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Kommentar 40 Jahre Oktoberfestattentat Mehr als das Nötigste unternehmen

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Das Denkmal am Ort des Oktoberfestattentats wurde im September 2008 eingeweiht. (Quelle: Gemeinfrei)

13 Menschen werden ermordet und 213 Personen verletzt – teilweise schwer. Gundolf Köhler zündet am 26. September 1980 eine Bombe am Haupteingang des Oktoberfestes und führt damit das schwerste Attentat in der deutschen Nachkriegsgeschichte aus. Ihm werden schon im ersten Zuge der Ermittlungen Verbindungen zu rechtsextremen Gruppierungen nachgewiesen – doch nachgegangen wird dieser Spur nicht.

Die Spur 403 – ein 100 D-Mark-Schein mit einer rätselhaften handschriftlichen Notiz, drei verschiedene Aschenbecher in dem Fahrzeug, mit dem Köhler mutmaßlich zum Tatort gelangt ist, gefüllt mit 48 Zigarettenstummeln – 36 davon weisen auf eine andere Blutgruppe als Köhlers, hin. Mehrere junge Männer in grünen Parkas, die unmittelbar vor der Tat im Gespräch mit dem Attentäter gewesen sein sollen. Und dann ist da noch eine abgerissene Hand, die am Tatort gefunden wird. Eine Hand, die im Zuge der Ermittlungen verschwindet und nicht Köhler zugeordnet werden kann.

Nun befinden wir uns im Jahre 2020. Diese Aufzählung der Ermittlungsergebnisse entstammt einer kleinen Anfrage DER LINKEN aus September 2020, die an den Bundestag gerichtet wurde. Sie liest sich wie ein Thriller und nicht wie eine parlamentarische Anfrage. Und doch handelt es sich eben nicht um einen Thriller, sondern um nüchtern aufgezählte Fakten und um viele Fragen – berechtigte Fragen.

Schon 1980 konnte Gundolf Köhler mit der „Wehrsportgruppe Hoffmann“ in Verbindung gebracht werden. Ein langjähriges Mitglied eben dieser rechtsextremen Gruppierung, versuchte nach der Tat, roten Phosphor verschwinden zu lassen. Roten Phosphor, wie er zur Herstellung der verwendeten Bombe genutzt wurde. Nachdem dieses Mitglied der „Wehrsportgruppe Hoffmann“, Albert K., im Zuge der Vernehmungen zugibt, zur Tatzeit ebenfalls in München gewesen zu sein, wird er nach nur einem Tag aus der Untersuchungshaft entlassen. 1982 werden die Ermittlungen eingestellt, Gundolf Köhler als Einzeltäter zu den Akten gelegt.

Nach einer Wiederaufnahme der Ermittlungen 2014 werden sie im Juli 2020, fast genau 40 Jahre nach den Oktoberfestmorden, schließlich erneut eingestellt – ohne vollständige Aufklärung, aber mit neu bewerteten Ergebnissen.

Die Tat war eindeutig rechtsextrem motiviert, die Verbindung des Täters zu der rechtsextremen Gruppe bleibt jedoch auch heute ein Kapitel mit vielen ungeklärten Fragen.
Doch warum bedurfte diese Einschätzung vier Jahrzehnte? Dies ist unter anderem dem fatalen Mythos des Einzeltäters und weiteren Fehleinschätzungen der Ermittler*innen zuzuschreiben. Eine Tendenz, die bei deutschen Ermittlungsbehörden durchaus Tradition hat: Rechte Gewalt und rechte Strukturen werden immer wieder verharmlost, das war 1980 so und ist es auch heute, im Jahre 2020.

Auch im Kontext der Anschläge von Kassel, Hanau und Halle wird immer wieder von Einzeltätern gesprochen. Bei allen hier genannten Attentätern konnten im Zuge der Ermittlungen nicht ausgeschlossen werden, dass sie als Teil einer größeren Gruppe handelten. Netzwerke und Verbindungen in sozialen Medien und Imageboards bleiben oft unzureichend aufgeklärt.

Seit Jahren warnen Wissenschaft und zivilgesellschaftliche Initiativen vor der zunehmenden Radikalisierung junger Menschen im Netz: Hier findet sich eine Community, die gewillt ist, den Täter*innen Anerkennung angedeihen zu lassen. Dies ist als umso gefährlicher einzustufen, da die Anonymität des Internets die Hemmschwelle sinken lässt.

Im Falle der „Wehrsportgruppe Hoffmann“ und der Oktoberfestmorde scheint der Kontext auf den ersten Blick ein anderer. Doch schauen wir genauer hin, zeigt sich ein deutliches Bild und Parallelen zu Kassel, Hanau und Halle: Die jeweiligen Täter*innen haben nicht allein gehandelt. Ob sie nun von einer „Wehrsportgruppe“ unterstützt, von einer Online-Community und einem gesellschaftlichen Klima angeheizt werden oder ob nun ein Martin Sellner, wie es einem taz-Artikel vom 15.05.2019 zu entnehmen ist, dem späteren Attentäter von Christchurch anbietet, mal einen Kaffee trinken zu gehen, sollte dieser in Wien sein: Die Taten sind das Ergebnis eines langen Prozesses der Radikalisierung und meist auch Ergebnisse der Einbindung in einen größeren Kontext.

Der Journalist Ulrich Chaussy beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit den Ermittlungen zu den Oktoberfestmorden und stellt klar: Der größte Fehler der Ermittler*innen von damals war, sich umgehend auf die Einzeltäterhypothese einzuschießen. Dass die Ermittlungen nun erneut eingestellt wurden, macht er den heutigen Verantwortlichen nicht zum Vorwurf, erklärt er in einem Interview mit der taz vom 09.07.2020:

„Man kann die heutigen Ermittler nicht dafür tadeln, dass die Kollegen damals nicht mal das Allernötigste unternommen haben.“

Polizeiliche Ermittlungen können nicht nur den einfachsten Weg wählen und müssen mehr als das Nötigste unternehmen. Die mangelhaften Ergebnisse aus den 80er Jahren sollten in aktuellen Verfahren und Ermittlungen Mahnung sein, die Strukturen hinter den Taten und den Tätern viel genauer als bisher zu beleuchten.

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