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Rechte YouTube-Landschaft Rechtsextreme Influencer*innen

Von|
Nikolai Nerling "Der Volkslehrer"

Seit Jahren verhilft YouTube der rechten Hetze zur erhöhten Reichweite. Im deutschsprachigen Teil des Streamingdienstes hat die rechte Szene eine Propaganda-Plattform etabliert.

Auf YouTube können einigermaßen ungestört diskriminierende und nationalistische Inhalte Inhalte vermittelt werden, solange nicht allzu eindeutig gegen geltendes Recht verstoßen wird. Der Algorithmus, der neue Videos nach thematischen Vorlieben vorschlägt, trägt außerdem seinen Teil dazu bei, die Nutzer*innen auf immer neue Videos und Kanäle aus derselben Szene zu stoßen. Darüber hinaus fungiert YouTube auch als Soziales Netzwerk zur Verknüpfung, Kontaktaufnahme und Diskussion und nicht zuletzt als Plattform zur Monetarisierung der eigenen Inhalte. Channelbetreiber*innen können ab bestimmten Klickzahlen Geld mit Werbeeinnahmen verdienen, wobei die meisten Einnahmen aber durch die Verweise auf Webshops oder Spendenlinks in den Videobeschreibungen generiert werden dürften. All dies greift als ein alternatives mediales Netzwerk ineinander.

Die rechtsextreme Szene ist auf YouTube mittlerweile weit verzweigt und in ihrer Ausprägung, ihrem Stil und ihren Verknüpfungen sehr unterschiedlich – und sie wirkt. Auch bei Channels, die keine explizit rechtsextreme oder neonazistische Agenda verfolgen, finden sich Versatzstücke ihrer Ideologien, Diskussionspunkte und Rhetorik.

Höchste Zeit also, sich diese Szene ein wenig näher anzugucken. Hier folgt nun ein erster Überblick rechtsextremer deutschsprachiger YouTube-Channels. Dieser ist weder erschöpfend, noch repräsentativ. Vielmehr haben wir stichpunktartig einige herausgegriffen, die aus verschiedenen Gründen bemerkenswert sind.

„Thing-Kreis Themar“, Angela Schaller & Axel Schlimper

3.000 Abonnent*innen (Stand: März 2019)

Angela Schaller und Axel Schlimper mit Kopfbedeckung

Über ihre rechtsextreme Gesinnung lassen die öffentlichkeitsliebende Angela Schaller und der Neonazi-Barde Axel Schlimper auf ihrem Channel keinen Zweifel aufkommen. Beide waren seit Mitte 2015 bei dem eindeutig rechtsextremen Thüringer Pegida-Ableger „Thügida“ involviert.

Schlimper träumt offenbar von einer großen Karriere als völkischer Sänger mit Gitarre. Ab und an schafft Angela Schaller es, sich für ein Duett an seine Seite zu drängeln. Auf ihrem gemeinsamen YouTube-Kanal “Thing-Kreis Themar” (“Thing” steht im altgermanischen für Volksversammlung) sind viele seiner Auftritte dokumentiert, unter anderem vom November 2018 bei einer Demonstration für die verurteilte Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck. Sowohl die Anlässe als auch die Inhalte der Lieder sind eindeutig rechtsextrem einzuordnen.

Das überrascht nicht, wenn man sich vor Augen führt, dass Schlimper bereits maßgeblicher Kader der „Europäischen Aktion“ war, eines Zusammenschlusses von Holocaustleugner*innen. Diese wurde im Juni 2017 vermeintlich aufgelöst, wahrscheinlich um einer Razzia zuvor zu kommen. Schlimper ist ebenfalls auf den Channels anderer rechter YouTuber*innen sehr gefragt, wie Auftritte beim „Volkslehrer“ Nikolai Nerling, dem Neonazi Frank Kraemer und anderen zeigen.

