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Prävention in der Schule Ein Halbjahr gegen Antisemitismus

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Für die Schüler*innen, aber auch für die beiden Referentinnen war das eine einmalige Erfahrung. Zu sehen ist das einem Video, denn das Projekt wurde mit der Kamera begleitet. Vorsorge und Aufklärung sind einfacher und nachhaltiger, als erst nach einem Vorfall aktiv zu werden. Samuel Salzborn, der Ansprechpartner des Landes Berlin zu Antisemitismus begrüßt das Projekt: „Präventivpädagogische Ansätze sind ein sehr guter Weg, Jugendliche direkt zu erreichen und Antisemitismus nachhaltig zu bekämpfen.“ Das bedeutet aber auch, dass sich Lehrpläne und die Lehrer*innenausbildung ändern müssen. „Strategien gegen Antisemitismus gehören in die Schule, denn Bildung und Aufklärung sind zentrale Instrumente, um die Zivilgesellschaft zu stärken“, so Salzborn. Wir haben mit Miki Hermer und Stepanie Ecks über engagierte Lehrer*innen, Verschwörungsideologien in Zeiten von Corona und israelbezogenen Antisemitismus in Neukölln gesprochen.

Belltower.News: Ihr wart für ein Halbjahr jede Woche einmal an der Neuköllner Albrecht-Dürer-Oberschule. Wie habt ihr dort gearbeitet?
Miki Hermer: Jeden Dienstag um ach Uhr morgens haben wir mit 17 Jugendlichen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen über Antisemitismus gesprochen. Wir haben mit ganz altem Antijudaismus und den Ursprüngen in der Kirche angefangen, über antisemitische Legenden aus dem Mittelalter gesprochen, hin zum eliminatorischen Antisemitismus des Nationalsozialismus. Es ging um Antisemitismus heute, vor allem auch mit Blick auf Verschwörungsideologien und zusammen mit der Initiative Bildungsbausteine über Israel und den Nahostkonflikt.

Wie haben die Schüler*innen das aufgenommen?
Hermer: Zu Beginn sind die Jugendlichen mit vielen Hemmungen an das Thema herangegangen, obwohl sie sehr aufgeschlossen waren und es auch keine Konflikte gab. Am Anfang wollte niemand das Wort „Jude“ überhaupt in den Mund nehmen, zum Ende war das nicht mehr so. Für mich war das ganze Projekt ein Meilenstein. Es hat gezeigt, dass letztendlich die Arbeit vor Ort, mit jungen Menschen wirklich etwas bewegen kann.

Stephanie Ecks: Ich war beeindruckt davon, wie weit viele Schüler*innen bei sehr vielen politischen Themen waren. Aber Antisemitismus war trotzdem noch weitgehend unbehandelt. Den Jugendlichen war bewusst, wie man mit Rassismus umgehen kann, wieviel strukturelles darin steckt, genauso bei Sexismus und Antifeminismus. Es war beeindruckend, was die Schule da bereits bewirkt hat, das war wiederum ein sehr guter Nährboden auf dem wir aufbauen konnten, um Antisemitismus zu bearbeiten.

Ein Schwerpunkt im Projekt waren Verschwörungserzählungen. Was haben die mit Antisemitismus zu tun?
Ecks: Fast alle Verschwörungsideologien haben einen antisemitischen Gehalt. Um das zu erkennen ist es erstmal wichtig zu wissen, was Antisemitismus überhaupt ist. Erst dann kann man die direkt oder strukturell antisemitischen Inhalte darin verstehen und aufspüren. Es braucht ein inhaltliches Fundament und Wissen darüber, um im Alltag dagegen vorzugehen.

Was habt ihr in dem Projekt über Prävention in Schulen gelernt?
Hermer: Das Projekt hat gezeigt, wie wichtig Lehrer*innen sind. Der Politiklehrer, mit dem wir zusammengearbeitet haben, war sehr sensibel, was das Thema Antisemitismus angeht. Dabei war es so beeindruckend, wie er seine Jugendlichen, die er auch schon lange kennt, unterstützt hat. Damit hat er auch die mitgenommen, die normalerweise eher die Clowns oder Unruhestifter sind. Wir haben jeden einzelne Person in diesem Raum erreicht und es gab keinen, der gelangweilt in der Ecke sitzt und sich wünscht, dass die Nummer bald durch ist.

