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Die esoterische Anastasia-Bewegung Der Traum der arischen Öko-Gemeinschaft

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Auf den ersten Blick geht es bei der Anastasia-Bewegung um ökologische und nachhaltige Landwirtschaft und Lebensweisen. Schaut man sich die Ideologie dieser esoterischen Bewegung genauer an, stößt man jedoch schnell auf eine verfassungsfeindliche, rassistische und antisemitische Gedankenwelt.

Auf den ersten Blick geht es bei der Anastasia-Bewegung um ökologische und nachhaltige Landwirtschaft und Lebensweisen. Schaut man sich die Ideologie dieser esoterischen Bewegung genauer an, stößt man jedoch schnell auf eine verfassungsfeindliches, rassistisches und antisemitisches Gedankenwelt. Die neu-esoterische Anastasia-Bewegung fungiert als Sammelbecken verschiedener Esoteriker*innen, die in ihren Reihen Mitglieder duldet, die offen rechtsextrem auftreten und den Holocaust leugnen.

„Die klingenden Zedern Russlands“

Die Anastasia-Bewegung beruht auf der Buchreihe „Die klingenden Zedern Russlands“ des russischen Esoterik-Autors Wladimir Nikolaevich Megre (* 1950). Benannt ist die Bewegung nach dem zweiten Teil der zehnbändigen Reihe, die zwischen 1996 und 2010 erschienen und zwischen 1999 und 2011 auf Deutsch übersetzt wurde. Laut Aussagen des Autors wurden weltweit bereits 11 Millionen Exemplare verkauft.

Auf einer Reise in die russische Taiga, traf Megre 1994 angeblich eine Frau mit Namen Anastasia. Die Erfahrungen des Autors mit der schönen, jungen, blonden Frau stellte er ins Zentrum seiner Romane. Ohne Haus lebt Anastasia angeblich allein in und von der Natur. Wenn sie etwas essen möchte, bringen es ihr die Eichhörnchen vorbei. Ganz besonders beeindruckt sei Megre aber von ihren metaphysischen Fähigkeiten gewesen. So verfüge sie über einen Heilstrahl, wisse alles über Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart, kenne alle Erfahrungen aller Menschen, spräche sämtliche Sprachen, könne telepathisch kommunizieren, teleportieren, und mit ihren Gedanken die Welt verändern und nicht zuletzt würde alles was sie sich wünscht auch wahr. Ihre zentrale Fähigkeit sei aber ihre einzigartige Gedankenschnelligkeit, die sie von ihren Vorfahren hat. All diese Fähigkeiten klingen zwar sehr stark nach Science-Fiction, doch Megre meint Anastasia, die er schließlich getroffen haben will, sei ein ganz normaler Mensch.

Was diese Romanreihe für die esoterische Bewegung so besonders macht, ist ein Versprechen Megres: Er meint, jede*r hat Anastasias Fähigkeiten in sich. Wir Menschen hätten in unserer modernen und technologisierten Welt nur verlernt diese Fähigkeiten zu nutzen. Doch jede*r, könne diese wiedererlangen, halte man sich an eine bestimmte Lebensweise. Mit Anastasia schuf er ein Vorbild für einen angeblichen erfolgreichen Erkenntnisweg und bietet seinen Leser*innen und Anhänger*innen einen vermeintlichen Ausweg aus der Banalität des eigenen Lebens.

Und natürlich können sich nach Megre nur Lesende, die alle zehn Bände studiert haben, diesen Grad der Erkenntnis gewinnen. So verwundert es auch kaum, dass sich um diesen Kult ein kleiner Markt entwickelt hat, der etwa Kosmetik vertreibt, die Anastasia angeblich genutzt haben soll oder Reisen anbietet zu den Orten an denen sie sich angeblich aufhält.

Familienlandsitze

Ein zentraler Punkt dieser Bewegung ist der sogenannte „Familienlandsitz“, Anhänger*innen sollen auf ihrem eigenen Stück Land möglichst selbstverwaltet leben. Jede Familie, die ganz klassisch aus Frau, Mann und Kindern besteht, soll ein Hektar Land bewirtschaften, auf dem alles für das Leben Nötige angebaut wird. So brauchen diese isolierten Familien nicht mit der angeblich schädlichen Außenwelt in Kontakt treten. Angeblich gibt es über 370 dieser „Familienlandsitze“ in Russland, neun in Deutschland, zwei in der Schweiz, je einer in Tschechien, Weißrussland, Italien, Ungarn und Peru.

