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Aktionswochen gegen Antisemitismus Ab heute geht’s los

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Samuel Salzborn, Felix Klein, Anetta Kahane, Patrick Siegele und Moderator Bastian Wierzioch bei der Panel-Diskussion anlässlich der Eröffnung der Aktionswochen gegen Antisemitismus 2018. (Quelle: AAS)

„Wir erinnern mit Trauer, mit Engagement und auch mit Humor.“ So fasst Anetta Kahane, Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung das Programm und die Intention der Aktionswochen zusammen. Die Erinnerung an die Gräueltaten des Nationalsozialismus darf keinesfalls zu einer innerjüdischen Angelegenheit werden, vielmehr ist dabei die gesamte Gesellschaft gefragt: „Die zivile Gesellschaft, das sind wir, die wir die Erinnerung wachhalten. Auch wenn sie schwer zu ertragen ist.“

Wie stark Antisemitismus in Deutschland verwurzelt ist, zeigt aktuell die  nur einen Tag vor der Eröffnung der Aktionswochen veröffentlichte „Leipziger Autoritarismus-Studie 2018„. Die Forscher fragen seit Jahren auch zum Antisemitismus und haben in diesem Jahr Zahlen präsentiert, die belegen, dass immer noch gut 30 Prozent der Bevölkerung mindestens latent judenfeindliche Überzeugungen vertreten.

Darauf ging auch Felix Klein, der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, in seiner Rede ein und nannte die Ergebnisse der Studie „nicht nur besorgniserregend, sondern geradezu alarmierend“. Dabei erwähnte er auch, dass die Erinnerungskultur in Deutschland keinesfalls selbstverständlich sei. Jahrzehntelang wurde in Deutschland über die Judenvernichtung geschwiegen. Sowohl in der Gesellschaft, als auch in den Familien.

Niels Annen, Staatsminister des Auswärtigen Amtes, sprach in seiner sehr persönlichen Rede genau über diese familiäre Erinnerungskultur. Der Austausch mit seinem Großvater, der in seiner Jugend an die Ideen der Nazis geglaubt hatte, war für ihn ein großer Teil der eigenen politischen Sozialisation. Deswegen betonte er auch die Wichtigkeit des Erinnerns gerade 80 Jahre danach, in einer Zeit, in der es immer weniger Zeitzeugen gibt: “ Wir müssen gemeinsam nach Wegen suchen, die Erinnerung wachzuhalten, ohne dabei museal zu werden, und wir müssen auf die heutigen Herausforderungen eingehen.“ Dabei betrifft der Kampf gegen Antisemitismus nicht nur die Erinnerungskultur, sondern es geht um sehr viel mehr: „Der Kampf gegen Antisemitismus ist von fundamentaler Bedeutung und er ist eine Kampf für die Demokratie.“

Ähnlich formulierte es Jeremy Issacharoff, der israelische Botschafter: „Antisemitismus ist nicht nur ein Angriff gegen Juden und Jüdinnen, sondern auch auf das, was Deutschland in den letzten Jahrzehnten geworden ist.“ Dabei erwähnte er auch, wie tief Judenhass in der europäischen, bzw. westlichen Gesellschaft verwurzelt ist: „Antisemitismus ist eine Krankheit, die wir seit Generationen bekämpfen und die in Diktaturen und freien Gesellschaften gedeiht“ und mahnte, dass  die israelische und die deutsche Regierung gemeinsam und konsequent Antisemitismus in all seinen Formen bekämpfen müssen.

Die Aktionswochen gegen Antisemitismus werden von der Amadeu Antonio Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Anne Frank Zentrum veranstaltet. Seit der Gründung 2003 fanden über 3000 Veranstaltungen in 200 Orten statt, organisiert und durchgeführt von 500 Partnerorganisationen. Auch in diesem Jahr werden wieder in ganz Deutschland Aktionen stattfinden. Florian Eisheuer, Projektleiter der Aktionswochen, koordiniert diese Anfragen und ist zufrieden: „Wir erhielten deutlich mehr Kooperationsanfragen, als wir positiv beantworten können und müssen deshalb bereits seit einigen Wochen Absagen erteilen. Dies ist einerseits ein großer Erfolg, macht uns andererseits aber natürlich auch betroffen, da wir nicht alle Organisationen und Einzelpersonen, die sich gemeinsam mit uns gegen Antisemitismus engagieren möchten, entsprechend unterstützen können. Aber dennoch: Es macht Mut und Hoffnung zu sehen, welche demokratischen Potentiale gegen Antisemitismus existieren und aktiviert werden können.“

Die Aktionswochen konzentrieren sich in diesem Jahr auf vier Schwerpunkte. Dazu gehört die Erinnerung und das Gedenken am 80. Jahrestag der Novemberpogrome, bei denen hunderte Juden und Jüdinnen ermordet oder in den Selbstmord getrieben wurden oder ihren Besitz verloren, während 30.000 in Konzentrationslagern inhaftiert wurden. Weil aber gerade das Erinnern an die vielen Opfer und der Umgang mit dem Erbe des mörderischen Antisemitismus des Nationalsozialismus, dem mindestens 6 Millionen Juden und Jüdinnen zum Opfer fielen, immer wieder unter Beschuss durch rechtsextreme und rechtspopulistische Kreise gerät, sind sekundärer Antisemitismus und Erinnerungsabwehr weitere Schwerpunkte, genauso wie israelbezogener Antisemitismus und die oft damit einhergehenden Boykottaufrufe. Viertes und letztens soll es auch um Verschwörungsmythen gehen, die versuchen, die komplexe Welt ganz einfach über Antisemitismus zu erklären. In der Welt der Verschwörungsideologen tragen für Terror, Migrationsbewegungen oder Lebensmittelskandale am Ende nämlich immer die gleichen die Schuld: Jüdinnen und Juden.

