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Argumentationsstrategien der so genannten „Islamkritiker_innen“

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"Islamkritik" à la Kopp-Verlag: Gern wird mit zukünftigen Bedrohungen gedroht, Szenarien imaginiert, die kommen, ganz sicher, vielleicht, zumindest im Gehirn der Autor_innen des Kopp-Verlags. Und reale Fälle von Kriminalität als Beweis alle generalisierenden Thesen angeführt. (Quelle: Screenshot 23.09.2016)

 

Von Carina Schulz

 

Wenn „Pegida“ zum Widerstand gegen eine angebliche Islamisierung aufruft, Unbekannte die Tür einer Moschee zumauern oder die AfD-Politiker_innen von einer „Invasion“ der Muslim_innen schwadronieren, dann ist es eindeutig:  Das ist islamfeindlich. Bei den selbst ernannten „Islamkritiker_innen“ ist das häufig weniger offensichtlich. Immer mehr Menschen inszenieren sich als Expert_innen für den Islam, geben dazu Interviews und schreiben Bücher, die sich gut verkaufen. Eine theologische oder islamwissenschaftliche Ausbildung haben die bekannten Gesichter der so genannten „Islamkritik“ alle nicht. In öffentlichen Debatten verfolgen sie bestimmte Strategien, die schnell zeigen: echte Argumente fehlen ihnen ebenfalls.

In diesem Teil werden folgende Argumentationstechniken vorgestellt: Pauschalisierung, Negativbeispiele, Beleidigung und Herabwürdigung, Konstruktion eines Bedrohungsszenarios, „Westliche Kultur“ und Nationalstolz, Ausblenden von Ursachen, Verzicht auf Belege und Beweise.

 

1. Pauschalisierung

Sogenannte „Islamkritiker_innen“ greifen gern auf bereits bestehende Klischees und Vorurteile zurück, um das Bild, das sie vom Islam haben, zu verdeutlichen. Pauschalisierungen werden mit Sätzen wie „Man weiß doch schließlich, dass…“ eingeleitet. Auf diese Weise wird so getan, als würde es zur Allgemeinbildung gehören, das darauf folgende Vorurteil bereits verinnerlicht zu haben und für die Realität zu halten. Muslimische Männer werden häufig als kriminelle, aggressive und gewaltbereite Machos mit gestörter Sexualität beschrieben. Musliminnen wird hingegen die Rolle der unterdrückten Frau zugeschrieben, die ungebildet ist, keine eigene Meinung und keine eigenen Interessen hat und erst recht kein selbstbestimmtes Leben führt. Necla Kelek, die durch ihr Buch “ Die fremde Braut“ bekannt wurde, sagt zum Beispiel 2016 in einem Interview mit dem Deutschlandfunk: „Was wir total verkennen […] ist, dass die Frau im Islam rechtlos ist, dass der Mann das Sagen hat über sie und über ihr Leben bestimmt, […] dass er Herr im Haus ist und dass er über Leben und Tod der Frau entscheiden kann, nicht nur das, dass er auch entscheidet, ob sie sich in dieser freien Gesellschaft integrieren darf oder nicht.“ 

2. Negativbeispiele

Dieses Argumentationsprinzip ist simpel: Jedes noch so kleine Negativbeispiel, das sich irgendwie mit dem Islam in Verbindung bringen lässt, wird ausführlich thematisiert. Durch die Auflistung entsteht ein gänzlich verzerrtes und diskriminierendes Bild von Muslim_innen. Bestes Beispiel für diese Technik ist die Internetseite „Politically Incorrect“. Tag für Tag werden in Artikelform Verbrechen und Verfehlungen von Muslim_innen (oder von denjenigen, die „Politically Incorrect“ für muslimisch hält) aufgelistet. Seit einigen Jahren werden auch Meldungen verbreitet, die eigentlich nicht negativ sind, aber so umgedeutet werden. Sie werden mit einem skandalisierenden Ton aufgearbeitet und so präsentiert, dass sie in das islamfeindliche Weltbild der Leser_innen passen. Unter der Schlagzeile „Hallenbad als Muslima-Treff missbraucht“ wird thematisiert, das während der Frauenbadezeit auch viele muslimische Frauen anwesend sind. Dass eine bayrische Muslimin Dirndl trägt oder die Lindenstraße mit arabischem Untertitel geschaut werden kann, gehört ebenso zu den „furchtbaren“ Nachrichten auf „Politically Incorrect“.

