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Kindische Sehnsucht nach „Gemeinschaft“

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Das Bedürfnis nach Gemeinschaft ist berechtigt und verständlich. Die Familie ist die erste Gemeinschaft. In ihr wächst man auf. Dann hat man die Gemeinschaft der etwa gleichaltrigen Jungs und Mädels, mit denen man zusammen spielt, streitet, lernt und die Welt entdeckt.

Danach kommt die Gemeinschaft der Schulklasse und dann die der befreundeten Kolleginnen und Kollegen und vielleicht der neuen eigenen Familie. Menschen brauchen Gemeinschaft. Was zeichnet solche Gemeinschaften aus? Es sind überschaubare Gruppen, in denen sich alle kennen und schätzen, in denen man etwa gleicher Meinung ist, an die gleichen Werte glaubt und sich gegenseitig unterstützt, also tatsächlich ?unter seinesgleichen ist? und sich ?solidarisch? (d. h. unterstützend) verhält. Sie sind aber auch enge Gebilde mit einem starken Zwang zur Harmonie und zur Anpassung. Abweichung und Vielfalt können sie nur schwer aushalten. Auftretende Konflikte werden unterdrückt und unter den Teppich gekehrt.

Aber der Mensch lebt eben nicht nur in Gemeinschaften. Die einzelne in sich gleiche und verschworene Familiengemeinschaft lebt neben vielen anderen Familien, die alle ein wenig oder auch völlig anders sind, je nachdem, ob sie zum Beispiel auf dem Land wohnen und Landwirtschaft betreiben oder in der Stadt und von Schichtarbeit leben. Die eigene Gemeinschaft der etwa Gleichaltrigen ist auch nur eine von Vielen, und oft sind sich benachbarte Gruppen spinnefeind.

Auch die Gemeinschaft der Schulklasse ist eine von vielen in der Schule. Und je nach Alter und Zusammensetzung ist jede Klasse anders als die anderen. Die Schule selbst ist wieder nur eine von vielen Schulen im Land. Und die sind alle sehr verschieden voneinander, je nachdem, ob sie in der Stadt oder auf dem Land liegen, ob es Gymnasien sind oder Realschulen, ob sie Sportschulen sind oder allgemeinbildend, ob sie in Bayern liegen oder an der Nordsee.

Außer in seiner Gemeinschaft lebt der Mensch in einer Ansammlung von vielen anderen Gemeinschaften, die alle voneinander recht verschieden sind. Diese Ansammlung unterschiedlicher Gemeinschaften nennt man Gesellschaft. In ihr gibt es Vielfalt der Werte und Meinungen, der Verhaltensweisen und Lebensverhältnisse. Und darum gibt es auch unvermeidlich Konflikte, die ausgetragen werden müssen.

Auch wenn in Deutschland kein einziger Ausländer leben würde, bliebe Deutschland eine multikulturelle Gesellschaft. Schon Bayern und Friesen haben durchaus unterschiedliche Kulturen. Großstadt- und Landbevölkerung haben unterschiedliche Werte, Ziele und Regeln. Unterschiedliche Werte, Ziele und Regeln sind das, was Kulturen voneinander unterscheidet. Wenn sie sich voneinander unterscheiden, hat man eine multikulturelle Gesellschaft. Und das ist gut so. Denn die Begegnung mit dem Fremden ist ja auch immer anregend und eine Chance zum Lernen, zur Entwicklung.

Die europäische Kultur ist entstanden aus der Verschmelzung von arabischen, jüdischen, byzantinischen, römischen, griechischen und germanischen Elementen. Ohne diese multikulturellen Anregungen würden wir heute noch unter heiligen Eichen Met trinken und uns einmal in der Woche mit kaltem Wasser waschen.

?Mensch kann Mensch nur da sein, wo er in Gemeinschaft lebt? ist also offensichtlicher Unsinn. Wir sind Menschen immer zugleich in Gemeinschaften und in der Gesellschaft. Und jede Gesellschaft ist immer schon unvermeidlich multikulturell und braucht Anregungen aus der ganzen Welt.

Die Sehnsucht nach Gemeinschaft ist verständlich. Doch gehört es zum Erwachsenwerden, dass man Gesellschaft mit ihren Unterschieden auszuhalten lernt. Wer das nicht schafft, ist Kind geblieben. Inhuman ist also nicht die multikulturelle Gesellschaft, sondern der Ausschluss des Fremden, den sich die Rechtsextremen wünschen.

Wolf Wagner ist Professor an der Fachhochschule Erfurt

Dieser Text ist ein Auszug aus der Broschüre ?Was die Rechtsextremen sagen? der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen. Wir bedanken uns für die freundliche Genehmigung zum Abdruck.

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