Passend zu diesen Schwerpunkten gibt es zwei Podiumsdiskussionen bei der Eröffnungsveranstaltung am 08.11.2018 in Berlin. Felix Klein, Patrick Siegele, Direktor des Anne Frank Zentrums Berlin, Anetta Kahane, Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, und Professor Samuel Salzborn von der TU Berlin diskutierten über Gedenkkultur und Erinnerungsabwehr, 80 Jahre nach den Pogromnächten. Für Klein stehtdabei besonders Bildung im Vordergrund. In deutschen Schulbüchern werde zwar der Holocaust behandelt, das vielfältige jüdische Leben in Deutschland vor der Shoah allerdings kaum: „Jüdisches Leben ist ein integraler Bestandteil unserer Kultur. Wer das angreift, greift unser aller Leben an. Wir müssen klar machen, dass der Antisemitismus 1945 nicht vorbei war. Gleichzeitig müssen Lehrer Antisemitismus klar erkennen können.“ Samuel Salzborn betonte die wichtige Rolle der Zivilgesellschaft im Kampf gegen Antisemitismus,: „Wenn Antisemiten sich bestärkt fühlen, sich öffentlich zu artikulieren und das dann auf die Straße tragen, bedarf es einer demokratischen Gegenwehr. Allerdings hört man da zur Zeit oft nur ein dröhnendes Schweigen.“ Beim Hass auf Juden und Jüdinnen geht es nicht nur um einzelne Menschen, sondern um den Hass auf grundlegende zivilisatorische Errungenschaften, so Anetta Kahane: „Die Menschen in diesem Land müssen verstehen, dass Antisemitismus den Kern der Gesellschaft, den Universalismus, die Gleichberechtigung, die Demokratie in Frage stellt.“

Rogel Bachmann, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der israelischen Botschaft, Konstantin von Notz, Bundestagsabgeordneter der Grünen, Katja Lucker, Direktorin des Berliner Pop-Kultur-Festivals und Anne Haffmanns, Label-Managerin, sprachen über israelbezogenen Antisemitismus und Boykotte in Kultur und Kunst. Dabei betont besonders von Notz die prekäre Situation, in der viele Projekte und Initiativen, trotz großer politischer Ankündigungen, oft arbeiten. Fördergelder werden immer nur befristet zur Verfügung gestellt und Arbeitsverträge laufen in vielen Fällen nur für wenige Monate: “Es gibt eine massive Diskrepanz zwischen der Rhetorik und den tatsächlichen Fördermaßnahmen.” Im Mittelpunkt der Diskussion stehtdie antisemitische BDS-Bewegung, die zum Boykott israelischer Waren aufruft, aber auch einen “kulturellen Boykott” fordert. Immer wieder greifen ihre Aktivist*innen dabei Künstler*innen an, die in Israel auftreten wollen. Davon war auch das Pop-Kultur-Festival in Berlin betroffen, dass unter anderem auch mit der israelischen Botschaft zusammenarbeitete. Im letzten Jahr fand sich das Festival deshalb  inmitten eines antisemitischen Shitstorms wieder, in dessen Folge alle eingeladenen Künstler*innen aus dem arabischen Raum ihre Teilnahme absagten. Katja Lucker, die von der Kampagne direkt betroffen war, fasst die Taktik so zusammen: “Genauso wie die AfD auf hochkomplexe Fragen viel zu einfache Antworten liefert, tut es auch BDS. Viele Menschen denken nicht genug darüber nach und gehen den Weg des geringsten Widerstandes.” Die eigentlich Leidtragenden solcher Kampagnen sind am Ende nämlich doch die Künstler*innen: “Die arabischen Künstler, die beim Popkultur-Festival dazu gebracht wurden, abzusagen konnten eben nicht in Berlin bei einem großen Festival vor internationalem Publikum auftreten, sondern mussten in ihren Ländern bleiben. Genauso ist es bei den Palästinensern, um die es angeblich geht”, so Bachmann.

Anne Haffmanns fasst zusammen: “Die Boykottaufrufe behaupten, dass Künstler, die in Israel auftreten, die Politik des Landes verteidigen. Das alles hat aber eigentlich gar nichts mit dem Palästinenserkonflikt zu tun, sondern einfach nur mit krassem Antisemitismus.”

Die Auftaktveranstaltung der Aktionswochen war ein nachdenklicher und zugleich spanennder Startschuss für die kommenden Wochen. Antisemitismus war in Deutschland nie weg und für die Zivilgesellschaft bleibt viel zu tun, um ihn im Zaum zu halten.

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