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Selbstermächtigung statt Fremdzuschreibungen – Sinti und Roma setzen Zeichen

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Wer weiß schon, dass Pablo Picasso ein Rom war? Kultur und Geschichte von Sinti und Roma werden oft unsichtbar gemacht. (Quelle: flickr/ cc/ Sr. X)

Die allerwenigsten Deutschen, sagt Daniel Strauß, Landesvorsitzender des Verbandes der Sinti und Roma in Baden-Württemberg, bezögen ihre Informationen über Sinti und Roma aus persönlichen Erfahrungen, Gesprächen, Freundschaften und Kontakten. Zu etwa 90% werde das Bild von der Minderheit über die Medien vermittelt- und diese zeichnen ganz offensichtlich ein stigmatisierendes Zerrbild vom Leben der Sinti und Roma in Deutschland. Anders sei es nicht zu erklären, dass 91% der in einer von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes in Auftrag gegebenen Studie befragten Deutschen der Meinung seien, zum besseren Zusammenleben mit Sinti und Roma sollten diese erst einmal Sprach- und Integrationskurse besuchen. „Wir leben seit 1407 in Deutschland“, sagt Strauß, solche Zahlen zeigten, wie wenig die meisten anderen Deutschen über Sinti und Roma wüssten.

„Kennste einen – kennste alle!“

Viele würden nach dem Motto „Kennste einen – kennste alle“ verfahren, pauschalisierende Aussagen über Sinti und Roma seien an der Tagesordnung. Laut der Studie sind zudem 80% der Deutschen der Meinung, für ein besseres Miteinander müsse etwas gegen den Sozialmissbrauch der Sinti und Roma getan werden; deren Kriminalität müsse bekämpft werden, finden noch 78%, und erschreckende 14% der Bevölkerung sind für eine „gesonderte Unterbringung“ von Sinti und Roma. Da ist es kein Wunder, dass auch gerade erfolgreiche Sinti oder Roma über ihre Identität nur noch „situativ“ Auskunft geben. Gerade auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt bleibt die Zugehörigkeit zu einer der Gruppen besser unerwähnt. Zu groß ist die berechtigte Angst vor Benachteiligung und Diskriminierung.

Picasso und Netrebko

Über die Geschichte und Kultur von Sinti und Roma wird ebenfalls zu wenig berichtet, geschweige denn dass an der Schule dazu gelehrt wird. Im Bildungskalender sind Sinti und Roma nicht vertreten, bestätigt auch Romeo Franz, Vorsitzender der ausschließlich aus Geldern von Sinti und Roma geschaffenen Hildegard Lagrenne Stiftung für Bildung, Inklusion und Teilhabe von Sinti und Roma in Deutschland. Lehrkräfte hätten selbst oft zu viele Vorurteile, und die Handreichungen und Materialien die es gäbe, verstaubten in den Landeszentralen für politische Bildung. Die Schulen müssten in die Pflicht genommen werden, findet Franz.  Die Studie der Antidiskriminierungsstelle unterstreicht dies. So wissen fast 20 Prozent der Befragten nichts von der Verfolgung von Sinti und Roma während des Nationalsozialismus. Genauso wenig ist bekannt, dass Persönlichkeiten wie Pablo Picasso oder Charlie Chaplin Roma waren, und auch Anna Netrebko von Roma abstammt. Auch deswegen startete am 8. April, dem internationalen Tag der Sinti und Roma, eine Kulturwoche unter dem Titel „Gestatten, das sind wir“ in Berlin, außerdem findet die internationale Kulturinitiative „ROMANISTAN. Crossing Spaces in Europe“ gerade in der Hauptstadt statt. Bei letzterer geht es darum, Roma-Künstler*innen zu „de-exotisieren“, und das Verhältnis von kulturellen Zuschreibungen und Selbstbestimmung zu thematisieren.

Antiziganismus, ein Problem der Mehrheitsgesellschaft

Antiziganismus ist ein Problem der Mehrheitsgesellschaft, das heben auch Tom Koenigs und Volker Beck hervor. Die Grünen-Fraktion im Bundestag hat sowohl zur Teilhabe der Sinti und Roma in Deutschland, als auch zur Aufarbeitung antiziganistischer Straftaten bei der Bundesregierung nachgefragt. Durch die Antworten der Regierung wehe, so Koenigs, dass man nicht wahrhaben wolle, dass man es in Deutschland mit manifestem Antiziganismus zu tun habe. Die Regierung täte so, als wisse sie nichts von den Beschwerden von Sinti und Roma- Verbänden, auch praktisch passiert zu wenig. So gibt es zwar eine Kontaktstelle für Sinti und Roma im Bundesinnenministerium, diese hat aber weder Geld, noch steht sie mit anderen Stellen im Dialog oder verfügt über die Möglichkeit strategischer Planung. Das Ganze sei Ausdruck einer „Verweigerungshaltung“ von Seiten der Bundesregierung, findet Koenigs.

Straftaten nicht dokumentiert

Die Polizei scheint die Haltung der Bundesregierung zu teilen. Antiziganistische Straftaten werden von den deutschen Strafverfolgungsbehörden erst gar nicht als solche erfasst. Sie fallen unter den Richtlinien für politisch motivierte Kriminalität in den Bereich „Hassverbrechen“, berichtet Volker Beck. So kann die Polizei keine Auskunft darüber geben, wie viele antiziganistische Straftaten im vergangenen Jahr verübt wurden, geschweige denn aktuelle Dynamiken der Gewalt gegen Sinti und Roma nachvollziehen und unterbinden. Die Regierung äußert sich hierzu lapidar. Der Themenfeldkatalog „Politisch Motivierte Kriminalität“ werde sowieso bald überarbeitet. Vielleicht gebe es dann die Möglichkeit eine entsprechende Kategorie zu schaffen. Im Übrigen sei man aber nicht zuständig und könne auf die Ausarbeitung keinen Einfluss nehmen.

Diskriminierungsmechanismen aufbrechen

Was notwendige Maßnahmen angeht, um die Teilhabe von Sinti und Roma zu verbessern und dem grassierenden Antiziganismus entgegen zu treten, herrscht weitgehend Einigkeit. Bestehende Diskriminierungsmechanismen müssen aufgebrochen werden, sagt Daniel Strauß. Dafür sei auch gerade die Antiziganismusforschung wichtig. Deutschland müsse seiner aus dem 3. Reich erwachsenen Verantwortung gerecht werden. Volker Beck fordert zudem Beschwerdestellen, einen Antiziganismus-Bericht und Sensibilisierungsmaßnahmen für Behörden. Dass diese notwendig sind, zeigt auch die Geschichte der Hildegard Lagrenne Stiftung. Diese wurde eben gerade deswegen als Selbstorganisation gegründet, weil Sinti und Roma bei Behörden zu oft auf Inkompetenz und Unverständnis stießen. Ganze Projekte seien auf Grund der Vorurteile von behördlichen Entscheidungsträgern gescheitert, berichtet Franz.

In Abwesenheit staatlicher Initiative helfen sich Sinti und Roma in Deutschland selbst. So wurde Anfang des Jahres eine neue Beratungsstelle für Roma in Mannheim eröffnet. Diese steht nicht nur deutschen Roma, sondern auch allen eingewanderten Roma offen, als Zeichen der Solidarität. Mit der gerade zu Ende gegangenen Kulturwoche und der noch andauernden Initiative „Romanistan“ wollen Sinti sowie Roma  den Dialog mit ihren Mitmenschen vorantragen, um so vielleicht endlich differenziert wahrgenommen zu werden: Als eigenständige Individuen einer heterogenen Minorität.

 

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