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„Sturmvogel“ Rechte Zeltlager im Verborgenen

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Olaf Gottschalk, Betreiber der Jugend- und Freizeitstätte Recknitzberg bei Neuhof in Mecklenburg-Vorpommern, staunte nicht schlecht, als er von Journalisten erfuhr, wer sich über Silvester auf seinem Gelände eingemietet hatte. Auf ihn hätten die rund 40 Kinder und junge Erwachsene mit ihren Uniformaufnähern mit dem schwarzen Vogel auf weiß-rotem Grund wie harmlose Pfadfinder gewirkt.

Als ihm klar wurde, dass es sich um ein „Sturmvogel“-Lager handelte, schaltete er sofort die Polizei ein. Die bestätigte, dass die Jugendgruppe „dem rechten Spektrum nahe steht“, konnte aber bei der Überprüfung der Teilnehmer nichts strafrechtlich Relevantes entdecken.

Verbindung zur Wiking-Jugend

Rechtsextremismus-Experte Andreas Speit überrascht das nicht. „Auffallend ist, dass diese Gruppe sehr bemüht ist, möglichst wenig von ihrer Tätigkeit und politischen Positionen nach Außen dringen zu lassen“, sagt er. Der Jugendbund scheint aus dem Verbot von WJ und HDJ gelernt zu haben. Dabei handele es sich beim „Sturmvogel“ laut Speit eindeutig um eine radikale Abspaltung der 1994 verbotenen „Wikingjugend“. „Es gibt in der Geschichte des ‚Sturmvogel‘ personelle Überschneidungen zum gesamten rechtsextremen
Spektrum.“

HDJ: Verboten seit 2009

Der „Sturmvogel“ wurde 1987 nach internen Streitigkeiten von ehemaligen WJ-Funktionären gegründet. Bis dahin war die nach Vorbild der Hitlerjugend aufgebaute WJ die größte neonazistische Jugendorganisation Deutschlands. Drei Jahre später ging bei einer zweiten Abspaltung aus ihr die „Heimattreue Deutsche Jugend“ (HDJ) hervor. Diese sorgte mit ihren rechtsextremen Zeltlagern immer wieder für Aufsehen. An Zelten wurden Führerbunker-Schilder aufgehängt, bei Polizeirazzien Noten für Nazilieder und reichlich NS-Propaganda beschlagnahmt. Im April 2009 wurde die HDJ schließlich vom damaligen Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) verboten.

Ein Auffangbecken?

Beobachter befürchten nun, dass die „Sturmvogel“-Organisation zum Auffangbecken für ehemalige HDJ-Mitglieder werden könnte. Wie wichtig Jugendorganisationen für die rechtsextreme Szene sind, zeigt die Karriere zahlreicher Kader. Für Dutzende heutige Persönlichkeiten des rechtsextremen Spektrums, wie Nazi-Liedermacher Frank Rennicke oder den jüngst verstorbenen Anwalt und NPD-Politiker Jürgen Rieger, begann die politische Karriere in der „Wikingjugend“.

Trotzdem wird „Sturmvogel“ bislang nicht offiziell vom Verfassungsschutz beobachtet. Es gibt zu wenig eindeutige Anhaltspunkte. Niemand weiß genau, was bei den Lagern der Organisation tatsächlich passiert. Gegenüber Journalisten schirmt man sich ab, Interviews geben die Mitglieder nicht.

„Sturmvogel“ im Alltag

Familie W. aus dem winzigen Dorf Ilow in Mecklenburg-Vorpommern hat erlebt, wie zurückhaltend die Sturmvogel-Mitglieder sich nach Außen geben. Die Nachbarfamilie wirkte auf den ersten Blick ganz unscheinbar, es bestanden nachbarschaftliche Kontakte. Erst ganz langsam merkte Herr W., das hier etwas nicht stimmte. „Merkwürdig wurde es, als dort eines Tages fünf Familien in gruseliger völkischer Kleidung auftauchten“, erzählt er. Als ihm die Nachbarskinder erklärten, dass man das Wort „cool“ nicht sagen dürfe, sondern „toll“ viel besser wäre, setzte er sich an den Computer und gab den Namen der Familie bei einer Suchmaschine ein. Schnell stieß er auf den „Sturmvogel“-Verband. Wenige Klicks weiter fanden sich Hochzeitsfotos der Nachbarn: das strahlende Brautpaar unter der schwarz-weiß-roten Fahne des Deutschen Reiches.

Nach häufigen Besuchen einer anderen Familie wurde klar, dass auch im Nachbarort „Sturmvogel“-Mitglieder wohnten. Schlimmer noch: Der parteilose Bürgermeister des Ortes Benz, Elmar Mehldau, war zu seiner Studienzeit der Herausgeber der „Sturmvogel“-Zeitung „Der Sturmbote“. Mit der Vereinigung habe er heute nichts mehr zu tun, sagt er. Sein Gutshof wird jedoch als Adresse des Antiquariats von Rudi Wittig angegeben. Der frühere „Wikingjugend“-Bundesfahrtenführer war nach der Abspaltung der erste Bundesführer des Sturmvogel. Zu viele Zufälle, fand Familie W. und machte die Informationen öffentlich. Der Waldorfkindergarten reagierte schnell und warf die „Sturmvogel“-Mitglieder aus dem Vorstand. Doch darüber hinaus gab es wenig Unterstützung. Bald wurden die W.s im Ort als Nestbeschmutzer gesehen, die den Dorffrieden stören würden. Sprüche wie: „die machen doch gar nichts“ oder „habt euch mal nicht so“, musste die Familie sich anhören.

„Reich“ statt Bundesrepublik

Wer wissen will, was hinter „Sturmvogel“ steckt, muss tatsächlich sehr genau hinsehen oder manchmal auch hinhören. Zum Beispiel bei einem Video, das auf der Internetseite der Jugendgruppe der rechtsextremen Bürgerbewegung „Pro NRW“ zu finden ist. Im Hintergrund einer Diashow von einer Parteiveranstaltung ist der „Sturmvogel“-Singkreis zu hören. „Wer, wenn nicht wir? Wo, wenn nicht hier? Und wann, wenn nicht jetzt?“, singt ein Jugendchor mit Gitarrenbegleitung kämpferisch. Erst nach anderthalb Minuten wird deutlich, dass es den Sturmvögeln nicht um die Bundesrepublik geht, sondern um „das Reich“. „Wer sind die Leute, die mit Mut und Zuversicht zu Werke gehen, die dann des Reiches Blüte einst als Lohn der langen Arbeit sehen?“ Interessanterweise wurde in den im Video eingeblendeten Textzeilen das Wort „Reich“ durch „Land“ ersetzt. Wer den „Sturmvogel“-Jahreskalender 2006 durchblättert, kann nachlesen wo nach Ansicht der Gruppe die Grenzen Deutschlands verlaufen sollten: „Von Schleswig-Holstein bis nach Tirol, von Elsass bis ins Memelland.“

Nach einem Zeitungsbericht wollen die Sicherheitsbehörden die Gruppe jetzt erneut prüfen. Familie W. wird das nicht viel helfen. Sie haben beschlossen, aus der Gegend wegzuziehen. Und auch die Sturmvögel haben schon reagiert: Wenige Tage nach dem Polizeibesuch bei ihrem Winterlager verschwand plötzlich die offizielle Internetseite des Verbands.

Dieser Text erschien in der ZEIT vom 21.01.2010. Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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