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Menschenfeindlichkeit September 2015 Homofeindlichkeit und Sexismus

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"Lesbenschutz" statt "Lebensschutz": Proteste gegen den fundamentalchristlich-rechtskonservativen "Marsch für das Leben". Foto von 2014. (Quelle: Flickr / Creative Commons / Nic Frank)

Homophobie geht zurück – außer bei alten und jungen Menschen: Das nordrhein-westfälische Emanzipationsministerium hat am Mittwoch eine Aktualisierung der Studie „Abwertung gleichgeschlechtlich liebender Menschen in Nordrhein-Westfalen“ veröffentlicht. Das positive Ergebnis: Das Ausmaß von Homophobie ist in NRW – ebenso wie im übrigen Deutschland – seit 2002 in allen Altersgruppen rückläufig. Negativ fällt jedoch auf, dass sich der Trend einer abnehmenden Homophobie nur bei Erwachsenen im mittleren Alter fortsetzt. Bei den über 60-Jährigen und den jüngeren unter 30 Jahren bleibt der Anteil der Menschen mit ablehnender Haltung gegeüber Lesben und Schwulen gleich. Darüber hinaus zeichnet sich eine gewisse Polarisierung ab: Während die Mehrheit die gleichgeschlechtliche Liebe immer mehr akzeptiert, positioniert sich eine kleine Minderheit deutlich ablehnend gegenüber sexueller Vielfalt. Eher zu Homophobie neigen dabei Menschen mit geringerem Bildungsstatus, Männer, Befragte mit Zuwanderungsgeschichte und Befragte, die auf dem Land wohnen. Außerdem ließen sich die Zusammenhänge erkennen: Je religiöser, je autoritärer, je weiter politisch rechts stehend, je europakritischer, je wohlstandschauvinistischer – desto homophober. Um dem zu begegnen, gibt es nun in NRW einen neuen Aktionsplan gegen Homophobie (General-Anzeiger) – und die „1. Schule ohne Homophobie“ (lokalkompass.de, Aktion „Schule der Vielfalt„)

Alle Ergebnisse als pdf auf queer.de.

Am rechtspopulistisch-fundamentalchristlichen „Marsch für das Leben“ nahmen am 19.09.2015 in Berlin 5.000 Menschen teil – 2.500 protestierten dagegen und blockierten ihn trotz Unterzahl. Die Teilnehmer_innen sind nicht nur Abtreibungsgegner_innen – sie verfechten auch generell ein reaktionäres Gesellschafts- und Familienbild, das homofeindlich und sexistisch ist. Vgl. Netz-gegen-Nazis.deSiegessäule

Queere Flüchtlinge – also schwule, lesbische, bi- und transsexuelle sowie intergeschlechtliche – erleben in den Unterkünften häufig Diskriminierung bis hin zu Übergriffen, sagt Stephan Jäkel von der Schwulenberatung Berlin. Nach einer Umfrage der Lesbenberatung Berlin gab es dort zwischen Januar und Mai mindestens 20 Übergriffe, Jäkel und andere Helfer halten die Zahl allerdings für viel zu gering. Das Problem: Nur wenige Opfer trauen sich, die Taten hinterher anzuzeigen oder überhaupt darüber zu sprechen. Nicht selten müssen sie mit den Tätern weiter in einer Einrichtung leben, manchmal sogar im selben Zimmer. Lesenswerte Reportage beiSpiegel Online

