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Holocaust-Gedenken Relativierungen, Schuldabwehr und die CO2-Bilanz des Nationalsozialismus

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27.01.2020, Polen, Oswiecim: Das Tor mit dem Schriftzug "Arbeit macht frei" am Rande der Gedenkfeier zum 75. Jahrestag der Befreiung des ehemaligen deutschen Konzentrationslagers Auschwitz. Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/ZB | Verwendung weltweit (Quelle: picture alliance/Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/ZB)

Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das Vernichtungslager Auschwitz. Mindestens 1.1 Millionen Menschen wurden in diesen Lagern ermordet. Insgesamt töteten die Nazis sechs Millionen Jüdinnen und Juden.  In Deutschland wurde das Datum 1966 zum Gedenktag, seit 2005 ist der 27. Januar der Internationale Gedenktag an die Opfer des Holocaust. 2020 jährt sich die Befreiung zum 75. mal. Schon am 23. Januar hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, als erster deutscher Präsident, eine Rede in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem gehalten. Am 28.01. besuchte er in Begleitung von Überlebenden die Gedenkstätte in Auschwitz. Am Mittwoch gedenkt schließlich der Bundestag der Opfer in einer Sondersitzung, auch der israelische Präsident Reuven Rivlin wird eine Rede halten.

„Die Flüchtlinge sind schuld!“

Alice Weidel (AfD) äußert sich zum Gedenktag via Facebook: „Das Verbrechen des nationalsozialistischen Massenmordes an den europäischen Juden ist ein unauslöschlicher Bestandteil unserer historischen Erinnerung. Es gibt keinen Schlussstrich und kein Verdrängen.“ Dabei hätte man es belassen können, aber die Fraktionsvorsitzende der Partei, deren Vertreter den Nationalsozialismus als „Vogelschiss“ bezeichnen und eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ fordern, lässt wissen, wer eigentlich Schuld am Antisemitismus ist: „Wohl aber stehen wir in der Pflicht, jede Form des Antisemitismus klar und deutlich abzulehnen: Linksextremen Israel- und Judenhass genauso wie rechtsextremen, den importierten Antisemitismus judenfeindlich sozialisierter Zuwanderer genauso wie den, der in bereits bestehenden Parallelgesellschaften gedeiht.“ Den Antisemitismus der eigenen Partei erwähnt sie nicht. Rechtsextremismus nur im Nebensatz. Ansonsten sind alle anderen Schuld, vor allem aber Migrant*innen.

Das kommt bei Weidels Facebook-Fans gut an. Immer wieder liest man die gleichen relativierenden Aussagen.

Alle Screenshots von Alice Weidels Facebookseite

Auch Jörg Meuthen, Vorsitzender der AfD meldet sich am 27. Januar auf Facebook schon früh am Morgen zu Wort. Es geht um Autobahnen und das Tempolimit. Dazu postet er ein Sharepic mit dem Text: „Anbiederung an linksgrünen Zeitgeist: Der ADAC verrät Millionen Autofahrer“. Weitere Postings gibt es am 75. Jubiläum der Befreiung von Auschwitz nicht auf der Seite des AfD-Chefs.

Screenshots von Jörg Meuthens Facebookseite

Das alles passt in das Bild einer Partei, die eigentlich am liebsten gar nicht mehr über den Nationalsozialismus reden will. Das belegen auch Umfragen. Die Mehrheit der Deutschen – immerhin 60 Prozent – sprechen sich deutlich gegen einen „Schlussstrich“ in der Erinnerungskultur aus. In allen Parteien wird dieses Bild widergespiegelt, außer wenn AfD-Unterstützer*innen befragt werden. 

