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Rechtsoffene Esoterik Wo Ökospiritualität auf antiemanzipatorisches Gedankengut trifft

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Harmlose Esoterik? Nicht selten mündet ein ökospirituelles Weltbild in antiemanzipatorischem Denken.
Harmlose Esoterik? Nicht selten mündet ein ökospirituelles Weltbild in antiemanzipatorischem Denken. (Quelle: William Farlow / Unsplash)

Gandalf Lipinski beschreibt sich gerne als „Sozialvisionär“ – eine gewagte Bezeichnung für eine eher bescheidene politische Laufbahn. Der Theatertherapeut und Ritualforscher aus Witzenhausen, einer Kleinstadt in Nordhessen bei Kassel, propagiert eine spirituelle, ökologische Politik jenseits der repräsentativen Demokratie. Dazu gehört Impfgegnerschaft, Coronavirus-Leugnung, ein essentialistisches Weltbild und eine verkürzte Kapitalismuskritik. Doch auch holocaustrelativierende Äußerungen sind Teil seines diskursiven Repertoires.

Das wird deutlich bei einer Rede von Lipinski im Mai 2020 am Witzenhäuser Marktplatz. Zu diesem Zeitpunkt ist der erste Lockdown noch in vollem Gang. Mit der Kundgebung wollen Lipinski und seine Anhänger*innen gegen die Infektionsschutzmaßnahmen der Bundesregierung demonstrieren – oder wie sie es nennen: gegen die „Beschränkung der Grundrechte“. 20 Menschen sammeln sich an diesem Frühlingssamstag vor dem historischen Rathaus. Mit dabei: Trommeln und Gitarren. Sie singen eine pandemieinspirierte Coverversion von „Die Gedanken sind frei“, später Nenas „99 Luftballons“. In den folgenden Monaten werden sie regelmäßig an diesem Marktplatz demonstrieren.

Lipinski adressiert sein Publikum: In seiner Rede warnt er vor einem angeblichen „Impfzwang“, spricht von vermeintlichen „Immunitätsausweisen“ – beides Erfindungen seiner Verschwörungen witternden Fantasie. Er fühle sich an das Jahr 1933 erinnert. Und über Immunitätsausweise sagt er: „Es wäre nicht so augenscheinlich wie der Judenstern, würde aber ebenso wie dieser bedeuten: Ihr gehört nicht zu uns. Ihr habt nicht mehr die gleichen Rechte wie wir. Ihr seid eine Gefahr für die Volksgesundheit.“

Ein geschichtsrevisionistischer Vergleich, für den Lipinski später viel Kritik ernten wird. Seine Äußerung auf der Kundgebung ist allerdings keine zufällige: Der genaue Wortlaut war bereits in einem von Lipinski verfassten „Mai-Aufruf zur Wiedereinsetzung von Grundrechten und Demokratie“ zu lesen, den das Bündnis „R.O.S.E. – Regionale Organisation für Selbstbestimmung und Emanzipation“ an die im Bundestag vertretenen Parteien, die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender sowie deutsche Zeitungen adressierte.

Es dauert nicht lange an diesem Samstag in Witzenhausen, bis auch der Microsoft-Gründer und Mäzen Bill Gates kritisiert wird. Versammlungsleiterin Constanze Trommer, eine Aktivistin vom „Impfkritischen Elternstammtisch Witzenhausen“, behauptet mit Empörung, die „Bill & Melinda Gates Foundation“ wolle die Menschheit gegen das Coronavirus impfen – als wäre das etwas Schlimmes. Die Risiken durch das Impfen würden ausgeblendet, so Trommer weiter.

Von wegen Verharmlosung

Die Kundgebung wird eine Woche später in einem Artikel der Lokalzeitung Hessische/Niedersächsische Allgemeine kritisiert. „Verharmlosung des Holocausts?“, fragt die Zeitung in ihrer Überschrift. Lipinski und seine Anhänger*innen weisen die Kritik vehement zurück. In einer Stellungnahme zum Artikel, unterschrieben von Lipinski sowie Anneke Jostes vom „Impfkritischen Elternstammtisch Witzenhausen“ und Ulrike Tylkowski von der „Regionale Charta Initiative (RCI)“, wird der Vorwurf des Geschichtsrevisionismus mit noch mehr Geschichtsrevisionismus gekontert: Eine Verharmlosung des Holocausts? Das Gegenteil sei der Fall: „Wir gehen auf die Straße, weil wir unter allen Umständen verhindern wollen, dass sich etwas derart Schreckliches in Deutschland wiederholt.“ Das Statement weist zudem darauf hin, dass es aktuell in der Covid-19-Pandemie „besorgniserregende Ähnlichkeiten zu den Geschehnissen im Nationalsozialismus“ gebe.

