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Sprechen und Berichten über Sinti und Roma Die Klischees sind schlicht falsch

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Künstlerische Interpretation der Roma-Fahne auf einem Wandlbild. (Quelle: Flickr / cc / arnauselga)

Wer sind „Sinti und Roma“?

Sinti und Roma sollen die Nachfahren von Menschen sein, die vor über 1.000 Jahren aus dem indischen Subkontinent nach Westen aufgebrochen sind. Heute sind die Kriterien, nach denen jemand als Rom identifiziert wird, schwammig: Denn viele, aber nicht alle als Roma angesehene Menschen sprechen die gemeinsame Sprache Romanes. Die offizielle Definition der EU spricht von „ähnlichen kulturellen Besonderheiten“.

„Roma“ ist der Begriff, auf den sich der „Weltkongress“ der Roma-Nationalbewegung 1971 in London einigte, und der international verwendet wird. Als „deutsche Roma“ werden diejenigen bezeichnet, die ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Deutschland kamen. „Sinti“ dagegen sind die Nachfahren von Gruppen, die bereits seit dem 15. Jahrhundert nach Deutschland eingewandert sind. Dieser Begriff wird nur in Deutschland, Österreich und Teilen Norditaliens verwendet. Neuzuwanderer*innen aus Rumänien oder Bulgarien sind also keine „Sinti und Roma“, sondern nur Roma.

Zahlen zu Sinti und Roma

Weil die Definition schwierig ist, sind auch Zahlen zur Minderheit schwierig. Aktuell leben schätzungsweise 70.000 Sinti und Roma in Deutschland. Erfasst werden aber eigentlich nur die, die sich auch als Roma bekennen. Bei Behörden heißt das übrigens auch: Erfasst werden als Roma nur die, die Hilfe brauchen oder Probleme haben – nicht die Ärztin oder der Rechtsanwalt. Auch das prägt das gesellschaftliche Bild der Minderheit.

Bei Zuwanderern und Zuwanderinnen wird die Zugehörigkeit zu ethnischen Minderheiten auch nicht erfasst. EU-weit schwanken Zahlen-Angaben zwischen 6 und 12 Millionen Roma in Europa.

Diskriminierung

Bei Sinti und Roma stellt man vier Felder fest, in denen Diskriminierungen bis heute an der Tagesordnung sind:

1.  Bildung

Im Nationalsozialismus durften Sinti und Roma keine Schulen besuchen – danach hatten viele Eltern der Minderheit emotionale Probleme damit, ihr Kinder in Schulen zu schicken, in denen die gleichen rassistischen Lehrer*innen weiter unterrichten durften. So wurden in Deutschland zwei Generationen Sinti und Roma mit geringem Bildungsstand „hausgemacht“. Bis heute ist es eines der wichtigsten Fördergebiete, über Ausbildungsförderung, Stipendien und Beratungsarbeit diesen Missstand zu bearbeiten und die Situation für die Kinder zu verbessern. Dabei muss gerade zugewanderten Roma-Familien – wie anderen Migrant*innen auch – erst einmal der Zugang zu Schulen erläutert werden: In Bulgarien etwa gehen Kinder erst mit 7 Jahren in die Schule – nicht mit 5, wie in Deutschland. Behörden weisen darauf aber bis heute oft nicht hin, auch wenn sie wahrnehmen, dass eine Familie Kinder im schulpflichtigen Alter hat.

2.  Wohnen

Bis heute ist es für Roma-Familien – insbesonders für zugewanderte – ein gravierendes Problem, angemessenen Wohnraum zu finden. Weil sie bürokratische Vorgaben von Vermieter*innen nicht erfüllen können (z.B. 3 Monate Gehaltsnachweis von einem deutschen Arbeitgeber), fallen in Ballungsräumen wie Berlin viele Zugewanderte verbrecherischen Vermieter*innen zum Opfer, leben unter problematischsten Verhältnissen, für die sie auch noch sehr viel Geld zahlen – manche Vermieter*innen rechnen Schlafplätze gar stundenweise ab. Wenn dies alles nichts nützt, werden ganze Familien obdachlos und „kampieren“ in Parks oder auf Grünflächen, was einerseits unhaltbare Zustände darstellt – gerade mit Kindern – und andererseits neuen Unmut auf die Minderheit der Roma zieht. Beratungsstellen machen die Erfahrung, dass die Behörden sich ratlos und nicht zuständig geben und die Verantwortung allzuoft den Beratungsstellen oder Familien selbst zurückgeben – selbst wenn es um eine Bleibe für ein paar Tage geht, bis die Rückreise ins Herkunftsland organisiert ist.

