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Vati ist ein guter Nazi

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Ein Mann, der eine Jacke der bei Rechtsextremen beliebten Marke "Thor Steinar" anhat, trägt ein Kind im Buggy die Treppe hinunter. (Quelle: Flickr / cc / Scoobay)

Der kleine Siegbert kam immer schon in merkwürdiger Kleidung in die Kindertagesstätte: immer diese gewalkte Naturwolle, immer ein wenig müffelig, immer ein wenig zu dünn, vor allem im Winter. Seine Eltern ließen ihn nicht am regulären Kitaessen teilnehmen, er musste die eigens zubereiteten Körnerflocken essen. Erkältungen dauerten bei ihm besonders lange, denn zum Arzt zu gehen oder gar Medikamente zu verabreichen, das kam für Siegberts Eltern nicht infrage: Der Junge müsse abhärten, gaben sie Doreen Krüger zu verstehen, seiner Erzieherin.

Das Lied, das er gelegentlich vor sich her sang, eine rechtsextreme Version von „Der Mond ist aufgegangen“, war für Doreen Krüger dann nicht mehr zu ertragen: Ein Vierjähriger, der Hetzlieder singt, dafür ist in ihrer Kindertagesstätte kein Platz. Doreen Krüger ist froh, dass der kleine Siegbert nicht mehr in ihrer Krippe ist. „Ich habe vor Erleichterung geweint, als er nicht mehr kam.“ Andererseits weiß sie: Damit ist auch der letzte Funken normaler, bunter Welt aus Siegberts Leben verschwunden.

Siegbert heißt nicht Siegbert, und Doreen Krüger heißt auch nicht wirklich so. Das war ihre Bedingung dafür, dass sie überhaupt mit dem Reporter redet, denn sie fürchtet sich vor Menschen wie Siegberts Eltern. Dass Krüger in einer Kita zwischen Rostock und Schwerin arbeitet, in einer Gegend, in der sich Dutzende rechtsextreme Familien angesiedelt haben, die dort versuchen, Schulen, Kindertagesstätten und sonstige Einrichtungen mit ihrem Gedankengut zu unterwandern – das allerdings kann man sagen.

Ein niedliches Backsteinkirchlein, ein verwunschener Dorfteich, hin und wieder ein Fischreiher in der Luft: So sieht es aus in der Mecklenburgischen Schweiz, Fontaneland. Allein hier, in diesem Idyll, schätzen Experten der evangelischen Kirche, wachsen Kinder in rund 60 Familien so auf wie Siegbert. Sie heißen Arwin, Thore, Hildegund oder Freya, sie reden nicht von Pizza, sondern von Gemüsetorte, und sie feiern nicht Weihnachten, sondern das Julfest. Und häufig wissen die Buben schon als Vierjährige, wie man jemandem den Arm umdreht, und dass Arier besser sind als die Menschen aus „minderwertigen Völkern“.

Engagierte Eltern mit menschenverachtender Ideologie

Ihre Eltern sehen sich als Artamanen, eine völkisch-nationale Aussteiger-Sekte, die es schon in Weimarer Zeiten gab und später in der Hitlerjugend aufging. Einige von ihnen sind in enger Verbindung mit der NPD oder anderen rechtsextremen Organisationen, einige stammen aus der neonazistischen Wiking-Jugend, der Schlesischen Jugend oder der inzwischen verbotenen Heimattreuen Jugend (HDJ). Jetzt wollen sie in der Idylle der Mecklenburgischen Schweiz, wo es außer guter Luft und günstigem Grund nicht viel gibt, ihre Kinder in ihrem Geist aufziehen.

„Der ‚Wald- und Wiesen-Nazi‘ mit Glatze stirbt aus – die Braunen werden immer klüger, die kommen in Schlips und Nadelstreifen oder in Öko-Klamotten daher“, sagt eine Verantwortliche für mehrere Kitas in der Gegend, die auch nicht namentlich genannt werden will.

Der Vater, der sich in den Elternbeirat wählen lassen will; die Mutter, die die Kinder mit Selbstgebackenem am Wandertag begleitet; die Eltern, die vorschlagen, man könne doch gemeinsam mal die Kindergartenwände neu streichen: Es sind häufig die besonders engagierten, die aktiven Eltern, die aus dem extrem rechten Umfeld kommen, sagt die Kita-Frau. Die auch nicht gleich von der Holocaust-Lüge schwadronieren oder gegen Ausländer hetzen, sondern erst Vertrauen aufbauen zum Kita-Personal, zu den anderen Eltern.

„Je netter die sind, desto anschlussfähiger und damit gefährlicher sind sie“, sagt die Kita-Verantwortliche.

Sie ist eine politische Frau, eine Kämpferin, sie will sich nicht abfinden mit der Mischung aus Gleichgültigkeit, Angst, Resignation und Blindheit, die sie bei vielen Eltern und auch eigenen Mitarbeitern feststellt. Immerhin hat sie jetzt in ihren Kitas die geheime Elternbeiratswahl abschaffen lassen, und ihre Mitarbeiterinnen bekommen Schulungen in Demokratie und Pluralismus. Wie viel das bringt? Sie zuckt mit den Achseln.Die Erziehungsideale der Neuen Rechten sind häufig eins zu eins übernommen aus der Zeit des Nationalsozialismus: Die Jungen haben stark zu sein, zäh und ausdauernd, die Mädchen sollen lernen, Heim und Hof zu hüten. Germanische Monatsnamen werden ihnen in Sommerlagern der HDJ oder anderer Organisationen beigebracht, es gibt Fotos von organisiertem, paramilitärischem Drill für Kindergartenkinder.

Physische und psychische Gewalt seien an der Tagesordnung, erzählt eine, die in solchen Lagern dabei war. Ihnen werde bedingungsloser Gehorsam gegenüber den Führern in ihrer eigenen Parallelwelt eingetrichtert und andererseits subtile Auflehnung gegen die Institutionen der „Normalgesellschaft“.

Entsteht damit eine neue Generation von Rechtsextremen? Eine Generation, für die Ausländerhass und Fanatismus normal ist?

Rebellion gegen braune Eltern?

Nicht zwangsläufig, sagt Michaela Köttig, die als Professorin der Fachhochschule Frankfurt unter anderem zu rechtsextremen Frauen forscht. So wie das Hören rechtsextremer Bands oder das Tragen rechtsextrem kodierter Kleidung auch aus einer Protesthaltung gegen die Eltern entstehen kann, so wie die Generation der 68er gegen ihre von Pflicht und Gehorsam geprägten Eltern rebellierte, so sei auch eine Rebellion gegen braune Eltern durchaus denkbar.

Eine, die selbst unter einem extrem rechten Vater aufgewachsen, zu Ferienlagern der HDJ verdonnert worden und dann aus dem Milieu ausgestiegen ist, erzählt: „Es ist möglich, sich ab einem gewissen Alter von der Szene zu distanzieren und sich einer anderen Weltanschauung zu öffnen. Allerdings gelingt das nur, wenn man es schafft, sich dem Einfluss der eigenen Eltern zu entziehen.“

Als sich die junge Frau der Aussteigerberatung Exit zugewandt hatte, war da plötzlich niemand mehr. Die Freizeit, die Schule, die Freunde, ihr ganzes Leben war vorher tiefbraun gewesen. Wer sich aus der Erziehung der neuen Neonazis lösen will, der muss nicht weniger als ein neues Leben anfangen. Was man mit ihr und anderen gemacht hat, sagt sie, war eindeutig Kindeswohlgefährdung.

Dieser Text erschien zuerst am 11.04.2012 auf ZEIT online. Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

 

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