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AfD: Steht Wolfgang Gedeon vor einem Comback?

Die AfD Konstanz hat den wegen antisemitischer Äußerungen aus der AfD Landtagsfraktion in Baden Württemberg ausgeschlossenen Abgeordneten Wolfgang Gedeon als Deligierten für den AfD-Bundesparteitag am 22/23.April in Köln nominiert. Wolfgang Gedeon erlangte bundesweite Bekanntheit aufgrund seiner als  antisemitisch eingestuften Positionen. Es ist daher ein bemerkenswerter Schritt, dass die AfD Konstanz Wolfgang Gedeon für den Bundesparteitag in Köln als ihren Deligierten bestimmt hat. Gegenüber der Tageszeitung "Die Welt" behauptet der Konstanzer AfD-Kreisverband (KV), dieser sei schon im März 2015, also vor dem Antisemitismus-Skandal,  nominiert worden. Daran gibt es aber erhebliche Zweifel.

 

Von Jan Riebe

 

Auf der Facebook-Seite von Gedeon sind mehrere Einträge zu finden, die Gedeon zur AfD-Deligiertenwahl am 9. März 2017 gratulieren. Laut der Homepage des KV Konstanz der AfD fand an jenem Tag die "1. Mitgliederversammlung 2017" der AfD statt, also jenem Gremiums das laut Satzung die Wahl des Deligierten für den Bundesparteitag vornimmt. Es ist also mehr als wahrscheinlich, dass Gedeon dort Anfang März nominiert wurde.
 

Laut einem Kommentar auf seiner Facebook-Seite sehe sein Kreisverband Gedeon vom Antisemitismus-Vorwurf entlastet. Gedeon sei rehabilitiert und daher zum Deligierten gewählt worden. Rehabilitiert sieht sich Gedeon durch ein von ihm in Auftrag gegebenes Gutachten des Ethnologen Bernhard Streck. Strecks Forschungsschwerpunkt ist nicht Antisemitismus, sondern Tsiganologie. Dieser Forschungsrichtung wird eine Nähe zu rassistischen Ressentiments und nationalsozialistischen Ideologemen vorgeworfen. Im Gutachten geht Streck auf fast keinen der konkreten Vorwürfe gegen Gedeon ein, erwähnt beispielsweise mit keinen Wort die „Protokolle der Weisen von Zion“. Streck schreibt stattdessen, dass der Antisemitismusbegriff überdehnt und eine rein ideologische politische Allzweckwaffe sei und Gedeons Schriften dazu beitragen könnten „gesellschaftspolitischen Realismus wiederzugewinnen und ideologische Vernebelungen aufzulösen“. Zwei weitere Gutachten vom Politikwissenschaftler Werner J. Patzelt und dem ehemaliger Vorsitzender des Präsidiums des Jerusalem Center for Public Affairs, Manfred Gerstenfeld, die sich dezidiert mit den Inhalten von Gedeons Schriften auseinandergesetzt hatten, stützen hingegen den Antisemitismus-Vorwurf. Wobei bemerkenswert ist, dass Werner J. Patzelt in seinem Gutachten die "Protokolle der Weisen von Zion", die als eines der Schlüsselwerke des modernen Antisemitismusgelten, lediglich als "antizionistisch" einstuft. Die AfD Konstanz hat sich allem Anschein mit dem Gutachten von Streck, jenes Gutachten ausgesucht, welches ihrer Weltsicht entspricht, um Wolfgang Gedeon als vom Antisemitismusvorwurf entlastet anzusehen.

Kurze Rückblende: Anfang September 2016 war Gedeon als Kreisvorsitzender abgewählt worden. Auf ihrer Homepage garnierte die AfD Konstanz den damaligen Beschluss mit dem sehr vielsagenden Voltaire-Zitat: "Um zu lernen, wer über dich herrscht, finde einfach heraus, wen du nicht kritisieren darfst". Inhaltlich scheint Gedeon in der AfD Konstanz also keineswegs isoliert.

Gedeons Weltsicht ist unverändert, dies spiegelt sich auch in einem aktuell von ihm vorgelegten Strategiepapier wider. Er schließt dort an seine früheren Schriften an, die ihm den Antisemitismus-Vorwurf einbrachten. So schrieb er damals „Weltbedeutung hat das Judentum heute nicht direkt durch seine Religion, sondern im Wesentlichen indirekt, nämlich durch Judaisierung der christlichen Religion und Zionisierung der westlichen Politik.“ […] „Als sich im 20. Jahrhundert das politische Machtzentrum von Europa in die USA verlagerte, wurde der Judaismus in seiner säkular-zionistischen Form sogar zu einem entscheidenden Wirk- und Machtfaktor westlicher Politik“

In seinem "Strategischen Papier zur Situation vor der Bundestagswahl" schließt er hier genau an. Für ihn ist „der Westen“ eine „Vereinnahmung Europas durch die USA“. Das macht er u.a. an den Scheidungsquoten in Europa fest, die sich den amerikanischen angeglichen habe. „Die politische Klasse des Westens“ wolle „ein Welteinheitsstaat nach amerikanisch-westlichem Zuschnitt“. 

Weiter schreibt Gedeon: „Durch Bevölkerungsaustausch über eine Massenzuwanderung versucht sich die politische Klasse ein neues Volk aus „Flüchtlingen“ und anderen Migranten zusammenzusammeln“. Ziel sei es „eine neue Welteinheitsrasse“ zu schaffen. Da er das Judentum in Form von einer „Zionisierung der westlichen Politik“ als Verantwortliche für westliche Politik ausmacht, zeigt, dass er seiner antisemitischen Gesinnung treu geblieben ist. Die westlichen Herrscher, und somit auch die Herrscher über Europa, die nach Gedeon also eine „Zionisierung“ vorantreiben, sitzen in der Wall-Street und dem Pentagon ist sich Gedeon sicher. Später im Text lamentiert er dann über den Einfluss von Juden in der Wall-Street. Angesichts dieser Thesen ist es bemerkenswert, dass Marc Jongen, Sloterdijk-Schüler, Landessprecher der AfD Baden Württemberg und Vordenker der Partei, zugleich ein Kritiker des Antisemitismus von Gedeon, eben über diesen Wolfgang Gedeon im Gespräch mit dem neurechten Publizisten Götz Kubitschek sagt: „Gedeon ist nicht irgendein Hinterbänkler ohne Einfluß und Bedeutung […] sondern einer der theoretisch ambitioniertesten Köpfe, die mir in der AfD bekannt sind.“ Teile der AfD wollen auf diesen „theoretisch-ambitionierten Kopf“ anscheinend nicht verzichten – nicht trotz, sondern wegen seiner Positionen.

 

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