Weiter zum Inhalt Skip to table of contents

Analyse Warum finden Nazis Rammstein gut? – Update „Deutschland“

Von|
Auf ihrem YouTube-Channel hat die Band "Rammstein" übrigens die Kommentare zum Video deaktiviert. (Quelle: Screenshot YouTube)

„Rammstein“ gehören – auch nach ihrer 10-jährigen Pause, die nun die Maximalprovokation „Deutschland“ beendet –  zu den beliebtesten deutschen Bands weltweit. Auch in der rechtsextremen Szene haben sie Fans. Was denen gefällt, beschrieb BTN bereits 2012: „Rammstein“ gehört zu den Bands der so genannten „Neuen Deutschen Härte“ (NDH). Diese machen „deutsche Identitätsmusik“ und vermitteln vieles über Ästhetik: monumentale Inszenierungen, männlich-martialischer Körperkult, Todessehnsucht, Pathos. Gezielte Tabubrüche sollen die NDH in die Diskussion bringen und darüber die Faszination für das „deutsche Böse“ auslösen. „Rammstein“ nutzt in ihren Videos einen Stil, der stark an die Ästhetik Leni Riefenstahls angelehnt ist. Die Band äußert zwar stets, unpolitisch zu sein und rechtfertigt diese nationalsozialistische Ästhetik als aus dem politischen Kontext herausgelöst – was aber faktisch unmöglich ist. Entsprechend machen die NS-Anklänge und tabubrechenden Inszenierungen Rammstein bei Rechtsextremen beliebt.

Bei „Deutschland“ stimmt die Beschreibung immer noch, minus der Riefenstahl-Ästhetik, die diesmal einem schnell geschnittenen, andeutungsvoll raunenden Panoptikum von Szenen weicht, die mit deutscher Geschichte verbunden sind, wenn Nazis über sie sprechen (Schlacht der „Germanicus“ am Angrivarierwall, Kreuzritter, Nationalsozialismus, DDR, RAF). Regie führte Eric „Specter“ Remberg, ehemals „Aggro Berlin“ und in Provokation ebenso bewandert wie die Band „Rammstein“ selbst. Eine schwarze Frau als Personifikation der „Germania“, Bandmitglieder als KZ-Insassen am Galgen und der Refrain ist ein gebrülltes „DEUTSCHLAND!“, später modifiziert zu „DEUTSCHLAND, DEUTSCHLAND ÜBER ALLEN“ in Anspielung auf „Deutschland, Deutschland über alles“ aus Strophe 1 des „Deutschlandliedes“, dessen dritte Strophe heute die Nationalhymne ist und dessen ersten Strophe heute nicht mehr gesungen wird, da die Nationalsozialisten daraus einen Allmachtsanspruch mit mörderischen Folgen ableiteten.

Im Rammstein-Text heißt es aber auch: Deutschland – mein Herz in Flammen / Will dich lieben und verdammen (…) Deutschland – deine Liebe Ist Fluch und Segen / Deutschland – meine Liebe kann ich dir nicht geben. Deutschland!“ Das klingt vor allem stark, man kann es schreien, und die Aussage ist von einer „Rammstein“-typischen Uneindeutigkeit, die alle Seiten zu Hass und Freude und vielen Social-Media- und Feuilleton-Beiträgen bewegt. Normalisierung von rechter Themen und Ästhetik oder antifaschistische Botschaft, die bloß durch das Spiel mit nationalistischer Sprache ausgedrückt wird? Die Debatte wird dauern.

Ein Argument wird von Fans des Songs gern gebracht: „Deutschland“ sei eine deutliche Absage an Nationalismus und man könne es nur als antifaschistische Botschaft interpretieren.

 

– Triggerwarnung: Der Text enthält rassistische und antisemitische Interpretationen und Kommentare –

 

Sehen das Rechtsextreme auch so? Wie finden denn Rechtsextreme den Song und das Video?

Ein rechtsextremer Publizist, der sich zum Video geäußert hat ist Sven Liebig von der rechtsextremen Desinformationsplattform „Halle Leaks“. In seiner Telegram-Chatgruppe schreibt er: „Hit- und Streitpotential. Klar, das sich die Juden aufregen (…) Die N****** hat thematisch überhaupt nichts zu suchen, musste aber mit rein, weil das Lied wahrscheinlich sonst auf dem Index gelandet wäre und man will ja wenigstens etwas gegen die anschwellende Pseudokritik der Linksmaden vorweisen können. ‚Es hat ja eine N****** in der Hauptrolle mitgemacht‘.“

So schnell lässt sich also eine schwarze Germania wegdiskutieren, wenn man sich in einer der eigenen Ideologie feindlich gesinnten Umwelt wähnt.

Es gibt allerdings auch Rechtsextreme, bei denen die schwarzen Frau als Germania als Provokation funktioniert.  Neonazi-Konzertveranstalter Tommy Frenck etwa schreibt auf Facebook:

Facebookseite von Tommy Frenck

Und in der Debatte zum Post führt er aus:

Facebookseite von Tommy Frenck

Ein anderer Mitdiskutant sieht dies eher als Mahnung.

