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„Untergangster des Abendlandes“ Wie gefährlich ist die „Identitäre Bewegung“?

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Anwohner demonstrieren gegen den Aufmarsch der "Identitären" im Sommer 2017 in Berlin. (Quelle: AAS)

Judith Goetz hat zusammen mit Joseph Maria Sedlacek und Alexander Winkler gerade einen der ersten wissenschaftlichen Bände zum Thema veröffentlicht. Auf über 400 Seiten beleuchten Expert_innen die verschiedensten Aspekte der sich selbst so bezeichnenden „Jugend ohne Migrationshintergrund“.  

Auf Einladung der Fachstelle „Gender und Rechtsextremismus“ haben die Herausgeber_innen ihr Buch „Untergangster des Abendlandes: Ideologie und Rezeption der rechtsextremen ‚Identitären‘“ in der Amadeu Antonio Stiftung vorgestellt. Wir haben mit Judith Goetz über Stagnation von rechts, das merkwürdige Frauenbild der Identitären und Homosexualität rechtsaußen gesprochen.

Belltower.News: Wie gefährlich ist „Identitäre Bewegung“?

Judith Goetz: Ich würde die Identitären als rechtsextrem bis neofaschistisch einordnen, auch deswegen, weil sie über eine große Gewaltdisposition verfügen und es in der Vergangenheit immer wieder zu Gewalt bei Aktionen gekommen ist. Neben dieser akuten Bedrohung für Andersdenkende, Migrant_innen oder Geflüchtete sind sie aber auch deswegen gefährlich, weil sie über Jahre hinweg nicht als Rechtsextreme erkannt wurden.  Die Identitären haben maßgeblich zu einer „Modernisierung“ von rechtsextremen Gedankengut beigetragen, das jetzt anders verpackt und damit nicht mehr so leicht als solches erkennbar ist. Dadurch haben viel Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit für ihre Forderungen bekommen.

Wie ist der Status der „Identitären“ gerade in Österreich?

In Österreich machen die Identitären gerade eine spannende Phase durch, nicht nur, weil die FPÖ im Parlament sitzt, sondern, weil sie direkt an der Regierung beteiligt ist. Das heißt es braucht momentan eigentlich keine rechtsextreme außerparlamentarische Opposition mehr. Die IB bezeichnet sich jetzt als „Wächter der Regierung“, die darauf achten, dass die Punkte umgesetzt werden, die versprochen wurden. De facto zeichnet sich aber ab, dass die Projekte der Identitären gerade stagnieren, wenn nicht gar floppen. Ein Ergebnis der aktuellen Situation könnte sein, dass die „Bewegung“ wieder in der Bedeutungslosigkeit versinkt oder sich aber stärker radikalisiert.

Denkst du, dass das für Deutschland auch der Fall ist?

In Deutschland ist dieser Prozess noch offener als in Österreich. Die Kampagne #120db war bislang kein großer Erfolg, vor allem im Vergleich zu anderen Aktionen, die die Identitären in den letzten Jahren gestartet haben. Es gab wenig mediale Aufmerksamkeit, wenig öffentliche Empörung. Andererseits ist die Situation in Deutschland noch anders, weil die Beziehung zwischen den Identitären und der AfD noch nicht abschließend geklärt ist. Auch wenn die AfD, ähnlich wie die FPÖ, sich rhetorisch distanziert, gibt doch größere finanzielle Möglichkeiten,  die die Partei durch die Sitze in den Landesparlamenten und im Bundestag hat, Perspektive für Jobs, Räumlichkeiten und finanzielle Mittel.   

Kann die Gruppe neue Leute an sich binden?

Im Gegensatz zu vielen anderen rechtsextremen und neofaschistischen Gruppen verfügen die Identitären über eine hohe Ansprechbarkeit. Bisher waren rechtsextreme Kommunikationskanäle eher einem exklusiven Publikum vorbehalten. Das ist anders bei den Identitären und das hat sie auch erfolgreich gemacht. Sie nutzen Social-Media-Plattformen für sich und schaffen so eine große Aufmerksamkeit und Zugänglichkeit für ihre Inszenierungen und ihre Selbstdarstellung. Man kann immer dabei sein, selbst, wenn man Zuhause vor dem Computer sitzt. Außerdem schaffen sie es, den Eindruck zu erwecken, nichts mit Nazis zu tun zu haben, sie stellen sich selbst so dar, als seien sie nur patriotisch. Das muss man erstmal dekonstruieren und ihnen genauer auf den Zahn fühlen, um die eigentliche Botschaft und die Hintergründe zu verstehen. Zusätzlich haben sie, besonders in strukturschwachen Gegenden, viele Stammtische organisiert und waren auch so ansprechbar. Erfolgreich waren sie also durchaus, allerdings hat sich gezeigt, dass dieser Erfolg nicht unbedingt nachhaltig war. Ein Grund dafür ist wahrscheinlich auch der ideologische Überbau, es ist ziemlich schwierig, sich im identitären Duktus zurechtzufinden, gerade wenn man nicht Teil einer „intellektuellen Elite“ ist, der es leicht fällt, diese „metapolitischen“ Gedanken zu dechiffrieren. Bei ihren „Großevents“ zeigt sich immer wieder, dass sie es eben nicht schaffen, eine größere Menge an Menschen zu mobilisieren.  