3. Beleidigung und Herabwürdigung

Selbst vor Schmähungen, Herabwürdigungen und schweren rassistischen Beleidigungen schrecken die so genannten „Islamkritiker_innen“ in ihrer angeblich „legitimen Kritik“ nicht zurück. Auf „Politically Incorrect“ sprechen die Nutzer_innen in der Kommentarspalte nicht selten von „Drecksmoslems“, „Muselpack“ und „Schleierschlampen“. Henryk Broder, Journalist und einer der bekanntesten sogenannten „Islamkritiker“, musste sich schon mehrfach vor Gericht für seine Schmähungen verantworten.

Beleidigungen werden als Strategie auch gegen Diskussionsgegner_innen eingesetzt. Indem man die andere Person verspottet, sollen deren Aussagen diskreditiert werden. In Diskussionen über den Islam nutzen die so genannte „Islamkritiker_innen“ beispielsweise Wörter wie „Gutmenschen“ oder „Multikulti-Illusionen“. Spätestens bei solch unsachlichen Aussagen wird klar, dass die selbsternannten „Islamkritiker_innen“ an einer ehrlichen, fairen und auf Fakten basierten Diskussion nicht interessiert sind. 

4. Konstruktion eines Bedrohungsszenarios

Sogenannte „Islamkritiker_innen“ versuchen auch, durch die Konstruktion einer bedrohlichen Atmosphäre ein Gefühl der Angst zu verbreiten. Sie wollen den Islam als anonyme Bedrohung für alle nichtmuslimischen Menschen darstellen. In den Leitlinien von „Politically Incorrect“ heißt es: „Der Islam hat nach seinen Worten und Werken kein anderes Ziel, als jede andere Gesellschaftsform abzuschaffen; und dass er dieses Ziel auch mit Gewalt verfolgt, hören und lesen wir jeden Tag. Die Unterwerfung der Welt unter den Islam ist ausdrückliches Ziel des Djihad und im Koran festgelegt.“  Alice Schwarzer geht sogar so weit, vermeintliche politische Machtbestrebungen von Muslim_innen mit dem Beginn des Nationalsozialismus gleich zu setzen. „Die Parallelen zu 1933 drängen sich auf“, schreibt sie 2002 in dem Vorwort zu ihrem Buch „Gotteskrieger: Die falsche Toleranz“. Durch diese Strategie soll der Eindruck entstehen, als würden nicht die Muslim_innen diffamiert und angegriffen werden, sondern als würde man sich nur gegen ihren Angriff verteidigen. 

5. „Westliche Kultur“ und Nationalstolz

Die „abendländische Kultur“, die „westliche Kultur“ oder die „deutsche Kultur“ werden von „Islamkritiker_innen“ häufig als gegensätzlich zu einer „muslimischen Kultur“ beschrieben. Der Islam wird dabei als rückständig und barbarisch diffamiert, die „westliche Kultur“ als überlegen dargestellt. Mina Ahadi, Vorsitzende des Zentralrats der Ex-Muslime, appellierte in diesem Zusammenhang in einem Kommentar in der Welt sogar „an die Deutschen, nicht hinter die eigenen Errungenschaften individueller Freiheiten und aufgeklärten Denkens zurückzuweichen.“ Viele „Islamkritiker_innen“ rufen dazu auf, sich wieder zu der „eigenen Nation“ und der „eigenen Kultur“ zu bekennen.

