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Wehrhafte Demokratie „Rassismus und Rechtsextremismus, das ist schleichendes Gift“

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Preisverleihung; Foto: H. Kulick

MUT: Herr Dr. Zwanziger, was sollte ein Schiedsrichter und vielleicht auch eine Mannschaft tun, wenn Zuschauer am Spielfeldrand rassistische Sprüche klopfen wie „Bimbo gehen nach Hause“ oder rechtsextreme Parolen rufen?

Theo Zwanziger: Wir haben eine Übereinkunft mit allen Schiedsrichtern, wenn rassistische Äußerungen von den Zuschauern oder woher auch immer kommen, muss das Fußballspiel unterbrochen werden. Handeln müssen dann aber alle. Das ist wichtig, um die Menschen zu stärken, die das nicht wollen und sich im Grunde genommen mit Zivilcourage dagegen stellen. Wir haben das in einer guten Art und Weise im Spiel Bochum gegen Bremen erlebt, wo aus dem Fanclub heraus solches Engagement erfolgte und wir haben das bei der Weltmeisterschaft 2006 erlebt, wo all solche Dinge von den Zuschauern im Keim erstickt wurden, weil die Menschen keinen Rassismus wollen. Diese Aufgabe herunterzubrechen bis nach unten, ist nicht ganz einfach, ja vielfach richtig schwierig. Das setzt Zivilcourage und klare Regelungen voraus, das ist das, was wir umsetzen müssen.

MUT: Sollten deshalb auch kleine Vereine schon feste Hausordnungen aushängen, die auch von den Zuschauern fairplay verlangen und klar machen, dass etwa rechtsextremes Erscheinungsbild und solche Parolen, die Menschenverachtung ausdrücken, dort nichts zu suchen haben?

Es ist überall gut, dass man solche Dinge deutlich thematisiert und schlicht und einfach nicht wegguckt. Rassismus und Rechtsextremismus, das ist schleichendes Gift.
Und es kann im Grunde genommen nur aufgehalten werden, indem die Menschen erfahren und wissen, was unter dieser Maske des Guten dann an Schlimmen passiert ist, wie es Bonhoeffer gesagt hat. Das ist der entscheidende Punkt, das frühzeitig zu erkennen und rechtzeitig zu handeln – den Anfängen wehren und sich dagegen zu stemmen und nicht zu sagen, ach ist nich so schlimm. Bagatellisieren ist der falsche Weg. Und ich glaube, dass das die Menschen in unserem Verband und auf den Plätzen zunehmend erkennen und sehr vielfältig dagegen vorgehen.

MUT: Ist der Preis, den Sie soeben erhalten haben, eine Auszeichnung, so eine Art ‚Wachrütteler‘ zu sein, für all die Menschen, die Sie an der Spitze des DFB vertreten?

Ich hoffe ja! Der VereinGegen Vergessen und für Demokratie ist ja eine sehr angesehene Vereinigung mit vielen sehr klugen und in demokratischer Überzeugung verwurzelten Persönlichkeiten. Und die Botschaften, die von dort kommen, werden gesehen und aufgenommen. Und ich wünsch mir, dass sie auch bei den Menschen ankommen, die gerade in einer Zeit, wie wir sie jetzt erleben, wo es auch sehr viele soziale Spannungen gibt, glauben, dort sei irgendwo auf dieser rechtsradikalen Seite ein Ausweg. Das ist es aber nicht, es kann immer nur ein Irrweg sein. Ich hoffe sehr, dass dass das immer mehr Menschen so sehen, deshalb teile ich meine Überzeugung auch gerne mit: Ich freue mich in meinem Leben in einer Demokratie leben zu dürfen und ich hoffe, das ich dies auch noch ein paar Jährchen kann um das auch meinen Kindern und Enkelkindern weitervermitteln zu können: Demokratie muss auch verteidigt werden. Auch im Fußball, aber nicht nur dort. Sie ist nicht selbstverständlich, man muss auch selbst was dafür tun – sie fällt nicht vom Himmel.

MUT: Fußball ist also keineswegs unpolitisch?

Das habe ich auch in meiner Dankesrede gesagt: Fußball ist nicht parteipolitisch, aber er muss politisch sein. Und das bedeutet, sich an der Stelle, an der jeder steht, für Freiheit, Solidarität und die Menschenwürde einzusetzen. Und Fußballer spielen eine Vorbildrolle. Insbesondere von unseren Nationalspielerinnen und Nationalspielern erwarte ich deshalb, dass sie sich ihrer Vorbildfunktion bewusst sind und diese Rolle auch praktisch vorleben, indem sie sich unter anderem für diese Werte wie Demokratie und Menschenwürde einsetzen.