Das ist leider kein überraschendes Statement, blickt man etwas näher auf diesen Personenkreis: Anneke Jostes zitiert online zum Beispiel gerne den Verschwörungsideologen Ken Jebsen und wirft in einer Mail an einen lokalen Mailverteiler, die Belltower.News vorliegt, der Amadeu Antonio Stiftung vor, „bestimmte Gruppen“ mit Staatsgelder zu „indoktrinieren“. „Habt ihr euch mal kritisch mit der Amadeu-Antonio-Stiftung auseinandergesetzt?“, fragt Jostes.

Lipinski ist kein Einzelfall, es gibt viele Gandalfs in der Welt. Doch sein Beispiel ist sinnbildlich für die fließenden Grenzen zwischen ökologischer Esoterik, antiemanzipatorischem Gedankengut und rechten Verschwörungsideologien. In diesem Milieu reihen sich Pandemie-Leugner*innen neben antisemitischen Kapitalismuskritiker*innen und völkischen Aussteiger*innen ein.

Ein Blick auf die vielen Ämter und Positionen in Lipinskis Lebenslauf macht die enge Vernetzung dieser Szene deutlich: Er sitzt im niedersächsischen Landesvorstand der spirituellen Kleinpartei „Die Violetten“ und war deren Spitzenkandidat bei der Europawahl 2009 (die Partei bekam lediglich 0,2 der Stimmen und damit keine Mandate). Er ist zudem Vereinsvorsitzender und Mitbegründer der pseudofeministischen Gruppe „Gesellschaft in Balance e.V.“, und gründete ebenfalls die „Konvergenz-Gesellschaft“ – eine „Gesellschaft für ganzheitliche Wahrnehmung, Bewusstseinsentwicklung und Tiefenökologie“. Lipinski ist auch Mitglied der „Regionale Charta Initiative (RCI)“ – ein vermeintlich basisdemokratisches und kapitalismuskritisches Netzwerk in der Region Südniedersachsen-Nordhessen, das auch eine halbjährliche „Demokratiekonferenz“ organisiert. Lipinski ist der RCI-Koordinator für den Kreis Werra-Meißner.

Ein Europa der Völker

Die „Regionale Charta Initiative (RCI)“ wurde 2009 gegründet und setzt sich für eine dezentrale Regionalisierung der Politik ein. Ihr Traum: Ein Europa aus einigen hunderten autonomen Regionen, wo die „Menschen und Völker Europas“ ihre „geographische, sprachliche und kulturelle und ökonomische Vielfalt“ ausleben können. Die RCI pflegt ein linkes Image, distanziert sich in Schriften von Rechtspopulismus und Nationalsozialismus. Doch ihre verkürzte Kapitalismuskritik trägt durchaus antisemitische Züge und ihre Vorstellung von einem „Europa der Völker“ dürfte für „Ethnopluralist*innen“ der „Neuen Rechten“ ausgesprochen anschlussfähig sein.

Vor allem ersteres wird auf der Webseite der RCI unter der Rubrik „Lieder, die die Welt bewegen“, klar. Dort findet man ein Musikvideo der Sängerin Lisa Fitz. In dem verschwörungsideologischen Lied „Ich sehe was, was Du nicht siehst“ singt Fitz von einem „Schattenstaat“, „Schurkenbanken“ und „Puppenspieler“, von den „Rothschilds, Rockefeller, Soros und Consorten, die auf dem Scheißeberg des Teufels Dollars horten“ – eine tradierte antisemitische Chiffre für die „Strippenzieher“-Juden, die angeblich die Welt durch ihre Finanzmacht heimlich beherrschen. Das Video wurde auf dem YouTube-Kanal des verschwörungsideologischen „Alternativmedienmachers“ Heiko Schrang veröffentlicht.

Fitz weist jegliche Kritik am Lied wegen Antisemitismus in einer langwierigen Stellungnahme auf ihrer Webseite zurück. Doch auch hier wird es problematisch: Eine „(Wieder-)Integration des Judentums“ könne nur stattfinden, wenn sich Juden „bereit erklären, sich einer zeitgemäßen (auch satirischen) Kritik auszusetzen“, schreibt sie. Dennoch: Fitz hat nicht nur Kritiker*innen, sondern auch viele Fans. 2019 bekam sie den Bayerischen Verdienstorden. Das Beispiel zeigt: Lipinskis geschichtsrevisionistische Aussagen auf der Kundgebung in Witzenhausen entstehen nicht in einem Vakuum, sondern knüpfen an ein weiter verbreitetes antikapitalistisches Weltbild, das durch Antisemitismus geprägt ist.

