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Studie Wird Online-Desinformation zur Bundestagswahl zum Problem?

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Gern werden Desinformationen als Problem "der Anderen" beschrieben. Doch so einfach ist es nicht. (Quelle: Pixabay / Michael Gaiga)

Frische Zahlen zu Desinformationen online von der Initiative Reset.Tech zeigen: Viele Internetnutzer:innen fürchten zwar, im Internet keine verlässlichen Informationen zu bekommen – informieren sich aber trotzdem vor allem dort. Sie glauben, die anderen Internetnutzer:innen seien anfällig für Falschinformationen, sie selbst seien aber sehr schlau und kompetent – und glauben dann trotzdem Verschwörungserzählungen. Das Informationsdilemma in Zahlen. Und es zeigt sich auch: Niemand verunsichert die eigenen Wähler:innen so gekonnt wie die AfD.

YouTube, Facebook und Instagram sind die meistgenutzten Sozialen Medien

Bei der repräsentativen Umfrage zu „Desinformation in Sozialen Medien“ aus dem Juni 2021 gaben die befragten Nutzer:innen an, zu 80 % bei YouTube aktiv zu sein, 65 % nutzen Facebook, 44 % Instagram. Danach folgen Twitter (17 %), TikTok (17 %) und Snapchat (14 %) – zum Teil mehrfach täglich.

Falschinformationen als Problem

46 % der befragten Nutzer:innen sagen, Falschinformationen online seien ein „sehr großes Problem“, 39 % finden es immer noch „eher groß“ – insgesamt also 85 % haben das Gefühl, mit Online-Nachrichten vorsichtig sein zu müssen. Kein Wunder, denn Falschinformationen sind kein nebulöses Phänomen: 63 % der Befragten geben an, selbst bereits Desinformationen online gesehen zu haben. Interessanterweise sind dabei am sorglosesten die Wähler:innen der AfD. Obwohl sie besonders viele Desinformationen jenseits von Faktizität und Realität sehen, haben sie also offenbar das geringste Problembewusstsein – und lassen sich so am leichtesten manipulieren. Die höchste Problemwahrnehmung haben dagegen Frauen zwischen 18 und 34 Jahren: Von ihnen empfinden 91 % Desinformationen online als Problem.

Desinformationen als „Problem für die anderen“

Interessant dabei: Auch wenn also 85 % Desinformationen als Problem beschreiben, sagen auch stolze 74 %, ihnen könnten Desinformationen aber nichts anhaben, sie wüssten, worauf sie achten müssten, um richtige von falschen Informationen zu unterscheiden. In der Umkehrfrage bestätigen 40 %, dass sie Angst hätten, auf Falschinformationen hereinzufallen – 60 % beharren auf ihrer Kompetenz. Die Lösung fürs Problem sollen auch „Andere“ liefern:  76 % finden, die Plattformen sollten mehr tun, und ebenfalls 76 % meinen, die Politik solle mal aktiv werden.

Wo kommen die Informationen her?

Aktuell halten sich die Zahlen der Menschen, die sich online und offline informieren, fast die Waage – 47 % zu 53 %. Allerdings sieht die Zahl bei den 18- bis 24-Jährigen schon anderes aus: 79 % informieren sich online, nur noch 21 % offline, bei den 25- bis 34-Jährigen sind es kaum weniger (67 % vs. 33 %).

Bundestagswahlkampf online

Der Bundestagswahlkampf online bereitet vielen gemischte Gefühle. 67 % wünschen sich weniger digitale Aggressivität, 59 % sorgen sich um Falschinformationen zur Wahl, 41 % fürchten sich vor Manipulationen durch andere Staaten. 51 % glauben, in den Medien würden die Parteiprogramme nicht richtig dargestellt, und 31 % glauben, bei der Wahl werde es eh nicht mit rechten Dingen vorgehen.

Grafik von Reset.Tech/Pollytix

Interessant ist aber, wer sich welche Sorgen macht: So kommt die Sorge vor Falschinformationen im Wahlkampf vor allem von AfD-Wähler:innen (37 %), gefolgt von FDP-Wähler:innen (31 %). Auch die Sorge, dass Medien nicht korrekt berichten, wird hauptsächlich von AfD-Wähler:innen geteilt – von denen glauben 78 %, dass die AfD in Medien nicht wahrheitsgemäß dargestellt wird. Bei den Grünen glauben nur 43 % an eine unfaire Darstellung (mit der SPD die niedrigste Zustimmungsrate) – dabei hätten die in den letzten Wochen einige Gründe zu Beschwerden gehabt.

Dagegen macht die Einmischung von Russland oder China vor allem CDU-, SPD- und den Grünen-Wähler:innen sorgen – AfD- und Linke-Wähler:innen sehen das entspannter (oder gucken schon ganz viel RT Deutsch und Epoch Times und stimmen der Berichterstattung zu).

Zustimmung zu Desinformationen

Einen besonders krassen parteipolitischen Unterschied gibt es bei der Frage, ob die Wahl manipuliert werden könne. Die AfD fährt dieses Narrativ seit Anfang des Jahres (vgl. Belltower.News), und zumindest ihre Wähler:innen beeindruckt sie damit: 69 % der AfD-Wähler:innen glauben an eine manipulierte Wahl, während es bei allen anderen Parteien zwischen 18 und 24 % sind.

Ebenfalls beliebt sind Meldungen, die den Klimawandel leugnen – 49 % haben die schon gesehen – oder von einer Covid-Impfung abraten –  65 % trafen entsprechende Posts im Internet. Je jünger die User:innen sind, desto mehr haben sie online gesehen. Aber entscheidend ist doch: glauben sie das auch?

