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Gedenken Stadion für einen Unangepassten

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Um 1911 beim Kölner Stadtwaldrennen (Quelle: Horst Nordmann / www.coelner-zweiraeder.de)

Er war Kölns erfolgreichster Radrennfahrer: Im Juli 1932 gewann Albert ‚Teddy‘ Richter den Grand Prix de Paris, zwei Monate später gewann er in Rom die Amateurweltmeisterschaft der Sprinter. Da war der im proletarischen Köln-Ehrenfeld aufgewachsene Junge erst 19 Jahre alt. ­Weitere Erfolge sollten folgen. Seine ersten Pokale versteckte der ausgebildete Gipsmodelleur noch unter seinem Bett; sein Vater billigte die sportlichen Ambitionen nicht, denn er fürchtete um die Gesundheit seines Sohns. Alberts großes Vorbild war sein Trainer Ernst Berliner. Der 1891 in Köln geborene und aufgewachsene jüdische Radrennfahrer war 1912 auf der Stadtwaldbahn Kölner Stadtmeister geworden.

In der Nacht des 2. Januar 1940 ermordeten die Nazis Richter, der nicht nur Radrennfahrer, sondern auch ­Antifaschist war. Davon ist zumindest auszugehen, auch wenn die genauen Umstände seines Todes im Lörracher Gefängnis der Gestapo wegen der Vertuschung durch die Nazis nie aufgeklärt werden konnten. Deren Ziel war es, die Erinnerung an das „Renngenie erster Güte“, wie Richter zu Lebzeiten genannt worden war, aus­zulöschen. Das Ausnahmetalent hatte 1934 bei einer Siegerehrung den Hitlergruß verweigert, zudem hatte er die Nazis als „Verbrecherbande“ bezeichnet. Seine Ermordung war die Rache für ­seine Unangepasstheit und seine öffent­lich bekundete Treue zu seinem jüdischen Freund und Trainer Ernst Berliner, der 1937 aus Deutschland geflohen war. Kurz nach Richters Ermordung triumphierte die gleichgeschaltete Zeitung des Radsportverbands: „Sein Name ist für alle Zeiten in unseren Reihen gelöscht.“

Eine Woche nach Richters Ermordung, am 10. Januar 1940, versammelten sich auf dem Melaten-Friedhof, der an der Grenze von Köln-Ehrenfeld und Köln-Lindenthal liegt, 200 Menschen, um des 27-Jährigen zu gedenken. Nach der Niederschlagung des Nationalsozialismus erinnerte in Westdeutschland jedoch kaum jemand an Richter. Die antizionistische DDR ­hingegen versuchte, den Antifaschisten durch Ehrenbriefmarken und ­Namenswidmungen von Sportstätten zu vereinnahmen, und unterschlug seinen jüdischen Trainer und Freund Ernst Berliner.

Dieser war anfangs der Einzige, der unermüdlich an den ermordeten ­Radprofi erinnerte. Berliner war 1937 mit seiner Familie in die Niederlande geflüchtet. Mit Glück und Hilfe aus dem niederländischen Widerstand überlebte er die Shoah, anders als etliche seiner Familienmitglieder. ­Berliner arbeitete im Exil weiter als Radsportmanager. Der „fast körperliche Schmerz“ wegen der verleugneten Ermordung seines Freundes, so schrieb er einmal an einen Journalisten, lasse ihn nicht mehr los. 1947 emigrierte er in die USA.

Um die Umstände der Ermordung aufzuklären, reiste Berliner 1966 nach Köln. Dafür setzte er sich in Ehrenfeld sogar mit ehemaligen Nazis zusammen und stieß doch nur auf Schweigen. Er, der frühere Kölner Radsportmeister, verließ die Stadt mit Abscheu und Resignation.

Der 2018 veröffentlichte Film „Tigersprung“ erzählt Berliners schmerzhafte Rückkehr nach Köln in eindrucksvollen Fotocollagen nach. Ein in den USA lebender Urenkel Berliners war in die Arbeiten zu dem Film des in Köln lebenden ­israelischen Künstlers Boaz Kaizman und des Schriftstellers Peter Rosenthal einbezogen.

Auf einer improvisierten Pressekonferenz vor dem Kölner Radstadion am 2. Januar, also am 81. Jahrestag der Ermordung Richters durch die Gestapo, wies der Bezirksbürgermeister von Köln-Innenstadt, Andreas Hupke (Grüne), auf Ernst Berliners großen Einsatz hin: „Was dieser vertriebene Jude für einen Mut hatte, sich mit den Nazis zusammenzusetzen und für Richters Rehabilitation zu kämpfen. Er, der keine Entschädigung von Deutsch­land für seine ermordeten Familienangehörigen erhalten hat!“

Hupke engagiert sich seit den neunziger Jahren gemeinsam mit der Journalistin Renate Franz für die Re­habilitation der beiden großen Sportler. Nach sechsjährigem Bemühen der beiden wurde 1996 bei der Eröffnung des Radstadions Köln im Stadt­teil Lindenthal die dortige Radrennbahn nach Richter benannt, nicht jedoch das Stadion selbst. Franz‘ 1998 erschienenes Buch „Der vergessene Weltmeister – das rätselhafte Schicksal des Kölner Radrennfahrers Albert Richter“ war ein grundlegender Einspruch gegen das Vergessen, dem die beiden großen Sportler anheimzufallen drohten.

