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Impfgegnerschaft „Viele Anthroposoph*innen übertreffen ihren Gründer seit jeher an Fanatismus“

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Glaskugel klar: Rudolf Steiner, Vater der Anthroposophie, war ein selbsternannter Hellseher. (Quelle: Alexandra/Pixabay)

„Corona natürlich behandeln“ heißt die druckfrische anthroposophische Verheißung als Reaktion auf die Covid-19-Pandemie. Das Buch, geschrieben von den Ärzten Johannes Wilkens und Frank Meyer, propagiert Heilmethoden abseits von Impfstoffen: Die Autoren setzen sich stattdessen für anthroposophische und homöopathische Therapien ein. Warum Fans der Anthroposophie und Rudolf Steiner aber nicht partout gegen Impfen sind und wie man gegen Impfgegner*innen argumentieren kann, ohne moralische Überlegenheit auszuspielen, erläutert der Religionswissenschaftler und Anthroposophie-Experte Ansgar Martins im Interview.

Ansgar Martins ging selbst auf eine Waldorfschule, setzte sich später als Religionswissenschaftler kritisch mit Anthroposophie und Esoterik auseinander und veröffentlichte diverse Fachbeiträge zum Thema.

Belltower.News: Das neue Buch „Corona natürlich behandeln“ wird bereits in allen großen Versänden angeboten. Darin werden Heilmethoden vorgestellt, die abseits von Impfstoffen, das Virus bekämpfen sollen. Es wird die Frage gestellt, was Corona „von uns will“ – was nach einer personifizierten Ansprache klingt. „Denn Corona ist mehr als ein Virus. Corona ist die Zeit, in der wir leben, eine Herausforderung ohnegleichen, voller Widersprüche, Abgründe und Verheißungen“, heißt es. Was verstehen die Autoren unter einer „natürlichen Behandlung“ und was ist dementsprechend „unnatürlich“?
Ansgar Martins: Unnatürlich sei natürlich die Impfung. Anthroposophische Ärzt*innen würden sagen, sie lehnen Impfungen nicht grundsätzlich ab. Aber sie bleiben bei dem Thema misstrauisch. Für viele Anthroposoph*innen gilt die naturwissenschaftliche Betrachtung von kleinsten Einheiten wie Zellen, Viren und DNA als lebensferne mathematische Abstraktion, als Ignoranz gegenüber dem „ganzen“ Menschen. Beliebter sind Mittel, die man anfassen kann oder zu denen Esoteriker*innen bildliche Assoziationen herstellen können, wie Zinn, das dem Blitze schleudernden Gott Jupiter zugeordnet war und in manchen okkulten Traditionen als besonders wundersam galt. Das Buch „Corona natürlich behandeln“ beginnt mit der Erwähnung einer Reise nach China, beschrieben als Land, in dem alles durchdigitalisiert und technisiert ist. Covid-19 und seine Therapie werden assoziativ aufgespannt in eine apokalyptische Auseinandersetzung von guter Spiritualität und finsterer Überwachungsdiktatur.

Moderne Medizin wird in diesem Milieu als „materialistische Medizin“ bezeichnet. Was wird damit konkret gemeint?
Anthroposophische Ärzt*innen müssen im Unterschied zu den meisten esoterischen Therapeut*innen und Heilpraktiker*innen Medizin tatsächlich studiert haben. Ihre Zusatzlehre Anthroposophie soll selbst Wissenschaft sein, genauso exakt wie die sogenannte Materialistische, nur, dass sie dabei die spirituellen Welten miteinbezieht. Schon Rudolf Steiners Traum war: Anthroposophie soll mit dem Stand der Wissenschaft vereinbar bleiben. Auf den ersten zwei Seiten von „Corona natürlich behandeln“ verweisen die Autoren unter anderem auf das Gesundheitsministerium und das Robert-Koch-Institut. Sie machen sehr deutlich, dass sie nichts gegen die offizielle Gesundheitspolitik unternehmen wollen, sondern zusätzliche Behandlungsmöglichkeiten anbieten. Von außen sieht dieses positive Framing nach Zynismus aus, aber in ihrem Selbstbild bringen anthroposophische Ärzt*innen das Beste aus naturwissenschaftlicher Medizin und alternativer „Heilkunst“ zusammen, sozusagen „Medizin-Plus“, nicht „Medizin-Minus“.