Seit Monaten gegen die „Demos für alle“ dagegen auf die Straße: Jetzt hat das Land Baden-Württemberg seinen vieldiskutierten Bildungsplan der Öffentlichkeit vorgestellt. Queer.de berichtet: „Inzwischen wurde der Bildungsplan mehrfach überarbeitet, um ein Jahr verschoben und am Montag erstmals im Detail der Öffentlichkeit vorgestellt. Er steht nun unter mehreren fächerübergreifenden „Leitprinzipien“, darunter nicht mehr „Akzeptanz sexueller Vielfalt“, sondern „Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt (BTV)“. Zu diesem Punkt heißt es: „In der modernen Gesellschaft begegnen sich Menschen unterschiedlicher Staatsangehörigkeit, Nationalität, Ethnie, Religion oder Weltanschauung, unterschiedlichen Alters, psychischer, geistiger und physischer Disposition sowie geschlechtlicher Identität und sexueller Orientierung. Kennzeichnend sind Individualisierung und Pluralisierung von Lebensentwürfen.“ Kernanliegen sei es, „Respekt sowie die gegenseitige Achtung und Wertschätzung von Verschiedenheit“ zu fördern. Wobei der Folgesatz wirkt, als hätten ihn die „Besorgten Eltern“ formuliert: „Grundlagen sind die Menschenwürde, das christliche Menschenbild sowie die staatliche Verfassung mit dem besonderen Schutz von Ehe und Familie.“ Als Unterpunkte werden immerhin unter anderem „Personale und gesellschaftliche Vielfalt“, „Toleranz, Solidarität, Inklusion, Antidiskriminierung“, „Selbstfindung und Akzeptanz anderer Lebensformen“, „Formen von Vorurteilen, Stereotypen, Klischees“ oder „Minderheitenschutz“ genannt. (…)  Bei der Grundschule, also den ersten bis vierten Klassen, zeigt sich dennoch schnell, dass Vorwürfe über eine „Frühsexualisierung“ ins Leere gehen: Sexualaufklärung ist überhaupt kein Thema. (…) Eine richtige Rolle spielt „sexuelle Viefalt“ erst in den späteren Stufen, vor allem in den Klassen 7 und 8, also zu Beginn und während der Pubertät. Dann ist auch eine verpflichtende Sexualkunde vorgesehen (Biologie, „Fortpflanzung und Entwicklung“).“Queer.de

Sollten nun „Demo für alle“-Aktivistin und „Gender-Gaga“-Buchautorin Birgit Kelle nicht mehr genug in Stuttgart zu tun haben, ist sie jetzt als „Sachverständige“ von der CDU Sachsen eingeladen worden, am „Aktionsplan zur Akzeptanz der Vielfalt von Lebensweisen“ mitzuarbeiten. Absurd. Doch zumindest die Sachverständigen der anderen Parteien sind aber keine Gleichstellungsfeinde (Queer.de). Zu Kelles homofeindlichen Kommentaren gibt es gute Erwiederungen auf m-maenner.de„Soll mein kleiner Kerl überlegen, ob er wohl schwul ist, weil er seinen besten Freund echt gern hat und sie sogar im gleichen Bett am Wochenende übernachten?” Abgesehen davon, dass wir die Wendung „mein kleiner Kerl“ für Ihren Sohn merkwürdig finden: Ja, liebe Frau Kelle, genau das soll er. Überlegen hat noch niemandem geschadet, speziell über diese Frage. Es wird ihn sicher nicht in eine Lebenskrise stürzen, sondern zu einem offenen, empathischen Menschen machen (womit er sich von seiner Mutter unterscheiden wird). Finden Sie das eine so schlimme Vorstellung?

Muss für die „Ehe für alle“ das Grundgesetz geändert werden? Juristen debattierten im Bundestag. Eine knappe Mehrheit fand: Das Grundgesetz stehe der Ehe für alle nicht entgegen (Queer.de).