In Russland wurden die Anastasia-Bücher schnell zu Bestsellern. Hier entstand die politische Bewegung, die von der russischen Regierung unterstützt wird. Der ehemalige russische Präsident Medvedev bewertete die Idee der „Familienlandsitze“ beispielsweise als „absolut positiv“. Kenner der Szene, Vladimir Martinovich, bezeichnet die Anastasia-Bewegung als die „größte sektiererische Bewegung, die jemals im russischen Raum entstanden ist“. Doch auch in Deutschland breitet sich diese Siedlerbewegung immer weiter aus.  So finden seit 2014 in Deutschland jährlich Festivals, Vorträge und Siedlerstammtische statt, mit bis zu 200 Teilnehmer*innen.

Die völkisch-esoterischen Siedler*innen, deren staatsfeindliche Ideologie näher an der deutschen Reichsbürgerbewegung liegt als bei den Hippies, nach denen sie aussehen, geraten mehr und mehr ins Visier von Verfassungsschutzbehörden, Sekten- und Rechtsextremismusexpert*innen. Marius Hellwig, Experte der Amadeu Antonio Stiftung zum Thema Völkische Siedler*innen, beobachtet seit längerem, dass rechtsextreme Ideologien verstärkt in ökologische und esoterische Bewegungen einfließen:  “In den letzten Monaten erreichten uns immer mehr Anfragen von Menschen, die in ökologischen oder bio-landwirtschaftlichen Kontexten aktiv sind und dort mit der Anastasia-Bewegung konfrontiert werden. Aktuell herrscht eine hohe Unsicherheit darin, die Gruppierung einzuordnen und zu bewerten. Es lässt sich jedoch ganz deutlich aufzeigen, dass in der Szene spirituelle und esoterische Inhalte unter völkischen, naturromantischen und antimodernen Vorzeichen vermittelt werden. Hierin bestehen eindeutige Einfallstore für menschenfeindliche und antidemokratische Positionen, die offenkundig von einigen rechtsextremen Akteuren in der Szene bewusst genutzt werden.”

Antisemitismus

Dass diese Bewegung kritisch beäugt werden muss, liegt nicht zuletzt an den unverhohlen antisemitischen und rassistischen Ansichten, die Wladimir Megre in seinen Anastasia-Büchern vertritt. So predigt er von der jüdischen Weltverschwörung und relativiert in seinen Schriften den Holocaust, indem er imaginiert, Jüdinnen und Juden selbst tragen die Schuld an der Shoah. Er bedient eine uralte antisemitische Verschwörungserzählung, wenn er schreibt, die Welt werde seit tausenden Jahren angeblich von einem düsteren Oberpriester beherrscht, einem Leviten. Dieser jüdische Oberpriester soll die anderen Jüd*innen „programmiert“ haben, so dass diese wie eine Art „biologische Roboter“ funktionieren. Dies sei die Erklärung für all das Leid, das den Juden in den letzten Jahrtausenden widerfahren ist:

„Da das schon mehr als ein Jahrtausend geschieht, kann man den Schluss ziehen, dass das jüdische Volk vor den Menschen Schulden hat. Aber worin besteht die Schuld? Die Historiker, die alten wie die neuen, sprechen davon, dass sie Verschwörungen gegen die Macht anzettelten. Sie versuchten alle zu betrügen, vom jungen bis zum alten. Von einem, der nicht sehr reich sei, versuchten sie wenigstens etwas wegzunehmen, und bei einem Reichen seien sie bestrebt, ihn ganz und gar zu ruinieren. Das bestätigt die Tatsache, dass viele Juden wohlhabend sind und sogar auf die Regierung Einfluss nehmen können.“

 

Aber natürlich erkennt Anastasia diese angebliche Verschwörung, deswegen wollten die bösen jüdischen Oberpriester die Heilsbringerin Anastasia auch töten.  „Das Böse“, „die Moderne“, „die Demokratie“ und „die Dunkelmächte“ werden in der Romanreihe eindeutig mit Juden und Jüdinnen in Beziehung gebracht. „So wird ein klares Gut-Böse-Schema vermittelt, anhand dessen die Welt geordnet wird“, mein Marius Hellwig. „Diese einfachen Welterklärungsmuster sind zentraler Bestandteil aller Ideologien und für Menschen auf Identitäts- und Sinnsuche extrem attraktiv, weil sie sich über die vermeintliche Zugehörigkeit zu `dem Guten` selbst aufwerten können. Uneindeutigkeiten und Widersprüche werden dabei genauso ausgeblendet wie der stark auf Individualismus und spirituelle Selbstoptimierung zielende Kern esoterischer Ideen.”