Ecks: Sogar Schüler*innen die Freistunden hatten, sind in diesen Kurs gekommen und haben sehr interessiert mitgearbeitet. Das Projekt hat den Klassenraum verlassen und eine Runde in der Schule gemacht.

Arbeit gegen Antisemitismus hat oft was von Feuerwehr. Die Initiativen die sich gegen Judenhass einsetzen, werden erst gerufen, wenn es einen Vorfall gab. Was war bei euch anders?
Hermer: Man sollte die Versicherung abschließen, bevor es brennt. Und das haben wir getan. Es ist wichtig, dass Initiativen vor Ort sind, wenn etwas passiert, um Betroffene zu schützen und größeren Schaden abzuwenden. Aber eine Klasse ein halbes Jahr zu begleiten, bevor etwas passiert, um Verständnis und Offenheit zu schaffen und das eigene Handeln zu hinterfragen, ist die beste Prävention. Wir waren nicht die Feuerwehr. Wir waren nicht da, um ein Problem zu lösen, wir waren da, um keins entstehen zu lassen.

Neukölln ist migrantisch geprägt, heißt das israelbezogener Antisemitismus ist ein Problem?
Hermer: Es gibt ein Problem mit Israel, definitiv. Da ist Wut. Vor der ersten Stunde saß ich im Auto und hab mir immer wieder gesagt, „Sprich erstmal nicht über Israel!“ Nach zwei Minuten haben wir über Israel gesprochen. Wir müssen darüber reden, nur so kann man über diese Form des Antisemitismus aufklären. Das gleiche gilt auch bei anderen Themen, die wir besprochen haben. Da waren junge Frauen aus traditionellen muslimischen Familien, die sich gewünscht haben, dass nicht alle Muslime über einen Kamm geschert werden, wenn etwas passiert, sie wünschen sich mehr Differenzierung. Das schöne Schlusswort der Jugendlichen im Film gilt immer noch. Wir brauchen viel mehr solcher Projekte.

Ihr habt die Jugendlichen ein halbes Jahr begleitet. Wie haben sich ihre Ansichten in der Zeit entwickelt?
Ecks: Am Anfang gab es Abwehr. Bei der gemeinsamen Reflektion nach der ersten Stunde sind genau die Sachen passiert, die bei antisemitismuskritischer Jugendarbeit eigentlich nicht passieren sollen. Es wurden mittalterliche antisemitische Bilder wiederholt, so als ob sie die Wahrheit wären. Der Klassenclown sagt: „Ich habe heute gelernt, dass Juden Kinder getötet haben.“ Zusammen mit dem Lehrer konnten wir das aber schnell aufarbeiten und lösen, ohne dass es größere Konsequenzen gab. Das ist alles später nicht mehr passiert. Und das lag nicht daran, dass sich niemand mehr getraut hat, sowas zu sagen. Sondern wir haben über die ganze Zeit eine persönliche Ebene geschaffen. Nach jeder Stunde sind immer mehr Schüler*innen auf mich zugekommen und haben mir Fragen gestellt: Wer ist denn nun Schuld am Nahostkonflikt? Was ist mit Israel? Wieso existiert Antisemitismus überhaupt? Antisemitismus ist so zu einem wichtigen Thema auf der Agenda der Jugendlichen geworden. Ich glaube dass diese Schüler*innen auf antisemitische Beleidigungen reagieren würden und klar sagen würden, dass das falsch ist und auch warum.

Gibt es andere Räume oder Gelegenheiten im Schulalltag, um diese Themen anzusprechen?
Ecks: Es hängt immer am Engagement der Lehrer*innen. Im Lehrplan steht das alles nicht drin. Sicherlich haben Lehrer*innen auch über Verschwörungserzählungen im Rahmen von Corona gesprochen, aber eben ausserhalb des Lehrplans oder den Themen, die behandelt werden müssen. Und dazu gehören Antisemitismus und der Umgang mit solchen Erzählungen nicht. Selbst wenn Antisemitismus in Berlin auf dem Lehrplan stehen würde, kann das nur funktionieren, wenn es auch eine pädagogische Ausbildung dazu gibt. Erziehungswissenschaften, Politik, Geschichte leisten das einfach nicht. Es gibt unterschiedliche Angebote für Lehrer*innen: Weiterbildungen, Kompetenzkoffer. Aber die werden zuwenig genutzt, weil zum einen keine Notwendigkeit dafür gesehen wird und es an zeitlichen Kapazitäten fehlt.

