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Buchtipp Rechtsradikale Demokratie-Gefahr als Graphic Novel

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Blick in die Graphic Novel "Vogelschiss. Eine Graphic Novel gegen rechts." (Quelle: https://www.vogelschiss-comic.de/)

Falls wir nochmal unser kollektives Gedächtnis auffrischen wollen, worum es bei den anstehenden Wahlen geht, mehr aber noch davor und danach, in der Nachbarschaft, zuhause, im Verein, dann ist der Guano-Comic das richtige Futter. Eine Fundgrube, intensiv und unterhaltsam. Komisch und immer wieder gruselig – ein Thriller aus dem wahren Leben.

„Vogelschiss“ erzählt eine fiktive Geschichte entlang realer Ereignisse der letzten Jahre. Die Fiktion dabei sind die Ideen der Protagonisten im Kampf gegen rechtsradikale Parteiwerbung und Hassparolen. Die Realität hinter der Geschichte sind Terroranschläge und rechtsextreme Morde in München, Kassel, Halle, Hanau. Genauso grauenhaft und nicht erfunden die Vorschläge zur Verfolgung Andersdenkender, die Bürgerkriegs- und Holocaust-Phantasien aus rechten Chatgruppen, Manifesten und Versammlungsreden. Wenn Sie wie ich dachten, Sie hätten schon viel Unerhörtes von AfD-Protagonist:innen und ihren Fans gelesen – hier ist ein überraschender Fundus, der einem erneut die Sprache verschlagen kann. Besonders wirkungsvoll gelingt das durch den Bildaufbau des Comics, der die unsäglichen Statements und Zitate unverhüllt sichtbar werden lässt und wie ein Mosaik ihren Zusammenhang aufzeigt.

Das Guano Project hat eine immense Sammlung an Original-Zitaten zusammengetragen und in eine bewegende Graphic Novel verpackt, die – soviel Spoiler soll erlaubt sein – uns nicht mit dem Entsetzen zurücklässt, sondern eine große Portion Ermutigung mitliefert. Die ersten Seiten fühlen sich vielleicht ein wenig informationsüberladen an; doch dieser kurze Anflug von erhobenem Zeigefinger spiegelt unsere Lebenswelt und unser allzu alltägliches Vergessen ziemlich genau: Denn viele von uns haben die rechte Gefahr bis vor einigen Jahren wohl mehr als Gedächtnisübung aus dem Geschichtsunterricht oder als Spielfeld für besonders Debatteninteressierte wahrgenommen. Und die Warner*innen gingen uns mit ihren Hinweisen mehr auf die Nerven als an die Nieren.

Seit den vielen rechtsterroristischen Anschlägen der letzten Jahre hat sich das geändert. Auch für die Protagonistin Eleni, und so nimmt ebenfalls der Comic von Seite zu Seite an Fahrt auf, wird spannender, wartet mit überraschenden, witzigen Ideen und neuen unheimlichen Wendungen auf. Letztere – wie die Bedrohung und das Doxxing von Engagierten – gehören ebenfalls zum realen Teil der Geschichte, sie sind eine Erfahrung vieler Engagierter. Es wäre zu wünschen, dass auch erstere – ungewöhnliche Ideen gegen Menschenhass und unerwartete Aktionen mit Augenzwinkern – noch viel mehr Platz in der Wirklichkeit hätten. Im Wahlkampf, im Meinungsstreit unter Bürger:innen vor Ort und beim Debattieren im Netz. Denn das Grundverkehrte ad absurdum zu führen und uns mitten in der Anspannung das Lachen und die Kraft zum Handeln wiederzuschenken, ist ein wunderbarer Weg, den Kampf um Menschenwürde und Demokratie aufzunehmen und dazu einzuladen. Dass der Druck des Comics durch ein Crowdfunding ermöglicht und überwältigend unterstützt wurde, ist eine Antwort, die auch zum realen Teil des Guano Projects gehört – und richtig Mut machen kann.

Cover des Buches „Vogelschiss. Die Graphie Novel gegen rechts.“

Frauke Bahle, Julian Waldvogel:
Vogelschiss. Die Graphic Novel gegen rechts.
Guano Project UG, Freiburg 2021. ISBN 978-3-00-068890-4

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