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Rassistischer Brandanschlag in Schwandorf 1988 „Mama, was ist das, Hass?“

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Am 17.12.1988 verübt ein rechtsextremer Täter einen Brandanschlag in Schwandorf. Im "Habermeierhaus" sterben 4 Menschen. Fatma Can, Osman Can, Mehmet Can und Manfred Hübener. (Quelle: Gerhard Götz)

Im Dezember 1988 starben im bayerischen Schwandorf vier Menschen bei einem rassistisch motivierten Brandanschlag. Später wird der Täter aussagen, dass es sich um einen „Augenblickseinfall“ gehandelt habe. 21 Jahre nach dem Brandanschlag wurde am 17. Dezember 2009 erstmals offiziell der Opfer gedacht. Doch wie konnte der Tod von vier Menschen für 21 Jahre in Vergessenheit geraten?

Schwandorf ist eine Kleinstadt in der bayerischen Oberpfalz. Am Abend des 16.Dezembers 1988 zieht Josef Saller, wie üblich mit einem Baseballschläger ausgerüstet, durch die Stadt. Dass er sich gerne als „Sheriff“ bezeichnet, ist stadtweit bekannt. Bekannt ist auch, dass er ein „Türkenhasser“ und Neonazi ist. Dagegen unternahm keine*r der 26.000 Einwohner*innen von Schwandorf etwas, zumindest lassen sich hierzu im Rahmen der Recherche keine Erkenntnisse gewinnen. Weniger bekannt hingegen sei gewesen, dass er Mitglied der offen neonazistischen Gruppe „Nationalistische Front“ kurz NF war, viele Schwandorfer*innen seien „auf dem rechten Auge blind“ gewesen, so ein Mitglied des „Schwandorfer Bündnisses gegen Rechtsextremismus“.  

Josef S. verteilte vor der Tat Aufkleber mit der Aufschrift „Türken raus“ in der Stadt. Ebenfalls darauf zu sehen sind Hakenkreuze. Einer dieser Aufkleber wird auch in der Nähe des späteren Tatortes gefunden.

Die damals 19-jährige Leyla Kellecioglu sieht ihre Familie an diesem Abend zum letzten Mal. Sie ist frisch verheiratet, im sechsten Monat schwanger und lebt wenige Straßen von ihrem Elternhaus entfernt. Ihre Eltern und ihr sieben Jahre jüngerer Bruder Mehmet sind, wie an jedem Freitag, bei ihr zu Besuch. Es wird gekocht und geplaudert. Gegen 23 Uhr verabschieden sie sich voneinander. Mehmet dreht sich auf dem Treppenabsatz zu ihr um und sagt winkend: „Bis morgen“. 

In der Nacht wird sie von den Rufen ihres Schwiegervaters geweckt. „Das Haus deiner Eltern brennt.“ Leyla versteht diese Worte zuerst nicht, versteht nicht die Auswirkungen, die sie auf ihr Leben haben werden. Sie rennt zu Fuß zum Habermeier-Haus, dem Wohnhaus ihrer Eltern, das vorwiegend von sogenannten türkischen Gastarbeiter*innen bewohnt wird. Die Wohnung ihrer Familie befindet sich unter dem Dach, Flammen lodern aus dem Dachstuhl. Ihre Mutter, die 43-jährige Fatma Can, ihr 50-jähriger Vater Osman Can, ihr 12-jähriger Bruder Mehmet Can und der 47-jährige Jürgen Hübener sterben in den Flammen. Zwölf weitere Menschen kann die Feuerwehr retten. Für Leylas Familie und Jürgen Hübener kommt die Rettung zu spät.

Leyla steht wochenlang unter Schock. Das Kind in ihrem Bauch entwickelt sich in dieser Zeit nur zögerlich. Jahre später werden Ärzte bei ihrem Sohn einen Herzfehler feststellen. Ihren Sohn Mehmet benennt sie nach ihrem ermordeten Bruder. Seinen Namen wird sie jedoch acht Monate lang nicht aussprechen können, wie sie der Mittelbayerischen Zeitung 2011 berichtete. 

All das weiß sie an diesem Abend noch nicht. Am Morgen des 17. Dezember 1988 weiß sie nur, dass sie ihre Eltern und ihren Bruder nie mehr sehen wird. 

Fehlende Reue des Täters im Gerichtsprozess

Josef Saller gesteht die Tat. Auch wenn er das Geständnis in der U-Haft widerruft, ist die Beweislast gegen ihn erdrückend. Er bestreitet jedoch eine Tötungsabsicht und wird zu einer Haftstrafe von zwölfeinhalb Jahren verurteilt. 

