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Gastkommentar Umbenennung der Universität Tübingen – Keine Ehre für Antisemiten 

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Im Moment heißt die Uni in Tübingen noch „Eberhard Karls Universität“, das kann sich bald ändern. (Quelle: Wikipedia)

Entgegen der weit verbreiteten Annahme, Antisemitismus hätte es in Deutschland nur zwischen  1933 und 1945 gegeben, ist deutsche Geschichte bereits seit Jahrtausenden von Judenhass durchzogen. Mord, Vertreibung und Enteignung prägten das Leben von Jüdinnen:Juden auf deutschem Boden bereits lange vor dem industriellen Massenmord durch die Nationalsozialisten. Die vernichtende Ideologie der Nazis entstand also nicht im luftleeren Raum, sondern der christliche Antijudaismus bildete den nötigen Nährboden.

Mit diesem Wissen scheint es für viele Jüdinnen:Juden völlig unverständlich, wie eine der ältesten Universitäten Deutschlands bis heute nach einem glühenden Antisemiten des ausgehenden Mittelalters benannt sein kann.

Die Universität Tübingen wurde 1477 von Eberhard im Bart, Herzog von Württemberg und Teck, gegründet. Seit 1769 trägt sie seinen Namen und heißt Eberhard Karls Universität. Was jedoch nur Wenigen bekannt ist und unter der Studierendenschaft so gut wie nicht diskutiert wird, siedeln zu lassen. Zu seinem letzten Willen gehörte also, Württemberg nachhaltig judenrein zu halten. Einige Jahrhunderte später machte ihn diese antisemitische Haltung zum Vorbild für viele Nazi-Größen.  Im Prachtband „Graf Eberhard von Württemberg im geistigen und kulturellen Geschehen seiner Zeit“, der 1938 erschien, wird Eberhard als Legitimationsfigur für den Nationalsozialismus angepriesen.  Der Tübinger Theologe Horst Junginger veröffentlichte 2013 dazu seine Untersuchung „die Verwissenschaftlichung der Judenfrage“, die eine klare Kontinuität zwischen dem christlichen Antijudaismus unter Eberhard im Bart und der Verstrickung der Universität in den Nationalsozialismus aufzeigte.

Dabei muss man sich vorstellen, wie die Reaktionen ausfallen würden, würde eine Universität in Deutschland „Joseph Goebbels Uni“ oder „Rudolf Höß Universität“ genannt werden. Deutsche Gutbürger:innen wären außer sich, eine Welle der Empörung würde durch’s Land rollen und Studierende würde sich an einer Einrichtung mit solchen Namen kaum immatrikulieren wollen. Doch sprechen wir von Antisemitismus, der nicht dem Nationalsozialismus, sondern einer anderen Zeit entstammt, fallen die Reaktionen ganz anders aus. In dem Fall werden Argumente laut, die den Hass relativieren. Dann heißt es unter Anderem, das Prestige und der gute Ruf der Universität könnten an einer Namens-Streichung leiden und außerdem wäre Eberhard im Bart nur ein Produkt seiner Zeit, die per se antisemitisch war.  Diese Positionierung wird von unterschiedlichen Seiten propagiert: Von der CDU und der JU Tübingen, der juristischen Fakultät und schließlich auch vom Oberbürgermeister Boris Palmer.

Aber in einem Land, in dem das Putzen von Stolpersteinen zum eigenen Selbstverständnis gehört, erwarten junge Jüdinnen:Juden endlich echte Handlungen. Denn der Name einer renommierten Bildungseinrichtung ist nicht bloß ein prestigeträchtiges Erkennungsmerkmal, sondern ein politisches Zeichen. Er demonstriert eine Haltung und spiegelt die Werte, die an diesem Ort vermitteln werden sollen. Bei einer Namensgebung handelt es sich um eine Form der Ehrung und um die Verankerung dieser Person im kulturellen Bewusstsein jener, die an dieser Universität studieren oder in Tübingen leben. Während Eberhard seit Jahrhunderten auf diese Weise unvergessen bleibt, kennt niemand den Namen auch nur einer durch ihn aus Tübingen vertriebenen jüdischen Person.

Für jüdische Studierende an der Uni Tübingen bedeutet das, sich damit abfinden zu müssen, dass ihre Uni einen Antisemiten ehrt. Daran werden sie nicht nur jeden Tag erinnert, wenn sie die Uni betreten und das Logo sehen, sondern auch bei jeder Hausarbeit und Klausur, die sie schreiben. Schlimmer als das ist jedoch, dass es Teil ihrer eigenen Biografie und ihres Lebenslaufs wird.

Heute leben wir in einer sich schnell entwickelnden Demokratie. Die politischen Prozesse und Stimmen, die hinter dem Wunsch nach der Namens-Streichung stehen, werden in den nächsten Jahren nicht verstummen, sondern noch lauter werden. Diejenigen, die heute Verantwortung tragen, können sich nun entscheiden, auf welcher Seite der Geschichte sie stehen wollen.

Für jüdische Studierende kann das einzige angebrachte politische Zeichen nur sein, sich der eigenen Vergangenheit nicht bloß aufrichtig zu stellen, sondern die eigene Verantwortung im Hier und Jetzt zu erkennen. Die Streichung des Namens der Universität wäre ein guter Anfang.

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