Sexismus

Sexismus im Job – die schlimmsten Erlebnisse: Eine neue Studie schreckt Grossbritannien auf: Neun von zehn Frauen sagen, dass ihr Geschlecht ein Karrierekiller ist. Sexismus ist Büroalltag. Nur 13 Prozent der 2000 befragten Frauen sagten, dass sie keine Diskriminierung beim beruflichen Fortkommen erlebt haben. Die Frauen wurden auch danach befragt, wie sie Sexismus im Büroalltag erlebt haben. An der Spitze der sexistischen Erlebnisse stehen zweideutige Kommentare und das Kochen von Tee. Rund vier von zehn Frauen beklagten sich darüber. Ein Drittel musste sich bereits anzügliche Kommentare über die Kleidung anhören. Drei von zehn Frauen wurde schon vorgeworfen, launisch wegen der monatlichen Periode zu sein. Fast derselbe Prozentsatz beklagte sich darüber, im Vergleich mit den männlichen Kollegen als weniger kompetent zu gelten. Jede Fünfte fühlt sich beim Lohn diskriminiert und von männlichen Kollegen bevormundet (vgl. Handelszeitung.ch)

Interessant als Ergänzung eine Studie der Arbeitsvermittlung Randstad: In Deutschland fühlen sich die Männer im Job mehr diskriminiert als die Frauen – auch wenn das jeglicher Grundlage in der Realität zuwider spricht. Offenbar wirkt die rechtspopulistische Propaganda, die Gleichberechtigung von Frauen würde Männer benachteiligen (Presseportal).

Porträt: Auch ein Jahr nach #Gamergate kämpft Anita Sarkeesian gegen sexistische Videospiele – und erhält noch immer Morddrohungen. Wie geht sie in ihrem Alltag damit um, fragt sich Jessica Valtenti auf Freitag.de. Und stellt unter anderem fest: „Die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen im virtuellen Raum gemobbt werden, ist um ein Vielfaches größer als bei Männern – ebenso die Wahrscheinlichkeit, dass die Angriffe zu sexueller Gewalt führen. Eine Studie der University of Maryland hat ergeben, dass bei weiblichen Usernamen die Wahrscheinlichkeit von Belästigungen 25 Mal größer ist und weiblich klingende Usernamen im Durchschnitt pro Tag 163 Mitteilungen mit Drohungen oder explizit sexuellem Inhalt erhalten. Bevor Sarkeesian zum Gesicht des Kampfes gegen Beleidigungen und übergriffiges Verhalten im Netz und gegen Sexismus in Videospielen wurde, hat sie sich selbst nicht als Feministin bezeichnet.“

Eine weitere „Zielgruppe“ von Sexismus im Netz: Journalistinnen. Der „Standard“ schreibt: „Dieses Phänomen – eine abstoßende Mischung von sexueller Gewalt und Einschüchterung von Journalisten – zielt darauf ab, Frauen für ihre journalistische Arbeit zu bestrafen und sie letztendlich durch Angst zum Schweigen zu bringen. Die Täter sind üblicherweise anonym, und sie sind nicht nur verabscheuungswürdig, sondern sie zeigen auch die Schwäche ihres Intellekts, wenn sie die Journalistin als Person attackieren, anstatt sie mit Worten oder Meinungen zu überzeugen zu versuchen.“ Als „Lösung“ würde betroffenen Frauen vielfach geraten, die Hater zu ignorieren. Dies sei in zweifacher Hinsicht falsch: Erstens klappt es nicht besonders gut, Vergewaltigungs- und Mordfantasien gegen die eigenen Person zu ignorieren. „Zweitens, und viel wichtiger: Keiner von uns sollte sich damit zufriedengeben, solche Ausgeburten gemeiner Feigheit zu ignorieren. Wir sollten darüber entsetzt sein, dass jemand – ob eine Person oder ein verzweifelter Despot mit bezahlten Internet-Trolls – sexistische (oder rassistische oder homophobe) Drohungen verwendet, um Journalisten einzuschüchtern. Solchen ekelhaften Taten nichts entgegenzusetzen bedeutet eine Gelegenheit zu versäumen, Sexismus und Frauenfeindlichkeit abzulehnen und die wichtige Rolle von unabhängigen Journalisten zu bekräftigen.“ (Standard)