Der Hang zu Verschwörungsideologien wird in einer Liste von „Quellen“ auf der Webseite der RCI besonders deutlich: Dort werden Szenegrößen benannt und empfohlen wie der Verschwörungsfan und Lebensgefährte von Eva Herman, Andreas Popp, der verschwörungsideologische Medienmacher Ken Jebsen, der holocaustleugnende Sektenführer Ivo Sasek sowie tendenziöse Medien wie RT Deutsch, Nachdenkseiten und klagemauer.tv beworben.

Die „Polarität der Geschlechter“

Die RCI propagiert auch ein vermeintlich feministisches Konzept, das sie „Polarität der Geschlechter“ nennen. Die inhaltlichen Überschneidungen hier zu der Gruppe „Gesellschaft in Balance“, die Lipinski gründete, sind groß. Lipinski selber glaubt, dass wir durch das Patriarchat kollektiv traumatisiert seien. An sich keine verkehrte These, doch in Dokumenten beider Gruppen wird schnell klar, in welche Richtung diese Kritik am Patriarchat führt.

Auf der Webseite der RCI und der „Gesellschaft in Balance“ steht der gleiche Text von Lipinski zu diesem Thema: Er und seine Anhänger*innen würden zwar die Gleichberechtigung von Frauen und Männern anstreben, das könne jedoch nicht darin bestehen, dass Frauen genötigt werden, „männlich geprägten Verhaltensformen möglichst perfekt – und zum Teil gegen ihr eigenes Inneres oder gar ihre biologische Realität – anzupassen“. Ein essentialistisches Verständnis von Gender, das auf ein vermeintlich reines Konzept des „Weiblichen“ beruft – und organisatorische Folgen hat. So werden Frauen und Männer bei Treffen der RCI und „Gesellschaft in Balance“ getrennt, vor allem bei „wichtigen Entscheidungen“ auf Versammlungen.

Für 2020 hatte die „Gesellschaft in Balance“ einen „Frauen und Männer Kongress“ geplant, der allerdings aufgrund der Covid-19-Pandemie auf Mai 2021 verschoben werden musste. Dort sollen Vorträge, Rituale und Workshops stattfinden – getrennt nach Geschlecht. Zu den eingeladenen Redner*innen gehören „Coaches“, die der Männerrechtsbewegung nahestehen, sowie die selbsternannte „Heilerin“ und „moderne Priesterin“ Mayonah A. Bliss, Vorsitzende des Witzenhäuser Vereins „Erwachte Weiblichkeit“, der als Mitorganisator des „Frauen und Männer Kongress“ aufgelistet ist.

Das Weltbild von „Erwachte Weiblichkeit“ beschreibt Martina Franck, Mitglied und Referentin des Vereins, auf der Webseite: „Männer sind in ihren Herzen verletzt. Durch Giftpfeile der Frauen, durch eine leistungsorientierte Ellenbogen-Gesellschaft, durch Kriege. Drum ist es für sie nicht einfach, ihr Herz zu öffnen, uns Frauen zu verstehen, emotional zu sein. Andere Männer haben ihre Identität als Mann und ihre Vision verloren.“ Auch Frauen hätten den Kontakt zu ihrer Weiblichkeit verloren, so Franck weiter. Die Vereinswebseite verlinkt zudem zu Initiativen, die geschlechtergetrennte „Jugendarbeit mit Initiationsriten“ machen. Zu diesem Angebot schreibt „Erwachte Weiblichkeit“: „Um authentisch Mann zu werden brauchen Männer Männer.“

Freund*innen von rechtsaußen

Das fragwürdige Verständnis von Feminismus, das von „Gesellschaft in Balance“ und „Erwachte Weiblichkeit“ propagiert wird, stößt in rechtsalternativen Kreisen auf offene Ohren – Kreisen wie die rechtsesoterische und verschwörungsideologische „Anastasia“-Bewegung, die selbst ein antifeministisches und antisemitisches Weltbild vermittelt. So nahm etwa Iris Krause an mehreren „Frauenkongressen“ von „Erwachte Weiblichkeit“ teil. Iris Krause hat zusammen mit ihrem Mann Markus Krause die völkische „Anastasia“-Siedlung auf dem „Familienlandsitz Landolfswiese“ in Brandenburg aufgebaut – besser als „Goldenes Grabow“ bekannt.