Das Buch behauptet, die moderne Medizin würde in einer „Sinnkrise“ stecken…
Wenn anthroposophische Mediziner*innen gegen die „Sinnkrise“ anschreiben, dann geht es zuallererst darum, ihre eigenen Praktiken als Lösung anzubieten. Dass esoterische Therapien erfolgreich sind, liegt aber auch an den realen Defiziten in der Anwendung und Vermittlung von konventionellen Therapien. Menschen machen schlechte Erfahrungen im Gesundheitssystem, erleben sich als hilflos gegenüber einer „Apparate-Medizin“ oder verstehen nicht, was da mit ihnen gemacht wird. Kund*innen von sogenannten alternativen Ärzt*innen erzählen Geschichten nach dem Muster: Da sitzt dir endlich mal ein*e Therapeut*in gegenüber und schaut dir erstmal tief in die Augen, nimmt sich Zeit und verschreibt nicht nach zehn Sekunden ein Antibiotikum. Der „Sinn“ ist hier sozial, es geht um persönliche Anerkennung.

Waldorfschulen landen durch diverse Ausbrüche von Masern immer wieder in den Schlagzeilen. Gleichzeitig möchte man in diesen Kreisen „zur Mitte finden“ und erhofft sich durch eurythmisches Tanzen gegen das Coronavirus zu schützen. Lehnen Anthroposoph*innen das Impfen komplett ab?
An dieser Frage lässt sich Anthroposophie geradezu definieren, denn Anthroposoph*innen lehnen so gut wie nie etwas ab. Es geht immer um alles insgesamt. Viele Anthroposoph*innen finden Impfen okay, aber innerhalb bestimmter Grenzen. Rudolf Steiner würde sagen: „Impfen macht Geimpfte materialistisch, es sei denn, sie erhalten eine religiöse Erziehung“. Also Impfen ist möglich, wenn man spirituell gegensteuert. Steiner selbst ist eigentlich Pragmatiker, der es vor allem versteht, seine Weltanschauung zu verkaufen.

In einer RBB-Reportage wird ein Waldorf-Papa zu einem Masern-Ausbruch interviewt. Er sagt: „Die tun so, als ob da Ebola ausgebrochen ist. […] Leute, kommt mal runter, lediglich Masern! Ich bin ziemlich angstfrei. Ich habe selber auch Masern gehabt, und ich kann mich da gut dran erinnern, […] es hat auch was Schönes! Ich meine, es ist auch eine Erfahrung!“ Wie erklären sich Anthroposoph*innen Pandemien – Wellen schöner Ereignisse?
Grundsätzlich muss man sagen, laut Anthroposophie hat alles seinen Sinn. Sogenannte Kinderkrankheiten wie Masern dienen zum Beispiel der spirituellen Entwicklung. Es sei gut, die durchzumachen, um den eigenen Leib von den Eltern zu emanzipieren. Dabei wird jeder Krankheit ihre eigene Mission zugeschrieben. Was der Sinn hinter Covid-19 sein soll, da sind Anthroposoph*innen unterschiedlicher Meinung. Ein publizierender Anthroposoph meint, die Pandemie sei Karma, die Folge davon, dass die Menschen die Natur ausbeuten und das gestörte Verhältnis zur Natur so zu Tage käme. Andere gehen davon aus, entweder das Coronavirus oder der Lockdown sei eine Attacke des Dämonen Ahriman, zuständig für Technik und Materialismus. Das passt auch ausgezeichnet zu der China-Anekdote in „Corona natürlich behandeln“. Ironischerweise sind die anthroposophischen Ärzt*innen dabei zurzeit die Vernünftigeren. Die gruseligsten Sachen kommen von anderen Leuten in diesem Milieu.