Bei der Verhandlung sucht Leyla Kellecioglu Reue in den Augen des Täters. Was sie findet, sind Nüchternheit und Stolz, wie sie ebenfalls der Mittelbayerischen Zeitung gegenüber äußerte: „Er muss eine Menge Leute hinter sich gehabt haben, die ihm sagten: Du bist ein Held.“ 

Nachdem er die Strafe wegen besonders schwerer Brandstiftung mit vierfacher Todesfolge verbüßt hat, äußert er sich Medienberichten zufolge noch immer antisemitisch und rechtsextrem. Er träume von einem „Europa ohne N****, Rote und Hakennasen“.

Nach seiner Haftstrafe taucht er, laut Medienberichten der Welt, im rechtsextremen Milieu im Osten Deutschlands ab. Als Teil der Gruppe NF, nach seiner Haft von rechtsextremen Gruppierungen bejubelt, während seiner Haftzeit unterstützt von der „Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene“ und schlussendlich abgetaucht, scheint zumindest klar: Der Täter war nicht allein. Zumindest konnte er sich eines breiten Rückhaltes in neonazistischen Strukturen sicher sein.

Der Prozess der Radikalisierung fand nicht im Stillen statt und wurde von den Bewohnern und Bewohnerinnen der Stadt offensichtlich toleriert oder zumindest ignoriert. 

Kein Raum für Gedenken im Stadtrat

Ob nun Einzeltäter oder nicht: 21 Jahre zwischen dem Tod von vier Menschen durch einen Brandanschlag und einem ersten öffentlichen Gedenken sind zu lang.  Eine Landtagsabgeordnete der Grünen und Mitglied des Schwandorfer Stadtrates, Irene Sturm, hatte bereits am 10. Jahrestag des Verbrechens, am 17.12.1998, einen Gedenkstein bei einem Künstler in Auftrag gegeben. Die Aufschrift sollte lauten: „Den Opfern des rassistischen Brandanschlages vom 17. 12. 1988 – Fatma Can – Mehmet Can – Osman Can – Jürgen Hübener“. Der restliche Stadtrat sperrte sich dagegen, stattdessen wurde an dem, von zivilgesellschaftlichen Initiativen und Hinterbliebenen für das Gedenken vorgesehenen, Ort eine Telefonzelle errichtet. Erst durch den unermüdlichen Einsatz von Initiativen und Hinterbliebenen wurde 2007 eine Gedenktafel aus Plexiglas aufgestellt, diese wurde noch im selben Jahr von Unbekannten entfernt. Ein erstes öffentliches Gedenken erfolgte schlussendlich im Jahre 2009 – 21 Jahre nach der Tat. Mit diesem Tag fand auch die Einführung eines jährlichen Gedenkens statt. Die Aufstellung des angefertigten Gedenksteins geschah allerdings erst 2016. Der Gedenkstein steht nun auf einer Grünfläche unmittelbar vor dem niedergebrannten und wiedererrichteten Habermeier-Haus. Seit der Errichtung findet das von der Stadt und zivilgesellschaftlichen Initiativen eingeführtes jährliches Gedenken an diesem Gedenkstein statt, eine Ausstellung für das würdige Gedenken an die Opfer wurde errichtet. 

Alle fünf Jahre findet eine größere Gedenkveranstaltung im Beisein von Leyla Kellecioglu und Thomas Hübener, dem Sohn Jürgen Hübeners, statt. 

Leyla Kellecioglu, Tochter von Osman und Fatma Can und Schwester von Mehmet Can, sagte über diese Gedenkveranstaltungen, dass es schön sei, an diesem Tag nicht mehr allein zu sein. 

Inzwischen hat das „Schwandorfer Bündnis gegen Rechtsextremismus“ einiges erreicht: Das Berufliche Schulzentrum Oskar-von-Miller Schwandorf, auf das der Täter damals ging, engagiert sich seit nunmehr 20 Jahren mit Schulentwicklungsprojekten zum Thema „Prävention rechter Gewalt“. Das jahrelang geforderte Gedenken an den Brandanschlag findet jährlich statt. In Schwandorf habe sich einiges getan, so Günter Kohl, Mitglied des Schwandorfer Bündnisses. Doch auch wenn in Schwandorf teilweise aktiv gegen Rechtsextremismus vorgegangen wird, gibt es zahlreiche Hinweise auf die Aktivität rechtsextremer Gruppen.  

Die AfD und rechte Gruppierungen in Schwandorf

Bei der Landtagswahl 2018 erreichte die AfD in Schwandorf knapp 15%, das „Schwandorfer Bündnis gegen Rechtsextremismus“ rief daraufhin zu Protestkundgebungen auf. Bei der Bürgermeister*innenwahl im März 2020 erreichte die AfD in der großen Kreisstadt Schwandorf 6,33%, das entspricht 844 Personen. Bei der Kreistagswahl im Landkreis Schwandorf waren es gar 7,2%, das entspricht 216.374 Personen. So scheint es, als hätten viele Schwandorfer*innen vergessen, was in der Nacht auf den 17. Dezember 1988 geschah.