Du und deine Mitautor_innen geben auch den Medien eine Mitschuld an der Popularität der IB. Was ist in Österreich falsch gelaufen?

Die österreichischen Medien haben maßgeblich dazu beigetragen, dass die Identitären heute so bekannt sind und ihnen eine so große Bedeutung zukommt. Journalist_innen waren nicht auf Rechtsextreme vorbereitet, die nicht mehr kamerascheu waren, sondern ganz im Gegenteil bereitwillig vor jede Kamera springen, die ihnen angeboten wird. Klassische Rechtsextreme waren eher daran interessiert, Fackelmärsche zu veranstalten oder inhaltliche Veranstaltungen, nicht aber die spektakulären Aktionen, die die Identitären von den Linken übernommen haben. Dadurch wird einerseits Content produziert, aber auch einprägsame Bilder und Botschaften. Das hat dazu geführt, dass Tageszeitungen in Österreich, aber auch in Deutschland, über nahezu jede Aktion der Identitären berichtet haben und das meistens unkritisch. Die Gruppe wurde nicht ideologisch verortet oder es wurde nicht klargemacht, worauf diese Aktionen eigentlich abzielen.

Was können Journalist_innen besser machen, wenn sie über die IB berichten wollen?

Es ist wichtig, sich besser vorzubereiten und sich klar zu machen, dass gerade, wenn Bilder übernommen werden, damit auch die Selbstinszenierung der Gruppe übernommen wird, inklusive der auf den Transparenten zu lesenden Botschaften. Man sollte anderes Bildmaterial verwenden, das vielleicht sogar Betroffene dieser Politiken in den Fokus rückt.  Statt O-Töne von Identitären abzudrucken, sollten Betroffene oder Expert_innen zu Wort kommen. Hintergrundrecherche ist wichtig, um das Gedankengut zu demaskieren. Ein Weg kann zum Beispiel sein, die Konsequenzen der von den Identitären formulierten Forderungen zu Ende zu denken und offen zu legen. Dann kommt man nämlich nicht mehr darum herum, die Gruppe als rechtsextrem und neofaschistisch einzuordnen.

Was ist die Rolle von Frauen in der IB?

Frauen waren von Anfang mit dabei, aber in einer deutlich geringeren Anzahl als Männer und in weniger wichtigen Positionen. In sieben von neun Bundesländern in Österreich gibt es Regionalgruppen, alle von Männern geleitet, sechs von den sieben Regionalgruppenleitern sind Mitglieder in deutschnationalen Burschenschaften, was wiederum zeigt, wie wichtig dieser männerbündische Charakter der Identitären ist.  

Aber es gibt Frauenstrukturen?

Die zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie die Forderungen der Gesamtgruppe komplett übernehmen, es gibt also kein dynamisches Verhältnis zur Gesamtorganisation, wie in anderen Gruppen, wo Frauen unter Umständen auf Mängel aufmerksam machen oder kritisieren. Frauen sind bisher nicht durch frauenspezifische Themen aufgefallen. Das hat sich allerdings in den letzten Monaten  etwas geändert, zu nennen wäre da zum Beispiel der Blog „Radikal Feminin“, die Kampagne 120 db, andererseits aber auch Instagram-Accounts von einzelnen identitären Frauen, auf denen sie sich frauenpolitisch äußern. Es gibt also eine Pluralisierung von Kommunikationskanälen, die aber nicht wirklich nachhaltig ist. Die Facebook-Seite der Identitären Frauen in Österreich wurde zum letzten mal im September 2017 bespielt und auch „Radikal Feminin“ ist nach einigen Artikeln am Anfang nicht sehr belebt.

Wie schätzt du in dem Zusammenhang die Kampagne #120db ein?

#120db wurde zumindest nach außen hin von Frauen initiiert und läuft nicht unter dem Label der IB. Die Kampagne ist trotzdem gefloppt und hat nicht die mediale Aufmerksamkeit bekommen, wie erwartet. Sexualisierte Gewalt zu ethnisieren hat in der extremen Rechten eine lange Tradition. Insofern war diese Kampagne nichts großartig Neues oder gar ein Tabubruch. Hinzu kommt, dass in der deutschsprachigen Öffentlichkeit nicht über Übergriffe von als migrantisch ausgemachten Männern  geschwiegen wird, im Gegenteil gibt es eine Überrepräsentation in der Berichterstattung. Auch da konnte die Kampagne also nicht andocken. Nicht zuletzt sind auch die Medien klüger geworden und nur die wenigsten haben die Inhalte der Kampagne ungeprüft übernommen. Die meisten haben sich die Zeit genommen, ausführlich über die Hintergründe und die Argumentationsmuster zu recherchieren und haben entsprechend kritisch berichtet.

Was sieht die IB für Frauen vor?

