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Ryke Geerd Hamer ist tot

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Screenshot von Hamers Facebookseite mit der Todesnachricht.

Bekannt wurde Hamer 1995. Nachdem die 6-jährige Olivia Pilhar an einem Nierentumor erkrankt war – eine Krebsart, die in 90 Prozent der Fälle heilbar ist – wandten sich ihre österreichischen Eltern an den selbsternannten „Wunderheiler“. Hamer hatte seine Approbation zwar schon 1986 verloren, 1989 attestierte ihm das Verwaltungsgericht Koblenz eine „nachträglich eingetretene Schwäche seiner geistigen Kräfte“, die ihn unfähig mache, weiter als Arzt zu arbeiten, er praktizierte aber weiterhin in Deutschland. Olivias Eltern, die damals der Sekte „Fiat Lux“ angehörten, suchten seine Hilfe. Hamer, der behauptet, Krankheiten wie Krebs seien die Symptome von Traumata und dürften nicht behandelt werden, weil sie bereits ein Zeichen für das Gesundwerden seien, riet den Eltern von einer Chemotherapie und Operationen ab. Nachdem ihnen das Sorgerecht entzogen wurde, folgte eine Odyssee durch halb Europa. Nach einer Zeit in Spanien kehrte die Familie doch noch nach Österreich zurück, wo Olivia ein mittlerweile mehrere kiloschwerer Tumor entfernt wurde. Olivia überlebte, ihre Eltern wurden zu Bewährungsstrafen verurteilt. Heute ist Helmut Pilhar, Olivias Vater, der Hauptvermarkter von Hamer „Germanischer Neuer Medizin“ in Österreich.

Weniger Glück hatte Sighild B., die damals vierjährige Tochter eines völkischen Siedlerpaars aus Sachsen-Anhalt. An Heiligabend 2009 starb das an Diabetes erkrankte Mädchen nach Blutspucken und Atemstillstand, weil ihre Eltern ihr das lebensrettende Insulin verweigerten. Die Eltern stammen aus dem Umfeld der rechtsextremen „Artgemeinschaft“, die zum Ziel hat möglichst „reinrassige“ und damit „gesunde“ Deutsche zu produzieren. Ihre Anhänger schließen sich in kleinen Siedlergruppen zusammen, um auf dem Land das eigene völkische Ideal zu leben. Sighild B.s Eltern waren Anhänger von Hamer.

Mehr zu völkischen Siedlern lesen Sie hier.

Es gibt keine genauen Zahlen über die Opfer von Hamer. Die Medizinjournalistin Christa Federspiel geht von mindesten 500 Toten aus. Hamer selbst schreibt in einem Brief an das oberste französische Gericht, dass alleine zwischen 1991 und 1995 500 Menschen trotz seiner „Behandlung“ an Krebs verstorben seien. Gerichtsbekannt sind vier. Auf der Website „Psiram“, die sich der Aufklärung über Verschwörungsideologien und Esoterik widmet, kann man die Schicksale von mehreren von Hamers Opfern nachlesen.

Hamer wurde in Deutschland und Frankreich immer wieder zu Haftstrafen verurteilt.  Auf der Flucht vor der deutschen und östereichischen Polizei landete er schließlich 2007 in Norwegen. Dort gründete er eine „Universität“ an der unter anderem der Olivias Vater, Helmut Pilhar, ein Ingenieur, Medizin unterrichten sollte. Auf der dazugehörigen Website ließ Hamer verlauten, dass er Teile eines leerstehenden Krankenhauses übernehmen wolle, um dort Menschen zu behandeln. Dazu kam es nicht. Angeblich drohte ihm das norwegische Erziehungsministerium und er musste die Website abschalten. Ein Kleinverlag unter gleichem Namen der Universität bestand weiter.

Über seine Website und den Verlag konnte Hamer so seine absurden Ideen weiterverbreiten. Karies sei eine „Beisshemmung“, die deutsche Kinder aufgrund der Diskriminierung durch ausländische Mitschüler entwickelten. Das von Hamer geschriebene Lied „Mein Studentenmädchen“, sei, bei wiederholtem Hören, die beste Behandlung für jede vorstellbare Krankheit.  Viele seiner Theorien waren dabei extrem antisemitisch.  AIDS existierte seiner Meinung nach nicht, sondern war lediglich eine allergische Reaktion auf Smegma. Laut Hamer gäbe es deswegen keine Juden, die die Krankheit bekämen. Rabbiner und Onkologen – „die allermeisten sind ja jüdischen Glaubens“, so Hamer – wüssten natürlich darüber Bescheid und würden den Rest der Menschheit mit HIV-Medikamenten vergiften. Er behauptete auch, dass Juden per Impfung und durch Chemotherapie Chips in Nicht-Juden implantieren würden, um diese dann per Satellit zur Explosion zu bringen und so gezielt zu töten. Deutsche Juden oder Israelis bekämen höchstens Placebos verabreicht, um nicht aufzufallen. Gegenüber einer jüdischen Patientin soll er den Holocaust geleugnet haben, was er 2006 in einem italienischen Interview nochmals bestätigte, als er sagte: „Sollen wir nun glauben, dass dies alles eine wissenschaftliche Basis hat? Ich glaube noch nicht einmal an den Holocaust, jedenfalls nicht in der Weise, wie er uns erzählt wird, und da bin ich natürlich nicht der Einzige. Ich glaube auch nicht, dass der Mensch auf dem Mond war, und viel schlimmer, dass die Twin Towers durch Araber zum Einsturz gebracht wurden, aber daran glaubt ja nun fast niemand mehr.“

Zumindest einen Preis hat Hamer erhalten und den ohne Frage verdient. 2016 wurde ihm in Abwesenheit das „Goldene Brett“ verliehen, für „“gefährliche medizinische Ansichten und wirre antisemitische Verschwörungstheorien“.

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