Doch auch Schaller ist nicht nur passiv Mitmachende. Sie liebt die Öffentlichkeit. Sobald eine Kamera in der Nähe ist, stellt sie sich davor und lächelt, scheinbar egal, in welchem Format das Gedrehte ausgestrahlt wird. Für den gemeinsamen Kanal “Thing-Kreis Themar” besuchte sie Holocaustleugner Gerhard Ittner in der JVA, oder nahm Stellung zu ihrer Anklage wegen illegalen Waffenbesitzes.

Schaller und Schlimper haben neben YouTube auch noch Accounts auf anderen Plattformen, eine von ihnen beworbene Facebook-Seite existiert nicht mehr. Sie versuchen auch abseits von Onlineplattformen Anhänger*innen zu finden. Zum Beispiel veranstalten Sie „öffentliche Treffen“ für „alle Bürgerinnen und Bürger“ eines der Themen: „Sicherheitsrisiko Einwanderung“.

„FSN.tv“, Patrick Schröder

8.000 Abonnent*innen

Patrick Schröder und Daniel Franz bei fsn.tv

Der Channel “FSN.tv” wird betrieben von Patrick Schröder, langjähriger Neonazi-Kader aus Bayern, NPD-Funktionär, Betreiber der Neonazi-Marke „Ansgar Aryan“ und des “FSN”-Labels. Die Abkürzung FSN steht für “Frei, sozial, national” und stammt aus der Szene der „Freien Kameradschaften“.

Das Hauptformat von FSN.tv hat den Charakter eines Videopodcasts. Hier bespricht Schröder mit dem Neonazi Daniel Franz, der sich hinter einer Guy Fawkes-Maske versteckt, tagesaktuelle Themen – natürlich ganz im eigenen Sinn. Dabei zeigen sich deren Inhalte und politische Ausrichtung in einem bemerkenswerten double talk, einer überzogenen vermeintlichen Ironie, zB. mit gespielten Versprechern, die kaum Interpretationsspielräume lassen. Schröder laviert sehr geschickt um Sagbarkeitsschranken und Tabus herum. Neben ihrer rechtsextremen Interpretation tagesaktueller Themen, besprechen die beiden Neonazis regelmäßig Rechtsrock-Neuerscheinungen. Neben seinen Einkünften mit seinem Kleidungs-Label, versucht Schröder auch in der Rechtsrock-Szene Fuß zu fassen.

Was FSN.tv bemerkenswert macht, ist vor allem der hyperironische Stil. Es steht zu befürchten, dass er auf der Erscheinungsebene ansprechender daherkommt, als alte Formate aus dem Neonazi-Milieu, die mit heiligem Ernst und überzogenem Pathos eher lächerlich wirkten. FSN.tv verbreitet rechtsextreme Ideologie mit Hipster-Anstrich.

„Der dritte Blickwinkel“, Frank Kraemer

10.700 Abonnent*innen

Frank Kraemer beim Anpreisen seines Buches

Frank Kraemer ist Gitarrist der Rechtsrock-Band „Stahlgewitter“ und seit Jahrzehnten engagierter Neonazi-Kader. Sein YouTube-Channel kommt als „Diskussionsblog“ mit intellektuellem Anspruch daher. Die Videos sind mit pathetischen Intro versehen und in schwarz-weiß gehalten. Schnell zeigt sich auch hier die eindeutig rechtsextreme Ausrichtung.

Unter anderem propagiert er in seinen Videos einen ethnisch homogenen „Ethnostaat”, der darauf fußt, verschiedenen Ethnien bestimmte Charakteristiken zuzuordnen. Im Grunde handelt es sich hier um ein Rebranding des aus den 1990ern bekannten Slogans „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“. Das dazugehörige Video wurde jedoch auf YouTube gesperrt. “Metapolitik” lautet ein weiteres von Kraemers Stichworten und kommt aus der sogenannten „neuen“ Rechten. Es soll den Kulturkampf von Rechts erklären und basiert auf einem verqueren Verständnis eines Begriffs des kommunistischen Philosophen Antonio Gramsci. Kraemer propagiert diesen Begriff offensichtlich auch, um sein gleichnamiges Buch zu bewerben. Dieses bietet er über seinen eigenen Versandhandel an, gemeinsam mit einer Mischung aus Merchandise seiner Rechtsrock-Bands, sowie Fanshirts seines YouTube-Channels.