Immer wieder versuchen sogenannte „Islamkritiker_innen“ zu zeigen, dass man in Deutschland bloß zu gehemmt sei, um die eigene Überlegenheit zu erkennen und um ehrlich über den Islam zu sprechen. Alice Schwarzer sagte dazu: „Nachdem die Nazis alles Fremde verteufelt haben, wollen die Kinder nun alles Fremde lieben, mit fest verschlossenen Augen.“ Die Argumentationstechnik bezieht sich auf einen Schuldkomplex, den die Menschen in Europa angeblich hätten. Dieser würde dazu führen, dass man sich nicht traue, die Wahrheit zu erkennen (geschweige denn auszusprechen). „Islamkritiker_innen“ inszenieren sich so als die einzigen, die sich „trauen den Mund aufzumachen“. Es wird versucht, die eigenen Sympathiewerte zu steigern und die Meinung aller anderen zu diskreditieren. Rassismusvorwürfe sollen entkräftet werden, damit man sich frei gegen Muslim_innen äußern kann. 

6. Ausblenden von Ursachen

Für die sogenannten „Islamkritiker_innen“ ist ein monokausaler Erklärungsansatz typisch. Gesellschaftliche Entwicklungen oder Probleme erklären sie ausschließlich mit dem Islam. Andere zentrale Faktoren lassen sie außer Acht: Bildung, wirtschaftliche Situation, Erfahrungen mit Diskriminierung, Wohnort, politische Überzeugungen und individuelle Persönlichkeit bleiben in ihrer Argumentation unberücksichtigt, ohne dass die Fokussierung auf den Islam erklärt werden kann. Ob das Auslassen zentraler Informationen beabsichtigt ist oder versehentlich geschieht, lässt sich nur schwer beurteilen. 

7. Verzicht auf Belege und Beweise

Tatsachenbehauptungen ohne Belege oder Beweise aufzustellen, ist eine beliebte Argumentationsstrategie von sogenannten „Islamkritiker_innen“. Aussagen werden einfach in den Raum gestellt, ohne dass sie nachgewiesen werden können. Immer wieder wird zum Beispiel behauptet, dass sich muslimische Mädchen regelmäßig vom Schwimm- oder Sportunterricht abmelden würden. Offizielle Zahlen sprechen nicht dafür. Trotz fehlender Belege ist das Thema zu einem der zentralen Motive der so genannten „Islamkritiker_innen“ geworden.

Eine ähnliche Taktik ist es, vermeintliche Belege zu geben, die bei genauerer Betrachtung keinen Zusammenhang zu der eigentlichen Aussage haben. Meedia hat in einem Faktencheck herausgefunden, dass Udo Ulfkotte in seinem Buch „Mekka Deutschland“ viele seiner Aussagen mit fragwürdigen Fußnoten „beweist“. Überprüft man diese, dann stellt man fest, dass es häufig keinen handfesten Zusammenhang zwischen seinen Aussagen und den angegebenen Quellen gibt. So schreibt Ulfkotte etwa: „Seit 2015 gibt es sogar einen Scharia-Urlaub. Sie haben richtig gelesen: Es existieren jetzt Scharia-Reisen, bei denen die auch von deutschen Veranstaltern angebotenen Hotels garantiert einen islamischen Gebetsraum haben und diese Hotels nicht mit Sternen, sondern mit Halbmonden bewertet werden.“ Ulfkotte erweckt so den Eindruck, als würden deutsche Reisebüros spezielle „Scharia-Urlaube“ anbieten. Meedia überprüfte die Quelle für diese absurde Aussage: ein Videobeitrag der französischen Nachrichtenagentur AFP, in dem lediglich thematisiert wird, dass Indonesien um muslimische Tourist_innen wirbt.

 

Weitere Argumentationsstrategien im zweiten Teil: Verallgemeinerung von subjektiven Erfahrungen, falsche Vergleiche, Themenhopping, Gleichsetzen von Islam und Islamismus, Kollektivschuld, Suggestion und Legendenbildung.

 

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