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Vor 75 Jahren Nationalsozialisten überfallen Magnus-Hirschfeld-Institut

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Die dreistöckige Villa in unmittelbarer Nähe des heutigen Bundeskanzleramts, in der das weltweit einzigartige „Institut für Sexualwissenschaften“ von 1919 bis 1933 untergebracht war, existiert schon lange nicht mehr. Um an Magnus Hirschfeld zu erinnern, weihen heute Mittag unter anderen Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) und Vertreter des Lesben- und Schwulenverbands Berlin-Brandenburg ein „Magnus-Hirschfeld-Ufer“ zwischen der Luther- und Moltkebrücke in Berlin-Mitte ein. Demnächst erhält der Gründer der „Weltliga für Sexualreform“ auch ein Denkmal am Spreeufer ? in unmittelbarer Nähe des ehemaligen Institutstandorts. Spaziergänger werden dann den Neuguss jener Bronzebüste des Institutsleiters sehen können, die die Nationalsozialisten vier Tage nach der Plünderung ins Feuer warfen.

„Sex brennt“

Das Medizinhistorische Museum der Charité zeigt zudem bis zum 14. Juni 2008 unter dem Motto „Sex brennt“ eine Sonderausstellung. Das Museum rekonstruiert darin detailliert den Überfall der Nationalsozialisten auf eine einzigartige Institution: Zu Hochzeiten arbeiteten hier über 40 Mitarbeiter. Sie berieten Männer und Frauen zu allen Fragen der Sexualität, halfen Homosexuellen und Transsexuellen und boten Schwangerschaftsberatung an. Schon 1897 hatte Hirschfeld das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK) gegründet, das international als erstes gegen die Diskriminierung Homosexueller kämpfte. Berühmt wurde Hirschfeld auch als Initiator einer Petition im Reichstag der Weimarer Republik zur Abschaffung des Paragraphen 175, mit dem männliche Homosexualität kriminalisiert wurde.

Das Ende des Instituts

Augenzeugen schildern den Beginn der Zerstörung am 6. Mai 1933 um 9.30 Uhr: „Vor dem Institut erschienen einige Lastautos mit circa 100 Studenten und einer Kapelle mit Blasinstrumenten. Sie nahmen vor dem Haus militärische Aufstellung und drangen unter Musik in das Haus ein.“ Angeführt wurde der grölende Mob von Studenten der Hochschule für Leibesübungen, die schnell alle Räume besetzten.

Bewacht von den Angreifern mussten die Mitarbeiter des Instituts hilflos mit ansehen, wie die einzigartige Bibliothek mit einem Bestand von über 20 000 Büchern, 35 000 Fotos und 40 000 Erfahrungsberichten systematisch zerstört wurde: „Aus dem Archiv entfernten sie dann die großen Wandtafeln mit den Darstellungen intersexueller Fälle ? die meisten der anderen Bilder nahmen sie von den Wänden und spielten mit ihnen Fußball,“ erinnert sich der Augenzeuge. Proteste von Studenten des Instituts, dass sie medizinisches Material zerstören würden, liefen ins Leere. Ganz offen erklärten die Plünderer, ihr Ziel sei die Vernichtung des Instituts. Im Nachhinein gingen einige Mitarbeiter davon aus, dass hochrangige Nationalsozialisten, die als Patienten am Institut behandelt worden waren, dessen Zerstörung als Priorität angeordnet hatten. Die schwulen Angehörigen von SA, SS und NSDAP befürchteten offensichtlich eine Offenlegung ihrer sexuellen Orientierung.

„Aufhängen und totschlagen“

Nachdem ein Großteil des Gebäudes schon verwüstet war, zogen die Studenten gegen Mittag des 6. Mai 1933 erst einmal ab. Doch dann fuhren nachmittags mehrere Lastautos mit SA-Angehörigen vor: „Dieser zweite Trupp nahm dann nochmals eine gründliche Durchsuchung aller Räume vor und schleppte in vielen Körben alles mit, was an Büchern und Manuskripten von Wert war, im Ganzen zwei große Lastwagen voll,“ so der Augenzeuge. Enttäuscht waren die SA-Leute vor allem darüber, dass sie Magnus Hirschfeld nicht persönlich antrafen. Ganz offen drohten sie damit, den damals 65-Jährigen „aufhängen“ oder „totschlagen“ zu wollen. Der Sexualforscher war nach einem Studienaufenthalt in den USA 1932 vorgewarnt worden und nicht mehr nach Deutschland zurückgekehrt. Die Zerstörung seines Lebenswerks verfolgte er aus der sicheren Schweiz. Magnus Hirschfeld starb mit 67 Jahren 1935 in Paris im Exil. Viele seiner homosexuellen Patienten wurden in den Konzentrations- und Vernichtungslagern der Nationalsozialisten ermordet.

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