 

Frauenfeindlichkeit in den Romanen

Das Geschlechterbild, das Megre aufzeichnet und dementsprechend von seinen Anhänger*innen vertreten wird, ist zutiefst sexistisch und frauenfeindlich. Zwar steht im Zentrum der Romane eine Frau, doch bereits die Titelbilder und die Zeichnungen von Anastasia sind stark sexuell aufgeladen. Und so ist es auch kein allzu großes Wunder, dass die Modernisierungsfeindlichkeit sich auch auf das propagierte Rollenverständnis auswirkt.

Megre vertritt in seinen Romanen die Telegonievorstellung, nach der der erste Sexualpartner eine Frau prägt, in der er ihr einen „Stempel“ aufdrückt, sodass frühere Geschlechtspartner Eigenschaften späterer Kinder bestimmen. Die Telegonie-These wurde und wird von Nazis und Neonazis sowie Rechtsesoteriker*innen herangezogen, um zu zeigen, dass die eigene „Rasse“ bedroht sei, da eine Frau, die Geschlechtsverkehr mit einem „nicht-Arier“ hat niemals einen „Arier“ gebären könne.

Rassismus

Wie bei den meisten esoterischen Lehren ist „Reinheit“ auch innerhalb der Anastasia-ideologie ein elementarer Bestandteil. Völker sollten unter sich bleiben, um sich nicht zu vermischen. Was die Grundlage für eine Blut-und-Boden-Ideologie liefert. Die ausgeprägte Vorstellung von Reinheit gehe laut „infoSekta“, einer schweizerischer Fachstelle für Sektenfragen, im Bereich der Esoterik oft mit Verschwörungserzählungen einher. Anastasia selbst sei Angehörige der „Wedrussen“, einer hochentwickelten aber nicht technokratischen Kultur. Anhänger*innen machen unter Bezug auf die Urgeschichte der Germanen daraus die „slawisch arischen Weden“.

Pädagogik

Einige Leser*innen der Buchreihe übernehmen das Weltbild und versuchen das Dargelegte in die Tat umzusetzen. Besonders gefährlich: Die Anastasia-Anhänger*innen verfolgen pädagogische Absichten. Auf Megres Romane berufend, glauben sie, jeder Mensch sei mit spirituellen und intellektuellen Fähigkeiten geboren. Elementarer Bestandteil dieser Sekte ist ein gefährliches Verständnis von Pädagogik und Befürwortung von Laising-Schulen. Was die Laising-Propagandist*innen als natürliches Lernen verkaufen, beruht auf der Vorstellung, dass man Kindern bloß wieder Zugang zu ihrem kosmischen Urwissen verschaffen müsse, dann könnten sie sich den Stoff der gesamten Schulzeit in nur einem Jahr aneignen. „Solche Grössenvorstellungen können in der Jugend zu grossen Problemen führen“, schreibt die Beratungsstelle Infosekta.

Doch auch in Deutschland gab es in Prien am Chiemsee bereits den Versuch eine Schule nach Anastasia-Vorbild aufzubauen. Das konnte allerdings verhindert werden. In Bayern ist die Bewegung mittlerweile im Fokus des bayerischen Verfassungsschutzes, auch in Hinblick auf den Versuch Einfluss auf das Schulsystem zu nehmen.  

Was zeichnet diese Romanreihe von anderen Fantasy-Romanen aus, dass sich daraus ein esoterisch-politisches Konzept entwickeln konnte? Marius Hellwig meint, das liege vor allem daran, dass Megre den Eindruck vermittelt, bei Anastasia handele es sich um eine real existierende Person. Er merkt jedoch an, dass nicht alle Leser*innen dieser Bücher gleich Teil der Bewegung seien. „Für viele Leser*innen ist es wohl eine Romanreihe von vielen, die sie trotz der antisemitischen und nationalistischen Töne lesen und dann einfach beiseite legen können. Und Menschen die irgendeinen Halt in diesen Büchern finden sind nicht gleich stramme Neonazis und Antisemit*innen. Ich sehe hier eher die Gefahr eines schleichenden Prozesses der Indoktrinierung mit völkischer, antisemitischer und nationalistischer Ideologie.“ Vor allem da zentrale Protagonist*innen der deutschsprachigen in Anastasia-Bewegung krude Verschwörungserzählungen vertreten und in rechtsnationalen, reichsbürgerlichen Kreisen verkehren, so Hellwig.    

Mehr zum Thema Anastasia-Bewegung:

http://www.infosekta.ch/media/pdf/Anastasia-Bewegung_10112016_.pdf

 

 

 

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