MUT: Was würden Sie Kindern oder Jugendliche sagen, die sich dennoch verleiten lassen, in einem rechtsextremen Milieu mitzulaufen?

Das ist immer auch eine Frage von Wissen und Bildung. Die Kinder müssen einfach wissen, was unter dieser Flagge in Deutschland passiert ist. Und dies mit einfachen Mitteln zu übermitteln ist ganz ganz wichtig. Elternhaus, Schulen, Sport, alle sind hier gefordert. Ich glaube auch, wenn junge Menschen einmal Yad Vashem gesehen haben, wie wie mir das passiert ist, dann kann dieser Bazillus nicht mehr zünden. Also: reden! Die Verführung ist schnell gemacht, aber das Gegenstück, die Aufklärung ist eine Daueraufgabe – sich zu bekennen und den Menschen klar zu machen: „Unter diesem freundlichen Gesicht ist in Wirklichkeit schlimmster Mord passiert, absolutes Unrecht, Menschenverachtung“. In der Fußballsprache erzähle ich immer gerne folgendes Beispiel. Wir im DFB vergeben jährlich den Julius Hirsch Preis für vorbildliche Vereine und ihre Faninitiativen, die sich diesem Thema stellen. Julius Hirsch war ein Nationalspieler, der von einem Tag auf den anderen als Insekt behandelt wurde. Man sollte sich nur mal zwei Minuten vorstellen, das würde mit einem unsere heutigen Nationalspieler passieren, nur weil er eine andere Hautfarbe hat oder einem anderen Glauben anhängt. Ich glaube dann rastet bei den meisten Menschen ein, dass Rassismus, dass Rechtsextremismus doch nicht sein kann und nicht sein darf.

Herr Dr. Zwanziger, wir danken für dieses Gespräch.

Ein Preis für engagierte Demokraten

Mit der Auszeichnung „Gegen Vergessen – Für Demokratie würdigt die gleichnamige, vom ehemaligen SPD-Vorsitzenden Hans-Jochen Vogel im Jahr 1993 gegründete Vereinigung, besonderes Engagement bei der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit oder dem Rechtsextremismus. Der mit € 7.500 dotierte Preis wird jährlich vergeben. Erster Preisträger war im Jahr 2005 der frühere Bundespräsident Johannes Rau. Im Jahr 2006 wurde die Musikgruppe „Die Prinzen geehrt, im Jahr 2007 das Maximilian-Kolbe-Werk. Der Verein zählt rund 2000 Mitglieder und ist in seiner Spitze überparteilich besetzt.

Theo Zwanziger setze „deutlich wahrnehmbare Zeichen für Toleranz, für Integration und für die Verantwortung des Sports in unserer Gesellschaft“ urteilte die Preisjury. Er lasse „seinen klaren Worten ebenso klare Taten folgen, und zwar nicht nur im Bereich des Profifußballs, sondern auch bis hinunter in die untersten Ligen und den Breitensport, so Joachim Gauck, damals Vorsitzender der bundesweiten Vereinigung Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V., zur Entscheidung der Jury. Er sei sich „weder zu fein, regelmäßig den Kontakt zur Fan-Szene zu suchen, noch scheue er sich, zu bisherigen Tabuthemen Stellung zu beziehen. Zwanziger hatte auch als erster Präsident des DFB eine unabhängige Studie zur Rolle des Verbands im Nationalsozialismus in Auftrag gegeben und in Erinnerung an den gleichnamigen jüdischen Nationalspieler den im obigen Interview von ihm benannten Julius-Hirsch-Preis mitbegründet.

Den Preis übergab am Dienstagabend der seinerzeitige ZDF-Intendant Markus Schächter in Berlin. Er lobte den DFB-Chef explizit für sein Engagement für „einen werteorientierten Fußball“ und den „gesellschaftspolitischen Ansatz seiner DFB-Arbeit“. Dr. Zwanziger habe „mehrfach Zeichen gegen das Vergessen gesetzt und seinen Worten immer Taten für die Demokratie folgen lassen“.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf dem Portal „Mut gegen rechte Gewalt“ erschienen (2002-2022).

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