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Antisemitismus im digitalen Zeitalter Fallstudien von Facebook bis 4chan

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Die Fallstudien in unserem Bericht „Antisemitismus im digitalen Zeitalter“ untersuchen neun verschiedene Online-Plattformen auf die Präsenz von Antisemitismus. Dazu gehören Mainstream-Plattformen wie Facebook und YouTube sowie alternative Plattformen wie Parler und das /pol/-Board von 4chan, die hauptsächlich von Personen mit rechtsextremen Einstellungen genutzt werden.

Wir definieren Social-Media-Plattformen im weitesten Sinne und schließen YouTube, Reddit und 4chan /pol/ ein, da diese nicht nur die Verbreitung von Inhalten, sondern auch Interaktionen zwischen den Nutzer:innen ermöglichen und somit als sozial angesehen werden können. Die Plattformen wurden auf der Grundlage der Größe ihrer Nutzerbasis sowie ihrer Bedeutung für den Online-Antisemitismus nach dem Verständnis der Autor:innen ausgewählt. Außerdem wollten wir eine möglichst große Bandbreite an Plattformen untersuchen, um zu vergleichen und besser zu verstehen, wie verschiedene Medien den Ausdruck von Antisemitismus beeinflussen. Aus praktischen Gründen haben wir daher Seiten ausgeschlossen, die sich in ihrer Funktionalität ähneln, z. B. Parler, aber nicht Gab.

Ziel dieser Analyse ist es, zu untersuchen, wie sich Antisemitismus auf den verschiedenen Plattformen manifestiert: welche Arten von Antisemitismus auf ihnen vorherrschen und welche Plattformfunktionen am aktivsten genutzt werden, um antisemitische Ideen zu verbreiten. Ziel ist es nicht, den Antisemitismus im Internet genau zu quantifizieren und zu vergleichen. Vielmehr soll ein aktuelles und genaues Bild darüber vermittelt werden, wie Antisemitismus zum Ausdruck kommt und welche Taktiken zur Verbreitung von Antisemitismus auf den verschiedenen Plattformen eingesetzt werden.

Die Fallstudien zeigen eine Reihe von Formen des Antisemitismus, wobei der verschwörungsideologische Antisemitismus am stärksten ausgeprägt ist und auf jeder einzelnen Plattform zu finden ist. Wir finden auch große Mengen an Holocaust-Leugnung, Verharmlosung des Holocausts und extremen Antizionismus sowohl auf Mainstream- als auch auf Nischenplattformen. Extremeres, völkermörderisches und explizit gewalttätiges antisemitisches Gedankengut findet sich vor allem, aber nicht ausschließlich, in Nischencommunitys auf Plattformen wie Telegram, Parler und 4chan /pol/. Die Formen der antisemitischen Abwertungen sind unterschiedlich, z. B. pseudowissenschaftlichen Argumente über Rassen und historische Ereignisse, aber grenzüberschreitenden, menschenverachtenden „Witzen“.

Verschwörungsideologien

Verschwörungsideologischer Antisemitismus ist eine der Formen des Antisemitismus, die in unseren Fallstudien auf allen Plattformen am stärksten ausgeprägt war. Sowohl Mainstream-Plattformen wie Facebook als auch weitgehend unmoderierte Foren wie 4chan /pol/ und Telegram sind überschwemmt von antisemitischen Verschwörungserzählungen, die sich auf den angeblichen jüdischen Einflusses auf Regierungen und die Weltpolitik beziehen (oft als „ZOG“ für „Zionist Occupied Government“ und verwandte Ideen wie den „Tiefen Staat“ bezeichnet).

Auf Mainstream-Plattformen machen antisemitische Verschwörungserzählungen den größten Anteil des festgestellten Antisemitismus aus. Eine wahrscheinliche Erklärung dafür ist, dass verschwörungsideologischer Antisemitismus im Gegensatz zu expliziterem Antisemitismus (der in vielen Fällen eine Straftat darstellt) oft weniger leicht als Hass zu erkennen und daher auf stärker moderierten Plattformen wie Facebook und YouTube weiter verbreitet ist.