Von der Facebookseite von Tommy Frenck

Auch an anderer Stelle im Internet wird das diskutiert, etwa auf einem Video-Channel des verschwörungsideologischen YouTubers Oliver Janich. Hier schreibt Kommentator Y*: „Auf mich wirkt das Lied leider eher antideutsch. Nicht zuletzt (…), weil die Germania, die ja wohl die Volksseele personifizieren soll, als Schwarze dargestellt wird (getreu dem Motto „Jeder kann ja heute deutsch sein“, v.a. Afrika). Es geht für mich wieder einfach in die Schuldkultecke und wo die Germania auf dem Tisch liegt und aufgegessen wird, wirkt es, als ob Deutschland mal wieder geplündert wird.“

Aber worum geht es denn nun im Song?

Tommy Frenck findet ihn antideutsch. Andere auf seiner Timeline sehen eher die Botschaft: Wer Deutschland liebt, wird sofort verurteilt. Wegen der Geschichte.

Von der Facebookseite von Tommy Frenck

Auch die gezeigten Ereignisse aus der Geschichte Deutschlands verstehen hier nicht alle als Mahnung:

Von der Facebookseite von Tommy Frenck

Es ist also eher eine Erinnerung oder Würdigung für diesen rechten Hörer.

Auf dem Videokanal von Oliver Janich wird das auch diskutiert. Hier sieht man aber er ein rechtsextremes Meisterwerk, das den „Großen Austausch“ illustriert.

Vom einer Videoplattform, Kanal Oliver Janich
Von einer Videoplattform, Kanal Oliver Janich
Von einer Videoplattform, Kanal Oliver Janich

Proteste der Jüdischen Gemeinde gegen die Nutzung des Holocaust zu Werbezwecken durch Rammstein sind in rechten Debattenkreisen natürlich Anlass zu – Antisemitismus.

Von einer Videoplattform, Kanal Oliver Janich

So viele antisemitische Abwertungen und  Holocaust-Relativierung in so wenigen Beiträgen!

Hier wird so intensiv diskutiert, weil der verschwörungsideologische YouTuber und „Journalist“ (Eigenbezeichnung) Oliver Janisch seine Interpretation des Videos in einem Video zusammengefasst hat. Er sieht ein Meisterwerk für die rechtsextreme Szene. Und das geht so:

Oliver Janisch findet sehr gut, dass „der Kommunismus“ kritisiert wird [DDR-Szene]. Er erwähnt lobend, dass von den KZ-Häftlingen ja nur der Jude, kenntlich mit dem gelben Stern an der Kleidung, gehängt wird [die anderen Rammstein-Mitglieder als KZ-Häftlinge sind in der Tat mit anderen Winkeln gekennzeichnet als politische Häftlinge oder Häftlinge wegen ihrer sexuellen Orientierung]. Die schwarze Germania ist natürlich nicht schön, aber zum einen wird sie ja gegessen und dann ist sie ja ein Sinnbild: Sie trüge den abgeschlagenen Kopf eines Weißen in der Hand, den sie küsse und dann einen Hund gebäre. Der sei ja wiederum die Versinnbildlichung der weißen Rasse als „Köterrasse“. Diese „Köterrasse“ [nun, eigentlich den Hund und später die Band] führe sie dann „am Gängelband“, so wie schwarze Völker die weißen Völker unterjochen wollten. Sie trage ja am Ende auch die Krone, sie schreie „Deutschland“, sie habe gewonnen.

Und während sich nicht-rechte Menschen jetzt vielleicht noch das Hirn reiben, um so viel rassistischen Unterstellungen zu verarbeiten, stellt J. fest: „Das ist völlig eindeutig! Das ist nicht besonders schwer zu interpretieren!“ Das Lied und das Video seien Kritik an der Masseneinwanderung aus Afrika und zeigten die Zerstörung Deutschlands durch Einwanderung vom afrikanischen Kontinent.

Dass es diese Textzeilen gibt, in denen Rammstein Deutschland nicht lieben kann, kann J. auch schnell weginterpretieren: „Du musst ja in Deutschland sagen, dass Du links bist, sonst kannst Du ja nicht weitermachen. Wir wissen ja nicht, was die wirklich denken.“

Zumindest der letzte Satz enthält offenkundig Wahrheit. Nur „Rammstein“ wissen, wen sie mit diesem Lied alles provozieren wollten, und ob dies einem tieferen Sinn oder nur der Lust an Provokations-Marketing entspringt.

Weiterlesen

FPÖ-Chef HC Strache und seine Jahre in militanten Neonazi-Kreisen

Heinz-Christian Strache ist seit 12 Jahren Chef der FPÖ. Der Rechtspopulist war als junger Mann im militanten Neonazi-Milieu aktiv und wurde in diesem Zusammenhang sogar zwei Mal festgenommen. Er könnte nach der Parlamentswahl am 15. Oktober als Vizekanzler in der österreichischen Regierung sitzen.

Von|

Nahkampf

„Nahkampf“ sind eine Rechtsrock-Band aus Bremen, die eng mit dem in Deutschland seit dem Jahr 2000 verbotenen Neonazi-Netzwerk „Blood &…

Von|

SS-Festival in Ostritz und die Polizei scheint heillos überfordert

Am Wochenende haben über 1.000 Neonazis in Ostritz Hitlers Geburtstag gefeiert. Zumindest für den Veranstalter, NPD-Mann Thorsten Heise, scheint das Event ein Erfolg gewesen zu sein, im Gegensatz zum Polizeieinsatz, der konzeptlos wirkte. Trotz vereinzelter Angriffe muss man von Glück sprechen, dass nichts Schlimmeres passiert ist.

Von|
Unsere Partnerportale
Eine Plattform der