Kraemer hat keine Scheu über die klassische Neonazi-Szene hinaus seine rassistischen Thesen zu propagieren und fungiert auch als Schnittstelle zur „Alt Right“ und der „neuen“ Rechten: So teilt er ein Video mit überzogenen Geflüchtetenzahlen der Ex-Tagesschausprecherin Eva Herrmann, oder eines der Alt-Right-Vertreterin Lauren Southern. Auch nutzt er den Channel als Multiplikator für diverse rechtsextreme Channels unterschiedlicher Prägung; so lädt er Gespräche mit Macher*innen kleinerer Channels hoch, um diesen mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen.

„Multikulti trifft Nationalismus“

Nana Domena im Gespräch mit Frank Kraemer

Skurrilerweise taucht Kraemer auch auf den Channels „LifestylerTVGermany“ und „NanaTV“ auf. Diese gehören dem Schwarzen Deutschen Nana Domena aus Köln und bestehen hauptsächlich aus wenig beachteten Berichten über C-Promis, Red-Carpet-Events in Köln und obskuren Marketingvideos.

Soweit so unspektakulär. Wäre da nicht die Reihe „Multikulti trifft Nationalismus“ mit Frank Kraemer, welche die mit Abstand beliebtesten Videos auf Domenas Channels sind. Hier wird dem rechtsextremen Kader immer wieder eine Plattform geboten, die er gekonnt zu nutzen weiß. In einer vermeintlich ergebnisoffenen Diskussion kann er hier vor einem großen Publikum seine rechtsextremen Inhalte verbreiten. Insgesamt gibt es auf den Channels „LifestylerTVGermany“ und „NanaTV“ bisher elf Videos mit Kraemer.

Hier führt Kraemer beispielsweise seine Theorien zur Rassenlehre aus und bespricht mit Domena, seine als Tatsachen ausgegebene Behauptung, Schwarze Menschen seien dümmer als Weiße. Kraemer ist ein gekonnter Redner und rhetorisch geschult, was die Befürchtung nahelegt, dass seine Videos weiter ein gewisses Publikum ansprechen werden. Aus welchen Gründen Domena hier als willfähriger Gehilfe eines Neonazi-Kaders auftritt, ob aus politischer Überzeugung, Naivität oder dem Streben nach Klickzahlen, bleibt Spekulation. Er betont zumindest zu Beginn der Serie im April 2016, dass er Kraemers Meinungen nicht teilt, lässt ihn diese aber sonst unwidersprochen verbreiten.

„Der Volkslehrer“, Nikolai Nerling

63.000 Abonnent*innen

Nerling im Plausch mit Karl-Heinz Hoffmann

Nerling kommt, anders als Kraemer oder Schröder, nicht aus der Neonazi-Szene, sondern aus dem Querfront-Umfeld. Hier fiel er 2016 mit antisemitischen und verschwörungstheoretischen Statements auf. Lange Zeit arbeitete er in Berlin als Lehrer, bis ihm im Mai 2018 fristlos gekündigt wurde. Er war Anfang 2018 durch eine Anzeige der Berliner Senatsverwaltung gegen ihn zu einiger Bekanntheit gelangt und konnte seitdem seine Abonnent*innenzahl von 2.000 auf über 60.000 vervielfachen.

Bereits in seinem ersten Video vom Juli 2017 propagiert Nerling sein rassistisches und völkisches Weltbild: Er spricht davon, dass kaum „deutsche Kinder“ an seiner Schule eingeschult worden seien und meint damit explizit weiß-deutsche Kinder, solche mit Migrationshintergrund und deutschem Pass schließt er ausdrücklich davon aus. Das Video strotzt außerdem vor antisemitischen und rechtsextremen Andeutungen: So betont er, die AfD fokussiere sich zu sehr auf den Islamismus und würde den wirklichen Hintergrund der Flüchtlingswelle außer Acht lassen. Hierbei bezieht er sich offensichtlich auf die Erzählung des sogenannten „Großen Austausch, die in den Kreisen der „Neuen“ Rechten sehr beliebt ist und auf die sich der Attentäter von Christchurch in seinem Manifest ebenfalls bezieht.