Viele Desinformationen und Lügen finden im Internet durchaus dankbare Abnehmer:innen.

  • Die Grünen wollen Autofahren verbieten? 28 % glauben die frei erfundene Narration.
  • Deutschland soll ein muslimischer Gottesstaat mit Scharia werden? 23 % glauben, das führten Muslime im Schilde.
  • 22 % finden, „Querdenker:innen“ würden in den Medien falsch dargestellt.
  • 17 % leugnen den Coronavirus und 14 % meinen, die Impfstoffe seien gefährlich.
  • 12 % glauben nicht an einen menschengemachten Klimawandel.

Grafik von Reset.Tech / Pollytix

Aber: es gibt deutliche Unterschiede nach Wahlabsicht. Mit Blick auf die Parteipräferenz lässt sich feststellen: Nur AfD-Wähler:innen glauben mehrheitlich ALLE Desinformationen.

  • AfD-Wähler:innen glauben zu 53 %, die Grünen wollten Autofahren verbieten.
  • 51 % der AfD-Wähler:innen sehen einen muslimischen Gottesstaat mit Scharia vor der Tür stehen.
  • 59 % finden, „Querdenker:innen“ würden in den Medien falsch dargestellt.
  • 48 % leugnen den Coronavirus und 35 % meinen, die Impfstoffe seien gefährlich.
  • Und 23 %  der AfD-Wähler:innen glauben nicht an einen menschengemachten Klimawandel.

Grafik von Reset.Tech / Pollytix

Eine AfD-Narration, die dagegen nicht verfängt, ist ihre Kampagne gegen öffentlich-rechtliche Medien. Da können rechtsalternative Kreise für die Abschaffung des Rundfunkbeitrags streiten, soviel sie wollen: 65 % der Menschen vertrauen der Berichterstattung über politische Themen in öffentlich-rechtlichen Medien – während nur 38 % sagen, dass sie politischen Beiträgen in Sozialen Netzwerken vertrauen.

Politische Inhalte in Sozialen Medien werden grundsätzlich häufiger von Männern wahrgenommen – am meisten von älteren, höher gebildeten Männern. Keine Unterscheide gibt es in den Parteipräferenzen oder in der Ost-West-Frage. Die Wahrnehmung führt aber nicht unbedingt zu Aktivität: Die Mehrheit (63 %) beteiligt sich selten oder nie aktiv bei politischen Themen in Sozialen Medien, liked also nicht, teilt nicht und kommentiert nicht. Als aktiv beschreiben sich dagegen: Jüngere Männer (24 %) und AfD-Wähler:innen (22 %).

Von allen Befragten waren 42 Prozent eher zufrieden mit Demokratie in Deutschland, rund ein Viertel äußerte sich unzufrieden. Bei den AfD-Wähler:innen lag die Zufriedenheit nur bei 7 %. CDU-Wähler:innen sind zu 60 % mit der Demokratie zufrieden, SPD-Wähler:innen zu 53%, Grünen-Wähler:innen zu 64 %, FDP-Wähler:innen zu 43 %, Linke-Wähler:innen zu 33 %.

Nur 7 Prozent der AfD-Wähler:innen sind zufrieden mit der Demokratie in Deutschland. Kein Wunder, dass sie sie abschaffen wollen.

Und die Wirkung von Hasskommentaren ist auch verheerend

In einer zweiten Umfrage ging es Reset.Tech und Pollytix strategic research um die Wirkung von Hasskommentaren online. Hasskommentare sehen 85 % der Befragten als Problem, aber vor allem junge Frauen zwischen 18 und 34 Jahren sehen Hass als problematisch (93 % ). Denn sie erleben den Hass auch.

Grafik von Reset.Tech / Pollytix

Vor allem junge Frauen, Menschen mit Migrationsgeschichte oder nicht-heterosexuelle Menschen werden attackiert. Jede dritte Frau zwischen 18-34 Jahre gab an, in Sozialen Medien sexuell belästigt worden zu sein. Jede:r vierte Internetnutzer:in ist beleidigt worden. Körperliche Bedrohungen in Sozialen Medien richten sich häufiger gegen junge Männer. Als Anlass von Hass werden vor allem politische Äußerungen und das eigene Geschlecht genannt. Den meisten Hass erleben die Befragten auf Facebook (27 %), gefolgt von Instagram (9 %) und YouTube (5 %).

Grafik von Reset.Tech / Pollytix

Das bleibt nicht ohne Folgen: Mehr als jede:r Dritte ist vorsichtiger geworden bei Meinungsäußerungen im Netz, mehr als die Hälfte der Befragten nimmt negative Einflüsse auf die eigene Psyche durch die Nutzung von Sozialen Medien wahr. Da die digitalen Debattenräume nicht ausreichend Schutz bieten, sind auch die Debatten auf ihnen nicht repräsentativ für unsere Gesellschaft. Nur eine kleine Minderheit (15 %) äußert sich häufig zu politischen Themen online, 63 % hingegen selten oder nie. Vor allem jüngere Männer oder Anhänger:innen der AfD äußern sich überproportional oft zu politischen Themen, sie setzen so Diskurse.

Trotzdem geben 42 % der befragten „Angst vor politischer Korrektheit“ als Grund an, weshalb sie lieber nicht sagten, was sie „wirklich“ denken. So lässt sich nicht herausfinden, ob das Schweigen der Vielen Grund zur Freude oder zur Sorge ist.

Die Studien werden online bei Reset.Tech veröffenticht:

https://www.reset.tech/

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