Eine Kölner Initiative fordert, das ganze Radsportstadion in Albert-Richter-Radstadion umzubenennen und einen Platz in unmittelbarer Nähe das Stadions Ernst Berliner zu widmen. Sie hat deshalb eine Petition im Internet initiiert und will noch im ­Februar einen Bürgerantrag zur Umbenennung des Stadions an den Rat der Stadt Köln stellen. Der ermordete Sportler sei eine „deutsche und in­ternationale Radsportlegende“, die seit 2008 sogar in der Hall of Fame der deutschen Sporthilfe gewürdigt werde, heißt es in dem Antrag.

Dieser längst überfälligen Initiative ging der Beschluss der nordrhein-westfälischen Staatskanzlei im Dezember voraus, dem Kölner Radstadion Landeszuwendungen in Höhe von 16,6 Millionen Euro zuzuweisen. Die Radrennbahn soll grundlegend modernisiert, das Stadion bis 2024 zu einem Radsportzentrum ausgebaut werden.

Auf der Pressekonferenz erinnerten Hupke, der Lindenthaler Lokalpolitiker Roland Schüler und die Lindenthaler Bezirksbürgermeisterin Cornelia Weitekamp (beide ebenfalls Grüne) an die lange Geschichte der Verleugnung Richters und Berliners – die in dieser Hinsicht Parallelen zur Geschichte der Kölner Edelweißpiraten aufweist – und verbanden dies mit der Forderung der Initiative, das Radstadion Köln endlich umzubenennen.

Michael Hokkeler, der Vorsitzende des Kölner Radsportvereins „Racing Team Cölle dasimmerdabei“ (RTC DSD), sagte auf Anfrage, die „bedingungslose Treue Albert Richters zu seinem Manager und Freund Ernst Berliner“ und „seine Haltung gegenüber den Nationalsozialisten“ hätten ihn „tief beeindruckt“. Für den Erfolg als Sportler hätte Richter durchaus „einen anderen Weg wählen“ können. Ebenso beeindruckend sei, dass Ernst Berliner in das Land der Täter zurückgekehrt sei und alles versucht habe, „um das geschehene Unrecht aufzuklären“. Die beiden Männer seien für ihn und seinen Radsportclub ein „humanistisches Vorbild“, dessen Bedeutung „über den Radsport hinausgeht“. Die Umbenennung des Stadions könne die Erinnerung an das Unrecht lebendig halten, so Hokkeler.

Der Kölner Radsportler Andreas Klemt, der sich ebenfalls beim RTC engagiert, fügte hinzu, Richter stehe „für eine Haltung gegen Faschismus und für eine unbedingte Menschlichkeit, die über ideologische und Landesgrenzen hinweg“ bestehe. Der ermordete Rennfahrer sei für ihn ein antifaschistisches Vorbild, die Umbenennung eine Selbstverständlichkeit.

Der Radsportler Reinhold Goss, Initiator der Kölner Initiative „Ring frei“, die sich für mehr Verkehrssicherheit für Radfahrer und Fußgänger einsetzt, fordert: „Ergreifen wir jetzt die Chance, ein Radstadion nach einem herausragenden Sportler und Antinazi, dessen Name aus den Geschichtsbüchern hätte getilgt werden sollen, zu benennen“, als „Ehrung wie als deutliches Zeichen gegen Geschichtsumdeutungen“. Zudem müsse es einen Ernst-Berliner-Platz direkt vor dem Stadion geben. „War Ernst Berliner es doch, der nach dem Krieg ins Land der Täter reiste, um den Naziseilschaften trotzend seinen Schützling und Freund Albert Richter zu rehabilitieren.“

Am 1. Februar soll über einen gemeinsamen Antrag der Parteien Die Grünen, CDU, SPD, FDP und Linke in der Bezirksvertretung Lindenthal für die Benennung des Platzes vor dem Stadion nach Berliner abgestimmt werden. Die Mehrheit dafür steht – damit wären der Trainer und sein Freund Albert ‚Teddy‘ Richter endgültig und für Generationen in der Erinnerung vereint.

Dieser Artikel ist zuerst in der Jungle World und bei Hagalil erschienen.

 

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