Kein SchlussstrichAm 27. Januar jährt sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz zum 75. Mal. Eine Umfrage…

Gepostet von DW Deutsch am Freitag, 24. Januar 2020

Den Antisemitismus in den eigenen Reihen thematisiert die Partei nicht. Dann müsste sie zum Beispiel über Wolfang Gedeon reden. Auch er meldet sich am 27. Januar zu Wort. Gedeon betreibt eine „Fanpage“ auf Facebook und eine private Seite. Auf der privaten Seite sind nur zwei Postings öffentlich zu sehen. Im ersten Post aus dem März 2019 teilt Gedeon mit, dass die Seite nicht genutzt würde und verweist auf seine „Politikerseite“. Der zweite Post ist vom 27. Januar 2020, vom 75 Jahrestag der Auschwitz-Befreiung . Auf Gedeons öffentlicher Seite ist er nicht zu sehen. Es handelt sich um einen Link zu seinem Blog. Er stellt fest: „Das Problem in Deutschland ist nicht der Antisemitismus, sondern ein aggressiver zionistischer Lobbyismus sowie eine deutsche Politik, die an Selbstbesudelungssucht nicht mehr zu überbieten ist“. 

„Die Sprache der Täter“

Genauso kritisiert Gedeon Steinmeiers Rede in Yad Vashem. Dabei ist der Landtagsabgeordnete aus Baden-Württemberg rechtsaußen nicht alleine. Auch sein Parteifreund Stefan Räpple schlägt in die gleiche Kerbe. Steinmeier hatte seine Rede in der Gedenkstätte auf Englisch gehalten. Eine Sprecherin begründete das „mit Rücksicht auf die Opfer an diesem Ort nicht in der Sprache der Täter zu sprechen“. Für Gedeon ist das eine „Anbiederung“. Räpple wittert gleich den „Schuldkult“ – damit meint er eine rechtsextreme Erzählung, die behauptet Deutschland werde ein Kollektivschuld aufgebürdet – und versteht nicht, dass Erinnern und Gedenken damit rein gar nichts zu tun haben. Im Text schwadroniert Räpple – übrigens ausgebildeter Hypnose-Coach – dann weiter über Liebe: „Wer sich selbst hasst, kann nicht geliebt werden. Liebe entsteht aus Liebe. Wenn wir Deutsche geliebt werden wollen, müssen wir lernen uns selbst wieder zu lieben.“

Ganz so esoterisch geht es im Newsletter der Verschwörungspostille „Compact“ nicht zu. Auch hier empören sich die Autor*innen über die in englisch gehaltene Rede von Steinmeier.  Das Compact-Team ist entsetzt. Hier stellt man sich den Umgang mit der Geschichte nämlich viel einfacher vor: Sechs Millionen ermordete Juden und Jüdinnen, Zehntausende ermordete Sinti*zze und Roma*nja, bis zu 80 Millionen Opfer durch den Zweiten Weltkrieg? „Schon vor vielen Jahrhunderten erfanden kluge Menschen die Formel vom Westfälischen Frieden. Verkürzt lautet diese: allen wird alles vergeben und vergessen!“ Außerdem findet Compact, dass man offenbar selbst am Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz lieber über die deutschen Opfer reden sollte: „Die Steinmeiers und Co. führen mit ihrer Selbstgeißelung das Geschäft der Sieger von damals fort. Denn der Terror gegen die deutschen Städte und deren Bevölkerung lässt sich nur so erklären, dass es unter den damaligen Akteuren regelrechte Deutschenhasser gab.“

„Die da sind aber viel schlimmer!“

Schuldabwehr und das das dringende Bestehen darauf, dass Deutsche Erinnerungsweltmeister sind, die sich vor allem in Sachen Antisemitismus heute gar nichts mehr vorzuwerfen haben, ist aber kein Narrativ, dass nur rechtsaußen zieht. Philipp Amthor, Nachwuchshoffnung der CDU im Bundestag lässt wissen: „Antisemitismus ist vor allem in muslimischen Kulturkreisen besonders stark vertreten und natürlich ist nicht zu vernachlässigen, dass natürlich vor dem Hintergrund der Migration der letzten Jahre auch an dieser Stelle natürlich, viele Sorgen für die jüdische Bevölkerung da sind.“ Nach Kritik an Amthors Äußerungen unterstütze Parteikollege Friedrich Merz per Twitter.  