In den letzten Jahren sind Online-Communitys für Verschwörungsideologien gewachsen. Auf Reddit gibt es ein eigenes Subreddit für Verschwörungserzählungen namens r/conspiracy, das seit 2008 aktiv ist und sich allen Formen von angeblichen Verschwörungen widmet. In der folgenden Fallstudie stellen wir fest, dass die Nutzer:innen des Forums immer wieder über antisemitische Verschwörungserzählungen im Zusammenhang mit jüdischen Familien und Einzelpersonen wie den Rothschilds und George Soros sprechen, denen sie einen großen und bösartigen Einfluss auf die Weltpolitik und das Finanzwesen zuschreiben.

Auch die laufende Covid-19-Pandemie ist ein häufiges Diskussionsthema, das dazu beigetragen haben könnte, neue Mitglieder für das Forum zu gewinnen. Antisemitische Verschwörungserzählungen werden durch Texte, Videos und Bilder verbreitet, was eine Quantifizierung erschwert. Wir können jedoch die Verbreitung einzelner einflussreicher Medien und die Plattformen, auf denen sie am häufigsten zu finden sind, abschätzen. Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Berichts werden verschiedene Videos regelmäßig in Verschwörungstheorie-Gruppen und -Kanälen sowie in rechtsextremen Kontexten verbreitet.

„EUROPA: The Last Battle“ ist derzeit einer der am meisten verbreiteten antisemitischen Verschwörungsfilme. Es handelt sich um einen 12-stündigen „Dokumentarfilm“ aus dem Jahr 2017, der den angeblichen Einfluss von Juden und Jüd:innen in Europa thematisiert. Produziert wurde er von einem schwedischen Rechtsextremen, der mit der Neonazi-Gruppe „Nordic Resistance Movement“ in Verbindung gebracht wird. Der Film ist jedoch inzwischen in antisemitischen und verschwörungsideologischen Kreisen weit verbreitet und wirft daher die Frage auf, wie Verschwörungserzählungen zu extremeren rechtsextremen Einstellungen führen. Das Hochladen des Films wurde auf YouTube und Facebook blockiert und moderiert, Links zu dem Video auf anderen Websites können aber weiterhin geteilt werden. Auf der rechtsextremen Videoplattform BitChute wurde der Film bis September 2021 über 900.000 Mal aufgerufen.

Crowdtangle, das Facebook-Tool für Social-Media-Statistiken, zeigt, Instagram als eine der wichtigsten Quellen, die auf den Film „EUROPA“ verlinken. Das verdeutlicht, wie selbst eine hauptsächlich mobile Social-Media-Plattform, die sich auf das Teilen visueller Inhalte konzentriert, ein wirksames Instrument zur Verbreitung von Verschwörungserzählungen und rechtsextremer Propaganda sein kann. Auf öffentlichen Profilen auf Instagram wurden Links zu dem Video über 8.000 Mal geliked und 37.000 Mal angesehen. In rechtsextremen und verschwörungsideologischen Kanälen auf Telegram wurde der Link zum Bitchute-Video mindestens 594 Mal geteilt, wobei der meistgesehene Beitrag 221.000 Mal aufgerufen wurde. Der Film wurde auch in einstündige Stücke zerlegt und auf einen eigenen Telegram-Kanal hochgeladen.

Codierte Sprache

Codierte Sprache ist eine weitere Praxis, die in unseren Fallstudien auf den verschiedenen Plattformen festgestellt wurde. Die Taktik ist einfach und zielt darauf ab, die Moderation und Erkennung durch einen automatisierten Algorithmus zu vermeiden, indem die Rechtschreibung geändert oder antisemitisches Vokabular verändert wird. Dazu kann die Einführung explizit codierter Sprache gehören, wie etwa die Verwendung des Wortes „skypes“ für Juden (wie von einer rechtsextremen Kampagne im Jahr 2016 propagiert) oder die Verwendung von Wörtern, die unterschiedlich geschrieben werden, aber ähnlich klingen, z.B. die Verwendung von „juice“ statt „jews“. Bei einfacheren Versionen werden einzelne Buchstaben einfach durch ein Sternchen ersetzt. In unserer Fallstudie werden Emoji-Kombinationen auf TikTok als eine Form der codierten Sprache identifiziert.