3. Gesundheit

Der gleichberechtigte Zugang zum Gesundheitssystem ist ebenfalls durch Sprach- und Informationsdefizite erschwert.

4. Beschäftigung

Auch auf dem Arbeitsmarkt werden Sinti und Roma benachteiligt, selbst wenn sie gut ausgebildet sind. Manche Banken weigern sich, Konten auf rumänische Personalausweise zu eröffnen.

EU und Roma

Viel Bemühungen gibt es im Bildungsbereich. Bundesweit erfolgreich gibt es Roma-Mediator*innen, die zwischen Roma-Familien und Behörden, Schulen o.ä. eine Vermittlerrolle einnehmen und so entscheidend dazu beitragen, gesellschaftliche Teilhabe etwa auch für nicht-deutschsprachige Roma-Familien zu ermöglichen. Ebensolche Arbeit leisten Roma-Selbstorganisationen wie Amaro Foro (Berlin). Diese legen allerdings Wert darauf, nicht nur Roma, sondern allen Menschen in einer schwierigen (Migrations-)Situation zu helfen: „Denn viele Probleme sind nicht Roma-spezifisch.“ 

Antiziganismus

Antiziganismus, also die Feindlichkeit gegenüber Sinti und Roma, ist die Erfahrung, die eingesessene wie zugewanderte Roma bei aller sonstigen Unterschiedlichkeit in Deutschland teilen. Negative Stereotype werden über Politik, Medien und Kultur verbreitet, eine Sensibilität gegenüber antiziganistischen (Sprach-)Bildern ist fast gar nicht vorhanden. Zum Problem trägt bei, dass die Mehrheitsgesellschaft lieber über als mit Roma spricht. Der Völkermord an Sinti und Roma im Nationalsozialismus ist bis heute nicht offiziell anerkannt. Es gibt bisher wenig wissenschaftliche Forschung zu Antiziganismus, und damit auch weniger Sensibilisierung der Öffentlichkeit.

Antiziganistische Sprache fängt oft schon da an, wo die Minderheitenzugehörigkeit immer wieder berichtet wird – auch, wo es gar keine Rolle spielt. Oft wird „Roma“ bereits als ein Bild verwendet, dass Adjektive wie obdachlos, arm und nicht-deutsch bereits mit einschließt – was nicht nur jeglicher Wirklichkeit entbehrt, sondern auch Stereotype bedient, die so verfestigt werden. Antiziganismus ist eine Phobie, die auf Unwissenheit basiert und dem Bild, dass sich Menschen machen (wollen) – mit der Wirklichkeit haben die antiziganistischen Konstrukte nichts zu tun. Besonders problemtisch ist es für die in Deutschland lebenden Angehörigen der Minderheit, wenn „Roma“ vermehrt als Wort für „Fremde“ verwendet wird.

44 Prozent der in Deutschland lebenden Sinti und Roma bekennen sich nicht dazu, Teil dieser Minderheit zu sein, weil sie Angst vor der Diskriminierung haben, die damit einhergehen könnten.

Politik

Im Bundestag kommen Sinti und Roma nur bei Feierstunden oder Denkmälereröffnungen vor. Antiziganismus dagegen ist kaum ein Thema. Mit Anfragen im Bundestag unternimmen die Grünen den Versuch, Antiziganismus in Behörden zumindest einmal ins Bewusstsein zu heben. Wünschenswert wäre eine „Nationale Beschwerdestelle“, die antiziganistische Vorfälle dokumentieren und sichtbar machen sollte. Amaro Foro wies darauf hin, dass dies in und für Berlin bereits bei ihnen als Registerstelle geschehe.

