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Antisemitismus Rockstar Gil Ofarim wegen Davidstern vom Hotel abgewiesen

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Am Dienstagabend fand nach Antisemitismus-Vorwürfen eine Demonstration des Bündnis „Leipzig nimmt Platz“ vor dem „Westin Hotel“ in Leipzig statt.
Am Dienstagabend fand nach Antisemitismus-Vorwürfen eine Demonstration des Bündnis „Leipzig nimmt Platz“ vor dem „Westin Hotel“ in Leipzig statt. (Quelle: picture alliance/dpa/Dirk Knofe)

„Ich bin da sprachlos, ich weiß nicht, was ich sagen soll“, stottert Gil Ofarim in die Kamera, sichtlich aufgelöst, als er vor dem Leipzig Hotel Westin hockt. Am gestrigen Dienstag lud der bekannte jüdische Musiker ein zweiminütiges Video auf Instagram hoch, in dem er erzählt, wie er von einem Hotel-Mitarbeiter antisemitisch diskriminiert worden sei. Als er mit seiner Davidstern-Kette in der Schlange im Empfang angestanden habe, sei eine Person nach der anderen vorgezogen worden. Nach 15 Minuten habe Ofarim gefragt, was der Grund dafür sei. Der Manager, den Ofarim nur Herrn W. nennt, wolle die Schlange entzerren, hieß es. Als Ofarim erwiderte, er stehe auch in der Schlage, soll eine Person aus der Ecke gerufen haben: „Pack deinen Stern ein“. Dann wiederholte Hotel-Manager W.: „Packen Sie Ihren Stern ein“. Wenn Ofarim seinen Davidstern an der Halskette einpacke, dürfe er einchecken, soll der Westin-Mitarbeiter gesagt haben. „Wirklich?“, kommentiert Ofarim wieder in die Kamera mit Tränen in den Augen. „Deutschland 2021“.

Das Video ging viral: Auf Instagram wurde Ofarims Video bislang knapp 2,5 Millionen mal geliked, auch auf Twitter wurde das Video hochgeladen, wo es in kaum einem Tag bereits mehrere Millionen mal angesehen wurde, Hashtag: #Westin. Auf Social Media brach kurz darauf ein regelrechter Sturm der Empörung los. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, kommentierte den Vorfall auf Twitter: „Die antisemitische Anfeindung gegen @GilOfarim ist erschreckend. So wie zu hoffen ist, dass das @westin personelle Konsequenzen zieht, hoffe ich ebenso, dass wir künftig auf Solidarität treffen, wenn wir angegriffen werden.“ Auch die Antidiskriminierungsstelle des Bundes meldete sich zu Wort – und sieht in dem Vorfall ein Verstoß gegen das Allgemeine Antidiskriminierungsgesetz (AGG). „Eine rasche Antwort des Hotels ist überfällig. Aus unserer Sicht kann das nicht folgenlos bleiben“, so die Antidiskriminierungsstelle.

Ofarim, Sohn des israelischen Sängers Abi Ofarim, wurde 1982 in München geboren. Schon als Teenager stand der inzwischen 39-Jährige auf der Bühne und ging auf Welttour, damals unter dem Namen Gil. Heute ist der deutsche Musiker Leadsänger der Bands Zoo Army und Acht, daneben arbeitet er als Schauspieler, Musical-Darsteller und Synchronsprecher. In Leipzig war Ofarim am Dienstag wegen einer Fernsehaufzeichnung des MDR. Schon in Vergangenheit hat er von seiner Erfahrung mit Antisemitismus in Deutschland berichtet: „Für mich war es Alltag, an mit Maschinengewehren ausgestatteten Polizisten in den Kindergarten zu gehen. Es gab Hakenkreuze auf der Schulbank und Hundekot im Briefkasten. Das tat sehr weh und hat mich sprachlos gemacht“, sagte Ofarim 2018 in der ARD-Sendung „hart aber fair“.

Das PR-Krisenmanagement des Westin-Hotels stolpert seit dem Vorfall von Panne zu Panne: Zunächst veröffentlichte das Hotel, das der Marriott-Kette gehört, ein kurzes Statement auf Facebook. Das Hotel sei „besorgt“ und nehme die Angelegenheit ernst. „Mit allen Mitteln“ versuche das Westin-Hotel, Ofarim in Kontakt zu treten. Das Ziel des Hotels sei, „alle unsere Gäste und Mitarbeiter zu integrieren“. Von Antisemitismus kein Wort. Warum jüdische Deutsche integriert werden müssen, erklärte das Hotel nicht. Ebenfalls bleibt unklar, ob auch antisemitische Mitarbeiter:innen des Hotels in das Unternehmen integriert werden sollen. Eine Bitte um Stellungnahme von Belltower.News ließ das Westin-Hotel unbeantwortet. Die Facebook-Seite des Hotels ist inzwischen nicht mehr erreichbar.

Wenige Stunden, nachdem Ofarim sein Video veröffentlichte, erfolge die nächste PR-Panne: Als sich rund 600 Demonstrierende am Dienstagabend vor Hotel versammelten, organisiert von der Initiative „Leipzig nimmt Platz“, um ein solidarisches Zeichen gegen Antisemitismus zu setzen, wurden sie von knapp 20 Westin-Mitarbeitenden begrüßt, die ein frisch bedrucktes Transparent hochhielten. Darauf stand das Logo des Hotels sowie Israelflaggen und islamische Sterne mit Halbmonden. Das Banner ist problematisch auf mehreren Ebenen: Denn Ofarim wurde als Jude diskriminiert – nicht als Israeli. Mit der Israelflagge wird Ofarim als „Fremder“ wahrgenommen, nicht als Deutscher. In Kombination mit Halbmond und Sternen soll möglicherweise der Gedanke des „Gäste Integrierens“ illustriert werden, „unabhängig welcher Religion sie angehören“, wie es im Hotel-Statement hieß. Vor allem wird damit aber vom Antisemitismus des Hotel-Mitarbeiters abgelenkt.