Und ganz unterirdisch sind sexistische Verbalattacken auf Frauen, die sich für Flüchtlinge einsetzenVice.com weißt auf dieses Phänomen mit einer Auswahl an üblen Beispielen hin. Exemplarisch wird der Fall einer Radiomoderatorin geschildert, die einem Flüchtling einen Schlafplatz anbot und darüber öffentlich sprach. „Die Lügenpresse-Schreier und selbsternannten „Asylkritiker“ glauben nämlich zu wissen, was Frauen, die sich um Flüchtlinge kümmern, eigentlich wollen: Sex. Ernsthaft, Menschen? In nicht nur einem Kommentar wird unter Elke Lichteneggers Posting darüber gemutmaßt, warum sie „ausgerechnet einen Mann“ aufgenommen hat und dass da „mehr dahinterstecken“ muss. Das ist eine ziemlich bestechende Logik; immerhin gibt es auf der Welt ja nicht so viele Männer, da muss es schon signifikant sein, wenn ausgerechnet einem solchen ein Bett und eine Unterkunft geboten wird. Der nächste User will ihr erklären, dass sie doch gar nicht so schlecht ausschaue und sich keinen Flüchtling fürs Bett holen müsse. Und natürlich hat sie ihn auch nur „ausgewählt“, weil er hübsch ist, und der nächste fragt, ob der Bursche in Naturalien für seine neue Unterkunft bezahlt. Äußern wollte sich Elke Lichtenegger zu den sexistischen und untergriffigen Kommentaren nicht, denn für sie soll die gute Sache im Vordergrund stehen.“

Und dann wurden noch von „Terre de Femmes“ die sexistischsten Werbungen des Jahres in Deutschland gekürt – und sie sind, wie immer, schlimm (z.B. auf Welt.de)

Gender

Riskante Ideale von Männlichkeit unter jungen Migranten

Junge Migranten treten als Machos auf, obwohl sie das beim Aufstieg behindert. Anerkennung finden sie nach eigenen, traditionell geprägten Regeln. Andererseits sind die feindliche gemeinten Zuschreibungen als „islamische Machos“ auch massiv pauschalisierend und diskriminierend. Interessantes Lesestück von Ahmet Toprak im Tagesspiegel.  Auch die anderen Teile der „Gender“-Serie im Tagesspiegel sind lesenswert, etwa „Wer hat Angst vorm bösen Gender – Worum es in Gender Studies wirklich geht“ oder Ideen zum Konflikt zwischen Gender Studies und Biologie.

Und dann wurde eine „Hart aber Fair“-Sendung zum Thema „Gender“ wiederholt – weil beim ersten Mal zu einseitig besetzt. Aber besser fanden sie die Expertinnen vom Gunda-Werner-Institut der Heinrich-Böll-Stiftung auch nicht und können auch gut begründen, warum: „Plasberg, der Fuchs, hat die Wiederholung der Debatte im September klug genutzt: Ein bisschen Reue zeigen – ja, man hatte beim Erstversuch Gender etwas einseitig dargestellt. Und dann ganz viel Opfer: Feministinnen haben bewirkt, dass die Sendung vorübergehend aus der Mediathek genommen wurde – Feministinnen haben sich über seine Gäste, namentlich Sophia Thomalla beklagt: Eine Steilvorlage für die Anti-Gender-Fraktion, die diese weidlich nutzte – bis hin zu dem schönen Satz von Thomalla: „Auch ich als doofe Frau habe das Recht, meine Meinung zu sagen.“ (vgl. Spiegel OnlineTagesspiegel)

Na endlich: Ob Kleidung, Spielzeug oder Bohrer: Manches Unternehmen gestaltet Produkte inzwischen so, dass sie sich nicht mehr einem Geschlecht zuordnen lassen: Also einfach gute Produkte statt Gender-Klischees. Vor allem in der Modebranche, aber auch im Spielwaren- oder Technikbereich, setzen einige Hersteller inzwischen auf Produkte, die sich keinem Geschlecht zuordnen lassen – warum sollten sich auch Dinge (nur) einem Geschlecht zuordnen lassen? (vgl. DerWesten).

 

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