Screenshot aus Friedrich Merz‘ Twitterprofil

Dass muslimischer Antisemitismus existiert, ist kein Geheimnis. Eine Studie der ADL aus 2019 hatte belegt, dass fast die Hälfte der in Deutschland lebenden Muslim*innen antisemitische Vorurteile hegt. An einem Gedenktag für die Opfer des Holocausts aber mit dem Finger auf die anderen zu zeigen und zu sagen „Die sind aber viel schlimmer“, ist perfide. Der deutsche Antisemitismus, sowohl der historische, als auch der aktuelle, ist dann nämlich ganz plötzlich nicht mehr Thema der Debatte. 

„Neuer Schwung auf alten Gleisen“

Noch abstruser geht es allerdings auch. Die Autorin Ramona Ambs hat unterschiedliche Entgleisungen zum Gedenktag dokumentiert, darunter auch die Titelseite der Nürnberger (!) Nachrichten am 27. Januar. Zu sehen sind Bahngleise mit der Überschrift „Neuer Schwung auf alten Gleisen“ – offenbar ein Artikel zu alten Bahnstrecken, die wiedereröffnet werden sollen. Direkt darunter dann die Schlagzeile „Pflichtausflug ins KZ?“.  

#Holocaustgedenktag 2020: "Neuer Schwung auf alten Gleisen? Pflichtausflüge ins KZ" kombinierten die Nürnberger…

Gepostet von Ramona Ambs am Dienstag, 28. Januar 2020

Dem ganzen die Krone aufgesetzt hat allerdings ausgerechnet ein Nachwuchspolitiker der Linken in Hamburg. Der 18-jährige „Fridays for Future“-Aktivist Tom Radtke postete drei Tweets mit so unglaublichem Inhalt, dass Twitter-User*innen zunächst von einem Fake-Account ausgingen. „Die Nazis gehören auch zu den größten Klimasünder*innen, da ihr Vernichtungskrieg und ihre Panzer riesige Mengen an CO2 produziert haben“. Danach schreibt Radtke über den „Klima-Holocaust, der in diesem Moment Millionen Menschen und Tiere tötet,“ In einem dritten Tweet heißt es: „Wir müssen die Klimaerwärmung jetzt stoppen damit sich ein Holocaust nicht wiederholt,“ danach der Hashtag #weremember. Und als ob das alles noch nicht genug wäre, benutzt Radtke dann auch noch ein Bild vom Weltwirtschaftsforum in Davos, auf dem Greta Thunberg mit drei anderen Aktivist*innen zu sehen ist. Ausgerechnet dieses Bild wurde von der Fotoagentur so beschnitten, dass die ugandische Klima-Aktivistin Vanessa Nakate, die einzige schwarze Person auf dem ursprünglichen Bild, nicht mehr zu sehen ist. 

Sehr schnelle distanzierte sich Luisa Neubauer, die Sprecherin der Fridays-for-Future-Bewegung in Deutschland. Auch die Linkspartei reagierte prompt und will Radtke ausschließen und verhindern, dass er ein Mandat antritt, sollte er gewählt werden. 

Erinnerungsabwehr und Relativierungen der Shoah ziehen sich durch alle politischen Strömungen und durch alle Altersklassen. Die Verbrechen des Holocausts werden ignoriert oder man zeigt mit dem Finger auf andere, die sich angeblich mindestens genauso schlimm verhalten. Der Sozialphilosoph Max Horkheimer schrieb schon 1961: „Im Unbewussten werden die Rollen vertauscht. ‘Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig.’ Narzißtische Kränkung zu überwinden, ist überaus schwer, und noch die Generation, die gar nicht beteiligt war, leidet an der Wunde, die sie selbst nicht kennt.“

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