beobachten gleichzeitig, wie in bestimmten medialen Framings – beispielsweise der „heute-show“ des ZDF – rassistische Witze reproduziert werden und dadurch eine Normalisierung entsteht. Wir sehen hier die Verantwortung der Medien schon ziemlich stark und denken, dass auf wiederholte Worte auch Taten folgen können und somit ein bestimmtes gesellschaftliches Umfeld geschaffen wird. Zudem wurde mehrfach an uns herangetragen, dass Betroffene bei rassistischen Vorfällen keine Unterstützung seitens der Polizei erhalten haben. Dann gibt es natürlich auch strukturelle Diskriminierung am Arbeitsplatz, wenn vor allem migrantische Angestellte täglich zur Arbeit erscheinen müssen, obwohl ein gesundheitliches Risiko für die Betroffenen besteht. Die vielen weiteren Berichte und Anfragen zeigen den starken Anstieg von antiasiatischen Rassismus im Kontext des Corona-Virus, aber auch, dass einige Menschen motiviert sind, aktiv zu werden, und Widerstand leisten möchten. Und da versuchen wir als Verein anzusetzen und gemeinsam Wege für die Sichtbarmachung dieser Erfahrungen zu erkämpfen, und Räume für Unterstützung und Empowerment zu schaffen.

Warum die Bezeichnung Asiatische Deutsche?

Ihr verwendet bewusst den Begriff „asiatisch“. Dieser wird von einigen kritisiert, weil er mit bestimmten Assoziationen verknüpft ist und im Zuge dessen andere Communities aus Asien unsichtbar macht. Was sind eure Gedanken dazu und wie geht ihr mit dieser Kritik in eurer Arbeit um?

Das ist eine ziemlich große Frage. Die Gründung des Vereins ‚korientation‘ geht auf die Zusammenarbeit von koreanischen Deutschen zurück. Das bedeutet, mehrheitlich von Menschen, deren Eltern als klassische Vertragsarbeiter*innen nach Deutschland migriert sind und größtenteils als Krankenschwestern* oder im Bergbau arbeiteten. Ich glaube, im Gründungsmoment stellte sich diese Frage noch gar nicht so stark. Wenn wir beispielsweise in den angloamerikanischen Raum oder nach UK schauen, steht der Begriff „asian“ vielmehr für indisch-britische oder paktistanisch-britische Communities. In Deutschland dagegen wird diese Bezeichnung vielmehr mit südostasiatischen Personengruppen assoziiert. Daher sagen wir ganz bewusst, dass der Begriff „Asiatische Deutsche“, dessen Großschreibung wir gerne etablieren wollen, kein spezifisch geografisch eingrenzender Begriff ist. Es geht uns vielmehr darum, aus der Position der ersten und zweiten Generation sprechen zu können, um nicht unsichtbar zu werden. Denn gerade da sehen wir diese Leerstelle, was die Anerkennung und Auseinandersetzung eines spezifischen antiasiatischen Rassismus sowie asiatischer Migrationsgeschichte in Deutschland betrifft. Nach unserem Verständnis wird sich diese Leerstelle auch nicht füllen, wenn wir nicht aus dieser Position heraus sprechen und uns den Raum nehmen. Gleichzeitig müssen wir darauf achten, wie Ressourcen geteilt werden, wie wir mit Anfragen umgehen und dass wir nicht einfach Positionen besetzen, die eigentlich anderen Gruppen zustehen. Wenn es um die Selbstvertretung geht, dann geht es auch immer um Repräsentationen, um die Auseinandersetzungen mit Privilegien und unterschiedliche Positionen innerhalb der Communities. Das bedeutet für uns, dass es auch sehr unterschiedliche Bedarfe und Positionen dazu gibt. Wir begreifen „Asiatische Deutsche“ als eine große Klammer, in der wir uns immer wieder sehr selbstkritisch mit der Frage der Repräsentation auseinandersetzen und diese Auseinandersetzung als Prozess begreifen.

 

Alle Infos zur ju:an Praxisstelle hier:
https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/projekte/juan-praxisstelle/

Berivan Köroğlu ist eine Kollegin der ju:an-Praxisstelle antisemitismus- und rassismuskritische Jugendarbeit, ein Projekt der Amadeu Antonio Stiftung, das Beratungen und Fortbildungen zu den Themenfeldern Antisemitismus und Rassismus für Jugendarbeiter*innen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit anbietet und Projekte für und mit Jugendlichen entwickelt. Mit einer Reihe von Blogeinträgen bei Belltower.News wollen wir einen Blick auf die Jugendarbeit werfen und von der aktuellen Praxis in der Coronavirus-Pandemie berichten. Im Mittelpunkt stehen Fragen rund um Anti-/Diskriminierung und den Umgang damit.

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