Hermer: Die Tatsache, dass wir ein halbes Jahr an diese Schule gehen konnten, war komplett dem Lehrer und seiner Fachbereichsleitung zu verdanken. Wir haben gemerkt, wie starr und undynamisch Schulstrukturen sind. Das hat Gründe: 1.500 Kinder zu organisieren und den Lehrplan in kurzer Zeit durchzukriegen, ist nicht einfach. Aber es braucht den Extraschritt, man muss sich bemühen, sonst geht es nicht. Die meisten Lehrer*innen sind sich bewusst, dass es gesellschaftliche Probleme gibt, die bearbeitet werden müssen. Aber wenn der Wille vnn Schulleitungen und Schulen und die nötige Flexibilität im Curriculum nicht gegeben sind, Probleme und Fragen unserer heutigen demokratischen Zivilgesellschaft zu bearbeiten, dann ist wenig Hoffnung. Ich bin fest überzeugt, dass solche Formate die beste Möglichkeit sind, Konflikte zu bearbeiten und zwar bevor sie entstehen.

Was heißt das für Bildungspolitik?
Hermer: Die Verantwortlichen müssen die Notwendigkeit erkennen. Die Länder müssen den Schulen ermöglichen, Raum zu schaffen für Arbeit wie diese. Es muss in den Pflichtunterricht und das erfordert viel Flexibilität bei den Lehrkräften und den Schulleitungen. Wir können keine Statistik daraus machen, aber wir wissen, dass es funktioniert!

Was hat dieses Projekt mit euch persönlich gemacht?
Ecks: Wir haben im Kleinen einen großen Fortschritt gesehen. Das ist in unserer Arbeit sonst oft nicht gegeben. Entweder wir sprechen mit Leuten, die ohnehin schon aktiv gegen Antisemitismus sind und bestärken sie oder eben mit handfesten Antisemit*innen. Bei Jugendlichen ist das Weltbild bei weitem nicht so gefestigt und man kann noch etwas verändern. Ich glaube, das haben wir geschafft.

Hermer: In sechs Jahren Antisemitismusarbeit hatte ich zum ersten mal das Gefühl, dass ich etwas direkt bewege. Mit den Aktionswochen gegen Antisemitismus machen wir Kampagnen und arbeiten mit Initiativen vor Ort zusammen. Das ist sehr, sehr wichtig, aber man sieht nie ein direktes Ergebnis. Das war hier anders. Für meine Arbeit hat mich das extrem motiviert und inspiriert.

Im Video sieht man auch ein Planspiel, dass vom Projekt „No World Order“ der Amadeu Antonio Stiftung entwickelt wurde und das ihr mit den Jugendlichen gemacht habt. Worum geht’s dabei?
Ecks: In dem Szenario sind über Nacht auf der ganzen Welt Erdlöcher aufgebrochen und haben unter anderem die UN und damit alle Staatschefs der Welt verschluckt. Im Planspiel geht es um eine UN-Sonderversammlung. Dabei gibt es dann auch Gruppen, die Verschwörungsideologien verbreiten und andere die mit Fakten arbeiten.

Hermer: Jedes Land hatte eine eigene politische Gesinnung. Es ist ein Spiegel der Gesellschaft mit einer großen Portion Utopie oder Dystopie dazu. Die Jugendlichen haben sich in ihre Rollen reingelebt. Interessant ist dann, dass die Fraktion, die faktenbasiert arbeitet, am meisten von den anderen angegangen wird.

Ecks: So ist das Spiel aber auch angelegt. Es geht darum, wie Verschwörungsideologien funktionieren und wie schwer es ist, dagegen anzuargumentieren, wie faktenresistent man wird, und wie sich das Weltbild bei diesen Erzählungen schließt.

Hermer: Es zeigt, wie einfach es ist, jemand zu sein, der diesen Wahnsinn unterstützt.

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