Gibt es bei anthroposophischen Ärzt*innen also noch Hoffnung auf einen sachlichen Diskurs?
Die haben sozusagen nicht den „Luxus“, wie gewisse anthroposophische Zeitschriften-Macher*innen, zu Hause zu sitzen und sich in krude Gedanken über Digitalisierung oder Bill Gates hineinzusteigern, sondern gehen real mit der Krankheit um. Wer jetzt Hausarztpraxen oder Krankenhäuser hat, muss Covid-19 behandeln. Ich würde sogar sagen, dass die Offenheit gegenüber Impfungen unter anthroposophischen Ärzt*innen etwas zugenommen hat. Das macht nur Zinn und Globuli nicht wirksamer.

Wie sieht es in Waldorfschulen derzeit aus?
Soweit ich weiß, stehen sich da gerade zwei wütende Gruppen von Privatschul-Eltern gegenüber, die beide mit dem Kindeswohl argumentieren. Die Schutzmaßnahmen vor dem Virus reichen für die einen nicht weit genug und sind für die anderen das Böse schlechthin. Dabei haben Impfgegner*innen an Waldorf-Einrichtungen eigentlich einen Heimvorteil, die beiden Milieus sind eng verbunden. Neu ist, dass sich jetzt an vielen einzelnen Schulen Leute zu Wort melden, die sagen: „Wir haben da keine Lust drauf“ oder die Unterschriften gegen Verschwörungsmythen sammeln. Der Waldorf-Dachverband will sich da schon seit Jahren abgrenzen, aber erst der gesellschaftliche Konsens über das Coronavirus führt dazu, dass erstmals eine nennenswerte Summe an Leuten innerhalb der Szene bereit scheint, den Kampf aufnehmen.

Stellen Sie sich eine Glaskugel vor, mit der Sie in die Zukunft schauen können: Wie wird sich die Haltung zum Impfen in der Anthroposophischen Szene weiterentwickeln?
Ein Teil radikalisiert sich, der andere Teil wird pragmatischer. Einerseits sehen viele Anthroposoph*innen jetzt die große Krise gekommen, auf die sie schon immer warten. Auch manche, die damit vorher nichts anfangen konnten, wurden jüngst in den Bann von Verschwörungserzählungen hineingezogen. Dabei spielt auch die gestiegene kritische Berichterstattung eine Rolle. Anthroposoph*innen fühlen sich missverstanden und ausgegrenzt und wenden sich von der Öffentlichkeit ab. Auf der anderen Seite sind in den Praxisfeldern die Entwicklungen vorläufig noch offen. Denn die Anthro-Institutionen und -Unternehmen zeigen in dieser Krise, wie gut sie gesellschaftlich integriert sind. Anthroposophische Mediziner*innen und Waldorfschulen sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen und haben viel zu viel zu verlieren, um hier Fundamentalopposition zu spielen.

Wie soll man Impfgegner*innen, insbesondere denjenigen aus der anthroposophischen Szene, am sinnvollsten begegnen?
Eine Möglichkeit ist der Schulterschluss mit den vernünftigeren Leuten innerhalb der Szene. Es kommt mir wichtig vor, denen zu zeigen, dass sie nicht allein sind. Sie verweisen zum Beispiel darauf, dass Steiner sich im Zweifelsfall doch für Impfungen aussprach. Ähnliches gilt für Samuel Hahnemann, den Gründervater der Homöopathie, für den Impfungen sein „Gleiches mit Gleichem heilen“-Prinzip bestätigten. Aber auch damit kommt man nur so und so weit. Viele Homöopath*innen oder Anthroposoph*innen übertreffen ihre Gründer seit jeher an Fanatismus, da waren Diskussionen über Einzelheiten schon immer verloren.

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