Die rechtsextreme Sicherheitsfirma „PRO GSL Security“: 2. v. l.: Geschäftsführer Oliver Riedel (Quelle: Facebook)

Besonders brisant: Als Sicherheitsfirma für das Hotel während der Kundgebung beauftragte das Westin offenbar die „PRO GSL Security“. Auf Facebook postete die Leipziger Firma ein Foto von vier Mitarbeitern vor dem Hotel, darunter der Geschäftsführer Oliver Riedel. Dazu schrieben sie: „Heute mal auf die schnelle das Westin abgesichert“. Riedel und der zweite Geschäftsführer Tobias Brendel haben feste Verbindungen in die rechtsextreme Szene: So nahmen Riedel und Brendel am 20. April 2015, an Hitlers Geburtstag, an einer „Legida“-Demonstration in Leipzig teil. Riedel, der als „Sicherheitschef“ von „Legida“ fungieren sollte, trug sogar eine Ordnerbinde – das zeigen Fotos von der Demonstration, die Belltower.News vorliegen. Brendel soll zudem am rechtsextremen Überfall auf Connewitz im Januar 2016 beteiligt gewesen sein, als über 200 Neonazis den Leipziger Stadtteil verwüsteten (siehe Antifaschistisches Infoblatt). Hinzu kommt, dass Mitglieder des rechtsextremen Kampfsportvereins „Imperium Fight Team“ auch Beschäftigte von „PRO GSL Security“ sein sollen. Die Firmenadresse in der Großen Fleischergasse soll laut dem Recherchekollektiv Antifaschistisches Infoblatt als Treffpunkt vor und nach Neonazi- und Hooligan-Aufmärsche in Leipzig verbreitet werden.

Auch im NSU-Untersuchungsausschuss im Bundestag 2016 waren Riedel und Brendel Thema: Ein Zeuge hatte ausgesagt, dass einer der beiden einen Schlüssel zum Büro des Zwickauer Unternehmers Ralf Marschner gehabt habe, der Teil des NSU-Unterstützer:innen-Netzwerkes war. Riedel soll den Zeugen auch bedroht haben. Im Rahmen einer linken Kundgebung vor der Geschäftsstelle von „PRO GSL Security“ im November 2016 sollen vermummte Neonazis „NSU, NSU“ gerufen haben. Eine schriftliche Bitte um Stellungnahme von Belltower.News zu „PRO GSL Security“ ließ das Westin-Hotel ebenfalls unbeantwortet. Die Presse-Abteilung des Hotels war telefonisch nicht erreichbar.

Inzwischen seien die „betreffenden Mitarbeiter“ beurlaubt worden, bestätigte die stellvertretende Managerin des Hotels, Antje Reichstein, gegenüber der Leipziger Volkszeitung. Welche andere Mitarbeitende außer dem Manager Herrn W. damit gemeint sind, bleibt noch unklar. Ein Sprecher der Leipziger Polizei bestätigte, dass der Fall der Staatsanwaltschaft Leipzig zur rechtlichen Prüfung vorliegt. Der Vorfall würde unter Paragraph 166 StGB fallen: Die Beschimpfung von religiösen Bekenntnissen. Ofarim habe bislang keine Anzeige erstattet, erklärte ein Polizeisprecher gegenüber der Welt am Mittwochmorgen, doch ein beschuldigter Mitarbeiter habe unterdessen Anzeige wegen Verleumdung gestellt.

Hinzu kommt nun ein weiterer Vorwurf gegen das Westin-Hotel: Der Musikmanager Piero Vecchelio berichtet gegenüber RTL, dass er in dem Leipziger Hotel 2020 homofeindlich beleidigt worden sei. Der Manager unter anderem von Patricia Kelly habe sich damals über das Zimmer beschwert, weil er beim Einchecken fremde Haare auf dem Bett gefunden habe und der Abfluss im Bad verstopft gewesen sei. Der Hotel-Manager sei daraufhin hoch gekommen, habe an die Tür „gepoltert“ und habe gesagt: „Wegen dir, du Drecks-Schwuchtel, bin ich jetzt hier raufgekommen?“ Vecchelio, der in der Schweiz geboren wurde, solle „so schnell wie möglich in das Scheiß-Land zurück reisen“, wo er herkomme. Vecchelio beschwerte sich beim Hauptsitz der Hotelkette und erhielt daraufhin Hausverbot.

Die Empörung über beide Vorfälle ist auf Social Media lautstark, die Solidaritätsbekundungen nahezu allgegenwärtig. Doch gleichzeitig warnen Juden und Jüd:innen, dass viele antisemitische Vorfälle die Öffentlichkeit oft nicht interessieren. „Übrigens: wo war der öffentliche Aufschrei, als ein Jude, der kein bekannter Sänger ist, in Hamburg vor zwei Wochen auf der Straße zusammengeschlagen wurde?“, schreibt etwa der Journalist Richard C. Schneider auf Twitter. Auch Laura Cazés, Mitarbeiterin der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V., schreibt nach dem jüngsten Vorfall: „In Deutschland gibt es 2021 keinen Raum, der frei von #Antisemitismus ist. Kein Klassenzimmer, kein Fußballstadion, keine Hotellobby. Anstatt Antisemitismus immer auf die ‚Anderen‘ zu schieben, wäre es Zeit zu überlegen, warum er in jedem gesellschaftlichen Milieu seine eigene Ausprägung findet.“

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