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Nazis im Hipster-Gewand Der Nipster

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Hass im Hipster-Style: Screenshot eines rechtsextremen Tumblr-Blogs. (Quelle: Screenshot / ngn)

Was genau macht einen Nazi-Hipster aus? Nun, inhaltlich vertritt er oder sie natürlich den gleichen Schmu aus Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus,  Deutschtümelei  und Meinungsfreiheitsgeschwurbel wie alle Rechtsextremen. Es ist die Verpackung, die sich Nipster bei der Jugendkultur der Hipster leiht. Er reichert die Nazi-Ideologie an mit Rebellion, jugendlicher Nachdenklichkeit, Selfie-Schnappschüssen und alternativkulturellen Versatzstücken wie veganer Ernährung und Containern.

„Krass pornöse Typen“

Exemplarisch ist etwa eine Facebook-Seite, deren Schriftzug in funkigem 80er-Jahre-Layout zum Besuch einlädt. Darunter als Motto: „Wir sind jung und können scheiße sein, Rebellen werden nicht erwachsen.“ Die Macher posten einen Schnappschuss von zwei grinsenden Männern, die am Holocaust-Mahnmal in Berlin klettern (mit Krakelschrift „Holocaust ist ein Brotaufstrich“), in ihren Beiträgen sprechen sie „krass pornöse Typen“ an.  Ihre „Arbeit“ im Rahmen der „Freien Kräfte“ der Rechtsextremen beschreiben sie als „klandestine Arbeit und Guerilla-Vorgehen in städtischen Bereichen.“  Leider ist im Fortgang diese „Manifestes“ zu lesen, dass die traditionelle rechtsextreme Szene die coolen Strategien dieser Nazi-Hipster noch nicht versteht. Aber so ist das eben: Die Jugend auch in den eigenen Reihen unverstanden. Doch bevor dies zu lustig klingt: Die Seite postet auch ein Foto von Piraten-Politikerin Anne Helm samt Facebook-Profil, Telefonnummer, Email- und Büroadresse, mit dem Zusatz: „Derjenige, dessen Großeltern vielleicht im Feuer auf Dresden ihr Leben lassen mussten und dessen Familie fast ausgelöscht worden wäre, oder auch nur jemand, der es wie wir einfach zum Kotzen finden, dass Menschen wie Anne Helm weiterhin ihren antideutschen Verbaldurchfall unter die Leute bringen dürfen und das Bedanken beim „Bomber Harris“ alles andere als lustig finden, die können Anne Helm gern auf ein Gespräch bitten.“ Es sind eben Rechtsextreme – wie man auf später auf Fotos sieht, aus dem Spektrum der NPD-Jugendorganisation „JN“.

Hass im Tumblr-Blog-Format

Eine andere Facebookseite postet Menschen im Krümelmonsterkostüm, die „Schule ohne Rassismus“-Schilder abmontieren, und posten modern gestaltete Sprechblasen-Aufkleber mit der Aufschrift: „Mehr als nur dagegen sein.“ Gewalttätiger – aber im coolen Gewand – sind Fotocollagen marschierender Nazianhänger auf einer weiteren Nipster-Seite dieses „Verbundes“ – denn alle liken und teilen sich gegenseitig – unter dem Motto „Boys will be boys – Bildet Banden“. Hier gibt es auch Grafiken eines vermummten Anti-Antifa-Fotografen mit dem Schriftzug „Zecken den Tag versauen“. Allerdings sorgen sich auch die Macher dieses Blogs um Techniken des Containerns für mehr Nachhaltigkeit, verbreiten Antikapitalistisch-Antisemitisches wie „Geld ist euer Gott“ oder propagieren Revolutionsromantik durch eine Sturmhauben-Grafik mit der Aufschrift „Tagtraum. Utopie. Rebellion.“ Diese Präsenz gibt es übrigens auch als stylischen Tumblr-Blog.

Veganes Kochen „mit nationalistischem Charakter“

Eine skurrile Weiterentwicklung solcher Präsenzen ist die „Balaclava Küche“ genannte „vegane Kochshow mit nationalistischem Charakter“ des rechtsextremen Internetfernsehens FSN.tv. Auf der anderen Seite war ja auch schon Adolf Hitler Vegetarier. In der „Balaclava Küche“ gibt es allerdings nicht nur Kartoffeln und Sauerkraut,  die kochenden Nazis sind erstaunlich experimentierfreudig mit internationalen Lebensmittelzutaten. So gibt es auch „autonomen Tofu“ – aber immerhin mit dem ideologischen Zusatz: „Achtet auf die Herkunft der Sachen! Kauft keine Nestlé-, CocaCola-, Kraft-, Unilever- und Israel-Wixxe!“ Ansonsten sieht man zwei vermummte Kerle (Balaclava ist ein anderes Wort für Sturmhaben) in Muttis Küchenzeile hantieren, während die wackelig geführte Kamera auch mal auf das Pfefferspray im Küchenschrank zoomt. Ist das zugleich ein neues Genderbild in der Naziszene oder waren nur keine Mädels für die Küche verfügbar? Bei der Kundschaft kommt das an: So kommentiert etwa „Fenja Kriemhild Barbarossa“: „Super Sendung! Werde es auf alle Fälle weiterempfehlen! Die Spitzen zwischendurch sind einfach klasse! Ich hab viel gelacht und Lust auf vegane Kost bekommen! Weiter so!“  und auch „Mir reichts“ meint: „Geile Sendung“. Insofern zeigt auch die Entwicklung des Nazi-Hipstertums: Rechtsextreme versuchen eben, sich verschiedenster Jugendkulturen zu bedienen, um ihre Ideologie an Mann und Frau zu bringen. Zumindest Teile der rechtsextremen Szene wissen dies zu schätzen – während NPD-Mann Michael Schäfer den Hashtag „#nipster“ eher spöttisch für FSN-TV verwendet. Zumindest ist aber bei den Nazi-Hipstern die Verwechslungsgefahr mit durchschnittlichem Hipstertum nur optisch gegeben – inhaltlich sind diese Gruppen so gewalttätig, rassistisch und antisemitisch, dass eine zufällige Zustimmung eher unwahrscheinlich sein sollte.

Mitarbeit: Olga Wendtke, Malte Switkes vel Wittels

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