Sie sind zwar von Natur aus einfach und leicht zu erkennen, wenn man sich auf die aktuellen rechtsextremen Kampagnen eingestellt hat, aber das sich ständig ändernde Vokabular bedeutet, dass antisemitische Code-Sprache Schwierigkeiten bei der Moderation in großem Maßstab bereitet. Codierte Sprache wurde am häufigsten auf Mainstream- und moderierten Plattformen wie Facebook, Reddit und Twitter gefunden. Die Erklärung dafür ist wahrscheinlich, dass diese größeren Plattformen besser in der Lage sind, antisemitische Sprache zu entfernen, und dass dies zu Sperren führen kann, während 4chan /pol/ und Telegram Nutzer, die sich explizit antisemitisch äußern, nicht bestraft.

Sprache zu codieren geht auch über das rein praktische Ziel der Vermeidung von Moderation hinaus. Die Sprache fungiert als rechtsextremer Jargon, der die Zugehörigkeit zur Bewegung signalisiert. Das bedeutet, dass Nutzer:innen selbst auf weitgehend unmoderierten Plattformen gelegentlich eine codierte Sprache verwenden, insbesondere Begriffe, die mit rechtsextremen Kampagnen in Verbindung stehen, wie das Wort „skypen“.

Codierte Sprache ist naturgemäß schwer zu quantifizieren, da sie ausdrücklich versucht, eine automatische Identifizierung als Antisemitismus zu vermeiden. Die Suche nach Schlüsselwörtern und noch ausgefeiltere Methoden zur Kategorisierung von Texten sind daher oft unzureichend.

Befürwortung von Terrorismus

Auf weitgehend unmoderierten Plattformen wie Telegram und 4chan /pol/ und in etwas geringerem Maß auch auf Parler findet sich der extremste Antisemitismus auf den in diesem Bericht untersuchten Plattformen. Sowohl Telegram als auch 4chan /pol/ haben rechtsextreme terroristische Subkulturen begünstigt, in denen Antisemitismus ein zentraler Bestandteil ist.

4chan /pol/ und sein früheres Pendant auf 8chan sowie andere ähnliche Imageboards wurden genutzt, um Terroranschläge anzukündigen und Terrormanifeste und -briefe vor den Anschlägen in Christchurch, Neuseeland, und Halle, Deutschland, zu verbreiten. In diesen Manifesten werden Progressive, Medien und Minderheiten als Feinde der „weißen Rasse“ dargestellt. Solche Dokumente sind voll von antisemitischen Ideen und Verschwörungserzählungen. Besonders besorgniserregend ist die oft direkte Ermutigung und Unterstützung des Terrorismus in diesen Foren. Auf Telegram und 4chan /pol/ gibt es eine Subkultur, die Terroristen anfeuert und vergöttert und Massenmord nicht nur als Mittel zur Revolution und Vergeltung, sondern auch als eine Form der Unterhaltung betrachtet.

An dieses Publikum richteten sich die Attentäter – ein Publikum, das angehenden Rechtsextremen ermöglicht, sich zu radikalisieren und zu vernetzen und so neue Gruppen schafft. Nach den Anschlägen verbreiteten sich die live gestreamten Videos und Bilder der Täter und der Opfer sowie die Manifeste rasch über rechtsextreme Kanäle auf allen in diesem Bericht untersuchten Plattformen. Doch während moderierte Plattformen wie Facebook und YouTube schließlich die meisten Verweise auf das Material entfernen konnten, kursieren sie weiterhin auf Telegram und ähnlich unmoderierten Foren.

Dass verschwörungsideologische Communitys auf den untersuchten Plattformen während der Pandemie gewachsen sind, zeigt die Rolle von Ereignissen in den Nachrichten bei der Beeinflussung von Online-Diskussionen. Eine extremere Form dieses Phänomens ist die Rolle von Terrorismus und Angriffen auf Minderheiten bei Ausbrüchen von Antisemitismus im Internet.