Einerseits Frauen als Mütter, die zum Erhalt des „Eigenen“ beitragen können. Auf der anderen Seite eine objektivierte Darstellung mit Slogans wie „Ihr habt unsere Frauen längst vergessen“, in der Frauen selbst eigentlich gar nicht zu Wort kommen. Zudem gibt es ie auch eine sexualisierte objektivierende Darstellung, wenn Frauen auf Stickern oder Postern mit Slogans wie „Zu schön für einen Schleier“ auftauchen. Andererseits werden sie bei Demonstrationen aber auch gezielt eingesetzt und in die erste Reihe gestellt, um der Gruppe einen normaleren und harmloseren Eindruck zu verleihen oder sie wirken als Sprecherinnen, die sexualisierte Gewalt anprangern. Bei näherer Betrachtung zeigt sich aber, dass nicht von einer „Gefährtinnenschaft“ auf Augenhöhe oder einer gleichgestellten Politik die Rede sein kann, sondern, dass es nach wie vor klare Aufgabenverteilungen für Männer und Frauen in der Gruppe gibt.

Wie passt das Geschlechterbild der Gruppe zum Rest der Ideologie?

Bei der IB, genauso auch bei anderen Akteuren der extremen Rechten gibt es zwar eine rhetorische Modernisierung, dahinter verbirgt sich aber das gleiche alte Weltbild. Es geht weiterhin um ein naturalistisch konstruiertes , dichotom und komplementär gedachtes Geschlechterbild. Die Gruppe lehnt Geschlechtergerechtigkeit nicht grundsätzlich ab, aber fordert diese nur für „unsere Frauen mit unseren Männer“ und  immer mit der Berufung auf eine vermeintlich „natürliche“ Unterschiedlichkeit. Sie gehen nicht davon aus, dass Gerechtigkeit hergestellt werden kann, indem Männer und Frauen in allen Belangen gleichgestellt werden, sondern davon, dass Männer und Frauen von Natur aus unterschiedlich sind und deswegen auch unterschiedliche Behandlung brauchen. Gerechtigkeit könne nur entstehen, wenn Ungleiches auch ungleich behandelt wird.

Wie wird Feminismus bei identitären Frauen diskutiert?

Einerseits ist der Feminismus Teil der verteufelten Moderne, der gleichmacherischen Linken. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Bestrebungen, eine Art völkischen Feminismus aufzubereiten, in dem es darum geht, dass Frauen bestimmte naturgegebene Fähigkeiten hätten, die dann in den Vordergrund gestellt werden sollen. Zentral ist aber, dass der Antifeminismus als der eigentliche Feminismus verkauft wird. Identitäre Frauen werden als die eigentlichen Frauenrechtlerinnen inszeniert. Feministinnen wird vorgeworfen, dass sie Frauen verraten hätten, auch durch flüchtlingsfreundliche Politik, aber auch, weil Feminismus angeblich das „natürliche“ Verhältnis zwischen Männern und Frauen zerstören würde. Auf der einen Seite wird behauptet, sie seien die Frauenrechtlerinnen, die sich für die „wahre“ Gleichberechtigung“ einsetzen, um im nächsten Schritt gegen alles zu wettern, für das der Feminismus in ihrem Weltbild angeblich wirklich steht: Männerhass, geschlechterkorrekte Sprache, Überbetonung von sexualisierter Gewalt im öffentlichen Diskurs.

Diese Art von „Feminismus“ ist also höchstens Strategie?

Es geht nie darum, den Gewaltschutz von Frauen tatsächlich zu verbessern oder sich für aller Frauen einzusetzen oder feministische Themen aufzugreifen und weiterzuverbreiten. Es geht einzig und allein um die Gewalt gegenüber Frauen durch als migrantisch ausgemachte Männer. Frauenfeindlichkeit in der Mehrheitsgesellschaft, wie auch in den eigenen Reihen, wird verneint. Kritik an Diskriminierung und Ungleichbehandlung wird delegitimiert.

Weibliche Homosexualität findet bei den Identitären nicht statt, aber du schreibst über unterschiedliche Wahrnehmungen zu schwulen Männern?

Homosexualität wird nicht an sich verteufelt, sondern nur Teile davon. Das zeigt sich zum Beispiel an den Argumentationen von Martin Semlitsch, der unter dem Namen Lichtmesz unter anderem im „neurechten“ Magazin „Sezession“ publiziert. Er beruft sich auf den homosexuellen Bodybuilder und Männerrechtler Jack Donovan, der unter anderem das Buch „Der Weg der Männer“ bei Antaios veröffentlicht hat und in einem anderen Buch darüber schreibt, dass hypermaskuline schwule Männer überhaupt nicht das Problem seien, weil sie in der Lage sind, das eigene Volk nach außen hin zu verteidigen. Demgegenüber seien sogenannte „Schwuchteln“, also verweiblichte und verweichlichte Männer, sind das eigentliche Problem. In dieser Weltsicht haben diese Männer sich mit ihrem eigenen schlimmsten Feind, nämlich den Feministinnen, eingelassen, die die Männlichkeit abschaffen wollen.

 

„Untergangster des Abendlandes“ ist bei Marta Press erschienen und kostet 20 Euro. ISBN: 978-3-944442-68-6

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