Neuzuwanderung / „Armutsmigration“

Die viel zitierte „Armutsmigration“ von Roma aus Bulgarien und Rumänien – gibt es gar nicht. Es gibt Zuwanderung aus Rumänien und Bulgarien, in der Regel allerdings Arbeitsmigration – d.h., die Menschen kommen, um hier zu arbeiten,  sie sind qualifiziert und finden auch überdurchschnittlich oft eine Arbeit. Oft ist für sie Deuschland übrigens nicht die erste Wahl – meist wäre das eher Italien oder Spanien. Nach Deutschland kommen Roma aus Südeuropa erst vermehrt, seit dort die Arbeitsmärkte zusammengebrochen sind. Der Satz derjenigen, die Sozialleistungen beziehen, liegt unter dem Durchschnitt der Migrant*innen in Deutschland. Nur etwa 10 Prozent der Zuwanderer*innen sind Roma – wie in den Herkunftsländern auch.

Hetze wie „Wer betrügt, der fliegt“ impliziert, dass jemand absichtlich täuscht und kriminell ist. Roma, die in Deutschland einen Asylantrag stellen, weil sie sich in ihren Herkunftsländern politisch verfolgt fühlen, betrügen nicht, sondern nehmen ihr Recht wahr, ihr Leben zu schützen. Auch wenn ihre Anträge abgelehnt werden, sind sie keine Betrüger*innen. Roma aus der EU haben das gleiche Recht auf Freizügigkeit wie alle anderen EU-Bürger*innen. Diskussionen über angeblichen „Asylbetrug“ führen übrigens zu mehr Diskriminierung von Roma in den Herkunftsländern. So haben etwa Mazedonien und Rumänien die Ausreisebedingungen für Roma verschärft, weil sie meinen, dass zu starke Migration von Roma ihrem Ruf schade. 

Viele zugewanderte Roma leugnen die eigene Herkunft, weil sie ihnen zu viele Probleme mit sich bringt. Oft sprechen deshalb auch Zuwanderer*innen aus Rumänien und Bulgarien gar kein Romanes. 

Analphabetismus / Bildungsstand von Zuwanderer*innen

Zuwanderer*innen werden als Analphabet*innen geführt, wenn sie die lateinische Sprache nicht lesen und schreiben können. So werden viele Einwanderer*innen etwa aus Bulgarien als Analphabet*innen geführt, weil sie in der Schule nur die kyrillische Schrift gelernt haben, oder Kinder über fünf, obwohl diese in Bulgarien regulär erst ab 7 in die Grundschule gehen und deshalb noch nicht lesen und schreiben können. Generell ist der Bildungsstand gerade bei den zuwandernden Roma durchschnittlich besser als bei Roma in Deutschland, weil etwa auf dem Kosovo oder in Ungarn der Zugang zu Bildung für Roma besser funktioniert. So haben etwa Roma aus Ungarn einen zehn Mal so hohen Abiturient*innen-Schnitt im Vergleich zu Roma in Deutschland.  

Probleme mit Roma

werden in Ballungsgebieten sichtbar, wo oft vermehrt weniger gebildete Personen hinziehen, weil es dort schon eine (sprachliche oder bekannte) Gemeinschaft gibt. Allerdings sind es oft auch hier keine Roma-spezifischen Probleme, sondern Armutsprobleme, die mit Obdachlosigkeit, Bildungsferne, fehlender Gesundheitsversorgung einhergehen.

Selbstorganisierte Roma-Projekte

kümmern sich neben der praktischen Hilfe im Alltagsleben um das Empowerment und die Stärkung von Roma-Erwachsenen und Jugendlichen und ermutigen sie, gerade wenn sie erfolgreich in Deutschland leben, die eigene Herkunft nicht verleugnen. Denn positive Vorbilder sind wichtig gerade für Jugendliche!

Am Hintergrundgespräch „Die Unbekannten: Roma in Deutschland und der EU“ des Mediendienstes Integration nahmen als Expert*innen Vertreter*innen von Amaro Foro, dem Landesverband Deutscher Sinti und Roma, des ROMED-Programms des Europarats, die Integrationsbeauftragte Berlins, der menschenrechtspolitische Sprecher der Grünen und ein Antiziganismusforscher teil.

| Mehr zum Thema finden Sie beim Mediendienst Integration im Dossier „Sinti und Roma“.

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