Bei näherer Betrachtung der antisemitischen Angriffe stellen wir fest, dass diese auslösenden Ereignisse einen Anstieg antisemitischer Inhalte in den rechtsextremen Communitys auf 4chan / pol/ verursachen. Das Forum ist durchweg antisemitisch: Auf der Grundlage eines Schlüsselwortabgleichs mit antisemitischer Terminologie stellen wir fest, dass im Durchschnitt 5,5 Prozent aller Beiträge antisemitische Verunglimpfungen enthielten. Diese Zahl mag nicht hoch klingen, aber wenn man bedenkt, dass viele Beiträge auf /pol/ einfach nur Bilder sind oder sehr wenig Text enthalten, ist sie beträchtlich und höher als bei jeder anderen Plattform, die für diesen Bericht untersucht wurde. Die Zahl unterschätzt wahrscheinlich auch das Ausmaß des Antisemitismus in diesem Forum, da auch andere, weniger gebräuchliche Begriffe verwendet werden und Antisemitismus in konspirativen Ideen zum Ausdruck kommen kann, ohne dass jüdische Menschen direkt erwähnt werden, oder durch Bilder und Videos, die wir für diesen Bericht nicht analysiert haben. Darüber hinaus enthalten viele Beiträge Formen des Rassismus.

2019 gab es den tödlichsten rechtsextremen Terroranschlag seit dem Anschlag von Oslo im Jahr 2011. Im März veröffentlichte ein Rechtsextremer einen Text, in dem er gegen Muslime hetzte und extreme antisemitische Verschwörungserzählungen aufstellte. Er tötete anschließend 51 Menschen in zwei Moscheen in Christchurch (Neuseeland). Die Aktivität auf /pol/ stieg am Tag des Anschlags um 84 Prozent an und blieb mehrere Tage lang erhöht. Obwohl sich der Anschlag gegen zwei Moscheen richtete, erreichte die antisemitische Sprache ebenfalls den höchsten Stand des Jahres 2019.

Es ist anzumerken, dass die relative Menge an Antisemitismus im Vergleich zur Gesamtmenge der Beiträge im Forum im Durchschnitt blieb. Diese Beobachtungen sprechen für die Tatsache, dass /pol/ ein Forum für die Äußerung antisemitischen Gedankenguts bietet und dass Terroranschläge sowie andere prominente Nachrichtenereignisse für Diskussionsstoff sorgen, auch wenn sie nur teilweise mit Juden und Jüd:innen oder Antisemitismus zu tun haben. Wenn es auf der Seite mehr zu diskutieren gibt, kommt es in der Regel auch zu mehr antisemitischen Äußerungen, da antisemitische Sprache Teil der Kultur ist und die Mitglieder Wege finden, Verbindungen zwischen Nachrichtenereignissen und dem bestehenden großen Repertoire an antisemitischen Tropen und Verschwörungserzählungen herzustellen.

Obwohl das Ausmaß des zum Ausdruck gebrachten Antisemitismus äußerst besorgniserregend ist, könnte eine Erklärung dafür, warum er (relativ gesehen) nicht noch stärker zunimmt, auch darin liegen, dass die Foren bereits so sehr mit antisemitischen Inhalten gesättigt sind, dass eine deutliche Steigerung über das derzeitige Niveau hinaus schlicht nicht möglich ist. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass sich die Art des geäußerten Antisemitismus im Laufe der Zeit noch ändern und nach Terroranschlägen einen gewalttätigeren Charakter annehmen könnte, wie im vorherigen Abschnitt dargelegt.

Fazit

Auf allen sozialen Medienplattformen in den folgenden Fallstudien sind fast alle Arten von Antisemitismus zu finden, von Verschwörungserzählungen bis hin zu Aufrufen zu direkter Gewalt. Die verschiedenen Arten antisemitischer Äußerungen sind jedoch in unterschiedlichem Ausmaß vorhanden und werden über verschiedene Medien und in unterschiedlichem Tonfall ausgedrückt, entweder in codierter oder in offener Form. Mit anderen Worten, die Plattformen spielen eine unterschiedliche Rolle bei der Verbreitung von Antisemitismus.

Nutzer:innen haben ihren Diskurs in Bezug auf die Moderationspraktiken, die Anonymität und die Funktionen der verschiedenen Plattformen angepasst. Die folgenden Fallstudien befassen sich näher mit der Rolle von Kommentarfunktionen, Empfehlungssystemen, humoristischen Bildern, kurzen Videoclips und vielen anderen Formen, in denen Antisemitismus heute verbreitet wird. Gemeinsam zeigen sie die Formbarkeit des antisemitischen Diskurses und die Kreativität derjenigen, die versuchen, seine Ideen zu verbreiten.

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