Weitere Themenschwerpunkte des Channels, zunehmend eindeutiger formuliert, finden sich in der Kampagne zur Abschaffung des §130 (Volksverhetzung), die vor allem von Holocaustleugner*innen betrieben wird. Die deutsche Schuld und historische Verantwortung, die sich aus dem Holocaust und dem von Nazi-Deutschland geführten Angriffskrieg ergeben, scheinen Nerling nachhaltig umzutreiben. Das zeigt sich vor allem in der Schuldabwehr, NS-Relativierung und Täter-Opfer-Umkehr, die sich in vielen seiner Videos zeigen. So thematisiert er immer wieder die Kriegsgefangenenlager deutscher Soldaten auf den Rheinwiesen, oder zeigt eingesandte Videos anderer Nutzer*innen, wie sie an öffentlichen NS-Gedenkorten laut bekennen „Ich fühle mich nicht schuldig!“.

Die Interviewpartner*innen auf seinem Channel zeigen neben Nerlings Verwurzelung im rechtsextremen Milieu vor allem den Stellenwert, den er dort mittlerweile strömungsübergreifend zu genießen scheint. Hier sind neben Axel Schlimper (siehe unten) und Frank Kraemer, auch Szenegrößen, wie Udo Voigt (MEP NPD) oder der verurteilte Rechtsterrorist Karl-Heinz Hoffmann zu Gast. Die Krone der Skurrilität stellt aber ein “Gefängnisbesuch” bei Holocaustleugner und NPD-Anwalt Horst Mahler dar. Dabei ruft ihm Nerling durch ein geöffnetes Krankenhausfenster zu: „Ihr Geist wird auf jeden Fall weiterleben und er hat ganz viele von uns angesteckt! … Seien sie sich dessen gewiss!“

Das beisst sich nur vermeintlich mit seiner raffinierten Selbstinszenierung als offener und interessierter Mensch, der lediglich Fragen stelle. Dabei sucht er durch diverse Aktionen auch abseits von YouTube Aufmerksamkeit, wie zum Beispiel sein Versuch für eine Stadtteilversammlung in Berlin-Moabit zu kandidieren zeigt. Von den hier portraitierten Accounts ist der von Nerling der reichweitenstärkste. Seine Art sich als unbedarfter Lehrer zu präsentieren (wobei Ex-Lehrer natürlich passender wäre), dürfte über die klassische Neonazi-Szene hinaus eine größere Zielgruppe ansprechen.

Dieser Text stellt nur einen kleinen Einblick in die breite und florierende deutschsprachige rechtsextreme YouTube-Szene dar. Es gibt verschwörungstheoretische, rassistische, populistische, Desinformation verbreitende Channels, die ähnliche Inhalte anbieten, ohne selber zwangsläufig an eine rechtsextreme Szene angebunden zu sein. Die Struktur der Plattform YouTube macht dies möglich.

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Shoahleugnung & NS-Verherrlichung in Nürnberg mit Ansage

Nach einem Aufmarsch in Dresden im Februar 2018 und einem weiteren Mitte Mai in Bielefeld kamen über 200 rechtsextreme Shoahleugner-Unterstützer*innen Ende Juni zu einer erneuten Demonstration zusammen, diesmal in Nürnberg. Für diesen Protest waren Redner angekündigt, die sich im Internet offen zum Nationalsozialismus und zur Holocaustleugnung bekannten. Vor diesem Hinter-grund war es kaum verwunderlich, dass der Aufmarsch mit Volksverhetzung und verfassungsfeindlichen Reden endete.

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