Die Zivilgesellschaft bleibt aber nicht stumm. Im Dezember 2019 rief die AfD zu einer Kundgebung in Schwandorf auf. Wer kam, um ein Zeichen zu setzen, war das „Schwandorfer Bündnis gegen Rechtsextremismus“ und andere zivilgesellschaftliche Initiativen. Am 01.10. dieses Jahres rief DIE LINKE in Schwandorf zu einer Protestveranstaltung gegen die Gründung des AfD-Ortsverbandes Schwandorf/Haselbach auf. 

Bei der Stadtratswahl im April 2020 stand Florian Spiegler auf Platz fünf der Liste der „Freien Wähler“. Ein Kandidat mit einschlägiger Vergangenheit, wie aus Berichten der Sulzbach-Rosenberger Amberger Zeitung hervorgeht: Im Juli 2017 noch wurden Fotos veröffentlicht, die Spiegler eindeutig mit der rechtsextremen „Prollcrew Schwandorf“ in Verbindung bringen. Die „Prollcrew“ ging 2012 aus der Gruppe „Widerstand Schwandorf“ hervor, welche wiederum in enger Verbindung zum inzwischen verbotenen „Freies Netz Süd“ stand. Die „Prollcrew Schwandorf“ hat sich mittlerweile ein weiteres Mal umbenannt: In „Prollcrew Oberpfalz“, einige Mitglieder agieren auch unter dem Namen „Bollwerk Oberpfalz“. 

Auch wenn Spiegler sich mittlerweile in der Öffentlichkeit von der „Prollcrew“ distanziert hat: Recherchen der lokalen Zeitung haben ergeben, dass die Kontakte in die rechtsextreme Szene weiterhin bestehen. Der „Prollcrew Schwandorf/Oberpfalz“ werden Kontakte zu einschlägigen rechtsextremen Bands nachgesagt. Zudem sind sie in der rechtsextremen Szene gut vernetzt, auch wenn sie sich um ein apolitisches Image bemühen, dies ergibt sich ebenfalls aus Recherchen der lokalen Zeitung, sowie aus Recherchen der ZEIT. Seit 2019 wird zumindest die „Prollcrew Schwandorf“ vom bayerischen Verfassungsschutz überwacht. Erster Kandidat der „Freien Wähler“ für die Wahl im März wurde Ferdi Eraslan – er lebt seit 1988 in Schwandorf, seine Familie hat bei dem Brandanschlag ihre Wohnung verloren.

In letzter Zeit ist es ruhig geworden um die „Prollcrew“ Doch ist sich auch das „Schwandorfer Bündnis gegen Rechtsextremismus“ sicher: Die Aktivitäten der Gruppe finden weiter statt, wenn auch unter immer neuen Namen. Ob nun in der Maske der Demokraten oder in offen rechtsextremem Gebaren, wie das der „Prollcrew Schwandorf“ und des „Freien Netz Süd“: Rechtsextremismus muss in allen Bereichen der Gesellschaft entschlossen bekämpft werden. In Schwandorf hat sich etwas getan, viele Schwandorfer*innen positionieren sich klar – Günter Kohl lobte gar die Gedenkinitiative des Stadtrates. Und wie sieht es mit dem gesamtgesellschaftlichen Bewusstsein in der Bundesrepublik aus? 

Gedenken außerhalb von Schwandorf

Zum 25. Jahrestag des Brandanschlages wurde der damalige Bundespräsident Joachim Gauck zu der Gedenkveranstaltung in Schwandorf eingeladen. „Es wäre doch eine tolle Geste gewesen, wenn er gekommen wäre“ so Kohl. Passiert ist das nicht, auch eine Alternative wurde seitens seines Büros nicht angeboten. Auch kein Grußwort wurde geschickt, obwohl danach gefragt wurde. 

In Schwandorf hat sich also etwas getan, doch im Bewusstsein der Gesamtbevölkerung und auf der bundesdeutschen Regierungsebene hat das Gedenken an den Anschlag bis heute offensichtlich keinen Platz gefunden.

Was bleibt ist Leyla, die ihre Eltern und ihren Bruder verloren hat, ihre Kinder, die ohne Großeltern aufwachsen werden und der Sohn Jürgen Hübeners, der im Alter von 21 Jahren seinen Vater verlor. Was bleibt sind offene Fragen, Fragen nach einem möglichen Netzwerk hinter dem Täter. Fragen nach einer Stadt, die nicht sehen wollte, dass einer vor ihren Augen dem Hass verfiel. Und Fragen, wie die der Tochter von Leyla Kellecioglu. Vor neun Jahren hat sie im Interview mit der Mittelbayerischen Zeitung darüber berichtet:  

„Mama, warum sind Oma und Opa gestorben?“

„Aus Hass“ antwortet die Mutter.

„Mama, was ist das, Hass?“

Und auch heute gibt es noch keine Antwort auf die Frage.

 

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