Die Veranstaltungen machten einen großen Eindruck auf Krause: Inspiriert von Bliss organisierte Krause einen monatlichen „Schwesternkreis“ im „Goldenen Grabow“, in dem Teilnehmerinnen ihr Herz „ausschütten“ und ihre „Weiblichkeit nähren“ können. Der „Schwesternkreis Grabow“ war sogar auf der Webseite von „Erwachte Weiblichkeit“ als „regionales Angebot“ aufgelistet, wurde aber mittlerweile gelöscht. Auf Anfrage von Belltower.News bestätigte Bliss, dass Iris Krause bei „einem oder mehreren“ Frauenkongressen anwesend gewesen sei, Bliss habe jedoch keine Beziehung zu ihr. Bliss sagt auch, dass sie noch nie im „Goldenen Grabow“ gewesen sei und keine Veranstaltungen von ihr dort stattgefunden hätten. Von rechtsnationalem Gedankengut will Bliss sich ganz klar distanzieren.

Iris Krause findet auch glühende Worte für „Erwachte Weiblichkeit“-Mitglied Franck auf der Webseite des „Goldenen Grabow“: Sie beschreibt eine besonders emotionale Begegnung mit Franck auf einem Frauenkongress, wo die beiden sich umarmt und gehalten haben. Auf Anfrage von Belltower.News reagierte Franck nicht.

Fruchtbarer Boden

Dass Anhänger*innen der „Anastasia“-Bewegung sich für ein solches Konzept des „Weiblichen“ begeistern, wie es von Gruppen wie „Gesellschaft in Balance“ und „Erwachte Weiblichkeit“ propagiert wird, ist keine Überraschung: Die Romanreihe verbreitet eine Vorstellung von Frauen als „reine“ Wesen, die als Mütter die eigene homogene Gemeinschaft sichern sollen. Die Bewegung unterscheidet das vermeintlich „Weibliche“ und „Männliche“ und schreibt den beiden Kategorien feste Charaktereigenschaften zu. In einem solchen binären und essentialistischen Geschlechterverhältnis gibt es keinen Raum für Homosexualität oder nicht-binäre Genderidentitäten.

Der Melting-Pot Witzenhausen zeigt, dass eine vermeintlich linke, esoterische und ökospirituelle Szene durchaus ideologische Überschneidungen mit rechtsoffenen bis rechtsextremen Siedlungsbewegungen hat. Und aus einer verkürzten Kapitalismuskritik wird schnell ein geschichtsrevisionistischer Antisemitismus, aus einer Patriarchatskritik ein essentialistischer Antifeminismus. Klar wird: Die Szene ist ein fruchtbarer Boden für Verschwörungsideologien.

Das ist gefährlich: Denn dieses Milieu ist in der Lokalpolitik gut vernetzt. So wurde Lipinski am 3. September 2020 zu einem Radiogespräch über das Patriarchat mit der Gleichstellungsbeauftragte des Werra-Meißner-Kreises, Thekla Rotermund-Capar, eingeladen. Es war nicht seine erste Einladung: Bereits 2018 und 2019 organisierte Lipinski eine Vortragsreihe zum Thema „Jenseits des Patriarchats“ für das Gleichstellungsbüro. Auf Rotermund-Caspars Einladung hielt Lipinski auch zum Internationalen Frauentag am 8. März 2018 eine Rede im gut gefüllten Rathaussaal Witzenhausen. Rotermund-Capar wird zudem beim „Frauen und Männer Kongress“ der „Gesellschaft in Balance“ im Mai 2021 als Rednerin auftreten.

Durch solche Einladungen und öffentlichen Auftritte werden auch die menschenfeindlichen Argumentationen aufgewertet, die an anderer Stelle publiziert werden. Zudem schaffen persönliche Begegnungen ein Vertrauen, dass wiederum bei Offenlegungen antidemokratischen Gedankengutes schützt. Hier ist zumindest eine kritische Begleitung gefragt und eine konsequente Zurückweisung antidemokratischen oder antisemitischen Gedankenguts. Denn Witzenhausen ist überall.

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Bräuche der Liebe Frauenfeindlichkeit der Anastasia-Bücher

Die „Anastasia“-Bewegung ist mittlerweile bekannt als rechtsesoterische Siedler*innen-Bewegung mit klaren Verbindungen in verschwörungsideologische und rechtsextreme Milieus. Durch die eigene Darstellung der Anhängerschaft als vermeintlich friedfertige Selbstversorger*innen, gelten sie mit ihrem Konzept der Familienlandsitze und kulturellem Angebot als besonders anschlussfähig im ländlichen Raum. Doch im Kern ihrer Ideologie steht ein antifeministisches und antisemitisches Weltbild. Eine Analyse.

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